Straßburg

Name:
Dr. rer. nat. Marcus Teichmann  

Wohnort:
Strasbourg, Frankreich

Korporation:
KStV Thuringia, Marburg

Erfahrungsbericht:

Vor 24 Jahren begann ich in Marburg Chemie zu studieren und wurde in der Thuringia Marburg aktiv, weil ich von der Aktivitas begeistert war. Und warum Chemie? Ich wollte das Leben, die Natur entdecken und hinterfragte ständig Zusammenhänge und Abhängigkeiten, die unseren Alltag ausmachen.

Nach meinem Grundstudium ging es für 6 Monate als Erasmus-Student nach Lyon. Sprachlich war ich nicht sonderlich gut, ein Spätstarter. In der Schule stand ich in Französisch zwischen 4 und 5, in Englisch war ich durchschnittlich. Aber ich wollte Frankreich, Deutschlands größten europäischen Nachbarn, besser kennenlernen. In der Auseinandersetzung mit der französischen Kultur stellte ich fest, dass ich nicht nur Frankreich sondern meinem eigenen Land näher kam, ich mich als Deutscher kulturell und gesellschaftspolitisch besser verstand.

Nach meinem Diplom in Würzburg ging ich mit einem Marie-Curie-Stipendium der Europäischen Kommission zur Promotion nach Paris an die Ecole Normale Supérieure. Diese ist eine der wenigen Eliteschulen, die Größen wie Sartre hervorgebracht haben. Im Nachbarlabor forschte der Physiker Claude Cohen-Tannoudji, der 1997 während meines Aufenthalts für seine Forschung mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Mittags gingen wir alle in der gleichen Kantine essen. Es war sehr inspirierend. Auch die Sprache floss. Schluss war mit stupidem Vokabelpauken und eindimensionalem Fremdsprachenlernen. Französisch zu können war eine spannende Notwendigkeit, die mich persönlich, beruflich, kulturell, und sozialpolitisch am Leben erhielt. Es war ein 3D-Prozess, der alle Sinne und Emotionen involvierte.

Nach der erfolgreichen Promotion wollte ich bei einer großen Beraterfirma anfangen. In Deutschland sind promovierte Naturwissenschaftler gefragt, nicht aber, wie ich feststellte, in Frankreich, wo ein Naturwissenschaftler exklusiv für die Forschung vorgesehen ist–gerade nach einer Promotion an der Ecole Normale Supérieure! Anderes Land, andere Sitten. Ich blieb aber hartnäckig, suchte weiter das Gespräch mit den Beraterfirmen in Frankreich und startete schließlich bei Agamus Consult in Paris. Dort führte ich kontinuierliche Verbesserungsprozesse in produzierenden Unternehmen ein.

Während dieser Zeit lernte ich hautnah das französische Zweiklassensystem kennen: oben die Absolventen der französischen Elitehochschulen, unten die Arbeiter, die Befehlen folgten - eine einseitige Kommunikation, die das riesige Potential des Arbeiters für von unten getriebene Verbesserung vollständig ignoriert und nur zu oft zu schlechter Arbeitsmoral und unbefriedigenden Resultaten führt.

Im Gegensatz zu Deutschland haben Arbeitnehmer in Frankreich wenig Mitspracherecht. Gespräche zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zur gemeinsamen Lösungsfindung sind von Konfrontation gekennzeichnet. Betriebsräte wehren sich gegen die Dominanz des Arbeitgebers mit unnachgiebigen, unrealistischen Forderungen, was zum andauernden sozialen Konflikt führt und die französische Streikkultur erklärt.

Nach dem gelungenen Einstieg in die Beraterbranche steckte ich mir einen neuen Focus: die Strategie-Beratung. Ich wechselte ins Pariser Büro der Strategieberater Mars&Co, einem Spin-off von BCG. Hier arbeitete ich mit dem französischen Cadre, den Absolventen der französischen Eliteschulen (Grandes Ecoles) an der strategischen Ausrichtung von multinationalen Unternehmen. Die Ausbildung an diesen Hochschulen ist ideal, um auf Fakten basierte, logische Strategien zu entwickeln und diese dementsprechend zu präsentieren. Allerdings fehlte diesen exzellenten theoretischen Beratern die nachfolgende praktische Umsetzung des Konzepts in den Unternehmen. Darin brillierten unsere amerikanischen Kollegen, die ich auf mehrmonatigen Projekten für General Motors und Pepsi Co in Detroit und New York kennen und schätzen lernte. Die lösungsorientierte Arbeitsweise war pragmatischer, legte aber weniger Wert auf die Tiefe der Analysen.

Auf einem weiteren 6-monatigen Projekt in Istanbul arbeitete ich für Nestlé, um deren Milchprodukte auf dem türkischen Markt neu zu positionieren und die Profitabilität nachhaltig zu erhöhen. Ich war erstaunt, wie sehr die Arbeitsmentalität meiner polyglotten türkischen Kollegen der deutschen glich und wie sehr diese sich selbstbewusst von ihren Landsmännern in Deutschland distanzierten, die überwiegend aus ländlichen Verhältnissen stammen. Ich beobachtete, wie die Türken unsere Ingenieurkunst bewunderten: Deutsche Qualität, repräsentiert durch Firmen wie Miele und Grundig, bestimmen das Verkaufsangebot in guten Fachgeschäften. Mittlerweile hat die türkische Koç Gruppe sogar Grundig übernommen.

Nach sieben Jahren als Unternehmerberater reizte mich im Jahr 2006, meine Erfahrungen intern bei einem multinationalen Unternehmen von der Theorie, dann auch eigenverantwortlich in die Praxis umzusetzen. Ich wollte in der operativen Verantwortung stehen, an das Potential der Mitarbeiter anknüpfend Verbesserungen einführen. Ich gab Paris, meinen 11-jährigen Wohnort, auf und fing in der Schweiz bei dem dänischen Unternehmen Carlsberg an. Nach dem Aufbau von zwei strategischen Geschäftseinheiten als Unternehmensentwickler übernahm ich die Verantwortung für den Service-Bereich und führte somit 3 Hierarchieebenen von insgesamt 160 Mitarbeitern. Gewappnet mit guten Französisch-Kenntnissen setzte ich Qualitätsstandards und erhöhte maßgeblich unsere Rentabilität durch das Setzen von Zielen, effizienter Nutzung der Arbeitszeit und strukturierte Kommunikation. Das Ergebnis war ein gleichmäßigeres Arbeiten und zufriedene Mitarbeiter und Kunden, was zum Beispiel in der Bestellaufnahme zu einer Verringerung der unbeantworteten Anrufe von 10% auf unter 1% zur Folge hatte.

Wie jedes Land so hat auch die Schweiz ihr eigenes System. Arbeitsnehmer und Arbeitgeber stehen in einem entspannten, fast kollegialem Verhältnis zueinander. Im Gegensatz zu lateinischen Ländern wie Frankreich ist das tägliche Zusammenleben von der eindeutigen Auslegung von Regeln bestimmt: man ist nicht nur pünktlich, sondern auch sehr genau. Ein Tempoüberschritt von nur 3 km/h gibt z.B. einen Strafzettel; eine durchgezogene Linie im Straßenverkehr ist keine Ordnungswidrigkeit, sondern eine Straftat, die zum Strafverfahren führt. Daran musste ich mich erst gewöhnen!

2008 bot mir Carlsberg eine Position in der Geschäftsleitung der französischen Tochtergesellschaft Kronenbourg in Strasbourg an. Neben der Verantwortung für bereichsübergreifende Projekte war ich Geschäftsführer für eine Tochtergesellschaft von 200 Mitarbeitern. Im Zuge einer strategischen Neuorientierung baute Kronenbourg 200 der 1400 Stellen ab und wir verkauften die Tochtergesellschaft. Obwohl der Sozialplan von den betroffenen Arbeitnehmern dank guter Konditionen gefeiert wurde, brandmarkte die Presse diesen jedoch als ungerecht und unsozial. Hier war wieder die typische Konfrontation zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu spüren.

Nach diesen vielfältigen Erfahrungen in den unterschiedlichen Unternehmenskulturen in verschiedenen Ländern wurde für mich immer mehr zur Gewissheit, dass im Mittelpunkt eines Unternehmens der Arbeitnehmer mit seinem Wissen und seinem Leistungswillen steht, dieser aber durch eine unzureichende Unternehmens-Strategie, mangelnder Unternehmensausrichtung oder unterentwickelten Managementkompetenzen eher demotiviert statt gefördert wird.

Ich war überzeugt „Das muss doch anders gehen“ und gründete 2011 „teichmann. Beratung für Unternehmer“. Hier bin ich Sparring-Partner für den mittelständischen Unternehmer, berate in Strategie- und Managementfragen und agiere als Macher, steige also auch tief in Prozesse ein, um diese zusammen mit den Mitarbeitern zielführend umzugestalten. Meine Aufgabengebiete: Ausrichten des Unternehmens, Positionieren einzelner Bereiche, Koordinieren dieser Bereiche untereinander und das Empowern der Mitarbeiter.

Was einst in Marburg anfing, entwickelte sich nachfolgend in inspirierenden Jahren im Ausland zu einem fundierten Spektrum an Erfahrungen, die heute die Grundlage für meine beratende Tätigkeit des mittelständischen Unternehmers sind: www.teichmann-beratung.de

Kb Dr. rer. nat. Marcus Teichmann (Th)
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