Shanghai

Name:
Dipl.-Volkswirt Stefan Baumann  
 

Wohnort:
Shanghai, China

Korporation:
KSStV Alemannia München

Erfahrungsbericht:

Ente gab es zu Weihnachten nicht - auch keine Pekingente. Stattdessen haben wir Truthahn gegessen. Das war auch nicht verkehrt, da Wendy, meine Frau, Engländerin ist, und dort ist Turkey angesagt. Überraschenderweise war es äußert schwierig, bei O´Malleys, einem Irish Pub in einem prächtigen Haus in der französischen Konzession, noch den erlegten Truthahn zu bekommen. Der Grund: Auch die Shanghaier Bevölkerung zog es an diesem Sonntagabend dort hin und sie tranken und aßen, als wenn Sie Weihnachten noch nie anders gefeiert hätten. Draußen auf der Nanjing-Straße strahlten die Weihnachtsbäume in den Schaufenstern der Geschäfte um die Wette - neben den Prada-Taschen, Cartier-Uhren und Golfschlägern von Callaway. Und eine Woche später erleuchtete ein riesiges Feuerwerk den Neujahrshimmel, und ganz Shanghai war auf den Beinen - obwohl doch das Chinesische Neujahr erst sieben Wochen später beginnt.

Nirgendwo ist China dem Westen so nahe wie in Shanghai. Wer mit dem Flugzeug in Pudong ankommt und mit den Transrapid weiter in die Stadt fährt, reibt sich beim ersten Mal die Augen: Das mytische China mit seiner Kultur von mehr als 5000 Jahren, den Kaisern zwischen Xia, Nanjing und Bejing bis zu Maos kommunistischen Staat, dieses geschichtliche Überggewicht sieht man Shanghai nicht an. Statt Blaumann tragen die jungen Chinesen Armani, statt Fahrrad fährt man VW oder BMW, und statt Stahlwerken verschlucken nun Wolkenkratzer des Bankesviertels von Luijiazui täglich zig tausende von arbeitsamen Chinesen. Schnell vergisst man, dass der Großteil der Chinesen, rund 800 Million, auf dem Lande lebt und oftmals täglich ums Überleben kämpft.
Shanghai ist das Symbol des chinesischen Aufschwungs geworden. Eine Stadt wie Hongkong, London oder New York. Und dennoch: Wer etwas tiefer in das Leben dieser 18-Millionen-Menchen-Metropole eintaucht, stellt fest, dass dieses Land doch ganz anders ist. Und dies kann einer echten Herausforderung werden.

Wendy und ich sind vor fast 3 Jahren nach Shanghai gekommen. Wendy hat zunächst für Wella gearbeitet, das dann vor Procter & Gamble übernommen wurde. Im vergangenen Jahr ist sie dann zu Disney gewechselt und verhandelt dort für die Südasiatische Region Lizenzen. Ich habe zunächst meinen MBA hier gemacht und arbeite seit einem Jahr für die Deutsche Bank im Firmenkundenbereich. Dort kümmere ich mich überwiegend um die Niederlassungen deutscher Unternehmen. Eine spannende Herausforderung, denn China ist als Wachstumsmotor der ganzen Deutschen-Bank-Gruppe ausgemacht worden.

Die ersten drei Monate in China waren einfach. Diese Periode nennen die Experten "Honeymoon period". Alles ist neu und aufregend. Wir haben das sonnige , wenn auch feuchte Klima mit Temperaturen von bis zu 40 Grad genossen, uns den Bauch mit der vielfältigen chinesischen Küche gefüllt ubd die schnell pulsierende Atmosphäre der Stadt in uns aufgesogen. In der Tat verdichtet sich das Leben von drei, vier Jahren in Europa ohne weiteres auf ein Jahr hier in China.

Nach den ersten drei Monaten legt man in der Regel die rosarote Brille ab - und das kulturelle Abenteuer begann. Die erste Herausforderung liegt bereits auf dem Weg zur Arbeit. Die Strecke vom Westteil der Stadt zum Bankenviertel im Osten lässt sich am schnellsten mit der U-Bahn bewältigen. Die 15-minütige Fahrtentwickelt sich zum Überlebenskampf - nur vergleichbar mit einer U-Bahnfahrt zur Stoßzeit des Oktoberfestes. Die Massen drängen und pressen sich aneinander, und nur mit einem beherzten Sprung gelingt der Einstieg. Deutlich schwieriger der Ausstieg: Kaum kommt diue Bahn zum Stehen und offnen sich die Türen, drängen die draßen Wartenden bereits in den Wagen. So mancher Ausländer fand seinen Weg nur mit Hilfe von Bahnbeamten und mit Schwung nach draußen zogen.

Es ist die schiere Masse an Leuten, die in engagiertes Vorgehen im Alltag empfiehlt und keinen Platz für falsche Zurückhaltung bietet. Die Chinesen haben sich nicht nur an die Menschenmassen gewöhnt - sie empfinden die Nähe zu anderen als sehr angenehm. Eine Feier muss "heiß und laut" sein, damit Stimmung aufkommt.

Dies bedeutet jedoch nicht, dass sich so leicht 1,4 Milliarden Freunde machen lassen - im Gegenteil. Das Interesse für die Mitmenschen ist im Allgemeinen eher gering oder begrenzt sich auf reine Neugierde. Wer jedoch einmal in den Freundeskreis aufgenommen oder ein Freund der Familie wird, der trifft auch unglaubliche Gatsfreundschaft und Hilfsbereitschaft. So ist es für den Onkel meines Freundes selbstverständlich, Wendy und mich vom Flughafen in Peking abzuholen, uns zur Großen Mauer zu fahren und später die 104 geschnittenen Teile der Pekingente zu präsentieren. Selbstverständlich ohne dass wir uns je vorher getroffen hätten. Dieser starke Zusammenhalt bietet Sicherheit im Familienbund und Erfolg im Geschäftsleben.

Die zweite Herausforderung stellt sich auf dem Wege von der U-Bahnstation zum Büro. Wer sich im Straßenverkehr Shanghais bewegt, muss klaren Regeln folgen: Es gibt keine Regeln und die lauteste Hupe hat immer Vorfahrt. Es gibt eine Hierarchie, keine Ordnung. Wer es zu etwas gebracht hat, fährt ein Auto und kommt bei entsprechender Betätigung des Hornes schnell voran. Wer dagegen ein Motorrad oder gar nur ein elektrisches Fahrrad fährt, muss den PKWs ausweichen, kann aber jederzeit Fußgänger auf die Gabel nehmen.

Das hierarchische System setzt sich auch im Berufsleben fort. Widerspruch gibt es gegenüber dem Boss in der Regel nicht. und einem Titel auf der Visitenkarte wird entsprechende Aufmerksamkeit geschenkt. Auch die Sitzordnung ist vorgegeben: Wer beim Essen gegenüber der Tür sitzt, hat es beruflich geschafft.

Auch das universitäre System lässt sich in Top-Universitäten und andere unterteilen. Millionen Schüler büffeln jedes Jahr äußerst hart, um den Zugang zu den Elite-Schmieden zu erreichen. Ganz oben stehen die Peking Universität, die sich vor allem im geisteswissenschaftlichen Bereich hervortut, sowie die Qinghua Universität, ebenfalls in Peking. Qinghua ist bekannt für die naturwissenschaftlichen Fakultäten. Hier hat auch Staatspräsident Hu Jintao studiert, dem man eine photographisches Gedächtnis nachsagt.

Die Chinesen sin din der Regel fleißige Schüler und Studenten. Sie verfügen über eine hohe Aufmerksamkeitsspanne und ein unglaublich gutes Gedächtnis. Das ermöglicht es ihnen, lange Vorträge ohne jegliches Stottern oder Versprecher zu halten. Fachlich sind sie sehr auf die Naturwissenschaften konzentriert - mathematisch kann man ihnen kaum etwas vormachen. Bestens geeignet für die Finanzindustrie. Weniger ausgeprägt das Diskutieren und Entwickeln kreativer Lösungen. Noch heute setzen zum Beispiel Werbeagenturen eine hohe Anzahl an Expatriates ein.

Früher lag das berufliche Schicksal nach dem Studium in den Händen der Universität. Nach dem Abschluss entschieden die Professoren darüber, wohin die berufliche Reise geht. Im Härtefall wurden Graduierte aus Peking oder Shnaghai in eine der weiter entfernten Provinzen wie Tibet, Xinjiang oder die Innere Mongolei versetzt. Heute hat sich der ein moderner Arbeitsmarkt entwickelt. Gut ausgebildete Kräfte haben die freie Auswahl - und nutzen dies teilweise auch stark aus. Einige meiner Kommilitonen von der Buisness School haben bereits drei bis vier Mal im Jahr den Job gewechselt. Gehaltssteigerung zwischen 10 und 20 Prozent pro Jahr sind der Durchschnitt.

Ist die Uni geschafft, hört das Lernen jedoch nicht auf. Wer sich finanziell leisten kann, startet die Jagd nach weiteren Zusatzqualifikationen. Dem Bachelor folgt der Master; CPAs (Wirschaftsprüfer) oder CFAs (für Banker) werden immer beliebter. Dazu werden an den Wochenenden Fremdsprachen gebüffelt. 

Auf der anderen Seite gibt es nun eine zunehmende Menge an jungen Menschen, deren Eltern es in der Vergangenheit bereits zu einem gewissen Maß an Wohlstand gebracht haben. Viele von diesen haben als Einzelkind in der Ein-Kind-Familie die volle Aufmerksamkeit der Familie genossen und geben mit vollen Händen Geld aus. So kaufen sich junge Mädchen fast monatlich neue Ledertaschen und Kleidung von Gucci und LV, obwohl ihr monatliches Einkommen als frisch Graduirter gerade einmal bei 300 Euro pro Monat liegt. Für diese Generation spielt eine Balance zwischen Arbeit und Privatleben eine zunehmend wichtigere Bedeutung.

Wendy und ich gehen seit einigen Monaten regelmößig in die katholische St.-Peters-Kirche der internationalen Gemeinde - auch eine Suche nach etwas mehr Balance. Im sehr Karriere und Wohlstand bezogenen Shanghai geht die spirituelle Komponente leicht verloren. Diese Stunde am Sonntagmorgen erlaubt eine angenehme Pause von der Hetik dieser Stadt.

Die Messe ist auf Englisch und zieht Gläubige aus allen Winkeln der Welt an, z.B. Italiener, Franzosen, Mexikaner, Russen, Amerikaner und vor allem Filipinos. Die starke Präsenz der Gläubigen aus den Philippinen nimmt auch starken Einfluss auf die Messegestaltung - es wird sehr viel gesungen. Den Leutenscheint es zu gefallen, denn die Kirche ist immer bis zum letzten Platz gefüllt. Auch eine deutsche Gemeinde mit einem deutschen Priester hat sich etabliert. Alle zwei Wochen hält er eine Messe in unserer Landessprache.
Auch die Chinesen sind zu den Messen eingeladen. Wie viele von ihnen daran Interesse haben, ist schwer auszumachen. Es gibt auch durchaus chinesische Gemeinden, die auch Messen auf Chinesisch abhalten. Was die genaue Politik zu diesem Thema ist, ist schwer festzustellen. In China gibt es in vielen Bereichen eine legilativen Graubereich. So ist es zum Beispiel offenbar nicht erwünscht, dass sich Haushalte eine Satelittenschüssel besorgen und ausländisches Fernsehen schauen. Dennoch gibt es eine Vielzahl dieser Schüsseln an jedem Hochhaus. Viele Dinge werden hier einfach praktisch angegangen - auch eine Herausforderung, wenn man aus einem Land mit klaren Regeln und Gesetzen kommt.

Zusätzliche Herausforderungen liegen in den nächsten Monaten vor uns. Dieses Jahr im Juni erwarten Wendy und ich unser erstes Kind. Es wird ein goldenes Schweinchen - im chinesischen Tierkreis ein außergewöhnlich gutes Sternzeichen. Kinder unter diesem Stern sollen es besonders leicht im Leben haben. Die Zahl der Neugeborenen wird sich deshalb um rund 30 % erhöhen. Schon jetzt sind Krankenhäuser und Pflegemütter ausgebucht, und vieler der Kinder werden in Jahren bei der Einschulung um einen Sitzplatz kämpfen. Dann werden wir China noch einmal aus einer ganz anderen Perspektive erleben.

Das kommende Baby hat unseren Blickwinkel noch einmal geändert - vor allem Richtung Lebensqualität: Die im Vergleich zu Deutschland erhöhte Umweltbelastung macht uns nachdenklich. Wir werden deshlan in Kürze voraussichtlich wieder umziehen - raus aus der Stadtmitte. Auch die üblichen waghalsigen Taxifahrten gilt es dann vermehrt zu verhindern.

Auf der anderen Seite kann China auch jungen Familien einiges bieten. Haushälterinnen und Kindermädchen lassen sich leicht finden und erlauben deshalb immer noch ein gewisses Maß an Freiheit für die Eltern nach der Geburt. Zudem sind wir aufgeregt, dass unser Kind mit einer der weltweit meist gesprochenen Sprache aufwächst. Mittlerweile haben wir uns auch einen Freundeskreis aufgebaut - Deutsche, Amreikaner, Franzosen und auch Chinesen. Die internationale Mischung hält uns fit und testet die persönliche Flexibilität. Wir genießen diese persönliche Herausforderung in vollen Zügen. Wie lange wir dies nach noch machen werden? Schwer zu sagen. Eines lernt man schnell in China: Viele Dinge lassen sich nicht im Voraus planen.

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