Reinhard Nixdorf (Nm-W)

„Der Retter ist geboren!“ Ein nichtchristliches Evangelium
Die Weihnachtsgeschichte und die Inschrift von Priene

„Da die Vorsehung, die unser Leben auf göttliche Weise ordnet, mit ehrgeizigem Eifer unser Leben mit dem Vollkommensten ausstattete - indem sie Augustus her-vorbrachte, den sie zum Wohl der Menschheit mit Tugend erfüllte und dadurch uns und unseren Nachkommen einen Retter (griechisch soter) schickte, der den Krieg beendet und alles neu ordnet: Da der Kaiser durch sein Erscheinen die Hoffnungen all derer übertraf, die vor ihm schon Evangelien (griechisch euangelia, „gute Nachrichten“) vorweggenommen hatten - denn er überbot nicht nur die Wohltäter vor ihm, sondern ließ auch den künftigen keine Hoffnung auf Steigerung mehr: Da für den Kosmos die Geburt des Gottes der Anfang der durch ihn verursachten Evangelien war, ...: Aus all diesen Gründen wird folgender Beschluss gefasst:...“ (1)

Fast glaubt man, einen biblischen Text zu lesen. Wenn vom „Erscheinen“, eines Friedensbringers und „Retters“ die Rede ist, wenn von einem Gott gesprochen wird, dessen Geburt den Beginn einer neuen Zeitrechnung einleitet und dies als gute Nachricht, als Evangelium, bezeichnet wird, dann hat das große Ähnlichkeit mit der Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium, – wo der Engel eine Freudenbotschaft, ein Evangelium von der Geburt des Heilands und Retters verkündet.

Ein nichtchristliches Evangelium

Doch nicht von Jesus von Nazareth spricht der oben zitierte Text, sondern von Augustus, dem römischen Kaiser. Der Text gehört zu einer griechischen Inschrift aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert. Auf zwei Steinblöcke gemeißelt, wurde die Inschrift um 1900 bei Ausgrabungen im kleinasiatischen Priene entdeckt. Die Inschrift ist sozusagen die steinerne Ausgabe des Amtsblatts der römischen Provinz Asia, mit dem Kaiser Augustus den Julianischen Kalender im Ostteil des Römischen Reiches einführte und den Beginn des Jahres auf den Herbstanfang legte.

Bis Mitte des ersten vorchristlichen  Jahrhunderts gab es im Römischen Imperium ein ziemliches Durcheinander verschiedener Kalender. Vorherrschend waren Mondkalender. Erst Iulius Caesar führte 46 v. Chr. zunächst in der Stadt Rom den „Julianischen Kalender“ mit 365 Tagen und Schaltjahren ein. Bald setzte sich dieser Sonnenkalender im Westteil des Reiches durch. Kaiser Augustus übernahm die Kalenderreform im Jahr 9 v. Chr auch für den Ostteil des Reiches. In diesem Jahr dürfte wohl auch der Stein von Priene aufgerichtet worden sein.

„Man kann dies durchaus als eine von der römischen Zentrale verfügte „Globalisierungsmaßnahme“ verstehen, durch die beispielsweise der Dienstantritt der Beamten im Reich vereinheitlicht wurde“, schrieb die Exegetin Professor Ute Poplutz, die an der Universität Wuppertal lehrt, in einem Aufsatz (2).

Das „Amtliche“ an der Inschrift von Priene besteht in einem Erlass des römischen Prokonsuls, zwei formellen Beschlüssen des asiatischen Landtags, der Provinzialversammlung, und der Umsetzung des Verwaltungsaktes. Besonders interessant an der Inschrift: Ausführlich wird der Initiator dieses Verwaltungsaktes, der römische Kaiser Augustus, als Retter, Gott und Friedensbringer gefeiert. Und wenn er seinen eigenen Geburtstag, den 23. September, als Beginn des Jahres festsetzt - ein Äquinoctium, ein Tag, an dem lichter Tag und Nacht gleich lang sind - wird dies als Evangelium“, als „gute Nachricht“ bejubelt. Die Inschrift gehört damit in den Kontext der Herrschaft des Augustus, die nach den Wirren des Bürgerkriegs im Imperium ein Zeitalter relativen Friedens einleitete - propagandistisch wurde dies als „Pax Augusta“, als Anbruch eines neuen Goldenen Zeitalters, als „Evangelium“, als „gute Nachricht“ hochstilisiert.

So sehr „Evangelium“ heute für den Inhalt der Jesusüberlieferung steht, ist es doch kein Begriff, den Christen erfunden haben. Vielmehr entstammt der Begriff „Evangelium“ der griechisch-römischen Vorstellungswelt, taucht im Kontext des Herrscher- und Kaiserkults auf und wird dort für positive Nachrichten aus dem Leben des Herrschers verwendet: Eine gute Nachricht, ein „Evangelium“, kann der Geburtstag des Herrschers ebenso sein, wie seine Machtübernahme, seine Genesung von schwerer Krankheit oder sein Sieg in einem Krieg.

Kontrast zum Kult um den Kaiser

Ab dem Ende des ersten Jahrhunderts v. Chr., so der Theologe Claudio Ettl 2007 in einem Aufsatz in der Zeitschrift „Welt und Umwelt der Bibel“, gehörte der Begriff Evangelium „zusammen mit anderen Begriffen wie `Retter´ (von Luther als Heiland bezeichnet) oder ´Wohltäter´ zum festen Repertoire der politischen Propaganda und in diesem Sinne verwendet ihn auch die prienische Inschrift“. Daher sei es auch nicht verwunderlich, „wenn im religiösen und politischen Kontext des Römischen Reiches sozialisierte Autoren wie Markus oder Lukas den Betriff des Evangeliums kennen, ihn aufgreifen - und zugleich für ihre Zwecke umdeuten.“ (3).

Der Verfasser des Lukasevangeliums setzt der Propaganda und dem Kaiserkult ein Kontrastbild entgegen, das einen ebenso universalen Anspruch stellt: Wenn der römische Kaiser durch Herolde, Ehrungen, Statuen und Inschriften öffentlich geehrt wird, wird Jesus im Lukasevangelium durch himmlische Boten (Lk, 2,10) und einfache Hirten (Lk, 2,15 ff) verherrlicht. Beider Geburtstag gilt als Beginn eines Friedens-Zeitalters: Hier der Herr der irdischen Weltmacht - dort das Kind mit dem himmlischen Heer (Lk 2,13). Hier der Kaiser aus der Welt(-haupt)stadt Rom - dort das Kind aus der Peripherie, aus Galiläa. Hier der Machthaber, dessen Entscheidungen die Welt prägen - dort der Knabe, dessen Geburt die Machtverhältnisse der Welt von Grund auf verändert. Und durch die Verknüpfung der Geburt Jesu mit der kaiserlichen Verwaltungsmaßnahme einer Steuerschätzung des „ganzen Erdkreises“ (Lk 2,1) stößt der Verfasser des Lukas-Evangeliums seine Leser geradezu darauf, beide „Retterfiguren“ nebeneinanderzustellen. Zugleich bereitet er die weltpolitische Bedeutung der Geburt Jesu vor, die ebenfalls den „ganzen Erdkreis“ betreffen wird und von ihm in der Apostelgeschichte dargestellt wird.

Weitere Entsprechungen zwischen der lukanischen Erzählung von den Anfängen der Weltherrschaft Jesu und der Topik des Goldenen Zeitalters unterstützen diese Lesart. Hirten als erste Empfänger des Evangeliums vom neuen Zeitalter, erinnern an die bukolischen Lieder und die Vierte Ekloge des Dichters Vergil, die Christen später als heidnische Prophetie der Ankunft Christi deuteten. Dort knüpft Vergil an die im Osten verbreitete Erwartung von einem vom Himmel gesandten Kind an, das ein neues Zeitalter des Friedens und Glücks einleiten wird. Denn der Knabe, den Vergil besingt, trägt fast messianische Züge. Sterne kündigen seine Ankunft an. Mit ihm reifen paradiesähnliche Zustände heran, in dem Zeitalter, das er bringt, trägt die Erde Früchte im Überfluss, herrscht Friede unter Menschen und Tieren.

Die Pax Romana: gerechter Friede oder Unterdrückung?

Als Augustus, an die Macht gekommen, die allgemeine Sehnsucht nach Frieden beantwortete, glaubten viele, dieses goldene Zeitalter sei angebrochen - gerade im Osten des Reiches. Aber was war das Ziel von Augustus, Friedenspolitik? War sie gerecht? Oder sorgte sie bloß für Friedhofsruhe? Octavius, oder Octavian, wie ihn andere nannten, hatte sich nach der Ermordung seines Großonkels Iulius Caesars über Ströme von Blut in den römischen Bürgerkriegen den Weg nach oben erkämpft. Zweiunddreißig Jahre alt war er nach dem Sieg in der Seeschlacht von Actium über seinen letzten Konkurrenten Marc Anton. Mit großer Geste zeigte er den Römern, dass nach Jahrzehnten der Gemetzel endlich Friede war: Feierlich ließ er im August 29 die Tore des Janustempels schließen, angeblich war dies erst das dritte Mal seit der Gründung Roms. Zwei Jahre später beendete ein Staatsakt offiziell die längste Unruhephase in Rom. Dem 35 jährigen verlieh der Senat am 16. Januar 27 v. Chr. einen Titel, der keine Funktion hatte, aber tiefen Respekt beinhaltete und fortan sein Name war: Augustus - der Erhabene. Er nahm ihn an, so der Journalist Georg Boenisch, weil er wusste, „dass dieser beziehungsreiche Name - er erinnerte an einen Kultakt („Augurium“) zur Deutung des Götterwillens, den der Sage nach Romulus eingeführt hatte - für das Ohr eines Republikaners keinerlei Beleidigung darstellte.“(4)

Augustus rühmte sich, den Staat endlich „wieder der freien Entscheidung des Senats und des römischen Volkes übertragen zu haben“. Tatsächlich ließ er alle Gesetze aus der Zeit des Triumvirats kassieren - aber gleichzeitig drängte er alle Senatoren aus dem Amt, die ihm illoyal erschienen. Selbst das Konsulat, nominell das höchste Regierungsamt, gab er später auf - um sich andere Sonderrechte verleihen zu lassen. Die Verwaltung der befriedeten Provinzen überließ er demonstrativ dem Senat - aber die Grenzprovinzen unterstanden ihm und damit die militärische Macht. Große Gesten, hohe Symbolpolitik, aber stets behielt Augustus, der Princeps, die entscheidende Machtposition als faktischer Monarch und erster römischer Kaiser.

Machtpolitik unter dem Etikett des Friedens

Wenn Augustus im Namen der Rückkehr zu den altrömischen Sitten Tempel erneuern, wenn er Rom zur marmornen Stadt umgestalten ließ, fanden Tausende Arbeit - und der Princeps erschien als Beschützer der mittleren und unteren Bevölkerungsschichten. Wenn er für „Brot und Spiele“ sorgte, erntete er bei den Römern Dankbarkeit und sogar Zuneigung. Und wenn er einen Großteil der Kriegsbeute in den Geldkreislauf einbrachte, sorgte er dafür, dass sich die Lebensverhältnisse in Italien und in den Provinzen besserten. Nüchtern stellte der Historiker Velleius Paterculus fest: „Die Äcker fanden wieder Pflege, die Heiligtümer wurden geehrt, die Menschen genossen Ruhe und Frieden und waren sicher im Besitz ihres Eigentums“.    

Da mochte wirklich mancher ein goldenes Zeitalter anbrechen sehen - und die kaiserliche Propaganda bestärkte ihn darin. Augustus indes ging es weniger um das Wohl aller, als darum, unter dem Etikett der Friedenspolitik, der Unzufriedenheit im Zentrum genauso den Boden zu entziehen, wie Aufständen an der Peripherie und so die eigene Machtposition und das Imperium zu konsolidieren - eine Politik, die als „augusteische Schwelle“ bezeichnet wird. Was damit gemeint ist, hat der Politikwissenschaftler Herfried Münkler vor einiger Zeit erklärt: Danach hänge das Bestehen eines Imperiums davon ab, wie es das Gefälle zwischen Zentrum und Peripherie ausbalanciert. Wird die Peripherie zu sehr ausgebeutet, wehrt sie sich, sind die Kosten der Integration zu hoch, werden die Menschen im Zentrum unzufrieden. Nur Imperien, denen es gelinge, diesen Widerspruch durch Konsolidierung im Inneren auszubalancieren, konnten sich halten.

Wie die Römer diese Politik verstanden, das hat Vergil auf den Punkt gebracht: „Du bist ein Römer, dies sei dein Beruf. Die Welt regiere, denn du bist ihr Herr, dem Frieden gib Gesittung und Gesetze, begnadige, die sich dir gehorsam fügen und brich mit Strenge der Rebellen Trotz.“

Natürlich ist auch das ein Friede. Aber wenn Gerechtigkeit Frieden schafft, ist es ein schlechter, falscher Friede, der Mächtige begünstigt und Machtlose leer ausgehen lässt. Die Weihnachtsgeschichte des Lukasevangelium liest sich da wie eine offene Kritik an der Pax Romana und wie ein subversiver Gegenentwurf zum kaiserlichen Evangelium. Der Friede, von dem die Weihnachtsgeschichte spricht, wird der Welt nicht aufgezwungen, wie es das lateinische Verb pacare meint, das die Pax Romana beschreibt und so viel bedeutet wie „Frieden machen, indem man die anderen unterwirft“. Vielmehr ist es ein Friede,, für die „Menschen seines Wohlgefallens“ (Lk 2,14). Und es ist Gott selbst, der die neue Herrschaft garantiert und legitimiert.

Lukas zeigt, wo Gott sich wirklich finden lässt: nicht im Palast des Kaisers oder unter den Privilegierten, sondern in einer Futterkrippe, bei einfachen Leuten, sozial Schwachen und Unterdrückten, die unter dem unechten Frieden der Pax Romana leiden - in Galiläa, an der Peripherie des Imperiums. Den Hirten, die zu den unteren sozialen Schichten gehören, verkündet der Engel die Freudenbotschaft von der Geburt des göttlichen Kindes zuerst: Die wahre Friedenszeit beginnt mit diesem Kind, geboren von Maria, einer jungen jüdischen Frau. Dies ist der Retter, der lang ersehnte Messias Gottes, der das jüdische Volk von der römischen Herrschaft befreit und solidarisch ist mit den Armen und Bedrängten. Mit ihm wird die Hoffnung auf einen Neuanfang, auf Gerechtigkeit und umfassenden Frieden für alle Menschen erfüllt.

Die Krippe und der Stall stehen als Symbole für Armut und Obdachlosigkeit. Mit den Hirten stehen stellvertretend für alle Armen und Marginalisierten jene an der Krippe, die keiner erwartet hat. Und mit dem Magnifikat, dem Lobgesang Mariens, erklärt Lukas die Erzählung von der Geburt des Jesuskindes: „Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“

„Weihnachten ist daher“, schreibt der Jesuit Wolf Gero Reichert, ,,ein Garant und Katalysator für Menschenrechte. Indem Gott Mensch wurde – in aller Gefahr und Armut – gibt Er jedem Menschen eine unüberbietbare Würde, die noch weit über das Schöpfungsgeschehen hinaus weist: In jedem Menschen, egal ob arm oder reich, egal ob verbrecherisch oder tugendsam, kann Jesus Christus erkannt werden. (5)

Die Kalenderinschrift von Priene zeigt, welche politisch-religiöse Bedeutung im Begriff „Evangelium“ steckt und welche kritischen Zwischen- und Untertöne seine christliche Verwendung bereithält. Jenseits von Jingle Bells, dem vorweihnächtlichem Einkaufsrausch und dem falschen weltfremden Kitsch von der Heiligen Familie birgt Weihnachten eine „gefährliche Erinnerung“ (J.B. Metz), ein umwertendes, revolutionäres Potential: Gott ist Mensch geworden, um den Menschen einen neuen Anfang, einen echten gerechten Frieden zu schenken.  Er verbündet sich mit den Armen und Marginalisierten und tritt für ihr Menschenrecht und ihre Würde ein. Wenn Christen Gottes Arme und Hände auf Erden sind, ist es ihre Aufgabe, dies einzufordern und sich mit den Menschen am Rand der Gesellschaft zu solidarisieren.

Anmerkungen:
1 zitiert nach Claudio Ettl, ,,Der Retter ist geboren!" in: Welt und Umwelt der Bibel 4/2007, Nr. 46, 22.
2 Ute Poplutz; Augustus und Jesus im Spiegel der römischen Kaiserideologie, in:www.kath-theologie.uni-wuppertal.de/fileadmin/kath_theologie/downloads/Output13_Poplutz.pdf
3 Claudio Ettl, aaO.
4 Georg Boenisch, Der väterliche Tyrann, in: Johannes Saltzwedel, Das Ende des Römischen Reiches, Hamburg 2009, 43 – 54
5 Wolf-Gero Reichert, Gottes Bonding mit den Menschen: Weihnachten in sozialethischer Perspektive in: Georg, Magazin der Hochschule Sankt Georgen 2013, 2, 41-43

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