Peter Möhring

Der Text ist entnommen dem zweibändigen Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“, herausgegeben von Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 7. überarbeitete und aktualisierte Auflage 2019, Paderborn 2019. Wir veröffentlichen ihn mit freundlicher Genehmigung des Verlags Ferdinand Schöningh, Paderborn.

Aus christlicher Überzeugung leistete der Diplomat Kb Wilhelm Emanuel Freiherr von Ketteler (Rh-B, Fs) Widerstand und zog sich den tödlichen Zorn des NS-Regimes zu
Von Hitlers Schergen verschleppt und ertränkt

Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler wurde am 15. Juni 1906 auf Burg Eringerfeld im Kreis Lippstadt geboren. Als drittes Kind war er der älteste Sohn unter neun Kindern. Kindheit und Jugend verlebte er in Störmede bei Geseke, wohin die Eltern 1907 gezogen waren. In der Erziehung der Kinder legten die Eltern besonderen Wert auf die religiöse Erziehung. Der junge Ketteler erhielt zunächst Privatunterricht in elterlichen Haus und besuchte dann das Progymnasium in Geseke. Seine Schulbildung schloss er 1926 am Gymnasium Marianum in Warburg in Westfalen ab. Als Sprecher der Abiturienten hielt er die Abschiedsrede. „Pro Deo et patria“ - „Für Gott und das Vaterland“ lautete das selbstgewählte Thema: Ehrfurcht vor Gott und Treue zum christlichen Glauben, Vaterlandsliebe und Pflichterfüllung.

Ketteler nahm sich vor, ein „Streiter Gottes und Kämpfer des Vaterlands zu sein“. Wie sein späterer Lebensweg bezeugt, verstand er seine Worte als persönliche Verpflichtung, der er bis in den Tod treu geblieben ist.
Ketteler entschied sich für ein Studium der Rechts - und Staatswissenschaften an den Universitäten München und Bonn. Während der Studienzeit in München gehörte er dem KStV Rheno-Bavaria an, in der er auch das Amt des Seniors bekleidete. In Bonn schloss er sich der KStV Frisia an, Gern nahm er an Einkehrtagen in der Abtei Maria Laach teil.

1932 bestand Ketteler die Erste juristische Staatsprüfung und widmete sich danach seiner Dissertation mit einem Thema aus dem Erbhofrecht. Am 14. Februar 1933 erreichte ihn ein Angebot des mit seiner Familie befreundeten Vizekanzlers Franz von Papen. Dem 27jährigen Juristen schien sich eine aussichtsreiche berufliche Perspektive zu eröffnen, die er, ohne zu zögern, aufgriff.

Frühzeitig erkannte er die Brutalität des NS-Regimes

In Berlin traf er auf einen Kreis jüngerer Mitarbeiter gemäßigt konservativer Grundhaltung. Im Gegensatz zu Papen, der sich dem Einfluss Hitlers nicht zu entziehen vermochte und zwischen Ablehnung und Gefügigkeit ständig schwankte, bildeten sie in seiner Behörde einen Kreis entschiedener Gegner des Nationalsozialismus. Ohne zu ahnen, welches Risiko er für sein Leben einging, schloss sich Ketteler dieser Gruppe an. Er arbeitete zunächst in der Pressestelle. Später war er mit Eingaben und Vorgängen der „Arbeitsgemeinschaft katholischer Deutscher“ befasst, einer nach der Auflösung des Zentrums entstandenen Vereinigung zur Abwehr staatlicher und staatspolizeilicher Zwangsmaßnahmen gegenüber Geistlichen und Institutionen beider Kirchen. Im Rahmen seiner Tätigkeit enthüllte sich Ketteler schon früh der Gewaltcharakter des nationalsozialistischen Staates.

Von der Notwendigkeit einer Entmachtung der NSDAP überzeugt, scheute er nicht vor Konflikten mit Papen zurück. Er war daran beteiligt, dass der Originaltext der weltweit Aufsehen erregenden Rede Franz von Papens am 17. Juni 1934 in der Universität Marburg, in der dieser den totalitären Führerstaat verurteilte, ohne Abschwächungen und ungekürzt der internationalen Presse noch vor dem Redetermin zugestellt wurde. Papen blieb nichts anderes übrig, als sich an den vorgegebenen Text zu halten.

Am 30. Juni 1934 erlebte Ketteler in Berlin, wie Hitler auf die Herausforderung reagierte. In Verbindung mit dem so genannten Röhm-Putsch wurde er Zeuge der Ermordung seines Dienstvorgesetzten. Den politischen Morden im Reich folgte die Ermordung des österreichischen Bundeskanzlers Engelbert Dollfuß durch dortige Anhänger Hitlers. Der von österreichischen Nationalsozialisten unternommene Putschversuch scheiterte. Um den politischen Schaden zu begrenzen, überredete Hitler Franz von Papen, als Gesandter nach Wien zu gehen. Papen fand sich unter gewissen Bedingungen dazu bereit und nahm Ketteler als persönlichen Vertrauten mit.

In Wien bildete die deutsche Reichsvertretung den in der Diplomatiegeschichte seltenen Fall, dass der Botschafter und dessen engste Mitarbeiter - wenngleich mit unterschiedlichen Zielsetzungen - gegen die eigene Regierung konspirierten. In Berlin blieb seine konspirative Tätigkeit nicht verborgen, zumal er selbst nicht immer die gebotene Vorsicht walten ließ. In seinem Werk über den österreichischen Freiheitskampf charakterisiert Otto Molden den Attaché wie folgt: „ein besonders feinsinniger Mensch und überzeugter Katholik.“

Ketteler wird sich der Gefahr bewusst gewesen sein, der er sich aussetzte. Bei seinem letzten Besuch im Elternhaus, Weihnachten 1937, antwortete er auf die Frage seiner Mutter, ob er auf den Tod vorbereitet sei: „Liebe Mutter, vorbereitet müssen wir alle sein, das Sterben ist gar nicht so schlimm, das ist nur eine Verbesserung, wenn wir dieses armselige Leben mit dem Himmel vertauschen können.“ Aus diesen Worten erhellt unzweideutig seine Disposition, sein Leben hinzugeben und aufzuopfern, zumal sie auf einer tief christlichen Haltung fußt.

Vorbereitet auf den Tod

Im Wissen um die Gefahr ist Ketteler seinen Weg gegangen. Als persönlicher Sekretär des Botschafters mit dem Status eines Honorarattachés hatte er unmittelbaren Zugang zu geheimen Geschäftsvorgängen und war somit in der Lage, manches aufzufangen und abzuwehren. Er betrieb eine Tätigkeit, die nach geltendem Strafrecht als Hochverrat ausgelegt werden konnte. Unterschätzt hat er die Gefahr, die ihm von innen drohte. Die Botschaft wurde observiert. Aus Gestapoakten geht hervor, dass der V-Mann, der auf Ketteler angesetzt gewesen war, wertvolle Informationen an das Staatspolizeiamt in Berlin geliefert hat. „Seine Arbeit war gut und für den SD außerordentlich wichtig“, heißt es darin.

Im Februar 1938 erfuhren die Ereignisse eine dramatische Zuspitzung. Am 4. Februar 1938 erreichte Papen aus der Reichskanzlei die Nachricht von seiner Abberufung aus Wien. Um vor der Weltöffentlichkeit nicht als Wegbereiter eines mit Gewalt herbeigeführten Anschlusses zu gelten, fasste er den verwegenen Plan, Geheimakten der Botschaft, darunter seine Lageberichte an Hitler, ins Ausland bringen zu lassen. Papens Schilderung zufolge, die er in seiner Autobiographie „Der Wahrheit eine Gasse“ gegeben hat, bot Ketteler sich an, den Plan auszuführen. Er täuschte einen Skiurlaub vor und deponierte die Akten in einem Banksafe in Zürich. Er wusste nicht, das der SD über die Reise und sein Vorhaben informiert war.

Unter dem Decknamen „Unternehmen Otto“ erteilte Hitler am 11. März 1938 die militärische Weisung für den Einmarsch in Österreich. Am Tage davor rückten deutsche Verbände in Österreich ein, im Gebäude der Botschaft bezog der SD mit Heydrich an der Spitze Quartier. Ketteler kehrte am 13. März 1938 nach Wien zurück und ließ sich von der Sekretärin Papens in deren Privatwohnung über den Gang der Ereignisse unterrichten. Gegen Mitternacht verließ er das Haus, die Sekretärin bemerkte noch, dass Männer ihm auf der Straße folgten. Seitdem gilt Ketteler als verschollen.

Papens angestrengte Nachforschungen verliefen ergebnislos. Nach seinem Bekunden sicherten sogar Himmler, der Reichsführer SS, und Heydrich ihm volle Unterstützung zu. Presse und Rundfunk durften über den Fall nicht berichten. Am 25. April 1938 wurde unterhalb von Hainburg an der Donau flussabwärts, nur wenige Kilometer von der ungarischen Grenze entfernt, eine männliche Leiche ohne Ausweispapiere geborgen und an demselben Tag auf dem Ortsfriedhof bestattet. Aufgrund einer Anzeige Franz von Papens im „Deutschen Kriminalblatt“ vom 29. März 1938 identifizierten nahe Verwandte den Leichnam zweifelsfrei als den des gesuchten Freiherrn von Ketteler. Der Körper wies keine Spuren einer Gewaltanwendung auf, so dass auf einen Tod durch Ertrinken geschlossen wurde. Der Leichnam wurde nach Störmede überführt und am 31. Mai 1938 auf dem Familienfriedhof beigesetzt.

Auf Heydrichs Befehl umgebracht

Die Todesumstände blieben im Dunkeln. Papen brachte nur in Erfahrung, dass der SD gegen Ketteler neben dem Vorwurf des Hochverrats als besonders schwerwiegend Attentatspläne gegen Hitler geltend machte. Erst nach dem Krieg konnten genauere Erkenntnisse gewonnen werden. Sie bestätigen die Befürchtung, dass Ketteler eines gewaltsamen Todes gestorben ist. Der Befehl ist nachweislich von Heydrich persönlich und unabhängig von dem Aktentransport in die Schweiz ausgegangen. Die Namen des Zuträgers und des Haupttäters sind bekannt; die Personen sind seit Kriegsende verschollen und gelten als verstorben. Der Tod ist tatsächlich durch Ertrinken eingetreten, indem die Täter den Kopf Kettelers solange in eine gefüllte Badewanne gehalten haben, bis er erstickte. Um Selbstmord oder einen Unfall vorzutäuschen, wurde die Leiche angekleidet in die Donau geworfen. Für die behaupteten Attentatspläne haben sich bisher keine Anhaltspunkte ergeben.

Es drängt sich die Frage auf, warum Ketteler überhaupt nach Wien zurückgekehrt und nicht verschwunden oder emigriert ist. Sein Lebensweg zeigt, dass er sich niemals von Angst oder Furcht leiten ließ. Es widersprach seinem Pflichtbewusstsein und Verständnis von Ehre, sich der Verantwortung zu entziehen. Bis zu welcher Konsequenz er zu gehen bereit war, hatte er in einem Brief an die Eltern schon 1934 ausgesprochen: „Jedenfalls werde ich keinerlei Rücksicht auf meine persönlichen Verhältnisse nehmen, sondern handeln, wie es das größere Ziel verlangt (...).“

Die Kraft für sein Handeln fand er im christlichen Glauben. Nach dem Urteil derer, die ihn näher kannten, war er überzeugter und praktizierender Katholik. Im Kreis der Geschwister „gab er das beste Beispiel in religiöser Pflichterfüllung und Charakterfestigkeit“. Aus dieser Haltung heraus hat er dem Ungeist des Nationalsozialismus widerstanden und ist ein Opfer der Gewaltherrschaft geworden.

Dass der KV Wilhelm Emanuel von Ketteler als Glaubenszeugen ehrt, bezeugt schon die Denkschrift des KStV Rheno-Bavaria aus dem Jahre 1989, die ihren von den Nazis getöteten Bundesbruder als „Blutzeugen gegen den nationalsozialistischen Unrechtsstaat“ bezeichnet. Und Kb Dr. Wolfgang Löhr schrieb 1984: „Der Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine betrachtet es seit seiner Wiederbegründung nach dem Zweiten als eine Ehrenpflicht, seine Kartellbrüder, die aus ihrer christlichen Überzeugung heraus während des NS-Regimes Opfer des Terrors geworden sind, nicht zu vergessen“. Stärker drückt es Wolfgang Löhr im dritten Band des Biographischen Lexikons des KV aus, in dem Kettelers Leben gewürdigt wird: „Wenn in diesem Band von 85 Personen fast dreißig Prozent KVer enthalten sind, die in Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus durch ihn verdrängt, verfolgt und vernichtet wurden, mag dies zumindest annähernd verdeutlichen, welchen (Blut)Zoll katholische deutsche Akademiker zwischen 1933 und 1945 entrichtet haben.“

Wilhelm-Emanuel Freiherr von Ketteler

„Als Honorar-Attaché des deutschen Botschafters in Wien, Franz von Papen, war Ketteler für den offiziellen Informationsdienst der Botschaft zuständig. Papen, so hieß es, hatte junge Adelige um sich gesammelt mit ausgesprochenem Widerstandswillen. Zu ihnen gehörte neben Friedrich Karl von Savigny, ebenfalls ein Rheno-Bavare, auch Ketteler. Letzterer beschäftigte sich nach umstrittenen Aussagen Papens seit langem mit dem Vorhaben, bei passender Gelegenheit Adolf Hitler umzubringen. Mit Freunden in der Botschaft soll er den Bau einer schallsicheren Schusswaffe besprochen haben.

Papen und seine Botschaftsangehörigen sahen den drohenden „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich. Deswegen wurde Ketteler bemüht, die wichtigsten Botschaftsdokumente in einem Schweizer Safe zu deponieren, um der Nachwelt zu beweisen, dass mit dem „Anschluss“ die Deutsch Botschaft nichts zu tun gehabt hatte. Am 13. März 1938 wurde der „Anschluss“ vollzogen. In der Nacht vom 13. auf dem 14. März soll Ketteler, nach den Memoiren Papens, nach einem Besuch von drei Männern verfolgt worden sein. Carl Zuckmayer erinnert sich, dass Ketteler auf dem Weg von der Botschaft zum Mittagstisch von einem Rollkommando abgefangen worden sei.

Die Vermutung, Ketteler habe Wien heimlich verlassen, bewahrheitete sich nicht. Papen bemühte sich, das Verschwinden seines Adjutanten aufzuklären. Er sprach vor bei Hermann Göring, Reinhard Heydrich, Heinrich Himmler und schließlich bei Hitler. Nach langem Zögern erklärte Göring ihm, dass die Verbringung der Botschaftsakten ins Ausland gesetzeswidrig sei und dass Ketteler einen Anschlag auf das Leben des Führers vorbereitet habe. Was mit Ketteler passiert sei, wollte ihm jedoch niemand sagen. Papen setzte eine Belohnung auf Hinweise über das Verschwinden Kettelers aus und machte eine Eingabe bei der Wiener Staatsanwaltschaft. Ende April 1938 fand man in Hainburg, nahe der tschechischen Grenze, am Donau-Ufer eine Leiche, die als die Leiche Kettelers identifiziert wurde. Papen verlangte eine offizielle Autopsie unter Hinzuziehung der Staatsanwaltschaft. Die Obduktion ergab - zweifelsohne ein fingiertes Ergebnis -, dass Ketteler keineswegs einem Anschlag erlegen sei. Seine Verletzungen sollten von Schiffsschrauben hergerührt haben.

in: Biographisches Lexikon des KV, 3. Teil, S 64 f., Ketteler, Wilhelm-Emanuel Frhr. von,
Verf. Michael F. Feldkamp