Bodo Kaiser (Ost)
Anfang September 2019 machte sich der Paderborner Ortszirkel „Drei Hasen“
auf seine 33. Herbststudienreise
„Kultur und Natur - eine Genussreise durch Mähren“
Eine wilde Karstlandschaft fanden wir im Norden der Region vor mit unzähligen Höhlen und Schluchten, die tiefste Schlucht maß 138 Metern Tiefe; im Süden dagegen zeigte sich eine eher landwirtschaftlich geprägte und von Weinbergen durchzogene Landschaft – ein herrliches Weinland, die Sonnenregion Tschechiens; sie hat nämlich das angenehmste Klima und die lieblichste Landschaft.
Großartige Kulturdenkmäler, Wein, gutes Essen, Musik und Poesie gehören in Südmähren immer zusammen. Dieses Bündnis konnten wir in einem Weinkeller bei einer ausgiebigen Verkostung erleben. Begleitet von einer bekannten Kapelle, deren Besonderheit es war, das seltene Instrument „Zimbal“ gekonnt zu spielen, fühlten sich einige Paare zum Tanzen aufgefordert.
Mit dem UNESCO Biosphärenreservat bot sich für uns ein Ausflug in die Natur an, ein Abstecher führte uns kurz über die Grenze nach Skalica, einer alten Königsstadt. In Mikulcice (Mikultschitz) bewunderten wir das mit zehn Hektar größte Ausgrabungsgelände Europas und gewannen auf dem alten slawischen Burgwall stehend noch einen Blick in die Geschichte des Landes.
Spuren des großmährischen Reiches
Denn bei den 1954 begonnenen Grabungen wurde eine Stadt freigelegt , die im achten und neunten Jahrhundert ein Zentrum des großmährischen Reiches gewesen sein muss. Davon zeugen Fundamente eines Fürstenpalastes, von zwölf Kirchen, Häfen und Brücken und über 2500 Gräber.
Seine größte Ausdehnung muss das großmährische Reich im neunten Jahrhundert erreicht haben. Damals bat Fürst Rastislav von Mähren den byzantinischen Kaiser Michael III. um einen christlichen Missionar, der die Menschen im christlichen Glauben unterweisen und helfen sollte, ein von den fränkischen Bischöfen unabhängiges Bistum in Mähren zu gründen: „Unser Volk hat das Heidentum bereits verworfen und hält sich an die christlichen Gesetze“, schrieb Rastislav in einem Brief, „aber wir haben keine Lehrer, die uns in unserer Sprache im rechten christlichen Glauben unterweisen können, damit auch andere Völker, wenn sie es sehen, uns nacheifern; so sende uns, Herr, einen Bischof und Lehrer. Denn von euch breitet sich ein gutes Gesetz in alle Länder aus.“
Kaiser Michael sandte darauf hin die Brüder Kyrill und Method nach Mähren. Ihre Mission hatte großen Erfolg. Denn sie predigten in slawischer Sprache und hatten eine eigene slawische Schrift geschaffen. Das Altkirchenslawisch, in das sie die Bibel, liturgische Texte und andere Bücher übersetzt hatten, wurde zur Norm der slawischen Schriftsprache. Es erhob die bislang als „barbarisch“ geltenden Slawen in den Kreis der spätantiken Schriftkulturen.
Ruht hier ein Slawenapostel?
Ob die ausgegrabene Stadt bei Mikulcice der Sitz des mährischen Fürsten Rastislav war, ist nicht völlig geklärt. Dass dies der Sitz eines Fürsten war, daran lassen die Funde keinen Zweifel. Auch vermutet man in einem Grab neben der Basilika, die sich einst neben dem Palast des Fürsten erhob, die Ruhestätte des Slawenapostels Method. Auch darüber wird diskutiert. Auf jeden Fall erhebt sich bei Mikulcice ein Denkmal der Slawenapostel Kyrill und Method. Jedes Jahr kommen dort am 24. Mai, dem Tag der bulgarischen Bildung und des slawischen Schrifttums, Bulgaren aus Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Österreich und Deutschland zusammen, um die Slawenapostel zu ehren, darunter Vertreter verschiedener slawischer und orthodoxer Gemeinschaften aus aller Welt.
Auf dem Besuchsprogramm standen weiter markante Klöster, bischöfliche Paläste und fürstliche Schlösser, die von italienischen Künstlern geplant und gebaut wurden, „Toscana des Ostens“ wäre hier das richtige Stichwort.
Die Hauptstadt Mährens, Brno (Brünn), überzeugte uns mit ihrem historischen Kern und gleichzeitig als Wiege der modernen tschechischen Architektur. Zeugnis über „100 Jahre Bauhaus“ erlebten wir hier mit der „Villa Tugendhat“ von der man einen herrlichen Blick auf die ganze Stadt hat. Der Architekt Ludwig Mies van der Rohe entwarf 1928 das bekannte Brünner Weltkulturerbe und setzte hier Maßstäbe für modernes Wohnen.
Avantgarde der Architektur
Tragende Wände macht ein Stahlskelett überflüssig. Wände werden Teil des Designs, wie die Onyx-Wand mitten im Raum. Dadurch hat das Haus einen offenen Grundriss, der eine Osmose zwischen innerem und äußerem Raum, der Natur, schafft. Dies unterstützt die Fensterwand, die aus fünfzehn Quadratmeter großen Scheiben besteht und - beim Bau des Hauses eine kleine technische Revolution - auf Knopfdruck versenkt werden kann. Aber nicht nur edle Materialien und technische Lösungen konnte sich die Fabrikantenfamilie Tugendhat leisten, sondern auch neuartige, von Mies van der Rohe konstruierte Möbel. Nur sieben Jahre konnte die Familie, die jüdischen Glaubens war, das Haus bewohnen, dann floh sie vor den Nazis ins Exil - zuerst in die Schweiz, später nach Südamerika. In der Zeit des Realsozialismus wurde das Haus zweckentfremdet, verfiel, nur das Nötigste wurde repariert. Mithilfe der Europäischen Union wurde die Villa Tugendhat in ihren Originalzustand zurückversetzt: Heute kann man die Atmosphäre des Hauses, ihr großbürgerliches Ambiente, wieder spüren.
Ein weiteres „High-Light“ der Reise bildete der Besuch der Wallfahrtskirche des Heiligen Johannes von Nepomuk auf dem Grünberg bei Ždár nad Sázavou. Der Architekt Johann Blasius Santini-Aichl verband hier gotische und barocke Elemente auf eine Art und Weise, die einzigartig in Europa ist und oft als „Barockgotik” bezeichnet wird. Im Zentrum des Gebäudeensembles erhebt sich der Zentralbau der Wallfahrtskirche, ein Umfassungsring umschließt sie. In der Architektur schlägt sich Zahlensymbolik um die Zahl Fünf nieder. Rund um die Kirche wechseln sich fünf Kapellen mit dreieckigem Grundriss mit fünf Kapellen in Form eines Ovals ab, fünf Eingänge öffnen die Anlage, die Kirche birgt fünf Kapellen mit fünf Altären. All das weist auf die fünf Sterne hin, die der Legende nach den Leichnam des Johannes von Nepomuk einst umgeben haben sollen.
Südmähren erlebten 44 Reisende als eine Region, die zu Recht stolz ist auf bedeutende Plätze unserer (tatsächlich auch) gemeinsamen Geschichte; die Landschaft hatte für jeden etwas zu bieten: In einer zauberhaften Kulturlandschaft fanden wir zahlreiche Architekturjuwelen, pittoreske Städtchen, Burgen, Schlösser, Paläste - viele davon gehörten zum UNESCO-Weltkulturerbe. Insgesamt eine erlebnisvolle Reise, die die Gemeinschaft des Ortszirkels gestärkt hat.


