Seit siebzig Jahren gibt es die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ)
Massenmedium und Mitentscheider

Diese Tageszeitung ist eine Institution: Sie ist überregional. Sie ist im bürgerlichen Lager eine gewichtige, oft meinungsbildende Macht: Die Rede ist von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, kurz FAZ. Vor über siebzig Jahren, am 1. November 1949, wurde sie gegründet. Pünktlich zum Geburtstag ist ein Buch herausgekommen, das den Werdegang dieser Zeitung von ihren Anfängen bis heute schildert. „Zeitung für Deutschland, die Geschichte der FAZ“. lautet der programmatische Titel. Verfasser ist der Würzburger Historiker Professor Peter Hoeres.

Er durfte in den Archiven der FAZ recherchieren und sprach mit Zeitzeugen. Ergebnis ist ein ausführliches, fast sechshundert Seiten starkes Werk, keine Hagiographie, keine unkritischen Hofnachrichten, sondern gute wissenschaftliche Arbeit.

Die FAZ ist ein skurriles Gebilde. Denn ihr Alleinstellungsmerkmal unter den Zeitungen besteht darin, dass sie nicht von einem Chefredakteur, sondern von mehreren Herausgebern gemeinschaftlich geführt wird, die jeweils eigene Ressorts wie Politik, Wirtschaft, Feuilleton oder den Rhein-Main-Teil verantworten. Die Zuschriften der Leser werden deshalb auch nicht als „Leserbriefe“ bezeichnet, sondern leicht hochtrabend-elitär als „Briefe an die Herausgeber“. Die FAZ - das sind sozusagen mehrere Zeitungen in einer. Denn die FAZ-Herausgeber stecken ihre Claims ab und sehen es nicht gern, wenn einer aus der Herausgeber-Runde den Fuß in das Gärtchen eines anderen setzt. Passiert das einmal, dann kann es gewaltigen Ärger geben. Oft genug war das die Ursache, dass in den siebzig Jahren FAZ-Geschichte der eine oder andere Herausgeber seinen Garten und seinen Job verlor.

Das ist der Grund, weshalb die Geschichte der FAZ eben nicht allein die Geschichte guter bis sehr guter journalistischer Recherche und Kommentierung ist, sondern auch eine Geschichte von Machtkämpfen, Bündnissen, Intrigen und Rauswürfen. Das hat vor allem mit der merkwürdigen Regel zu tun, dass ein Herausgeber ausscheidet, wenn sich die anderen gegen ihn verbünden. Konflikte sind da programmiert.

„Zeitung für Deutschland“ - wenn sich eine Zeitung mit solch einem Titel schmückt, dann klingt das schon etwas anmaßend. Aber so ist das Selbstverständnis der Frankfurter Allgemeinen: als Massenmedium politische Konflikte und Entwicklungen mit entschieden. So war das schon, als sie in den ersten Jahren der Bundesrepublik mit half, das Konzept der sozialen Marktwirtschaft durchzusetzen. Dabei war die Stimmung nach dem Zweiten Weltkrieg für den Aufbau einer Marktwirtschaft nicht gerade günstig war. Denn der in der Hitlerzeit erlassene Lohn- und Preisstopp,  der Wirtschaftsdirigismus der Kriegszeit und die Bewirtschaftung des Mangels in der unmittelbaren Nachkriegszeit hatten die Deutschen an staatliche Lenkung gewöhnt. Auch die westlichen Besatzungsmächte setzten lieber auf Wirtschaftslenkung und Bewirtschaftung: Freie Preise in einer Situation, in der es am Nötigsten fehlte - konnte das denn gut gehen?

Die FAZ jedenfalls setzte auf Ludwig Erhards Konzept der sozialen Marktwirtschaft. Sinnigerweise hat Peter Hoeres diesen Abschnitt mit den Worten „Die FAZ als ´Brigade Erhard` überschrieben, Und dieser Linie der ordoliberalen Verfassung der Wirtschaft ist die FAZ treu geblieben. Sie kämpfte dafür und legte sich dabei auch mit den Mächtigen an. Beim Kartellgesetz etwa, Ende der fünfziger Jahre, ging es hoch her  - und am Ende gewann die Zeitung nach Punkten. Die FAZ - Sieger am Ende eines harten Konfliktes, das ist ihr Selbstbild.

Überhaupt ist die FAZ davon überzeugt, dass sie politisch wirkt, auch Konflikte entscheidet. Anfang der neunziger Jahre zum Beispiel, setzte sich einer ihrer Herausgeber mit Verve und Vehemenz dafür ein, dass Deutschland Kroatien und Slowenien als neue Staaten anerkennen. So kam es dann auch. Und die FAZ und der Historiker Peter Hoeres sind sich sicher: Es war die Zeitung für Deutschland, die Bundeskanzler Helmut Kohl und seinen Außenminister Hans-Dietrich Genscher auf Kurs gebracht hat. Geschichte kann ganz einfach sein.

Obwohl sie verhältnismäßig spät gegründet wurde, schaffte die Frankfurter Allgemeine bald den Aufstieg zum führenden publizistischen Debatten-Organ der Republik. Dieser Erfolg gründet wohl auch in dem hohen Anspruch der Zeitung, der die Leser mit einschließt. Der Werbespruch „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“ - übrigens nicht von einer Werbeagentur, sondern im Haus selbst vom Geschäftsführer Mundhenke erfunden - war deshalb so genial, weil er die Leser mit ins Boot holte. Denn „Für die Denkfaulen möchten wir nicht schreiben.“ hatten die Herausgeber in der ersten Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen verkündet. Und an dieses Versprechen hielt sich die FAZ - mit einem anfangs kleinen Feuilleton, das immer umfangreicher wurde. Und das auf diese Weise eine Fülle von politischen und gesellschaftlichen Debatten angestoßen und geprägt hat.

1986 etwa löste der Historiker Ernst Nolte mit seinem Aufsatz „Vergangenheit, die nicht vergehen will“, in dem er Holocaust und die deutsche Schuld im Zweiten Weltkrieg relativierte, den so genannten  „Historikerstreit“ aus  – eine der wichtigsten Debatten der deutschen Nachkriegsgeschichte, die weit über akademische Kreise hinauswirkte und die Bedeutung der FAZ als Debattenorgan festigte. Fraglich, ob diese Debatte fruchtbar war. Hoeres schildert diese Kontroverse ebenso wie andere Feuilletondebatten klar und sachlich, ohne für die eine oder andere Seite Partei zu ergreifen.

Die FAZ ging aus der Mainzer Allgemeinen Zeitung und der traditionsreichen Frankfurter Zeitung (FZ) hervor, die 1943 von den Nationalsozialisten verboten worden war. Auf Initiative des amerikanischen Militärgouverneurs und einiger Industrieller wurde diese Tradition nach dem Krieg wiederbelebt.

Unabhängig wollte die Zeitung seit ihren Anfängen sein. Fraglich, ob sie das stets war. Die ersten Jahre der Frankfurter Allgemeinen waren mühsam, finanziert wurde das Projekt von reichen Unternehmern und Politikern, die sich der ordoliberalen Wirtschaft verpflichtet fühlten. Auch Konrad Adenauer hat auf vielfältige Weise versucht, Einfluss zu nehmen, vor allem versuchte der Kanzler, Druck auf einen der Herausgeber auszuüben, der eine andere deutschlandpolitische Linie vertrat. Am Ende musste der Herausgeber gehen. Dasselbe Schicksal ereilte Anfang der siebziger Jahre einen weiteren Herausgeber, der große Sympathien für die Politik der Regierung Brandt hatte. Es gab weitere Rausschmisse - mit oder ohne politische Gründe, das bleibt im Dunkeln. „Auch Hoeres kann hier nur vermuten“, so der Kulturspiegel des NDR. „Immer haben persönliche Motive und Gründe eine Rolle gespielt und immer ging es um die Macht im Leitmedium des bürgerlichen Lagers.“

Wirtschaftlich waren die ersten Jahre schwierig, dann gab es den Durchbruch und genug Geld, um eine Stiftung zu gründen, die in den nächsten Jahren genug Geld verdiente, weil die Zeitung florierte und erfolgreich war. Aber die Zeiten, in denen Anzeigenkunden vertröstet werden mussten, weil die Inseratenseiten ausgebucht waren, sind inzwischen längst vorbei. Auch die FAZ leidet, wie fast alle Zeitungen, unter dem Rückgang von Abonnements und Anzeigen.

Denn mittlerweile hat die digitale Revolution auch die FAZ erreicht und eine Strategie, wie die Zeitung aus dieser großen Krise erfolgreich hervorgeht, ist noch nicht erkennbar. Auch das analysiert Peter Hoeres mit Engagement und Wohlwollen. Das Buch ist spannend geschrieben. Denn es handelt fast durchweg von Personen, die etwas zu sagen wussten und die die Publizistik in Deutschland bereichert und gestärkt haben.