Alfred Kuhlmann, Helmut Moll
Der Text ist entnommen dem zweibändigen Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“, herausgegeben von Prälat Prof. Dr Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 7. überarbeitete und aktualisierte Auflage, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019.
Wir veröffentlichen den Text mit freundlicher Genehmigung des Verlags Ferdinand Schöningh, in dem das Werk erschienen ist.
Benedikt Schmittmann: Kartellbruder, Katholik und rheinischer Föderalist
Im KZ zu Tode gehetzt
Benedikt Schmittmann, am 4. August 1872 in Düsseldorf als Sohn eines als Rentner anssässig gewordenen Landwirts geboren, war das erste von vier Kindern und wurde von seinen Eltern zu Bescheidenheit und Achtsamkeit erzogen. Schon früh entwickelte er wachen Sinn für die Werte des Christentums und der Menschenliebe, so dass, wie Paulus Lenz-Medoc schrieb, er sich dem Allgemein- wohl und dem Dienst am Nächsten stets verpflichtet fühlte. Seine Neigung zur Musik, zur Natur, vor allem aber seine Liebe zu seiner rheinischen Heimat haben seinen Charakter geprägt.
Nach seiner Düsseldorfer Gymnasialzeit studierte Schmittmann zunächst in Rom, ehe er sich in Freiburg, Leipzig und Bonn dem Rechtsstudium widmete.
Er trat den katholischen Studentenverbindungen Brisgovia Freiburg (1893), KStV Teutonia-Leipzig (1894) und später auch der KStVArminia Bonn bei.
Aus dieser Zeit stammen seine Freundschaften zu dem späteren Berliner Studentenpfarrer Carl Sonnenschein und dem später langjährigen Oberbürgermeister von Köln, Konrad Adenauer, mit dem er verwandtschaftliche Bindung hatte. 1903 heiratete er Helene Wahlen, die Tochter eines wohlsituierten Kölner Kaufmanns. Seine Frau wurde ihm Hüterin eines stets gastfreundlichen Hauses, treue Gefährtin und unermüdliche, unentbehrliche Mitstreiterin (gest. 21. Dezember 1970). Die Ehe blieb kinderlos.
Beruflich engagierte er sich zunächst in der praktischen Sozialarbeit, seit 1908 war er Landesrat und Leiter des Wohlfahrtswesens in der rheinische Provinzialverwaltung, 1915 wurde er Professor an der Hochschule für kommunale und soziale Verwaltung in Köln, im Krieg 1917/18 Leiter des wallonischen Schulwesens in der deutschen Zivilverwaltung des besetzten Belgiens und seit 1919 ordentlicher Professor für Sozialpolitik an der Universität zu Köln.
Unbestrittene Führungsqualität
Immer gelang es ihm, seine Mitarbeiter, Studenten und im fremden Land „Untergebene“ für die Lösung der anstehenden Aufgaben zu begeistern und zur Mitarbeit zu motivieren. Es waren seine unbestrittene Führungsqualität, aber auch die Verschmelzung wertgebundener Zielsetzungen mit ihrer unmittelbaren praktischen Umsetzung, die zu bedeutenden Erfolgen und zu bis in unsere Zeit wegweisenden Erkenntnissen führten.
Die berufliche Tätigkeit, die wissenschaftliche Arbeit, das politische Engagement und die vielfältigen Kontakte mit dem Ausland schufen einen großen Freundeskreis. Schmittmanns gastfreundliches Haus am Kölner Sachsenring 26 war für Studenten, Wissenschaftler, Politiker und Geistliche ein Ort des geistigen Austausches und der menschlichen Begegnung.
Gegen eine preußisch-zentralistische Staatsorganisation
Im Jahre 1919 ging Schmittmann als Abgeordneter des Zentrums in die verfassungsgebende Preußische Landesversammlung: er war damals einer der wenigen Politiker, die - wie der Vater der Weimarer Verfassung, Hugo Preuß, - eine grundsätzlichen staatlichen Neuanfang wollten. Sein Versuch, nicht nur die Staatsspitze auszuwechseln, sondern durch eine Reichsreform den gesamten Staatsaufbau neu zu gestalten und durch verantwortliche Mitarbeit der einzelnen Länder in einem föderalistischen Reichsaufbau entscheidende Gestaltungskräfte freizusetzen, misslang. Er legte daher 1922 sein Landtagsmandat nieder.
An seinen Verfassungsplänen hielt er allerdings unbeirrt fest, wenn er sich auch gegenüber den Separatismus im Rheinland scharf abgrenzte. Auf dem Katholikentag in Hannover 1924 gründete er mit gleichgesinnten Freunden - unter ihnen der Herausgeber der „Allgemeinen Rundschau“, Dr. Otto Kunze, München,- in föderalistischem Sinne den überparteilichen ,,Reichs- und Heimatbund deutscher Katholiken“.
In den Veröffentlichungen des Reichs- und Heimatbundes wurde auch der Nationalsozialismus oft und heftig angegriffen. Noch nach dem 30. Januar 1933 erschienen der Leitartikel „Wir ersticken“ und der Aufsatz „Und das Volk schaut in den Mond“ mit der Karikatur eines Vollmondes, in dem das Gesicht Hitlers dargestellt war. Daraufhin wurde die Wochenzeitschrift am 10. März 1933 verboten.
Frau Schmittmann berichtete von einer Begebenheit, die sich zwei Jahre zuvor zugetragen hatte. Ein junger Mann, der sich als rechtsorientierter, an der Konzeption des Reichs- und Heimatbundes interessierter Akademiker ausgab, hatte immer wieder um Auskunft über die Arbeit des Bundes gebeten, die ihm bereitwillig erteilte wurde, bis Schmittmann vertraulich erfuhr, dass er diese Auskünfte sogleich an das Berliner Innenministerium weitergab. Schmittmann beendete die Korrespondenz mit dem Hinweis, dass es nicht Sinn einer unter dem Schein persönlicher Information geführten Korrespondenz sei, diese nur zum Zwecke der Bespitzelung zu führen. Wie dann später deutlich wurde, war der junge Mann der spätere Ministerialrat Werner Best, der Hauptabteilungsleiter in der Gestapozentrale. Die aus Berlin von der Gestapo Köln regelmäßig angeforderten Berichte über die Aktivitäten Schmittmanns nach 1933 haben hier ihren möglichen Ausgangspunkt.
Nationalsozialisten fälschten Schmittmanns Föderalismus in Separatismus um
Am 29. April 1933 war Schmittmann von einer ihn enttäuschenden Romreise zurückgekehrt, denn Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli hatte seine eindringlichen Warnungen mit Skepsis aufgenommen. Die Audienz bei Pius XI. war bewusst förmlich gestaltet worden. Hiernach wurde Schmittmann von einer Gruppe Halbwüchsiger in seinem Haus überfallen. Als ein höherer SA-Führer sie aufgeklärt hatte, richtete sich ihre künstliche Wut gegen das „Separatistenschwein“. Sie gingen dann zu tätlichen Angriffen über und stürmten das Haus. Das herbeigerufene Überfallkommando erklärte, dass das Einschreiten der anwesenden SA überlassen würde. Schmittmann war schutzlos dem Pöbel ausgeliefert. Er wurde verhaftet und zusammen mit seiner Gattin auf einem offenen mit beschlagnahmten Akten beladenen Lastwagen zum Polizeipräsidium abtransportiert.
Für Schmittmann folgten fünf Wochen so genannte „Schutzhaft“. Ein neues Mittel des politischen Kampfes - Haft ohne Anklage, ohne rechtskräftigen Grund, ohne Beschwerdemöglichkeit, das besonders vor der Außenwelt Ehre zerstörend, nach innen zermürbend wegen der drückenden Ungewissheit - wie lange die Haft ohne Verhör und Rechtfertigungsmöglichkeit dauern werde - wirkte. Schmittmann nahm die Zeit im Gefängnis Klingelpütz als Exerzitien, als Zeit der Einkehr und der inneren Läuterung. Mit Blick auf die geographische Lage schrieb er in die schon am ersten Tag eingeschmuggelte Apostelgeschichte: „Hier ist terra sancta zwischen den Märtyrerkirchen St. Gereon und St. Ursula“.
Nach der Freilassung am 2. Juni 1933 musste Schmittmann Zwangsaufenthalt in (Bonn-) Plittersdorf nehmen. Der Anklage wegen Hochverrats wurde vom Reichsgericht nicht stattgegeben. Ein danach eröffnetes Disziplinarverfahren dauerte mehr als drei Jahre und wurde im Juli 1936 ergebnislos eingestellt. Eine berufliche Rehabilitation gab es jedoch nicht. Im Herbst 1933 durfte Schmittmann in sein Landhaus in Düsseldorf-Flehe zurückkehren. Wie sehr er mit der dortige Pfarrgemeinde Mater dolorosa verbunden war, zeigte sich darin, dass er ein Kirchenfenster mit der Darstellung der Kreuzigungsgruppe stiftete. Er erhielt sogar einen Auslandspass und durfte sich wieder in Köln aufhalten, das als zweiter Wohnsitz galt.
Regelmäßig überprüft und auf der schwarzen Liste
Seit 1933 war Schmittmann bekannt, dass die Nazis ihn auf eine Liste gesetzt hatten, auf der sich die Namen jener Führungspersönlichkeiten fanden, die im Mobilmachungsfall zu beseitigen waren. In der Tat weisen die Akten der Gestapo aus, dass er regelmäßig überprüft, dass seine Treffen mit Gleichgesinnten registriert, der Inhalt der Bespitzelung regelmäßig nach Berlin berichtet wurde.
Schmittmann, der Hitlers Vabanque-Politik nüchtern verfolgte und die Kriegsgefahr wachsen sah, trug beständig in sich das Bewusstsein, dass sein Todesurteil unwiderruflich gesprochen und jeden Tag vollstreckbar war. Dass er trotzdem nicht emigrierte, obwohl Angebote aus dem Ausland vorlagen, selbst seine letzte Auslandsreise im August 1939 ihm die Gelegenheit dazu bot, lag an seiner Liebe zur Heimat, die ihm ein Emigrantenleben als unerträglich erscheinen ließ. Es lag wohl auch an der Gradlinigkeit seines Charakters, die ihm ein Ausweichen auch in höchster Gefahr unmöglich machte.
Am 01. September 1939 um 05.40 Uhr, dem Zeitpunkt der Mobilmachung, verschafften sich zwei Gestapobeamte Einlass in die Wohnung und drangen rücksichtslos bis ins Schlafzimmer vor. Schmittmann wusste, was auf ihn zu kam. Er verabschiedete sich von seiner Frau mit den Worten: „Nun wollen wir auch das noch aufopfern im Sinne unserer Idee.“
Schmittmann verblieb eine Woche im Düsseldorfer Gefängnis an der Kavalleriestraße. In einem Sammeltransport mit etwa dreihundert politisch Inhaftierten - darunter viele Bekannte Schmittmanns - ging es dann in der Nacht vom 08. auf den 09. September 1939 in das KZ Sachsenhausen. Auf dem Transport lernte Schmittmann den Mithäftling Dr. Fritz Maasen kennen, der in den letzten Tagen und Stunden zu Schmittmanns ständiger engerer Umgebung gehörte.
Seine heitere Gelassenheit strahlte auch im KZ aus
Maasen schrieb unmittelbar nach seiner Entlassung aus dem Lager Weihnachten 1940 seine frische Erinnerung an die letzten Tage Schmittmanns nieder: „Benedikt Schmittmann hieß bald allgemein ´der Professor´ und übte trotz seiner ruhigen Zurückhaltung eine merkwürdige Anziehungskraft auf alle Blockinsassen aus. Viele kamen an seinen Tisch und fragten ihn um Rat. Seine heitere Gelassenheit machte auf alle einen großen Eindruck und manch einer ging getröstet und gestärkt davon.“
Andererseits ermahnte Schmittmann seine Kameraden, sich seiner nicht so sehr anzunehmen, weil er Nachteile für sie befürchtete. Es war die feste und aufrechte Haltung Schmittmanns, der die Hochachtung weckte, nur nicht bei seinen Peinigern.
Beim sogenannten Sport wurden die Häftlinge jeden Tag bis zur völligen Erschöpfung über den Übungsplatz gehetzt. Am Morgen des 13. Septembers 1939 brach Schmittmann nach einigen Stunden, die die Quälereien bis ins Unerträgliche steigerten, zusammen. Der SS-Oberscharführer Wilhelm Schubert „trat zu ihm, stieß ihn mit den Stiefeln und brüllte ihn an: ?Warum läufst du nicht? Du willst wohl nicht mehr?´ Als Dr. Schmittmann antwortete: ,Doch ich will, aber ich kann nicht mehr!´ beschimpfte ihn Schubert mit den Worten: ,Was, du altes Schwein, du willst nicht mehr, du Mistbiene!´ Dr. Schmittmann wollte sich noch erheben, kam aber nur bis in die Knie (so H.G, van Dam u R. Giordano (hg) KZ-Verbrechen vor deutschen Gerichten, Bd 1 Frankfurt a. M. 1962, 421-428).
Schmittmann wurde von den Kameraden zum Revier getragen. Sie gewannen den Eindruck, dass er bereits tot war. Frau Schmittmann gelang es, den Toten in einem mit Eisenbändern umschlossenen Sarg nach Düsseldorf zu transportieren. Bei dem Nachruf wurden die Rotationsmaschinen der Zeitungsverlage gestoppt. Eine Todesanzeige durfte nicht erscheinen. Eine kleine Schar von Getreuen gab Schmittmann das letzte Geleit, darunter eine Abordnung des katholischen Arbeitervereins mit Fahne.
Die Nachricht vom Tod Schmittmanns verbreitete sich schnell im In- und Ausland Insbesondere die ausländische Presse und die Rundfunkanstalten verbreiteten die Nachricht und kommentierten sie. Der Pariser Sender brachte - trotz Geheimhaltung - eine Gedenkfeier. Papst Pius XII. ließ der Witwe Schmittmanns noch im September 1939 brieflich einen tröstenden Gruß und seinen Segen übermitteln. - 1967 wurde in der Kölner Basilika St. Severin - seiner Pfarrkirche - eine Gedenktafel mit folgendem Wortlaut errichtet: „Hier betete mit uns der Kölner Universitätsprofessor Prof. Dr. Benedikt Schmittmann, der am 13.9. im KZ ermordet wurde. Er gab sein Leben für Freiheit und Menschenwürde.“
Benedikt Schmittmann
Das Erzbistum Köln vermerkt über Benedikt Schmittmann: „Zu den bedeutenden Gestalten der Kölner Universität gehört Benedikt Schmittmann, der am 4. August 1872 in Düsseldorf zur Welt kam. Nach Abitur und Studium wurde er schließlich Universitätsprofessor für Sozialwissenschaften in Köln. Als Autor vieler wissenschaftlicher Publikationen hat er sich einen Namen gemacht.
Mit dem Machtwechsel 1933 beginnt die Tragik dieses großen Mannes. Schon wenige Wochen später wurde er in seiner Wohnung von einer SA-Kolonne überfallen, mit seiner Frau auf einen offenen Lastwagen geschafft, beschimpft und geschmäht, in Schutzhaft genommen und am Ende aus der Universität verstoßen. Schmittmann, über den die Akten im Düsseldorfer Hauptstaatsarchiv ausweisen, dass er insgeheim im Ruhrgebiet und in Köln Konventikel unterhielt, um die Soziallehre der Kirche zu verbreiten, war von Anfang an ein den Nationalsozialisten missliebiger Mensch.


