Wolfgang Löhr
Im vergangenen November feierte der KStV Winfridia-Köln zwei „Geburtstage“:
106 Jahre Winfridia in Köln und siebzig Jahre seit der Reaktivierung der Winfridia nach dem zweiten Weltkrieg - Rede zum Festkommers
Winfridia fasste die Gelegenheit beim Schopf
Wie war das, als die Winfridia-Köln vor siebzig Jahren wie der Phönix aus der Asche wiedergeboren wurde? Bei der Vorbereitung auf das Thema half ein Interview mit Dieter Mauer, das wichtige Erkenntnisse über die damalige Zeit vermittelt.
Ob man das Bild des Phönix, aus der griechischen Mythologie, für die ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg verwenden darf, ist freilich strittig. Der im vergangenen Jahr verstorbene Nürnberger Kulturhistoriker Hermann Glaser prägte für die Zeit nach Kriegsende sogar den Satz „So viel Anfang war nie“. Diese Sentenz klingt so schön, dass sie vor knapp dreißig Jahren der damalige Herausgeber der „Zeit“, Theo Sommer, als Überschrift verwandte für einen Essay über die Welt nach dem Ende des Kommunismus. Darin hat er das Diktum dem Dichter Friedrich Hölderlin zugeschrieben. Das war zwar falsch, aber Theo Sommer hatte recht, wenn er die aus diesem Spruch abgeleitete Existenz einer „Stunde-Null“ verwarf. Allerdings steht fest: Nach den dunklen Jahren des Nationalsozialismus erlebte Deutschland einen bedeutsamen politischen und einen gewaltigen kulturellen Aufbruch.
Doch das heraufbeschworene Ende aller Kontinuitäten fand nicht statt, so wie es auch kein Ende der Geschichte nach dem Untergang des sowjetischen Imperiums gab, wie sie der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama mit seiner Schrift „End of History“ suggerierte.
Die Stunde-Null - gab es die überhaupt?
Die Meinung, dass es nach 1945 keine Stunde-Null gegeben hat, ist inzwischen weitverbreitet, denn trotz Entnazifizierung und des harten Regiments der Alliierten nach 1945 bestanden in fast allen Bereichen Kontinuitäten fort. Diskutiert wird allerdings das Ausmaß. Auch die Wiederbelebung der studentischen Korporationen fällt unter diese Kontinuitäten, obgleich die alliierten Siegermächte dies nach 1945 verhindern wollten, und nicht nur sie. Ebenfalls waren die katholischen Korporationen einigen Bischöfen ein Dorn im Auge. Andere gingen zunächst einmal auf Distanz wie auch die meisten Rektoren der Universitäten.
Im Oktober 1945 hatten die Alliierten in einem ihrer Kontrollgesetze den NS-Altherrenbund aufgelöst. Außerdem verboten sie die Wiederbegründung von studentischen Organisationen einschließlich und ausdrücklich der Altherrenbünde. Das hatten die Nazis 1938 schon einmal getan. Eine kuriose Wiederholung der Geschichte. Ab 1947 ist dieses Verbot nach und nach in den Westzonen aufgehoben worden. Doch da gab es mindestens schon eine Menge katholischer Korporationen, die trotz der widrigen Umstände in den ersten Jahren nach Kriegsende wieder entstanden waren.
Ein Phänomen, das immer noch verwundert, zumal auch unter den meisten Studenten nach 1945 alles, was mit „Wieder“ anfing wie Wiedergründung, Wiedererstehen, Wiederaufnahme nicht gefragt war, „sondern ein enormes Veränderungsimperativ“, wie es im Soziologendeutsch heißt (Christian Schmidtmann) vorherrschte, und Wörter wie „Neuorientierung“ oder „Erneuerung“ und „Neubesinnung“ en vogue waren.
Wie es zum Wiedererstehen der katholischen Korporationen kam, hat der Ehrenphilister der Winfridia-Köln und Mitglied der Ravensberg-Münster, der Dominikaner Laurentius Siemer, den Dieter Mauer noch erlebt hat, in einem Aufsatz kurz dargelegt. Er ist fast gleichzeitig mit der Wiederbegründung der Winfridia vor siebzig Jahren erschienen. Auf Pater Siemers Beitrag werde ich ein wenig eingehen, denn wenn Winfridia auch erst 1949 wieder aus dem Dunkel der Geschichte heraustrat, so gab es Entwicklungen, die schon zuvor grundgelegt wurden und auch bei Winfridia zu entdecken sind.
Verbandskatholizismus: nach dem Krieg nicht gern gesehen
In seinem Aufsatz teilte Siemer mit, dass nach dem Zusammenbruch 1945 die Meinung überwogen hätte, dass die Korporationen „für immer untergegangen seien.“ Die „erste Zeit nach dem Kriege“ sei „nicht gerade dazu angetan“ gewesen, sie „wieder erstehen zu lassen.“ Deshalb hätten die katholischen Bischöfe und die von ihnen „eingesetzten Studentenpfarrer einstweilen einheitliche Studentengemeinden“ aufgebaut, „die im Sinne der katholischen Aktion arbeiten sollten.“
Aber hier täuschte sich Pater Siemer, wenn er wirklich glaubte, das sei nur eine vorübergehende Maßnahme gewesen. Denn nach dem Zweiten Weltkrieg sollte nach dem Willen vieler Bischöfe und des Vatikans Schluss mit dem sein, was man Verbandskatholizismus nennt und zu dem die katholischen Korporationen ebenfalls gehörten und immer noch gehören.
Diese Sonderentwicklung des deutschen Katholizismus mit seinen Vereinigungen, die unter demokratischer Führung von Laien standen, die sich – sagen wir es einmal zugespitzt – von den Bischöfen nichts sagen ließen, sollte ein Ende haben. Dazu war die Gelegenheit günstig.
Brüchiger Primat der Studentengemeinde
Aber es kam anders, und der von den Bischöfen geforderte „Primat der Studentengemeinde“ bekam schon frühzeitig Risse. Folgen wir noch einmal Pater Siemer: „Schon bald bildeten sich jedoch unter den katholischen Studentengemeinschaften Untergruppen, die im gleichen Sinne wie eine Gemeinschaft, aber spezialisierter und intensiver zu arbeiten versuchten.“ Damit umschreibt er, dass die Studentengemeinden begannen, sich in Gruppen aufzulösen. Pater Siemer fährt fort: Für diese Gruppen hätten sich „die Altakademiker der früheren studentischen Verbände“ interessiert und in ihnen „die Keimzellen für ein Wiedererstehen ihrer Korporationen“ gesehen. Außerdem hätten sich auch solche Gruppen an die Vertreter von Altakademikern gewandt „mit der Bitte, sich über Organisation und Geist der ehemaligen Korporationen zu unterrichten und zu ihnen in engere Beziehungen treten zu dürfen.“
Unterschiedliche Biographien stoßen aufeinander
Diese Schilderung Pater Siemers trifft auch auf die Universität Köln zu. Hier war er einer der Zeitzeugen, da er im Dominikanerkloster in Köln als Provinzial lebte. Ob er die Entwicklung begrüßte oder ablehnte, lässt er offen. Genau genommen war er hin- und hergerissen und empfahl zwischen den Zeilen, sich nicht an Tradiertes zu halten, sondern der studentischen Jugend die Möglichkeit einzuräumen, „ihrer Eigenart entsprechend die Korporationen sowohl innerlich wie äußerlich zu formen.“
Daran haben sich die Alten Herren etwa der Winfridia ab 1949 gehalten. Interessant sind zwei weitere konkrete Ratschläge: Die Alten Herren sollten nicht versuchen, ihre eigene Jugend und deren Vorstellungen in den Korporationen „noch einmal zu erleben.“ Sie sollten es den Jüngeren selbst überlassen, wen sie aufnähmen oder nicht. Auch darüber hat es Konflikte gegeben.
Pater Siemer schließt mit der Feststellung: Die Jungen ließen sich erst dann von einem Älteren „leiten“, wenn sie dessen „Persönlichkeitswert“ – worunter er wohl persönliche Kompetenz, einwandfreies moralisches Verhalten und Empathie verstand – erkannt hätten. Aber auch innerhalb der neu entstehenden Korporationen gab es Differenzen, auf die P. Siemer nicht eingeht, obgleich sie Pater Laurentius nicht entgangen sein können. Was ist gemeint?
Die „Kriegsheimkehrergeneration“ stieß auf die Abiturienten der ersten Nachkriegsjahre mit einer anderen persönlichen Biografie. Ich zitiere einen von ihnen, Dieter Mauer: „Die erste Semestergeneration von 1949 (bei der Winfridia) bestand zu einem nicht unwesentlichen Teil aus denjenigen, die in der Endphase des Zweiten Weltkriegs zu verschiedenen militärischen Einsatz-
formationen eingezogen oder vielmehr herangezogen wurden. Einige waren in Gefangenschaft geraten. Deshalb hatten sie eine ganz andere Vita als wir, die wir im November 1949 eingetreten sind. Zum Teil haben sich Spannungen entwickelt, u.a. aufgrund unterschiedlicher Ordnungsvorstellungen.“
Einer der Hauptursachen für diese „unterschiedlichen Ordnungsvorstellungen“ lag bei einigen Korporationen darin begründet, dass die Heimkehrer unter dem für einen Soldaten existenznotwendigen Prinzip „Befehl und Gehorsam“ gelebt hatten, was allerdings in der zivilen
Welt nach dem Krieg auf Ablehnung stoßen musste.
Auf eine weitere Spannung innerhalb der katholischen Korporationen in der Nachkriegszeit geht Dieter Mauer nicht ein, weil sie wohl bei Winfridia nicht feststellbar war, was auch damit zusammenhängen mag, dass sie anfänglich nur zehn Aktive zählte und erst 1949 wiedererstand. Welche Spannung meine ich?
Die skeptische Generation
Der KVer und spätere Bonner Historiker Konrad Repgen beklagte Anfang 1950, „die aus dem Krieg mit einer grenzenlosen Skepsis gegen alles Bisherige Heimgekehrten“ ständen „einem geschlossenen Block“ der Altherrenschaft gegenüber, wobei es besonders „um die Frage nach der des studentischen Gemeinschaftslebens“ ging.
Bei Winfridia, so schildert Dieter Mauer, berichteten die Alten Herren „aus ihrer Lebens- und Traditionserfahrung.“
Es ging folglich harmonisch zu, und es kam nicht zu einer Blockbildung. Die von Konrad Repgen, auch ein Kriegsheimkehrer, geforderte „wache geistige Anteilnahme an den wichtigen Problemen in Staat und Kirche, getragen von der persönlichen Freundschaft“, wurde bei Winfridia anscheinend sofort Realität.
Dabei half der glückliche Umstand, dass neben Pater Laurentius Siemer noch Pater Eberhard Welty, der selbst A-Philister der Winfridia war, sich um die Aktivitas kümmerte. Dieser herausragende Sozialethiker der Nachkriegszeit, der mit 63 Jahren viel zu früh verstorben ist, sollte bei Euch nicht in Vergessenheit geraten.
Widerstandskämpfer, die überlebt hatten
Wie Pater Siemer hatte er der Widerstandsgruppe im Kölner Kettelerhaus, „Kölner Kreis“ genannt, angehört und für seinen Mitbruder Diskussionsvorlagen erarbeitet. Da er bis auf eine Ausnahme an den Sitzungen des Widerstandskreises nicht teilnahm, fiel er der Gestapo nicht auf im Gegensatz etwa zu Nikolaus Groß, Heinrich Körner und dem Ehren-KVer Bernhard Letterhaus, die nach dem 20. Juli 1944 vor 75 Jahren verhaftet, verurteilt und hingerichtet wurden. Als der Krieg zu Ende war, zählte Pater Welty zu den Gründern der CDU als christliche und überkonfessionelle Partei. Sein in den 1950er Jahren bei Herder in Freiburg i.Br. erschienener dreibändiger Sozialkatechismus ist heute noch eine interessante Fundgrube und ein Beispiel dafür, wie man eine nicht ganz einfache Materie verständlich darbieten kann.
Auch für den KV leistete Pater Welty Entscheidendes: KVer wie er trugen mit zur „Wende zum Geist“ in den katholischen Korporationen bei. Das war eine Wiederentdeckung. Sieht man sich Semesterprogramme vor und nach dem Zweiten Weltkrieg an, so fällt sofort auf, und das trifft auch für Winfridia zu, dass nun wie zu den Gründerzeiten im neun-zehnten Jahrhundert wissenschaftliche Vorträge während des Semesters selbstverständlich wurden mit dem kleinen Unterschied, dass nun nicht nur mehr die Mitglieder als Referenten auftraten, sondern hochkarätige Persönlichkeiten als Redner gewonnen wurden, mit denen es zusätzlich oft zu einer Diskussion kam. Die frühere Eintönigkeit der Programme nach dem Ersten Weltkrieg, die weitgehend eine Abfolge von Konventen und Kneipen darboten, war damit überwunden.
Dieses Erbe aus unserer Entstehungszeit und aus der der Wiederbegründung nach dem Zweiten Weltkrieg wird, wie auch aus den Berichten in den „Winfridenblättern“ hervorgeht, bei Euch gewahrt, was inzwischen keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Als Vorsitzender der Historischen Kommission weiß ich, wo von ich rede. Wir sollten nicht vergessen, dass unser erster Verein, die heutige Askania, sich schon vor mehr als 160 Jahren mit dem zweiten Prinzip „Wissenschaft“ identifizierte. Ich komme auf das Interview mit Dieter Mauer zurück. Darin nimmt der Bau des Hauses der Winfridia einen breiten Raum ein. Noch heute muss man den Mut und das Vertrauen auf die Opferwilligkeit der Alten Herren bewundern und ihnen hoch anrechnen.
Dieter Mauer erwähnt, dass der Hausbau einigen Philistern zu riskant erschien und sie deshalb die Winfridia verließen. Dies war bei dem mitgliederschwachen Verein eine zusätzliche Belastung, hat aber die Mehrzahl offensichtlich nicht abgeschreckt. Bemerkenswert ist noch ein anderer Hinweis, warum es vermutlich zu weiteren Austritten bei Winfridia kam: die einsetzende Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Das „Tausendjährige Reich“: auch im KV ein Tabu
Führende Nationalsozialisten hat es im KV nicht gegeben. Der einzige, der ein höheres Amt in der NSDAP einnahm, hieß Heinrich Glasmeier. 1932 war er der Partei beigetreten und fungierte als Geschäftsführer des Gaus Westfalen-Nord. Er machte Karriere als Reichsintendant des gesamtdeutschen Rundfunks. Eine größere politische Rolle spielte er nie. Neben Glasmeier hat es vor 1933 noch ganz wenige andere Nazis gegeben, die dem KV bekannt waren. Das Verbot für die KVer, der NSDAP beizutreten von 1932, wäre eigentlich nicht nötig gewesen. Aber es sollte ein Zeichen setzen. Die meisten KVer, die der NSDAP und einem ihrer Organisationen wie SA und SS angehörten, traten erst nach der sogenannten Machtergreifung von 1933 bei.
Der Anteil derer, die dies taten, um Schlimmeres zu verhüten, oder weil sie schließlich überzeugt waren oder weil sie aus purem politischen Opportunismus handelten, ist nicht mehr feststellbar. Der Widerstandkämpfer Laurentius Siemer hat schon kurz nach dem Krieg die junge Generation indirekt davor gewarnt zu glauben, sie hätte es besser gemacht.
Wie sah es nach 1945 mit der Aufarbeitung der Vergangenheit aus?
Die meisten unserer KV-Korporationen und ihre Mitglieder gingen - was die Aufarbeitung der NS-Zeit anbetrifft, zur Tagesordnung über und sprachen erst gar nicht über die Vergangenheit, von Ausnahmen abgesehen. Auf der ersten Tagung Alter KVer im Januar 1947 in Düsseldorf waren die Jahre bis zum Untergang im Hitlerreich kein Thema. Die unrühmliche „Gleichschaltung“ des KV wurde nicht behandelt, ganz zu schweigen von der Einführung des Arierparagraphen 1933 und der Aufgabe des Katholizitätsprinzips 1934. Von Schuld oder wenigstens von Fehlern war nichts zu hören. Das blieb offiziell so.
In einem 1950 veröffentlichten Überblick über die KV-Geschichte wird über diese Fakten völlig hinweggegangen und nur das Verbot von 1938 erwähnt. Das spricht Bände. Als dann der frühere Redakteur der AM in der Weimarer Zeit Martin Luible in einer Schrift 1955 zehn Jahre nach Kriegsende die Fakten kommentarlos beim Namen nannte, gab es einen heftigen Disput, ob dies zulässig sei. Aber immerhin das Schweigen war gebrochen. Allerdings fehlte im KV-Handbuch von 1957 wieder der Hinweis auf die Einführung des Arierparagraphen, und die Gleichschaltung wurde, vorsichtig ausgedrückt, unvollständig dargestellt, um nicht falsch zu sagen. Doch wurden ab der 1970er Jahre die Vorgänge offen bekannt gemacht, unverhohlen in der Geschichte der Normannia-Würzburg zum Hundertjährigen Jubiläum im Jahr 1976.
Allen gefiel das nicht. Auch das KV-Handbuch von 1984 legte alle Fakten ungeschönt auf den Tisch. Eine zuverlässige wissenschaftliche Abhandlung über die Vorgänge 1933 erschien Ende der 1980er Jahre, die übrigens inzwischen stark ergänzt werden müsste.
Ein Haus schweißt zusammen, garantiert aber nicht den Zusammenhalt
Vor siebzig Jahren hat Winfridia den Kairos erkannt und die günstige Gelegenheit beim Schopf gefasst, neu zu beginnen wie andere KV-Korporationen auch. Inzwischen sind jedoch einige wieder untergegangen.
Warum Winfridia von einem solchen Schicksal bewahrt geblieben ist, müsste intensiver untersucht werden. Eins ist sicher, der Besitz eines Hauses schuf eine gute Ausgangsposition für ein intensives Korporationsleben. Aber auch ein Haus war keine Garantie. Eine größere Bedeutung spielte und spielt immer noch hierbei vermutlich, wie eine Korporation geführt wird und wie fest der Zusammenhalt und die Solidarität unter einander ist, und ferner wie stark man den Willen und die Begeisterung für die Idee spürt, eine Korporation mit Geist und Leben zu füllen.
So traue ich mir abschließend eine kühne Vorhersage zu: Winfridia ist auf dem richtigen Weg, um weitere siebzig Jahre zu bestehen.



