Dr. Matthias Belafi (Arm, Ale)

Ecclesia semper reformanda: der Synodale Weg der katholischen Kirche in Deutschland
Zukunftswerkstatt der Kirche

Mit gemischten Gefühlen bin ich am 30. Januar zur ersten Plenarversammlung des Synodalen Wegs der Kirche in Deutschland nach Frankfurt gefahren. Zu skeptisch war und bin ich, ob angesichts der Polarisierung, die die Debatte über den Synodalen Weg bereits im Vorfeld erreicht hat, ein vernünftiges Ergebnis erzielt werden kann. Schließlich gibt es auf der einen Seite die Blockierer, die den Prozess, der immerhin mit einer Zweidrittelmehrheit der deutschen Bischöfe angestoßen wurde, völlig ablehnen.

Der Kölner Erzbischof, Rainer Maria Kardinal Woelki, hatte nur wenige Tage vor der Synodalversammlung verlauten lassen, dass ihn die Beschlüsse des Synodalen Wegs nicht binden – kirchenrechtlich eine Binsenweisheit,  kirchenpolitischeine reine Provokation. Auf der anderen Seite gehen zahlreiche Vertreter des Reformflügels mit Maximalforderungen in den Synodalen Weg, die ich gleichermaßen nicht teile. So hat beispielsweise die Katholische Frauengemeinschaft Deutschlands (kfd) öffentlich erklärt, für sie sei definitiv eine rote Linie überschritten, wenn die Bischöfe kein Votum zur Frauenweihe nach Rom schicken würden.

Hier und an anderen Stellen werden Erwartungen an ein radikales Umkrempeln der Kirche geschürt, die nicht eingehalten werden können, ja die aus meiner Sicht vielleicht noch nicht einmal eingehalten werden sollen.

Angesichts dieser inhaltlichen Spannung zwischen den verschiedenen Flügeln, die der Synodale Weg zu einem vernünftigen Ergebnis zusammenführen muss, frage ich mich, ob dieser Spagat gelingen kann. Meine Bewerbung beim ZdK für die Wahl in die Synodalversammlung habe ich vor diesem Hintergrund im wahrsten Sinne des Wortes bis zur letzten Minute herausgezögert. Am Ende fühlte ich mich aber verantwortlich, die kirchliche Mitte beim Synodalen Weg zu stärken. Wenn so viele der deutschen Bischöfe auf das Kirchenvolk zugehen und ihm einen so weitreichenden synodalen Prozess anbieten, dann kann und darf man das aus meiner Sicht nicht ausschlagen.

Gefahr der Ergebnislosigkeit

Denn es stimmt ja: Es muss sich etwas tun in der Kirche. Ausgangspunkt des Synodalen Wegs ist die sogenannte MHG-Studie, die die Deutsche Bischofskonferenz angesichts der zahlreichen Fälle sexuellen Missbrauchs im Raum der Kirche in Auftrag gegeben hat. Diese Studie hat Hypothesen aufgestellt, dass die Machtverteilung in der Kirche, die priesterliche Lebensform sowie die kirchliche Sexualmoral ein Klima begünstigen, das den sexuellen Missbrauch im Raum der Kirche ermöglicht hat. Als weiteres Thema ist die Stellung der Frauen in der Kirche dazugekommen. Diesen vier Themen spürt der Synodale Weg nun in vier inhaltlichen Foren nach, die für die Synodalversammlung Beschlussvorlagen vorbereiten sollen. Dabei ist die MHG-Studie nur Anlass für die Diskussionen des Synodalen Wegs, die Themen lägen jedoch auch ohne Missbrauchsskandal auf dem Tisch.

Bei vielen Punkten dieser vier Themen – das gestehe ich ganz ehrlich – habe ich noch keine abgeschlossene Meinung. Ich weiß nicht, ob ich den Zölibat wirklich umfassend in Frage stellen wollte. Ich bin auch noch nicht sicher, wie ich zur Frage der Zulassung von Frauen zum Diakonat stehe. Aber eines ist klar: Wenn wir wollen, dass die Kirche so bleibt, wie sie ist – nämlich nicht ein Bollwerk des kleinen heiligen Rests, sondern eine Kirche, die in der gesellschaftlichen Breite Menschen anzusprechen und zu binden vermag –, dann wird sich vieles ändern müssen. Ganz im Sinne der ecclesia semper reformanda ist das auch gar nicht schlimm, sondern im Kern als Notwendigkeit grundgelegt.

Die Kirche hätte allen Grund, Laien mehr Verantwortung zuzutrauen

Auch wenn ich also noch keine völlig vorgeformten Antworten auf die beim Synodalen Weg aufgeworfenen Fragen habe, so bin ich doch von der Handlungsnotwendigkeit überzeugt:
Die Frage der Machtverteilung in der Kirche zu stellen, erscheint mir schon allein deshalb notwendig zu sein, da bei der immer geringer werdenden Attraktivität des Priesterberufs vielleicht nicht nur die Quantität, sondern wohl auch die Qualität des Priesternachwuchses sinkt und damit auch die des Kreises derjenigen, aus dem das Führungspersonal der Kirche rekrutiert wird.

Hinsichtlich der priesterlichen Lebensform bin ich mir nach zehn Jahren beruflicher Tätigkeit für die Deutsche Bischofskonferenz ziemlich sicher, dass es nicht nur einigen Bischöfen, sondern auch vielen anderen Klerikern gut tun würde, wenn sie nicht nur bei Mitarbeitern und Klerikerfreunden, sondern auch in einer Partnerschaft ein Feedback und Korrektiv finden würden.

Die Stellung der Frauen in der Kirche mag uns als Männerverband zwar vielleicht nicht als erste Sorge umtreiben. Im Gegenteil: Ich finde die Fokussierung der Debatte auf Kleriker einerseits und Frauen andererseits nicht hilfreich. Hier muss man aufpassen, dass die legitimen Anliegen männlicher Laien nicht unter die Räder kommen. Zudem finde ich es angesichts der öffentlichen Zuspitzung und der massiven Kampagnen der Frauenverbände auch wichtig zu betonen, dass die Frage der Frauen nicht die einzige Frage hinsichtlich einer gelingenden Zukunft der Kirche ist. Dass es sich aber um eine wichtige Frage handelt, halte ich ebenso für unbestritten.

Falsche Auswüchse verdunkeln den wertvollen Gehalt der kirchlichen Sexualmoral

Und auch bei der Frage der Sexualmoral muss die Kirche meines Erachtens dringend ihre Positionen überdenken. Die Kirche hat bei diesem Thema eine wichtige Botschaft zu vermitteln. Denn angesichts der gesellschaftlich zunehmenden Haltung des „anything goes“ sollte es bei der Sexualmoral im Kern darum gehen, dass gerade in einem so intimen und deshalb verletzlichen Bereich jeder Einzelne seine Freiheit in Verantwortung wahrnimmt. Die kirchliche Sexualmoral hat jedoch aus meiner Sicht nicht zu begründende und zum Teil auch falsche Auswüchse entwickelt und daraus Normen abgeleitet, die die wertvollen Gehalte der kirchlichen Sexualmoral verdunkeln. Dabei hätte die Kirche allen Grund, den Laien auch an dieser Stelle eine viel größere Verantwortung zuzutrauen.

Natürlich kämen für den Synodalen Weg darüber hinaus auch weitere Themen in Betracht wie z.B. die Frage der Strukturreformen, die ihn fast allen Bistümern vollzogen werden und bei denen die Pfarreien angesichts des Priestermangels in neuen großen Seelsorgeeinheiten strukturiert werden. Der thematische Schwerpunkt liegt nun aber auf den besagten vier Themen rund um die große Problematik des sexuellen Missbrauchs, der die Kirche in der Öffentlichkeit in eine große Vertrauenskrise gestürzt hat.

Kirchenaustritte: Abstimmung mit den Füßen

Die Mitglieder der Kirche vollziehen letztlich eine Abstimmung mit den Füßen. Nachdem die Zahl der Austritte aus der Katholischen Kirche im Jahr 2018 mit 216.000 bereits auf einem Rekordwert lag (eine Steigerung im Vergleich zu 2017 von über 48.000 Austritten), so scheint sich die Zahl im 2019 wohl noch einmal deutlich erhöht zu haben. Auch wenn die abschließenden Zahlen dazu erst im Sommer veröffentlicht werden, deuten alle vorab bekannt gewordenen Werte eine weitere dramatische Steigerung an.

An dieser Stelle sind wir jedoch an einem zentralen Punkt der Debatte angekommen. Denn die konservativen Kritiker des Synodalen Wegs bemängeln vor allem, dass die Kirche in Deutschland gar kein Problem in den vier genannten Themenbereichen hat, sondern in erster Linie in einer Glaubenskrise steckt. Und gerade bei der enormen Zahl der Kirchenaustritte geht es ganz sicher nicht nur um Unzufriedenheit mit kirchlichen Strukturfragen, sondern auch um einen dramatischen Mangel an Glauben in unserem Land. Ich bin jedoch strikt dagegen, die beiden Fragen gegeneinander auszuspielen. Eine Beschäftigung mit strukturellen Fragen darf den Blick auf die Notwendigkeit der Evangelisierung verstellen. Aber man wird der innerkirchlichen Aufgabe der Erneuerung auch nicht gerecht, indem man ausschließlich auf die Notwendigkeit der Evangelisierung verweist.

So ist sicher auch der Brief von Papst Franziskus an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland vom 29. Juni 2019 zu verstehen: Darin unterstreicht der Papst zwar die essentielle Bedeutung der Evangelisierung, aber sein Brief ist auch eine Ermutigung an die Kirche in Deutschland, auf ihrem eingeschlagenen Weg weiterzugehen. Letztlich stößt der Papst mit seinem Brief keine Seite vor den Kopf. Aber dies ist auch verständlich, wenn man sich die Funktion des Papstes als oberster Brückenbauer vor Augen führt.

Priesteramtskandidaten sind willkommen in katholischen Verbindungen

Jedenfalls gibt es Einiges, das man schon in Deutschland problemlos ändern kann. Ich denke dabei an ein sehr triviales, für unsere Korporationen aber wichtiges Beispiel, nämlich die Frage, inwieweit die Priesterausbildung mit der Teilnahme am Verbindungsleben vereinbart werden kann. Ich bin davon überzeugt, dass die Mitgliedschaft von Priesteramtskandidaten in Studentenverbindungen schon früh deren Kontakt zu mehr oder eben auch mal minder kirchlich engagierten Laien stärkt, Einblick in deren Fragen und Probleme gewährt und Freunde fürs Leben jenseits des Klerus und des eigenen Weihejahrgangs finden lässt.

Gleichwohl wird dies nicht immer und überall von Seiten der Verantwortlichen unterstützt. Für ein solches Thema braucht es aber keine weltkirchliche Klärung jahrhundertealter Glaubensfragen. Gleiches gilt für andere Aspekte der Priesterausbildung, für die Berücksichtigung von Frauen in Machtpositionen jenseits der Weiheämter usw.

Hier besteht zurecht die Erwartungshaltung, dass bei den Debatten des Synodalen Wegs nicht nur geredet wird, sondern man zu Ergebnissen kommt, die von einer großen Breite getragen werden und die letztlich auch eine Umsetzung in den deutschen Diözesen finden. Andere Themen werden hingegen nur in Rom zu klären sein. Sollten solche Fragen, die einer weltkirchlichen Antwort bedürfen, aufgeworfen werden, so werden sie in Rom vorgelegt werden.

Keine Denkverbote zu Fragen, die nicht zum Glaubenskern gehören

Hier zeigt sich auch, dass der Synodale Weg einen Beitrag zur Entwicklung der Weltkirche leisten und keinen deutschen Sonderweg einer Nationalkirche gehen will. Aber es gibt in der Kirche ja keine Denk- und Diskussionsverbote über nicht zum Glaubenskern gehörende Fragen, nur weil sie innerkirchlich schon einmal entschieden worden sind. Stattdessen ist es legitim, eine Sicht aus Deutschland in die weltkirchliche Debatte einzubringen. Und dass die Debatten keine rein deutschen sind, sieht man am großen Interesse, das der Synodale Weg auch in der Kirche in anderen Ländern findet. Die Kritik eines nationalen Alleingangs läuft also ins Leere.

Mit reaktionären Verweigerern und radikalen Revolutionären lässt sich keine Kirche bauen

In seinem Fazit der ersten Synodalversammlung hat der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode von einer „Zukunftswerkstatt der Kirche“ gesprochen. Hinter die gemeinsamen Erfahrungen, die man dort bereits gemacht habe, komme man nicht mehr zurück. Die Mehrheiten in der Synodalversammlung, so Bode, seien aus der Mitte gekommen. Diese Ansicht teile ich nach der ersten Synodalversammlung. Und deshalb hoffe ich, dass sich auch weiterhin eine Mehrheit aus der Mitte heraus durchsetzt. Denn in der Öffentlichkeit scheinen mir die polarisierenden Positionen der Ränder wesentlich deutlicher wahrgenommen zu werden. Sowohl mit reaktionären Verweigerern als auch mit radikalen Revolutionären lässt sich aber keine Kirche bauen. Die Kirche bedarf vielmehr der Erneuerung aus der Breite der Mitte heraus.

Diejenigen, die sich rund um die erste Synodalversammlung öffentlich beschwert haben, nicht hinreichend zu Wort gekommen zu sein, scheinen jedoch nur nicht wahrhaben zu wollen, dass sie nicht für die Mehrheit sprechen. Dabei ist mir auch klar, dass es bei Fragen der Wahrheit nicht um die Mehrheit geht. Aber deshalb wird auch noch lange nicht jeder, der in der Minderheit ist, automatisch für sich in Anspruch nehmen können, die Wahrheit zu vertreten. Synodalität vertraut eben auch auf den Sensus fidei, den Instinkt des Glaubens der Gesamtheit der Gläubigen.

Für das Gelingen des weiteren Prozesses erscheint es mir jedenfalls erforderlich zu sein, dass alle Beteiligten noch stärker als bisher aufeinander hören und sich auf einen echten Dialog einlassen. Wenn im weiteren Verlauf des Synodalen Wegs alle lediglich auf ihren vorgefertigten Meinungen beharren, dann wird es mit der Mehrheitsfindung und mit der Akzeptanz des Ergebnisses schwierig. Fürs Erste will ich jedoch darauf vertrauen, dass der Synodale Weg auch als geistlicher Prozess wirkt und somit Trennungen überwinden kann.

Dr. Matthias Belafi (Arm, Ale) vertritt den KV im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) und ist vom ZdK in die Synodalversammlung des Synodalen Wegs der Kirche in Deutschland gewählt worden.