Prof. Dr. Ottmar Edenhofer

Der Treibhauseffekt heizt dem Klima ein
Das Klima und die Kirche


Wir müssen verstehen und begreifen, dass der Klimawandel kein simples Umweltproblem ist: Er hat das Potenzial, die Grundlagen unserer Zivilisation zu zerstören. Es geht um die Zukunft der Erde und um die Frage, ob wir als Menschheit in der Lage sind, treuhänderisch mit dem umzugehen, was uns anvertraut ist. Das ist die große Herausforderung für die gesamte Menschheit. Und gleichzeitig ist es eine Frage der Moderne, nämlich danach, wie wir als Menschen auf dem Planeten in Zukunft leben wollen.

Wir befinden uns immer noch in der Phase, in der die Emissionen unaufhörlich steigen - trotz Fridays for Future, trotz der Klimakonferenzen, trotz der Einsichten der Klimawissenschaft. Es ist uns bisher nicht gelungen, die Emissionen zu stabilisieren, geschweige denn sie abzusenken. Das hängt vor allem damit zusammen, dass wir derzeit eine Renaissance der Kohle erleben. Der günstige Strom, der mittlerweile durch die erneuerbaren Energien produziert werden kann, führt zu einem Überangebot an Kohle und damit zu einem Preisverfall. Die Emissionen aus der Nutzung der Kohle haben in den 2000er Jahren erst richtig zugelegt, zu einem Zeitpunkt, als die großen internationalen Energieagenturen schon der Auffassung waren, die Kohle hätte die besten Tage hinter sich. Aus diesem Grund bin ich davon überzeugt, dass in den nächsten fünf Jahren die Kohlefrage von großer internationaler Bedeutung ist. Wenn wir diese Frage nicht im globalen Maßstab lösen, werden wir die Klimaziele des Paris-Abkommens nicht erreichen. Stattdessen müssen wir uns dann mit der Frage auseinandersetzen, wie die Menschheit mit dem gefährlichen Klimawandel leben kann und leben muss.
Die Emissionen steigen also weiter, und diese steigenden Emissionen treiben uns auf einen Pfad, der uns am Ende des Jahrhunderts einen Anstieg von 4 bis 5 Grad der globalen Mitteltemperatur bescheren wird. Wir haben bestenfalls eine vage Ahnung, was es bedeutet, in einer 4- oder 5-Grad wärmeren Welt zu leben. Wir steuern damit den Planeten in einen Zustand, in dem wir nicht mehr wissen, wie das Erdsystem als Ganzes und seine Komponenten funktionieren werden. Der jüngste 1,5-Grad-Bericht des Weltklimarats veranschaulicht, was wir eigentlich alles aufs Spiel setzen, wenn wir so weitermachen wie bisher. Wissenschaftliche fundierte Studien legen nahe, dass als erstes die Ökosysteme Opfer dieser Erwärmung sein werden. Bei einem Anstieg der globalen Mitteltemperatur von nur einem Grad verschwinden die Korallenriffe völlig von unserem Planeten und die marinen Ökosysteme werden in ihrer Funktionsfähigkeit fundamental zerstört.

Meere gefährdet:

Ozeane werden warm und sauer Wenn wir aber davon ausgehen, dass wir im Verlauf dieses Jahrhunderts neun, zehn oder gar elf Milliarden Menschen ernähren wollen, sind wir aller Wahrscheinlichkeit nach verstärkt auf die Ozeane und damit die marinen Ökosysteme angewiesen. Hinzu kommt die Zunahme der Extremwetterereignisse wie Dürren und Überschwemmungen: Die beiden letzten Hitzesommer haben uns in Deutschland eine gewisse Ahnung davon vermittelt, was das bedeuten könnte. Dies ist aber alles nur kühler Tau gegen das, was bereits heute schon in der südlichen Hemisphäre gang und gäbe ist. Einbrüche in der Agrarproduktion und in der Arbeitsproduktivität könnten die Folge sein. Der Klimawandel verschärft die Ungleichheit in und zwischen Ländern und damit auch das Konfliktpotential. Gewaltsame Auseinandersetzungen und Migration können die Folge sein. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass bei einem Anstieg der globalen Mitteltemperatur um 4 oder 5 Grad die Kipppunkte, die sogenannten Tipping Points, zu einer irreversiblen Veränderung des Erdsystems führen könnten. Einer dieser Tipping Points ist der Amazonas. Er ist nicht nur das größte Reservoir für Biodiversität, er ist auch die Apotheke der Welt und zugleich einer der größten Kohlenstoffspeicher. Steigt jedoch die globale Mitteltemperatur um 4 bis 5 Grad an, könnte der Amazonas von einer Netto-Senke für CO2 zu einer Netto-Quelle werden. Wenn dieses Ökosystem kollabiert, ist eine gravierende Zunahme des Treibhauseffekts die Folge.

Aus all den ausgeführten Gründen haben die Klimawissenschaftler im Paris-Abkommen darauf gedrungen, den Anstieg der globalen Mitteltemperatur auf unter 2 Grad zu begrenzen. Idealerweise wären es 1,5 Grad, aber das ist jedoch wahrscheinlich zu ehrgeizig, weil wir 1,5 Grad fast schon erreicht haben. Unter 2 Grad ist also bereits ein relativ ambitioniertes Ziel.

Was genau ist nun mit einer Stabilisierung bei 1,5 oder unter 2 Grad gemeint? Eine Stabilisierung unter 2 Grad bedeutet, dass wir nur noch eine begrenzte Menge an CO2 in der Atmosphäre ablagern dürfen. Man kann die Atmosphäre mit einer Badewanne vergleichen, die einen Zulauf, aber keinen Ablauf hat. Warum? Weil das wichtigste Treibhausgas CO2 eine sehr lange Lebensdauer hat. Unser Zulauf sind die Emissionen, die jährlich in diese Badewanne einfließen. Weil sie aber keinen Ablauf hat, steigt der Wasserpegel ständig. Auf die Atmosphäre übersetzt heißt das, die kumulative Menge an CO2 nimmt kontinuierlich zu. Diesen „Wasserpegel“ nennen wir in der Klimawissenschaft die CO2-Konzentration. Wollen wir also den Füllstand unserer Badewanne ohne Ablauf stabilisieren, müssen wir die jährlichen Emissionen, die über den Zulauf kommen, irgendwann auf Null stellen. Man kann noch darüber streiten, wo der Pegel stabilisiert werden muss: Etwa bei einer halbvollen Badewanne, oder wenn die Badewanne kurz vorm Überlaufen ist.
Wir wollen die Badewanne nicht überlaufen lassen. Darum geht es in der Klimapolitik, und deshalb muss der Zufluss an Emissionen Null werden. Um das 1,5-Grad-Ziel erreichen zu können, müssen die Emissionen im Jahr 2050 Null betragen. Wenn wir uns ein bisschen mehr Zeit geben, vielleicht zehn, fünfzehn Jahre, dann steuern wir auf das 2-Grad-Ziel zu. Aber am Ende geht es nur um Eines: dass die Emissionen, der Zulauf in die Badewanne, Null werden. Viele Politiker beobachten immer nur den Zulauf. Wenn dieser ein bisschen geringer wird, dann werten sie dies bereits als großen Erfolg. Natürlich ist es schön, wenn er abnimmt. Aber wenn die Badewanne schon ziemlich voll ist und immer mehr hinein läuft, dann geht die Badewanne irgendwann über. Das zu verhindern ist die Herausforderung der Klimapolitik.

CO2 heizt das Klima auf

Man kann mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass in der Atmosphäre noch ungefähr zwischen 700 und 800 Gigatonnen CO2 abgelagert werden können. Wo genau dieser Wert derzeit liegt, wird noch diskutiert. Das können wir aber getrost der Klimawissenschaft und der Klimaökonomie im Detail überlassen. Für uns ist vor allem die ungefähre Größenordnung wichtig. Was genau bedeutet das also, wenn wir sagen, dass wir nur noch 700 bis 800 Gigatonnen CO2, am besten natürlich nur 700 Gigatonnen, in der Atmosphäre ablagern dürfen?

Gemessen an der begrenzten Aufnahmefähigkeit der Atmosphäre haben wir im 21. Jahrhundert keine Knappheit, sondern ein Überangebot an den fossilen Energieträgern, nämlich 15.000 Gigatonnen CO2 in Form von Kohle, Öl und Gas, die noch im Boden lagern.

Vor dem Hintergrund dieser Tatsachen lässt sich ein interessantes Gedankenexperiment machen. Wir stellen uns dazu einmal vor, die Welt wäre genau umgekehrt. Wir dürften weitere 15.000 Gigatonnen CO2in der Atmosphäre ablagern, hätten aber nur noch achthundert Gigatonnen im Boden. Wie würde die Welt dann aussehen? Müsste ein deutscher Wirtschaftsminister im Bundestag zu dieser Problematik eine Rede halten, dann würde er etwa wie folgt argumentieren: „In den nächsten zehn Jahren werden die Ressourcenpreise auf dem gesamten Planeten für Kohle, Öl und Gas dramatisch steigen. Es ist ein Imperativ der deutschen Wettbewerbsfähigkeit, dass wir die erneuerbaren Energien ausbauen, die Energieeffizienz erhöhen, und dass wir unseren energieintensiven Lebensstil überdenken. Eine Nation, eine Volkswirtschaft, die dies nicht zustande bringt, wird in ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit dramatisch zurückfallen“.

Sanfter Zwang zum effizienten Umgang mit Energie

Mit anderen Worten, die internationalen Ressourcenmärkte würden uns auf den Pfad der energiepolitischen Tugend zwingen. Wir würden mit Energie effizienter umgehen, weil uns schlicht und ergreifend nichts anderes übrig bliebe. Tatsächlich leben wir aber in einer Welt, die ein Überangebot fossiler Energieträger vorhält, in der gleichzeitig jedoch die Atmosphäre nur noch sehr begrenzt aufnahmefähig ist. Das Problem ist, dass die Atmosphäre als eine wilde Deponie missbraucht wird. In dieser Atmosphäre darf jeder nach Gutdünken seine Emissionen ablagern. Je reicher jemand ist, je mehr fossile Energieträger er verbraucht, umso mehr kann er ablagern. Wir nutzen die Atmosphäre ganz einfach nach dem Grundsatz des Rechts des Stärkeren. Stattdessen müssten jedoch Nutzungsrechte definiert werden, damit die Atmosphäre eben nicht als wilde Deponie begriffen wird, sondern als ein globales Gemeinschaftseigentum der Menschheit. Das ist der Kernsatz der Enzyklika Laudato Si von Papst Franziskus. Dort heißt es: Das Klima ist „ein gemeinschaftliches Gut von allen für alle.“ Dieser Satz benennt die ethische und globale Herausforderung, vor der wir stehen. Nicht die Ressourcenmärkte, nicht die Mechanik der Wirtschaft, nicht die Knappheit der Natur, sondern die ethische Einsicht ist es, die uns zu einem treuhänderischen Umgang mit dem globalen Gemeinschaftseigentum der Menschheit verpflichtet. Angesichts der möglichen Konsequenzen für die Weltbevölkerung sucht der Papst den ökumenischen Schulterschluss.

Weder der ökonomische Zwang, noch der politische Zwang, noch der Zwang der Natur muss uns zu einem verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgang mit dem globalen Gemeinschaftseigentum  bewegen, sondern die vernünftige Einsicht in die Notwendigkeit. Das ist die entscheidende Aufgabe: aus freier Einsicht ein internationales Abkommen zustande zu bringen, das fair, gerecht und effizient ist. Das ist eine große und schwierige Herausforderung. Aus diesem Grund halten die Wirtschaftsminister auf dem Planeten eben nicht solche Reden über einen notwendigen Ausbau der erneuerbaren Energien und über die nachhaltige Änderung unseres Lebensstils. Stattdessen propagieren sie, dass Klimaschutz zwar wichtig ist, aber die Wettbewerbsfähigkeit nicht gefährden dürfe. Sonst wären deutsche Arbeitsplätze bedroht, was in niemandes Interesse sein könne; deswegen Klimaschutz mit Maß und Ziel. Was im Klartext heißt: kein Klimaschutz.

Richtig daran ist, dass die Menschheit als Ganzes ein internationales Abkommen zustande bringen muss, in dem sich Staaten nicht mehr als Trittbrettfahrer verhalten. In Zeiten von Donald Trump
und der neuen brasilianischen Regierung ist das zugegebenermaßen ungeheuer schwer. Der Multilateralismus ist bedroht, globale Solidarität hat im Augen-blick keine Hochkonjunktur in den internationalen Verhandlungen und trotzdem ist dieses Abkommen eine der zentralen Aufgaben unseres Landes. Es ist eine der zentralen Aufgaben der Kirchen, den Multilateralismus, die Einsicht in die globale Sicherheit stark zu machen.Was getan werden muss, um ein solches Abkommen zu entwerfen und wie es letztendlich zustande kommt, ist eine interessante und schwierige Aufgabe. Meiner Ansicht nach erfordert es eine fundamentale, grundlegende Reform unseres Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells. Die internationalen Klimaverhandlungen und die Klimadiplomatie werden häufig als ein furchtbar langatmiges Geschäft empfunden, und damit verbunden hört man oft die Frage nach einem besseren, einfacheren Weg. Könnte man sich denn nicht einfach darauf verlassen, dass vielleicht der technische Fortschritt für uns das Problem doch irgendwie löst? Die Kosten für die Erneuerbaren sind bereits so dramatisch gesunken. Wären wir am Ende nicht doch besser dran, wenn wir die Klimapolitik oder den Klimaschutz in die Hände deutscher Ingenieure legten, als in die Hände von internationalen Klimadiplomaten?

Lassen wir uns einmal für einen Augenblick auf dieses Gedankenexperiment ein. Stellen wir uns vor, wir wachen morgen früh auf, und stellen fest, Photovoltaik und Windenergie wären so billig, dass niemand mehr einen Anreiz hätte, Kohle aus dem Boden zu holen. Dann wäre das Problem in der Tat gelöst. Wenn aber dieser Prozess der Kostenreduzierung für die Erneuerbaren Zeit braucht, kommt eine entscheidende Schwierigkeit hinzu. Was passiert in der Zwischenzeit? China und Deutschland bauen nun beispielsweise die Erneuerbaren aus und fragen dadurch gleichzeitig weniger fossile Energieträger nach. In der Konsequenz sinken deren Preise. Folglich werden wieder vermehrt fossile Energieträger nachgefragt. Das ist genau das, was im Augenblick in der Weltwirtschaft passiert. Wir fördern und bauen die Erneuerbaren aus. China ist der größte Markt für diese alternativen Energien und zugleich auch der größte Investor in die Kohle. Auch Deutschland hat seit 2011 zehn neue Kohlekraftwerke gebaut, Deutschland ist abhängig von der Kohle. Wir sind gleichzeitig ein Land der Erneuerbaren und ein Kohleland.

Wenn wir auf unser Bild von der Badewanne ohne Ablauf zurückkommen, in der nur noch eine begrenzte Menge an CO2 Platz hat, ist es entscheidend, wie lange der Zulauf noch offen ist. Und weil das so ist, können wir nicht warten, bis die Kosten für Photovoltaik und für Windenergie so billig sind, dass niemand mehr auf dem Planeten einen Anreiz hat, Kohle, Öl und Gas aus dem Boden zu holen. Leider ist jedoch, wie bereits dargestellt, das Gegenteil der Fall. Insgesamt bauen oder planen Länder wie die Türkei, Indonesien, Vietnam, Südafrika, Korea, Japan und Bangladesch derzeit weltweit 1500 zusätzliche Kohlekraftwerke. Allein die im Betrieb befindlichen und neu geplanten Kohlekraftwerke werden die Atmosphäre mit etwa 330 Gigatonnen CO2 zusätzlich belasten. Damit verbrauchen sie allein schon fast die Hälfte des noch verbleibenden CO2-Budgets für die Temperaturobergrenze von 2°C, zu dessen Einhaltung sich die Regierungen in Paris verpflichtet haben.
Auch in Deutschland ist der Anteil der Kohle im Stromsektor trotz der starken Förderung der erneuerbaren Energien nicht gesunken. Vor allem Wind- und Solarenergie stellen die deutsche Stromversorgung bereits heute zu einem Drittel sicher. Wenn die Sonne scheint und der Wind weht, produzieren erneuerbare Energien den Strom zu variablen Kosten von null. Dann sind die fossilen Kraftwerke nicht rentabel und exportieren den Kohlestrom ins europäische Ausland. Wenn durch die Wetterlagen Windräder und Photovoltaik keine Energie produzieren können, werden für die Stromproduktion Steinkohle- und Braunkohlekraftwerke eingesetzt. Deren Stromgestehungskosten sind niedriger als die der Gaskraftwerke. Das Ergebnis: Obwohl der Anteil der erneuerbaren Energien gestiegen ist, sinken die Emissionen im Stromsektor nur noch geringfügig. Deutschland wird seine bis 2020 selbstgesetzten Klimaziele deshalb wohl nicht erreichen.

CO2 -freie Technik verdrängt nicht zwingend fossile Energieträger

Sicherlich wird der technische Fortschritt bei den Speichertechnologien und der Ausbau integrierter Stromnetze die Kosten weiter senken. Dennoch: Die Hoffnung, der technische Fortschritt allein würde das Klimaproblem lösen und man könne sich zeitraubende internationale Verhandlungen ersparen, ist trügerisch. Wenn CO2-freie Technologien wie die Kernenergie oder die erneuerbaren Energien billiger werden, steigt deren Marktanteil. Im Umkehrschluss sinkt folglich die Nachfrage nach fossilen Energieträgern. Dieser Rückgang wird teilweise dadurch überkompensiert, dass bei geringerem Bedarf die Preise für Kohle, Öl und Gas fallen und damit insgesamt mehr fossile, weil billige, Energie verbraucht wird. Das gilt insbesondere für Länder, die sich keine ehrgeizigen Klimaziele gesetzt haben. Der technische Fortschritt bei den Erneuerbaren führt also nicht zwangsläufig zum Rückgang der Nutzung fossiler Energien. Folgerichtig führt die Förderung CO2-freier Technologien alleine nicht zum Ziel.

Erst wenn die Verursacher von Treibhausgasen für ihre Emissionen zahlen müssen, ändert sich die Situation grundlegend. Denn ein CO2-Preis macht erstens die Nutzung schmutziger fossiler Energie weniger profitabel. Zweitens gibt er einen Anreiz für saubere Innovationen. Und drittens führt er zu Einnahmen für den Staat, welche dieser wahlweise in den dringend nötigen Ausbau von Infrastruktur stecken kann, in Steuersenkungen (in Deutschland etwa bei der Stromsteuer) oder in die direkte Rückerstattung an die Bürgerinnen und Bürger. So kann man soziale Gerechtigkeit schaffen, denn Haushalte mit niedrigem Einkommen profitieren relativ gesehen mehr davon als solche mit hohem Einkommen. Wer hingegen ausschließlich mit Ordnungsrecht Klimapolitik zu machen versucht, handelt nicht nur am Markt vorbei; er erzielt vor allem auch keine Einnahmen. Derzeit werden die fossilen Energieträger noch im weltweiten Schritt mit 150 US-Dollar jährlich subventioniert, legt man die von ihnen verursachten Umwelt- und Gesundheitskosten als Berechnungsmaßstab zugrunde.

In den frühen Morgenstunden des 20. September 2019 beschloss der erweiterte Koalitionsausschusses das lang ersehnte „Klimaschutzprogramm 2030“ der Bundesregierung – mit einem neuen CO2-Preisinstrument auch für die Sektoren Verkehr und Wärme in Deutschland. Im Vermittlungsausschuss zwischen Bundestag und Bundesrat wurde am 16. Dezember 2019 das Einstiegsniveau bei der CO2-Bepreisung, auf das sich das Klimakabinett geeinigt hatte, substantiell erhöht. Die Verordnung schafft einen erheblichen finanziellen Anreiz dafür, dass Deutschland Emissionen in den nicht vom EU-Emissionshandel erfassten Sektoren vermeidet – also in den Sek-
toren Verkehr, Wärme, Gebäude und Landwirtschaft. Kann nämlich ein EU-Mitgliedstaat seine Minderungsverpflichtungen nicht erfüllen, ist er verpflichtet, sich Emissionsrechte bei anderen Mitgliedstaaten zu kaufen.

Klimapaket setzt auf Förderung und Ordnungsrecht

Daher hat Deutschland mit dem Klimaschutzgesetz zahlreiche Maßnahmen zur Senkung seiner (nationalen) CO2-Emissionen in diesen Sektoren beschlossen. Insgesamt werden 62 Milliarden Euro bis zum Jahr 2023 für den Klimaschutz ausgegeben. Dabei setzt das Klimapaket vor allem auf Fördermaßnahmen und Ordnungsrecht. Mit dem Paket wird jedoch auch der Einstieg in die nationale CO2-Bepreisung im Rahmen eines nationalen Emissionshandels für Wärme und Verkehr initiiert. Anfänglich wird der Preis auf 25 Euro pro Tonne CO2 im Jahr 2021 festgesetzt, bis 2025 soll er auf 55 Euro steigen. 2026 erfolgt dann die Freigabe im Rahmen eines Preiskorridors. Dies soll dafür sorgen, dass Deutschland die von der EU vorgegebenen jährlichen Mengenziele erreicht. Die CO2-Bepreisung hat – anders als andere Klimapolitikinstrumente der Bundesregierung – einen großen Vorteil: Sie generiert Einnahmen, die bei kluger Ausgestaltung einen sozialen Ausgleich erlauben. Durch die Änderungen im Vermittlungsausschuss wird nun ein sozial verträglicher Einstieg in die CO2-Bepreisung erreicht. Um auch bei steigenden Preisen eine ausgewogene Verteilung der Belastung zu gewährleisten, müssen allerdings in späteren Jahren die Einnahmen aus der CO2-Bepreisung in größerem Umfang als bisher vorgesehen an die Bürgerinnen und Bürger zurückerstattet werden.  
Insgesamt ist das von der Bundesregierung beschlossene Klimapaket ein erster Schritt in die richtige Richtung. Zu befürchten steht, dass die verabschiedeten Maßnahmen nicht ausreichend sind, um die europarechtlichen Verpflichtungen einzuhalten.

Nötig: Einheitliche CO2-Preise für ganz Europa

Wenn es gelingt, einen einheitlichen CO2-Preis für Europa zu etablieren, könnte dies ein Grundstein für globalen Verhandlungen über Mindestpreise werden. Die UN-Klimakonferenz COP 25 in Madrid hat über Artikel 6 des Pariser Weltklimaabkommens verhandelt. Dieser soll es den Vertragsstaaten ermöglichen, miteinander zu kooperieren und so ihre Anstrengungen beim Klimaschutz zu erhöhen. So sollen sie Minderungsmaßnahmen in anderen Ländern erbringen können, die ihnen dann auf die nationalen Anstrengungen angerechnet werden. In diesem Rahmen könnten grenzüberschreitende Kohlenstoffmärkte entstehen. Zwar brachten die Verhandlungen in Madrid kein konkretes Ergebnis, denn grundsätzlich ist es schwierig, sich auf nationale Mengenziele und Anrechnungen zu einigen. Doch die Hoffnung bleibt, dass in den nächsten COP-Runden der Einstieg in Verhandlungen über CO2-Mindestpreise erfolgt. Würde der CO2-Preis auch das Leitinstrument der internationalen Klimapolitik, wäre eine echte Wende der Klimapolitik eingeleitet.

In Deutschland ist aber zumindest der mit dem Klimapaket bewirkte Paradigmenwechsel hin zu einer Bepreisung ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Der eigentliche Grund dafür ist aber nicht, wie Politik und Expertengremien zuweilen betonen, dass ein deutscher oder europäischer CO2-Preis ökonomisch effizient oder effektiv wäre. Denn auch ein ambitionierter Preis in Deutschland oder Europa wird den Klimawandel nicht aufhalten können, solange sich nicht auch andere Länder beteiligen. Der Paradigmenwechsel hin zu einer CO2-Bepreisung ist so wichtig durch ihren potenziellen Beitrag zur Lösung des internationalen Koordinations- und Kooperationsproblems.

Auch Wohlstand in Gefahr

Kooperation entsteht nicht durch ein Flickwerk selbstgesteckter nationaler und regionaler Mengenziele oder langfristige Subventionen. Ein CO2-Preis kann dagegen Fokalpunkt der internationalen Verhandlungen um wirkungsvolle Maßnahmen werden.

Die Bundesregierung hat, wenn auch zögerlich, beim Schnüren des Klimapakets einen Schritt in die richtige Richtung gemacht. Ein CO2-Preis, der schrittweise ansteigt, ist ein politisches Instrument, dass für die Marktteilnehmer Planungssicherheit und letztlich Innovationsanreize schafft. Seriöse Abschätzungen gehen davon aus, dass eine ehrgeizige Klimapolitik uns nur wenige Prozentpunkte globalen Wirtschaftswachstums kosten wird – wir erreichen also dieselben Wachstumsziele, nur wenige Jahre später. Machen wir hingegen einfach weiter wie bisher und stoßen ungehemmt Treibhausgase aus, so gefährden wir auf Dauer unseren Wohlstand ganz grundsätzlich. Wir können es uns aussuchen. Wir zahlen für Klimaschäden, wobei das menschliche Leid nicht in Geld aufzuwiegen ist. Oder wir vermeiden die größten Risiken und investieren in die Klimastabilisierung.

Der Autor ist Professor an der Technischen Universität Berlin und, zusammen mit Johan Rockström, Direktor sowie Chefökonom am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK). Der Artikel erschien Ende 2019 in der Zeitschrift der katholischen Akademie Bayern „zur debatte“. Wir veröffentlichen ihn leicht bearbeitet mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Akademie.