Sei bei dir zu Haus

Ich gönne mir jedes Jahr eine Woche der Einkehr, eine Zeit für geistliche Übungen (Exerzitien) und freue mich auf die Zeit der Stille im Gästehaus eines Klosters oder an einem anderen geeigneten Ort:

Zeit zum Durchatmen,
Zeit für Gott,
Zeit für das Gebet und die Betrachtung der Heiligen Schrift …
… Zeit, zu mir selbst zurückzukehren.

Nun erlebe ich zurzeit keine geplante und freiwillige Zeit der Stille, sondern angesichts der Corona-Pandemie gleichsam eine Zeit der unfreiwilligen Entschleunigung. Viel Zeit verbringe ich am Schreibtisch daheim, das Telefon ist unverzichtbar für die geistliche Begleitung, da ich auf Besuche, die ich mache oder bei mir empfange, so weit als möglich verzichten muss. Schmerzlich vermisse ich die Feier der Gottesdienste in der Gemeinschaft der Glaubenden, gerade am heutigen Tag (21. März), da ich dieses „Geistliche Wort“ für unsere Verbandszeitschrift verfasse. Der 21. März ist der Todestag des hl. Benedikt von Nursia, des Vaters des Mönchtums im Abendland. 

Benedikt von Nursia (ca. 480 - 547), aus vornehmen Geschlecht stammend, wurde zum Studium nach Rom gesandt, verließ die Stadt jedoch fluchtartig, da er befürchtete, dort im moralisch-sitt-lichem Verfall seiner Zeit selbst zugrunde zu gehen. Er zog sich zurück in die Einsamkeit in das Tal des Anio (ca. 80 km östlich von Rom) und lebte dort in einer Höhle. Heute befindet sich an diesem Ort das Benediktiner-Kloster „Sacro Speco“ (heilige Höhle) bei Subiaco. „Die Zeit in Subiaco, eine Zeit der Einsamkeit mit Gott, war für Benedikt eine Zeit der Reifung. Dort musste er die drei Grundversuchungen eines jeden Menschen ertragen und überwinden: die Versuchung, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen, die Ver-suchung der Sinnlichkeit und schließlich die Versuchung des Zornes und der Rache. Es war nämlich Benedikts Überzeugung, dass er nur nach dem Sieg über diese Versuchungen den anderen ein für ihre Nöte nützliches Wort hätte sagen können. Nachdem er mit seiner Seele in Frieden gekommen war, war er dann dazu imstande, gänzlich die Triebe des Ichs zu beherrschen, um so ein Friedensstifter für seine Umgebung zu sein.“ (Papst Benedikt XVI. über den Heiligen Benedikt in der Generalaudienz am 9. April 2008)(1)

In die Lebensbeschreibung des heiligen Benedikt, die Papst Gregor der Große verfasste, fügte dieser einen Begriff ein: Habitare Secum - Wohnen bei (in) sich selbst. Diesen Begriff hat Gregor der Große nicht selbst geprägt, sondern übernahm ihn aus der antiken Philosophie. Gab es bereits bei Platon im
4. Jahrhundert vor Christus das Motiv des Seins der Seele bei sich selbst,(2) tauchte der Begriff „Habitare Secum“ schließlich im 1. Jahrhundert nach Christus bei Aulus Persius auf, der das Wohnen bei sich selbst mit Selbsterkenntnis verband.

Gregor der Große fügt diesen Begriff in seine Lebensbeschreibung des Heiligen Benedikt ein und prägt damit einen Grundbegriff christlicher Spiritualität, der den Diakon Petrus, den Dialogpartner Gregors, zur Nachfrage veranlasste:

„PETRUS: Es ist mir nicht ganz klar,
was das bedeutet:
‚Er wohnte in sich selbst.‘
GREGOR: Hätte der heilige Mann
die Brüder,
die sich einmütig gegen ihn verschworen hatten
und deren Lebensweise sich von der
seinen sehr unterschied,
lange unter Zwang führen wollen,
so hätte er vielleicht seine Kräfte überfordert,
die innere Ruhe verloren und das Auge seines Geistes
vom Licht der inneren Schau abgewandt.
Wenn er, Tag für Tag von ihrer Unverbesserlichkeit ermüdet,
weniger auf sich selbst geachtet hätte,
dann hätte er vielleicht sich selbst verloren,
ohne die anderen zu finden.
 
Sooft wir nämlich durch die Unruhe  der Gedanken
zu sehr aus uns herausgeführt werden,
sind wir zwar noch wir selbst,
aber nicht mehr in uns selbst;
denn wir verlieren uns selbst aus dem  Blick
und schweifen anderswo umher.“(3)

„Habitare secum“ - ein Grundbegriff christlicher Lebensführung meint nicht etwas, das man hat oder auch nicht, und ist somit kein angeborener Habitus des Einzelnen. Vielmehr geht es um eine geistliche Übung, einen beständigen Weg, ein Exerzitium, um mit Gott und mit sich selbst vertraut zu werden. Dafür braucht es den Freiraum des entschleunigten Lebens.

Bleibe zu Hause.
Gehe in Dein Inneres
und begegne Gott.

Hans-Joachim Leciejewski (Urb, E d Cher)

Anmerkungen
(1) Die ganze Ansprache findet sich: www.vatican.va/content/benedict-xvi/de/xvi_aud_20080409.html/
(Vermerk: Link existiert nicht mehr, 30.01.2023)
(2) Phaidon 67d
(3) Gregor der Große: Buch II der Dialoge: 3.5