Reinhard Nixdorf (Nm-W)

Ein Virus legt das Leben lahm
Leben und Glauben in der Corona-Krise


Viele haben in den Zeiten des Corona-Virus gelernt, wie Home office geht. Und dass Home office keineswegs entspannter verläuft als die Arbeit im Büro mit den nörgelnden Kollegen und dem hochnäsigen Chef - zumal, wenn daheim neben der Arbeit auch die Kinder mit betreut werden müssen. Aber was ist mit denen, die diesen Stress gar nicht haben, weil es zu Hause niemanden gibt, der diesen Stress verursachen könnte? Was passiert, wenn die so genannten sozialen Netzwerke der einzige Kontakt zur Welt werden? Wer kümmert sich um die Schwächeren in unserer Gesellschaft, wenn alle die Krise haben, diese aber die Schwächeren härter trifft?

Als in Spanien Medizineinheiten der Armee in Altenheime gingen, um dort zu desinfizieren, bot sich ihnen ein Bild des Grauens: hilflose Menschen, vom Pflegepersonal im Stich gelassen, manche der alten Leute waren bereits tot. Man kann nur hoffen, dass es dazu hierzulande nicht kommt.

Selten zeigte sich die Verletzbarkeit der Menschen und die Kontingenz gesellschaftlicher Ordnungen, medizinischer Ressourcen und wissenschaftlicher Erkenntnisse so drastisch wie in der Corona-Krise. Unsere gesellschaftlichen Systeme - Recht, Bildung, Kultur, Wirtschaft, Finanzen, Konsum, Gesundheit, Sport, Freizeit - lassen sich nur noch aufrechterhalten, falls sie eine Pause einlegen.

Dasselbe gilt für die Kirchen und Religionsgemeinschaften. Auch sie können in der Corona-Krise nur weiterbestehen, wenn ein Konstitutivum, das räumliche Versammeln der Gläubigen an einem gemeinsamen Ort zur Anbetung und Verehrung Gottes, zur Lehre oder zum Gespräch über den Glauben, erst einmal zeitweilig unterbleibt. Also sind öffentliche Gottesdienste ausgesetzt, kirchliche Veranstaltungen gestrichen worden. Also kommuniziert die Kirche, wie auch die Gläubigen untereinander vorsichtshalber eher über Videowand und Internet.

Sind die Christen kleingläubig geworden?

Zeugt das von Verantwortung oder ist das ein Zeichen von Kleinglauben? Gibt es Anlass, den Christen vorzuwerfen, sie trauten sich nicht mehr in die Kirche, weil sie Angst haben, sich im Gottesdienst mit Viren anzustecken? Die Antworten darauf differieren. Beispiel war die Diskussion über die Frage, ob die Art und Weise, wie die Kommunion in orthodoxen Kirchen praktiziert wird, in Zeiten von Corona noch zu verantworten ist. In der Orthodoxie werden Wein und Brotkrümel nicht nur aus demselben Kelch gespendet, sondern auch vom selben Silberlöffel. Da das Corona-Virus das Atemsystem befällt und durch Tropfen übertragen wird, trage diese Praxis zur Verbreitung des Corona-Virus bei, kritisierten Ärzte. Die Antwort der griechisch-orthodoxen Kirche: „Die Heilige Synode der Kirche Griechenlands betont, dass die Kommunion aus demselben Kelch, dem Kelch des Lebens, keine Krankheiten übertragen kann. Die Gläubigen, die zur Kommunion kommen, auch inmitten einer Pandemie, wissen, dass sie sich dem lebenden Gott übergeben und ihre Liebe beweisen, die jede menschliche und vielleicht begründete Angst besiegt.“

Ähnlich äußerte sich der Patriarch der rumänisch-orthodoxen Kirche, der dabei auch betonte, dass die Praxis, Ikonen zu küssen, beibehalten werden dürfe, weil die Gläubigen „das Gebet und den Segen der auf den Ikonen dargestellten Heiligen“ genießen. Die Priester sollten den Gläubigen die Angst nehmen, „um ihren Glauben zu stärken und die kirchliche Gemeinschaft zu vergrößern“. - „Ist das Realitätssinn wider die Hysterie, magische Befangenheit oder schlichtweg Weltfremdheit?“ fragte Johannes Röser in der Zeitschrift „Christ in der Gegenwart“.

Scharlatane am Werk

Tatsächlich zeugt die Ansicht, von „heiligen Zeichen“ könne keine Anstekungsgefahr ausgehen, nicht nur von einem falschen Sakramentsverständnis, sondern auch von einem falschen, magischen Gottesbild - als wäre Gott ein Zauberer, der nach Belieben in die natürlichen Geschehnisse eingreift und sie verändert. Dieser Ansicht war offenbar eine evangelikale Gemeinde im brasilianischen Porto Alegre, die, berichtete die Katholische Nachrichten-Agentur, eine Salbung mit gesegneten Öl anbietet, das die jeweiligen Personen vor einer Corona-Infektion schützen soll. Mittlerweile wird gegen die betreffenden Kirchenführer wegen Scharlatanerie ermittelt. Dieselbe Spur beschritt eine Freikirche in Malawi, wo ein selbsternannter Prophet sich daran gemacht hat, das Virus als Dämon zu „identifizieren“ und auszutreiben: „Ich stehe hier und befehle diesem Dämon herauszukommen. Du wirst verschwinden im Namen Jesu“, lautet, wie es heißt, der Exorzismusspruch.

Ist Corona etwa eine Strafe Gottes?

Und wer argwöhnt, Corona sei eine Strafe Gottes, macht sich von Gott das Bild eines beleidigten, mit Seuchen strafenden Götzen, dem wir keinen Glauben schenken sollten. Dagegen betont das gemeinsame Wort der katholischen, evangelischen und orthodoxen Kirchen vom 20. März ganz klar: „Krankheit ist keine Strafe Gottes, weder für einzelne noch für eine ganze Gesellschaft, Nationen, Kontinente oder die ganze Menschheit. Krankheiten gehören zu unserer menschlichen Natur als verwundbare und zerbrechliche Wesen.“

Von solch einem Gottesirrtum hat sich übrigens lange vor unserer aufgeklärten Zeit das Johannes-Evangelium verabschiedet - und zwar in der Geschichte von der Heilung des Blindge-borenen in Joh 9. Dort versuchen die Jünger zunächst, die Erblindung als göttliche Strafe auf eine Verfehlung des Blindgeborenen oder seine Eltern zu erklären: Sie fragen Jesus nämlich: „Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst? Oder haben seine Eltern gesündigt, sodass er blind geboren wurde?“ Und Jesus antwortet: „Nein, weder er, noch seine Eltern haben gesündigt, sondern das Wirken Gottes soll an ihm offenbar werden.“

In der Geschichte der Heilung des Blindgeborenen wird in mehreren Akten vor-exerziert, dass sich in Jesu Wirken Gottes heilende Zuwendung zum Menschen zeigt. Natürlich hat sich das Bild Gottes im Glauben der Christen von der Antike bis heute immer wieder tief verändert. Als trügerisch hat sich jedoch ein magisch orientierter, eigentlich zynischer Aberglaube erwiesen. Daher sollte er längst überlebt und abgetan sein.

Es war die umstürzende Erfahrung der Pestzeit  - und von dieser katastrophalen Situation im vierzehnten Jahrhundert sind die Menschen in der Corona-Krise weit entfernt - die vieles von dem, was vorher geglaubt wurde, auf der Schutthalde des Abwegigen, Unglaubwürdigen entsorgt hat. Damit wurde der Weg frei gemacht zur Renaissance, zur Aufklärung und zur Moderne.
Der Mensch traute alten, täuschenden Heilsversprechen nicht mehr, entdeckte seine eigene Mündigkeit und lernte, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen.

Mehr Mut zum eigenen Urteil!

Dieser Impuls geht auch von der Corona-Krise aus: Denn mit Vernunft und Realismus lässt sich diese Krise allemal besser bestehen, als mit Hysterie, Verschwörungstheorien und falschen Gottesvorstellungen. Und wer Mut hat, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen und darüber nachdenkt, welches Gottesbild glaubwürdig ist und nicht in die Irre führt, der erhält manchen guten Impuls dazu aus den Texten der Bibel - zusammen mit der alten Weisheit der Glaubensbekenntnisse. Diese sollte man indes nicht wörtlich, wohl aber ernst nehmen.     Es ist viel gemutmaßt worden, wie die Erfahrungen der Corona-Krise den Menschen verändern werden - und das bereits, kurz nachdem die Corona-Krise  das ganze Land still gelegt hatte: Einmal mehr zeigt sich etwa, wie verletzbar das menschliche Leben ist, auch wenn mancher eingewandt hat: Ich gehöre nicht zur Risikogruppe, also wird mir das Virus schon nicht ganz so gefährlich werden. Aber beim Blick auf die vielen Beerdigungen in Italien wird einem schon anders, denn hier zeigt sich: Leben ist vorläufig. Der Mensch ist zerbrechlich, er steht auf der Kippe zwischen Leben und Tod.

Ebenso rasch und deutlich zeigte sich, dass gerade Krisen das Schlechte, aber Gott sei Dank auch das Beste im Menschen zum Vorschein bringen: Einerseits versuchten manche Leute, Kapital aus der Krise für sich herauszuschlagen, wenn sie etwa Desinfektionsmittel oder Mundschutz überteuert verkauften. Andererseits entdeckten viele ihr gutes Herz wieder, hatten plötzlich für andere eine helfende Hand, ein gutes Wort bereit, halfen seelisch, - auch wenn sie physisch Abstand hielten.

Helden des Alltags

Plötzlich wurde selbstverständliches wertgeschätzt, was so selbstverständlich eigentlich nicht ist: etwa die Leistung von Ärzten, Pflegern, Krankenschwestern, Altenbetreuern und vielen anderen, die einen sozialen Dienst tun - Tag für Tag, mit viel Herzblut und Engagement, trotz mancher Widrigkeit. Oder der stille Einsatz der vielen Menschen, die schwerkranke Angehörige, behinderte Kinder pflegen - über Jahre, über Jahrzehnte hinweg. In „normalen Zeiten“ wäre das schwerlich eine Nachricht wert gewesen. Jetzt wurden sie alle zu Helden des Alltags. „So wird diese Krise“, sagte Kb Dr. Dominik Meiering im WDR, „vielleicht auch zu einer Relativitätstheorie der Prioritäten führen: was ist uns wichtig, wer bedarf unserer Zuwendung, wem möchten wir aufhelfen in seiner Not?“

Zumal bei allem Lob auf die allgemeine Solidarität ebenso laut darauf hingewiesen wird, dass  Solidarität nicht alles sei und man gefälligst auch an die Wirtschaft denken müsse. Es ist wahr: Viele Betriebe stehen still, Pleiten sind zu erwarten, der wirtschaftliche Kollaps wird drohend an die Wand gemalt. Besonders schlimm daran ist: Mit solch einem Untergangsszenario wird zugleich eine ziemlich menschenverachtende Rechnung aufgemacht: Können wir uns den Schutz aller Bürger und Solidarität mit den besonders gefährdeten älteren Menschen auf Dauer leisten? Müssen wir nicht zügig die Beschränkungen im öffentlichen Leben aufheben und sogar viele Todesopfer in Kauf nehmen, um Wirtschaft und Aktienmärkte zu retten? Also: Geld oder Leben? Vielleicht bleibt uns die handfeste Antwort darauf erspart. Dennoch wäre es nicht abwegig, wenn sich jeder selbst einmal fragen würde, wie weit seine eigene Solidarität im Zweifel denn wohl reicht.

Die moderne Gesellschaft ist daran gewohnt, einer Bedrohung, wie es die Corona-Seuche ist, naturwissenschaftlich, mit vernünftiger sozialer Organisation und medizinischen Mitteln zu begegnen. Keinen Machbarkeitswahn, wohl aber das Vertrauen in die Lösungskompetenz der wissenschaftlichen Forschung zu stärken - das ist auch aus Sicht der Theologe angemessen und notwendig.

Aber so wenig Grund es gibt, daran zu zweifeln, dass diese Krise bewältigt werden kann und gut enden wird, so sinnvoll ist, angesichts der Unberechenbarkeit des Lebens, die Bitte um Gottes Hilfe - nicht aus Rivalität zu den nötigen Anstrengungen, sondern als Antwort auf die Frage, ob es das Schicksal gut mit dem Menschen meint oder ob der Mensch diesem Schicksal schutzlos ausgeliefert ist.

Aufgehoben in Gottes Hand

Der christliche Glaube bietet dem Menschen einen Horizont des Vertrauens an. Weil Gott „ein Freund des Lebens“ (Weish 11,26) ist, ist der Mensch von dieser Zusage auch in Zeiten der Krise und Unsicherheit getragen - und ist dazu befreit, als Gottes Mitarbeiter solidarisch die Belastungen zu tragen und mitzuhelfen, die Herausforderungen zu überwinden. Die Zeichen, wie sie die Kirche kennt, Nachbarschaftshilfe und Caritas, das Gebet füreinander, die Sakramente, in denen Gott besonders nahe ist: stets geht es darum, zu zeigen, dass es einen tieferen, letzten Halt für den Menschen gibt.

Tief spürbar wird dies in der Feier der Eucharistie, vom Priester in der Corona-Krise wegen des Versammlungsverbotes stellvertretend im kleinen Rahmen gefeiert, sodass Gläubige daran nur indirekt, über die Medien teilnehmen können - und sei es in Gedanken, in der inneren Verbundenheit mit allen Christen: Jesu Vertrauen auf Gott, seine Solidarität mit den Menschen an den Rändern, mit Armen, Isolierten und Kranken, diese Haltung, die er mit seinem Leben bezahlt hat, zeigt sich hier: Wenn Jesus seine Jünger zu beten gelehrt hat: „Erlöse uns von dem Bösen!“ dann umfasst das jetzt auch die Bitte, die Corona-Krise zu überwinden.

 

„Wie viele Menschen üben sich jeden Tag in Geduld und flößen Hoffnung ein und sind darauf besorgt, keine Panik zu verbreiten, sondern Mitverantwortung zu fördern. Wie viele Väter, Mütter, Großväter und Großmütter, Lehrerinnen und Lehrer zeigen unseren Kindern mit kleinen und alltäglichen Gesten, wie sie einer Krise begegnen und sie durchstehen können, indem sie ihre Gewohnheiten anpassen, den Blick aufrichten und zum Gebet anregen. Wie viele Menschen beten für das Wohl aller, spenden und setzen sich dafür ein. Gebet und stiller Dienst - das sind unsere siegreichen Waffen.“ Papst Franziskus Ende März zur Corona-Krise