Mann des katholischen monarchistischen Widerstands gegen Hitler:
Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg

Kurz vor Kriegsende umgebracht

Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg, Onkel des 2018 verstorbenen Dirigenten Enoch zu Guttenberg und Großonkel von Verteidigungsminister a.D. Karl-Theodor zu Guttenberg, war ein führender Kopf im zivilen Widerstand gegen Hitler. 1902 in Würzburg geboren, begegnete er als Student in München erstmals Adolf Hitler, dessen Ideen er zunächst skeptisch beurteilte, später völlig ablehnte. Ende April jährt sich sein Todestag zum 75. Male. Als katholischer Konservativer und Monarchist folgte der Freiherr bereits während der Weimarer Republik publizistisch nicht den Strömungen seiner Zeit. Als 1934 seine Zeitschrift „Die Monarchie“ verboten wurde, gründete Guttenberg mit 31 Jahren die „Weißen Blätter“. Mit Autoren wie Reinhold Schneider, Jochen Klepper und Werner Bergengruen zeigte diese Zeitschrift in verdeckter Form Missstände im NS-System auf und sprach auch Rechtsbrüche an.

Als die Verschwörer scheiterten, wurden sie groß, nicht im Sinne tragischer Vergeblichkeit, sondern christlicher Bewährung. Ihren eigentlichen Sieg errangen sie in der Schmach der Zelle, unter Misshandlungen, vor ihrem Richter, der alle Gewalt der Willkür über sie hatte, aber keine über ihre Haltung, sie siegten als Bekenner.“

Als Reinhold Schneider dies in einer Rundfunkansprache 1949 verkündete, dachte er nicht zuletzt an seinen Freund Dr. Karl Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg. Schon früher hatte Schneider in der kleinen, Guttenberg gewidmeten Schrift „Allerseelen“ geschrieben: „Nach dem wenigen, was ich aus den letzten Monaten Ihrer Haft weiß, haben Sie in einer wunderbaren, gnadenhaften Sicherheit, ja Ergebenheit gelebt, stark nicht durch sich selbst, sondern durch einen Anderen, der mit Ihnen war und gleichsam Ihre Gefangenschaft teilte.“

Am 22. Mai 1902 wurde Guttenberg als jüngstes von vier Kindern in Würzburg geboren. Sein Vater starb drei Jahre später. Nach dem Abitur studierte er Geschichte und promovierte über „Die zeitgenössische Presse Deutschlands über Lenin“. Während seines Studiums war er unter anderem im Münchener KV-Verein Rheno-Bavaria aktiv, wo er gegen den späteren Bundesaußenminister Heinrich von Brentano zum Senior gewählt worden war, doch noch vor Semesterbeginn das Amt niederlegte.
1929 heiratete er Therese Benedikta Prinzessin zu Schwarzenberg, mit der er drei Kinder hatte. Guttenberg war überzeugter Monarchist und versuchte, diese Idee in der Presse zur Geltung zu bringen. Zunächst dachte er daran, eine eigene Pressestelle einzurichten. Später versuchte er, seine Vorstellungen in der Zeitschrift „Monarchie“ und dann, als diese 1934 von den Nationalsozialisten verboten wurde, in den monatlich erscheinenden „Weißen Blättern, Zeitschrift für Tradition, Geschichte und Staat“ umzusetzen. Erscheinungsort war Bad Neustadt an der Saale, gedruckt wurde die Zeitschrift in Mylau (Sachsen).

„Man versteht auf einmal das große Wort Gnade“

Der monarchische Gedanke war Guttenberg, der zum Kreis „Monarchistischer Widerstand in Bayern“ gehörte, dank seiner christlichen Wurzeln wichtig. Im ersten Artikel der „Weißen Blätter“ wurde seine Grundeinstellung in einem Satz zusammengefasst: „Alle großen Fragen lassen sich daran erkennen, dass sie tief durchdacht, zu Religiösen Fragen werden“.(1) So sollte die Zeitschrift noch Orientierung geben; denn, wie Guttenberg an Reinhold Schneider schrieb: „Man liest heute anders, glaube ich. Fast alles was man liest, macht einem die Notwendigkeit der inneren Entscheidung klar, will man überhaupt weiter bestehen (...) Früher konnte man über diese Dinge reden, jetzt steht man wirklich auf einmal ganz einsam, ganz für sich da, und nur von einem selbst hängt es ab, ob das Leben einen Sinn behält, und man weiß plötzlich, dass man dieser Frage durch nichts ausweichen kann und alles, was man ist oder noch ist, von ihr abhängt. (...).

Es kommt alles darauf an, dass man wirklich glauben kann. Wer wahrhaft glaubt, der ist über alle Not. Aber wie schwer ist der Weg dorthin! Man versteht auf einmal das große Wort Gnade. Sie werden verstehen, dass in solchen Momenten, die sicher heute viele erleben, Ihre Aufsätze nicht Lektüre im üblichen Sinn sind. Man erhofft, man verlangt mehr“.(2) Seine Zeitschrift ist, wie aus zahlreichen Leserschriften hervorgeht, diesem Anspruch gerecht geworden. Die Leser empfanden sich als „Gemeinde“.(3)

Die „Weißen Blätter“ waren einem weiteren Grundanliegen Guttenbergs verpflichtet: der Ökumene. Die beiden großen Konfessionen in Deutschland hat er noch als etwas die Menschen trennendes erfahren und bewusst erlitten. Er aber strebte Zeit seines Lebens „nach Brückenschlag und Zusammenwirken. Ihm kam es jederzeit mehr darauf an, verwandte Kräfte zu einen, als feindliche abzustoßen und niederzuringen“ (4), nicht zuletzt mit dem evangelischen Schriftsteller Jochen Klepper (1903-1942).

Gerade das aber verwehrte ihm sein Umfeld, der immer mehr um sich greifende Nationalsozialismus. Guttenberg, der in den entscheidenden Jahren der aufkommenden NS-Bewegung in München studiert hatte und Hitler selbst begegnet war, konnte sich aus eigenem Erleben ein Bild machen. Folgerichtig lehnte Guttenberg die ihm 1937 angebotene Aufnahme in die Partei ab: „Art und Form, mit welcher Religiöse und kirchliche Fragen innerhalb der Partei zeitweise behandelt und zu lösen versucht werden, lassen sich aber mit meinem Empfinden so schwer in Einklang bringen, dass ich ein ersprießliches Wirken für meine Person in der Partei selbst zur Zeit noch nicht zu sehen vermag (....).“ (5) Zeit seines Lebens fühlte sich Guttenberg seinem Gewissen verpflichtet. Schon der junge Student - in einem Disziplinarverfahren der Universität München 1924 wegen politischer Tätigkeiten freigesprochen - sagte: „Wir haben nach unserem Gewissen gehandelt, wir werden auch künftig ebenso handeln: nach unserem Gewissen“ (6).

„Ich glaube, hilf meinem Unglauben“

Das Fundament dieses Gewissens benannte er selbst deutlich bei seiner Tischrede aus Anlass seiner beiden kleine Töchter: „Ihr werdet jetzt heranwachsen, werdet Freunde bekommen, gute und weniger gute, werdet Lehrer haben, gute und weniger gute. Und sie alle werden Euch Ratschläge geben, wie ihr das Leben zu sehen und anzufassen habt (....). Die Güte aller Wege und Ratschläge könnt ihr daran ermessen, ob sie Euch erlauben, Gott unter die Augen zu treten“. (7)

Guttenberg war tief in seinem Glauben verankert. Er galt als ein kritisches Glied seiner Kirche, von der er, da er sich ihrer großen Qualitäten bewusst war, viel verlangte. Die damit verbundenen Auseinandersetzungen empfanden viele seiner Verwandten als „Nestbeschmutzung“. Seinen großen Humor verband er mit einer spitzen Zunge und so konnte er im kleinen Kreise auch einmal Bemerkungen äußern, die andere als kirchen-, ja glaubensfeindlich empfanden. Doch das waren im Grunde genommen Äußerlichkeiten, die mit seiner tiefsten Einstellung nichts zu tun hatten. Freunde sahen da oft tiefer; Reinhold Schneider berichtete: „Einmal hatten wir während eines nächtlichen Weges am Tiergarten (in Berlin) vom Glauben gesprochen; ich wusste kein anderes Wort als das unter Tränen hervorgebrochene des bedrängten Vaters: ?Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben.´ (8).

Reinhold Schneider erinnerte sich später, dass ihm „die höchst seltene Eigenschaft verliehen (war), andere zu verwandeln, zu verpflichten, sie auf ihren Weg zu schicken, ohne Befehl und ohne sich selber ernst zu nehmen. Denn ernst nahm er nur seinen Auftrag.“ Allerdings, wenn die Dinge gefährlich wurden, dann „musste (er) sich dorthin stellen, wo nur die wenigsten zu stehen wagten.“ Gerade seine Fähigkeit, „andere auf den Weg zu schicken“, spielte in den Jahren seiner Tätigkeit im Widerstand eine große Rolle. Guttenberg brachte Menschen zusammen und knüpfte Kontakte. So hat er nach dessen eigener Beschreibung Pater Augustin Rösch SJ mit Helmuth James Graf von Moltke zusammengeführt und so indirekt Pater Alfred Delp SJ in den Kreisauer Kreis eingeführt. (9)

Die Staatsgewalt steht nicht über Gottes Recht

Guttenberg verbrachte während des Krieges die Jahre 1942 bis 1943 in Berlin im Oberkommando der Wehrmacht (OKW) Abteilung Abwehr/Ausland in der Dienststelle des Admirals Wilhelm Canaris. Den Jahren des mehr theoretischen Widerstands gegen die Ideen des Nationalsozialismus, der in den „Weißen Blättern“ seinen Niederschlag gefunden hatte, folgte nun die rastlose Tätigkeit in der Vorbereitung des Staatsstreiches. Dienstlich fiel ihm die Aufgabe zu, gemeinsam mit Justus
Delbrück den Stoff für Hans von Dohnanyis Geheimberichte zu sichten, die die Verbrechen der Machthaber festhalten sollten. Die vielen neuen Einsichten in die Verbrechen des ins Regimes ließen Guttenberg von einem Gegner zu einem Befürworter des Tyrannenmordes werden. Guttenberg, der sein Vaterland liebte, hat sich die Teilnahme am Wi-derstand nicht einfach gemacht.

Das Widerstandsrecht, ja sogar die Pflicht des Christen dazu, leitete er aus zwei Erwägungen ab: „Wenn eine Staatsgewalt ihr eigenes Recht über Gottes Recht stellt, muss man dieses gegen sie verteidigen. Des weiteren hat ein Staatsvolk, das durch die Regierung in seiner Ehre und Menschenwürde bedroht, in seiner sittlichen Entwicklung gelähmt wird, das Recht der Notwehr gegen sie.“ (10)
Als immer mehr Freunde in die Hände der Gestapo fielen, auch Dohnanyi verhaftet worden war und die Gestapo Guttenberg wiederholt zu Verhören anforderte, versetzte ihn das OKW nach Agram (Zagreb) in den Stab des Bevollmächtigten Generals in Kroatien. Der Dienstplan ließ Guttenberg viel freie Hand und so „kam nun eine Grundeigenschaft seines Wesens zur vollsten Entfaltung: die Hilfsbereitschaft (...). Jetzt schaltete er sich (...) überall ein, wo Unrecht und Gewalttat zu verhüten oder halbwegs gutzumachen war“ (11).

Verhört und gefoltert

In die Planungen für das Attentat vom 20. Juli 1944 war Guttenberg nicht mehr eingebunden, er war nicht mehr im Zentrum der Vorbereitungen. Trotzdem wurde er nach dem missglückten Staatsstreich verhaftet und in das Gestapogefängnis Lehrter Straße in Berlin eingeliefert. Es folgten Verhöre, die auch mit Misshandlungen verbunden waren, dass ihm ein mitleidiger Gefängnisbeamter nachher heimlich mit Spritzen zu Hilfe kam. Aus dieser Zeit gibt es wertvolle Zeugnisse. So berichtete der spätere evangelische Landesbischof Hanns Lilje, dass Guttenberg ihn während eines Fliegerangriffs in seiner Zelle aufgesucht habe.

Guttenberg sei es auf Grund ihm unbekannter Manipulationen gelungen, während des Fliegeralarms, in dem die Häftlinge den Luftschutzkeller nicht aufsuchen durften, ungefesselt von Zelle  zu Zelle zu gehen. „Guttenberg“, so Lilje, „hatte sich die volle Fähigkeit bewahrt, an andere zu denken; und der Grund dafür war die einfache Tatsache, dass er ein Christ war. An ihm konnte man lernen, dass Güte und Mut auf eine verborgene Weise zusammengehören. Echte Güte ist das Vorrecht großer und furchtloser Wesen; die meisten Menschen sind zur Güte unfähig, weil sie zu furchtsam sind. Wer anders als ein furchtloser Mensch hätte diese stille Güte geübt, die er mit seinem nächtlichen Tun erwies? Wäre er je bei diesem Akt schlichter mutiger Menschlichkeit ertappt worden, so wären die Folgen für ihn selbst unabsehbar gewesen. Aber er lebte aus jener Güte, die aus der geheiligten Furchtlosigkeit erwächst. Er gehörte zu denen, die in diesem Hause das Bild menschlicher Würde und Hoheit rein gehalten haben. (12) Pater Augustin Rösch berichtete, dass Guttenberg ihm Brot für diejenigen unter den Gefangenen zugesteckt habe, denen es schlechter ging als ihm. (13)

Pater Rösch war es gelungen, zunächst in seiner Zelle und später, als die Häftlinge den Luftschutzkeller aufsuchen durften, dort die heilige Messe zu feiern und die heilige Kommunion zu spenden. Er berichtete, dass Guttenberg zu seinen eifrigsten und dankbarsten Teilnehmern gehört habe und er ihm noch die Wegzehrung habe geben können, als Guttenberg in der Nacht vom 23. auf den 24. April 1945 mit zwei seiner Mitgefangenen aus dem Luftschutzkeller herausgeholt worden war. (14) Seitdem fehlte jede Spur von ihm, man muss annehmen, dass er, der in keiner Verhandlung verurteilt worden war, meuchlings ermordet wurde.
So standen sein Leben und sein Tod konsequent unter dem Gedanken des Vorworts der „Weißen Blätter“ bei ihrem ersten Erscheinen im Mai 1934: „Denn der Wille (des Menschen) zu triumphieren macht die Erhaltung des eigenen Selbst zum obersten Gesetz. Ganz anders aber liegt der Fall, wenn die Fragen aus solchen Gebieten zu Religiösen Fragen werden. Hier steht nicht mehr die eigene Existenz, sondern das Seelenheil, nicht mehr die Ehre des Menschen, sondern die Ehre Gottes auf dem Spiel. Hier kann das Opfer des eigenen ich zur Selbstverständlichkeit werden“ (15). 

Maria Theodora Freifrau von dem Bottlenberg-Landsberg

Der Text ist entnommen dem zweibändigen Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“, herausgegeben von Prälat Prof. Dr Helmut Moll im Auftrag der Deutschen
Bischofskonferenz, 7. überarbeitete und aktualisierte Auflage 2019. Wir veröffentlichen ihn leicht bearbeitet mit freundlicher Genehmigung des Verlags Ferdinand Schöningh, Paderborn
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Anmerkungen
(1) Weiße Blätter, Mai 1934
(2) von dem Bottlenberg-Landsberg, Die „Weißen Blätter“ des Karl-Ludwig Freiherr von und zu Guttenberg. Zur Geschichte einer Zeitschrift monarchistisch-religiöser Opposition gegen den Nationalsozialismus 1934-1943 = Beiträge zum Widerstand 1933 -1945, Bd 41 (Berlin     1990, 20)
(3) ebd., 26
(4) Ritthaler, Karl-Ludwig von und zu Guttenberg. Ein politisches Lebensbild. Würzburg 1970, 11
(5) Cartarius, Opposition gegen Hitler. Deutscher Widerstand 1933-1945, Berlin 1984
(6) Ritthaler 12
(7) von dem Bottlenberg-Landsberg, Privatarchiv
(8) Reinhold Schneider, Verhüllter Tag, Köln 1956, 147 f
(9) vgl. Bleistein (Hrsg,) A. Rösch, Kampf gegen den Nationalsozialismus, Frankfurt 1985, 295f
(10) Ritthaler, 27
(11) Ebd. 33
(12) Hanns Lilje, 75-77
(13) vgl. Bleistein, 262
(14) vgl. Ritthaler, 37 und Bleistein, 262, 324)
(15) Weiße Blätter, Mai 1934