Die Glut sichern, das Feuer schüren
Von PD DDr.phil. habil. em. Paul Ridder (E d Mk)
Unter der Maske freier Information werden wir gegenwärtig in den Social Media (S.M.) über Freiheit, Kritik und Aufklärung getäuscht. Sie verzehren unsere Zeit, beanspruchen Energie, absorbieren Aufmerksamkeit, ersetzen Kreativität durch Passivität, täuschen eine illusionäre Welt ohne Geschichte vor. Sie erzwingen eine Ablenkung von jenem Leben, in dem man real handelt.
Das digitale Lesen, Teilen, Zwitschern bleibt oft folgenlos, führt nirgendwo hin, ändert nichts an realen Situationen; es führt in virtuelle Paradiese und lenkt ab vom Umgang mit den Mitmenschen. Unter dem geheuchelten Deckmantel freier Willensausübung täuscht eine Kultur hedonistischer Passivität darüber hinweg, dass sie fremder Manipulation zu Diensten ist und sich gegen die Interessen mündiger Menschen richtet, frei zu entscheiden.
Die digitalen Techniken tendieren dazu, ein anarchisches Mittel zur Umwertung der Werte zu werden (Entwertung menschlicher Würde), zur Verwahrlosung der Sprache und der Erosion von Hierarchien. Es braucht infolgedessen neuer Grundlagen für die Sicherheit unserer Orientierung! Nicht anders als im altgriechischen Mythos der unbesiegbare Riese Antäus bedürfen wir der Bodenhaftung. Die benötigte Sicherheit finden wir in Tradition, Ehre, Disziplin und Leistung, aber mehr noch in der Offenheit gegenüber anderen Menschen.
Der Umgang mit den bewährten Traditionen, immer wieder geprüft und für gut befunden, schreibt alte Geschichten fort, erhält und erneuert Bestände, sichert die Glut und schürt das Feuer. Zahlreiche Formeln helfen, mit der Tradition umzugehen, doch verharren sie meist bei einer sterilen Gegenüberstellung von Antinomien - ohne den Mechanismus des dynamischen Übergangs zu nennen, der offenbar seinen Anfang nimmt bei einer an den Maßstäben der Tradition rückversicherten Aufgeschlossenheit.
In der dynamischen Fortentwicklung mitmenschlicher Begegnungen, in der zyklischen Rückkehr zum Ursprung von Veränderungen, in Treue zur Tradition, Verwandlung und Verjüngung erneuert sich der Strom des Lebens. „Ursprung“ heißt „Entspringen“, also Anfang und Aufbruch, der im strömenden Wort sich wechselseitiges Verstehen gönnt. „So komm! Daß wir das Offene Schauen,/ Daß Lebendiges wir suchen, so weit es auch ist.“ (Hölderlin, „Brot und Wein“) Offenheit und Aufgeschlossenheit für Unbekanntes, die sich dem lebendigen Noch-nicht-Bestimmten öffnen, tragen zu einer gesunden Einstellung bei.
Jedes Elysium lebt von der Verjüngung. Doch Neuartigkeit übersteigt ungeliebt alte Gewohnheiten und wirft Vorhandenes zum alten Eisen. Eine Verjüngung ereignet sich schon durch den alljährlichen Zuwachs neuer Mitglieder, auch wenn die edelsten Blumen nur kurze Zeit blühen und am Ende welken. Da erscheint froher Sinn als die andauernde Blüte des Vereins. Das Leben in einer Korporation würde versiegen, wenn das dionysische Feuer zu brennen aufhörte. Man täusche sich nicht über die fragile Sicherheit eines Verbindungshauses: Gebäude, Wohnung, Satzung sind nur totes Fachwerk, das sich aus eigener Kraft nicht erneuern kann: Das Haus, in dem Leben herrschen soll, ist mit Leben zu füllen, es ist sein wahres Fundament.
