Der KStV Nassovia wird 125 Jahre alt

Unter den Farben „Blau-Orange-Blau“

Das KV Jahrbuch zählt nach der amtlichen Reihenfolge seiner KV-Korporationen Nassovia an 29. Stelle. Gleichzeitig mit Rhenania Innsbruck wurde Nassovia bei der 30. Generalversammlung in Aachen 1896 als a.o. Verein und bei der 31. Generalversammlung in Tübingen als ordentlicher Kartellverein aufgenommen.
Der eigentliche Gründungstag ist damit der 11. Januar 1895. An diesem Tag versammelten sich in einem Haus am Kirchplatz in Gießen eine Anzahl Gleichgesinnter, um Nassovia aus der Taufe zu heben. Die festen Formen einer Korporation wurden vorerst aber noch nicht angenommen.
Mit dem Namen knüpfte man bewusst an das in den 1840er Jahren in Gießen bestehende katholische Corps „Nassovia“ mit den Farben blau-orange an.
Am 4. Mai 1896 sprachen sich dann fünf katholische Studenten für die Gründung des KStV Nassovia aus. Als Wahlspruch wählte man auf dem 2. Konvent „In Treue fest“.

Aufblühen auf dem Boden der Diaspora

Auf dem spröden Boden der Universitätsstadt Gießen, die damals eine verschwindend kleine katholische Diasporagemeinde hatte, versuchte Nassovia, sich in den folgenden Jahren zu behaupten. Es waren nicht nur ruhige und gedeihliche Jahre, sondern auch Jahre des harten Kampfes um die Existenz der Verbindung. Nassovia aber behauptete sich und schlug an der Universität, in der Studentenschaft und nicht minder auch in der Bürgerschaft Wurzeln. Nassovia lebte und wirkte, bis 1914 der Erste Weltkrieg einen tiefen Einschnitt brachte.
Es kam die Zeit nach dem ersten Weltkrieg. Im äußeren Leben war die Korporation noch gehemmt durch die nicht allzu große Anziehungskraft der hessischen Landesuniversität, durch die infolgedessen meist nicht große Zahl der Aktiven und demgemäß der Altherrrenschaft und schließlich durch die bescheidene finanzielle Kraft ihrer Mitglieder.
Als Nassovia Anfang der dreißiger Jahre aus den verschiedenen vorhergehenden Wirtschaftslokalen in mehrere gemietete Räume in der Schottstraße umzog, in denen sie einen eigenen Wirtschaftsbetrieb entfaltete, schien das, so bescheiden es an sich auch war, doch ein großer Schritt vorwärts in die Richtung auf die erstrebte Selbstständigkeit in einem eigenen Heim.
Es kam das Schicksalsjahr 1933. An der mindestens inneren und zum Teil auch äußeren Gegnerschaft zum Nationalsozialismus war bei der übergroßen Mehrzahl der Korporationsmitglieder kein Zweifel. Die Aktivitas wurde in dieser Zeit den bekannten Experimenten der pseudomilitärischen Kameradschaften unterworfen und lebte, so gut und schlecht es ging, daneben den immer schmaler werdenden Rest eines Eigenlebens in alter Form. 1935 feierte man ein Stiftungsfest in größerem Rahmen und auf dem CC am Ende des Festes beschloss man die Selbstauflösung des Vereins.

Nach dem Zusammenbruch im Jahre 1945 dauerte es noch vier Jahre, bis Nassovia reaktiviert war. Mitte 1949 konstituierte sich ein katholischer Studentenverein, der sich den Namen „Nassovia“ zulegte, und dessen Patenschaft der Philisterverein Nassovia übernahm. Noch während des Sommersemesters 1949 wurde die Lizenz bei Senat und Regierung eingeholt und am 14. Januar 1950 in feierlichem Rahmen das Publikationsfest der jungen Korporation begangen.

Die Zeit des Wiederaufbaus war geprägt von starkem Zusammenhalt. Die Betreuung durch die Altherrenschaft war besonders gut. Nassovia besaß kein eigenes Heim, man traf sich in verschiedenen Gaststätten Gießens. Eine Reihe von Nassoven übernahmen Aufgaben in der katholischen Studentengemeinde oder in der studentischen Selbstverwaltung. Zweimal stellte Nassovia sogar den ASTA-Vorsitzenden.

In der Wiederaufbauzeit endlich ein eigenes Haus

Am 1. Januar 1958 erhielt Nassovia durch Anmietung des Hauses Händelstraße 35 ein eigenes Heim. Am 28 Juni des Jahres erfolgte die Wiedergründung des Hausbauvereins, der das Haus am 27. März 1962 erwarb. Das Haus wurde Mittelpunkt für die Treffen alter und junger Nassoven. Aber ganz besonders diente und dient es dem Leben der Aktivitas. Nassovia wechselte in den fünfziger und sechziger Jahren in seiner Stärke von fünf bis zwanzig Burschen, manches Semester war dabei von Existenzsorgen geprägt. Besonders schwierig war die Zeit zwischen 1969 und 1973. Damals wurde im KV das Katholizitätsprinzip in Frage gestellt und bis an die Grenze der Spaltung des Verbandes diskutiert. Gleichzeitig griff das Jahr 1968 mit der politischen Radikalisierung der Studentenszene auch auf die Korporationen über.
Zwar wurde das 75. Stiftungsfest im Sommersemester 1970 unter Teilnahme eines großen Teils der Altherrenschaft gefeiert. Doch auf den Konventen blieben die gegensätzlichen Auffassungen zwischen Altherrenschaft und Aktiven bestehen. Man blieb in dieser Zeit ohne Nachwuchs. Sowohl aus der Altherrenschaft wie aus der Aktivitas traten Mitglieder aus. Mit einem neuen Altherren- Vorstand und ein paar Aktiven begann 1973 ein Neuanfang.
Verbindungen fanden in den folgenden Jahren wenig Zuspruch, katholische Verbände - und damit Nassovia - nicht ausgenommen. So behauptete sich Nassovia in den folgenden Jahren mit einer Handvoll Aktiven. Der Konvent fand am Vorstandstisch statt. Das Haus war der Mittelpunkt des Verbindungslebens. Zusammenhalt war Groß geschrieben. Die kleine Aktivitas pflegte die Kontakte zur Altherrenschaft. Jüngere Alte Herren beteiligten sich am Verbindungsleben, indem sie im Vorstand mitarbeiteten.

Partnerschaft mit den Marburger Thuringen

Unterstützung erhielt Nassovia auch vom KStV Thuringia zu Marburg. In Nassovias 125 Jahre langer Geschichte bestand zu Thuringia stets ein gutes Verhältnis. Für die vielen Beweise kartellbrüderlicher Freundschaft sei an dieser Stelle unserem lieben Kartellverein gedankt.
Nach dem neunzigsten Stiftungsfest kam es wieder zu einem personellen Aufschwung. Zu Beginn der neunziger Jahre konnten wir die stolze Zahl von zwanzig Aktiven vorweisen. Hundert Jahre Nassovia vereinte 1995 jung und alt an zwei Terminen. Vom 13. bis zum 15. Januar hatten wir im Rahmen unseres Gründungsfest wieder Gelegenheit, alte Freundschaften zu pflegen und neue zu knüpfen. Die hundertste Wiederkehr der Stiftung unserer Nassovia am 11. Januar 1895 wurde mit Wein gefeiert. Seit 1958 wird das Gründungsfest als feierlicher Höhepunkt des Wintersemesters stets mit Wein gefeiert. Diese „Weinkneipen“ werden von den Alten Herren gestiftet. Es sind immer schöne Abende gemütlicher Geselligkeit, da ja kaum ein Getränk die Spannung besser lösen kann als Wein. Beim hundertsten Stiftungsfest Pfingsten 1995 scharte sich Alt und Jung um das blau-orange-blaue Banner. Generationen der Korporation waren beieinander.               
Die „Aufs und Abs“ in der Geschichte unserer Korporation lagen immer dicht nebeneinander. So sind wir in den letzten Jahren von Nachwuchssorgen geplagt.  Alte Herren haben sich reaktivieren lassen, um den Fortbestand unseres Bundes zu garantieren. Auch Thuringia half wieder und festigte so das „Silberne Band der Lahn“.
Bleibt zu hoffen, dass unsere fleißige Aktivitas bald wieder zu einer überlebensfähigen Aktivitas findet. In Nassovias 125 Jahre langer Geschichte sind viele Studenten unserem Bund beigetreten. Viele haben uns nach anfänglicher Begeisterung wieder verlassen und mancher Bundesbruder ist uns schon in die Ewigkeit vorausgegangen.
„In Treue fest!“ - Mit diesem Wahlspruch ging Nassovia durch 125 Jahre. Die Treue als Grundtugend führte die Mitglieder Nassoviae zusammen.
Der Wahlspruch war Begleiter durchs ganze Leben. Er findet Beachtung und Beispiel in der Hilfe und der Pflichterfüllung, im Beruf, in der Familie und im öffentlichen Leben. „In Treue fest“ wollen wir auch weiterhin durch unser Leben, unser Haltung und unser Leistung im Leben beweisen. Wir wollen Nassovias 125jähriges Bestehen mit rund hundert Alten Herren und unserer derzeit kleinen Aktivitas in der Hoffnung feiern, dass unser blau-orange-blaues Banner noch lange Zeit weiter wehen wird.

Dr. Hans-Jürgen Kleis (Nss)

Ein reaktivierter Herzog und ein hartnäckiges Vorurteil

Unsere Nassoven erinnern mit dem Namen ihres Bundes an ein Land, das immer mehr in Vergesssen gerät - und das zu Unrecht. Dabei umfasste das Herzogtum Nassau einen Teil der heutigen Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz, gehörte im Deutschen Bund zu den mittelgroßen Staaten und hatte dort durchaus Gewicht. Nachdem es zuvor bis ins Saarland und ins Siegerland gereicht hatte, war Nassau zuletzt etwa deckungsgleich mit dem Gebiet von Westerwald und Taunus. Noch nach 1945 soll es Bestrebungen gegeben haben, die von den Besatzungsbehörden zum neuen Bundesland Rheinland-Pfalz geschlagenen Teile mit den anderen nassauischen Gebieten innerhalb des Bundeslandes Hessen zu vereinigen. Aber ein geplanter Volksentscheid wurde so lange verschleppt, bis er bedeutungslos geworden war.

Im Lauf ihrer tausendjährigen Geschichte hat sich die Familie der Herzöge von Nassau immer wieder in Linien geteilt: Das niederländische Königshaus etwa stammt der Linie Nassau-Oranien ab. Erst 1806 gab es ein einziges Herzogtum Nassau. Die beiden bedeutendsten Männer der europäischen Geschichte des 19. Jahrhunderts formten und zerstörten Nassau. Kaiser Napoleon nahm das neu gebildete Herzogtum 1806 in den Rheinbund auf. Und der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck annektierte nach dem preußisch-österreichischen Krieg 1866 das mit Wien verbündete Land. Der Herzog von Nassau verlor Land und Thron, durfte aber mehrere Schlösser behalten, erhielt eine Millionenabfindung und galt fortan als einer der reichsten Männer Europas. Adolph kehrte niemals zurück in sein Land, sondern lebte fortan in Frankfurt und Wien und ab 1870 auf Schloss Hohenburg bei Lenggries.

Niemand ahnte, dass der entthronte Herzog 24 Jahre später Souverän eines anderen Landes werden sollte. Aufgrund eines 1783 geschlossenen Erbvertrages übernahm er 1890 nach dem Ende der Personalunion zwischen Luxemburg und den Niederlanden die Herrschaft als Großherzog von Luxemburg. Noch einmal regierte er zwölf Jahre ein Land, ehe er 1902 die Regierungsgeschäfte seinem Sohn Wilhelm übertrug. Adolph verstarb am 17. November 1905 in Schloss Hohenburg, wo er begraben wurde. 1953 erfolgte die Überführung in die Familiengruft in der Weilburger Schlosskirche. Diese Gruft, heißt es, gilt als exterritoriales Gebiet, das nicht zur Bundesrepublik, sondern zum Großherzogtum Luxemburg gehört. Adolphs Nachkommen regieren bis heute in Luxemburg als Großherzöge, zurzeit ist es Henri I.

Bis heute verbindet sich mit dem Begriff „Nassauer“ das Bild dreister Leute, die sich ohne Gegenleistung von anderen aushalten lassen. War Nassau also eine Brutstätte des Schmarotzertums? Ganz im Gegenteil: Mangels einer eigenen Universität zahlten die Herzöge von Nassau ihren studierenden Landeskindern an der Universität Göttingen Freitische, wo sie gratis essen konnten. Schlichen sich nun Studenten anderer Duodezstaaten an den Freitisch der Nassauer, um mit zu schmausen, so gingen sie „nassauern“. Alle anderen haben also genassauert, bloß die Nassauer nicht!