Festschrift zum Aufbruch in die Zukunft
Auf neunhundert reichbebilderten Seiten schildert Christian Delhey die Geschichte Semnonias und ihrer Bundesbrüder
Ist Peter Bongartz war begeistert: „Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll für diese großartige Arbeit“, schrieb der bekannte Schauspieler in seinem Dankesbrief für das Zusenden der Chronik der Semnonia. Er könne nachempfinden, dass Recherche oft schwieriger und zeitaufwendiger sei als das Schreiben selbst. Viele Namen habe er entdeckt, „die mir aus Erzählungen noch sehr gut im Ohr liegen“. Hinzu komme der „ausführliche Bericht über meinen Vater, der so viel auch für mich Neues beinhaltet.“ Denn sein Vater, Dr. Peter Bongartz senior, war KVer. Er hatte sich während seines Jurastudiums in den 1920er Jahren nicht nur Thuringia- Marburg und Nibelung-Köln, sondern auch der Semnonia in Berlin angeschlossen. Nach seinem Studium arbeitete Dr. Peter Bongartz als Rechtsanwalt und Fachanwalt für Steuerrecht, studierte nach dem Krieg auf Geheiß der Amerikaner in den Vereinigten Staaten Jura, um als Mittelsmann beim Wiederaufbau Deutschlands zu fungieren. 1946 war er Bürgermeister in Bergheim, 1970 starb er dort.
All das kann man der zweibändigen Chronik Semnoniae entnehmen, lenkt sie doch den Blick auf die Geschichte einer Korporation, die erst kürzlich wieder neu entstanden ist: 2010, so das Vorwort der Chronik, „war die Mitgliederzahl des Altherrenvereins Semnoniae Berlin auf drei B-Philister zurückgegangen - das veranlasste den Autor und einige weitere Kartellbrüder (die Mitglieder des damaligen Altherrenbundvorstands des KV), 2011 als B-Philister dieser Korporation beizutreten und deren Tradition so lange am Leben zu erhalten, bis eine geeignete Patenkorporation gefunden ist, welche die Tradition Semnoniae fortführen will und kann.“ Und diese Bemühungen hatten Erfolg: Heute gibt es wieder eine Semnonia. Freilich hat sie nicht ihren Sitz in Berlin, sondern wurde, nach kurzer Zwischenzeit in Münster, im Sommersemester 2016 in Osnabrück wieder gegründet. Heute hat Semnonia-Berlin zu Osnabrück eine rührige Aktivitas und eine Philister-Mannschaft, wie sie buntscheckiger kaum sein kann, da sie aus fünfzig verschiedenen Korporationen stammt. Und Semnonia verfügt über zwei Etagen in einem Haus in zentraler Lage, kann Zimmer an Studenten vermieten und diese für sich interessieren - auch für Semnonias Geschichte:
Semnonia entstand am 14. Februar 1911 als Tochter des KStV Guestphalia und Enkelin des KStV Askania. Der Grund: Askania und Guestphalia konzentrierten sich auf Studenten der Universität, Burgundia auf die technischen Hochschulen. Die Studenten der übrigen Hochschule blieben ohne Verein. So entstand unter dem Wahlspruch „In virtute robur“ (In der Tugend liegt die Kraft) an Berlins tierärztlicher Hochschule ein neuer Verein, der sich „Semnonia“ nannte. Unwillkürlich kommen einem da Variationen zu der englischen Fernsehserie „Der Doktor und das liebe Vieh“ in den Sinn: Wackere Semnonen, die sich von schlitzohrigen Viehbauern hinter die Fichte führen lassen oder mit Engelsgeduld die Darmträgheit des Dackels Herkules und all der anderen Haustiere behandeln, die von Herrchen und Frauchen fast zu Tode verwöhnt worden sind.
Es muss eine liebe Zeit gewesen sein - damals vor 1914. Indes blieb Semnonia wenig Zeit zum blühen, wachsen und gedeihen. Alle 21 Bundesbrüder eilten im Ersten Weltkrieg zu den Waffen, sechs von ihnen fielen, der studentische Betrieb kam zum Erliegen. Als die Waffen schwiegen, gelang es Semnonia nicht, sich wiederzubegründen; also verschmolz man mit der Mutterkorporation. Immerhin hielt der Philistersenior Dr. med. vet. Bruno Warkalla den Kontakt zwischen den Alten Herren der Semnonia aufrecht. Und 1924 tat sich auch etwas in Sachen Reaktivierung. Einige Askanen taten sich zusammen, um eine Korporation entstehen zu lassen, die sich von den alten, traditionellen Vereinen unterscheiden sollte und die sich eher als katholischer Freundeskreis zur Förderung geistiger und politischer Interessen verstand - natürlich neben den „selbstverständlichen Prinzipien des KV“, wie „Das Akademische Deutschland“ hervorhob.
Das Verbindungsleben entwickelte sich erstaunlich gut, auch wenn Semnonia kein eigenes Verbindungshaus besaß. Man wechselte regelmäßig seine Vereinskneipen und traf sich auch einmal bei einem Aktiven oder im Büro eines Alten Herren, etwa beim Bundesbruder und Rechtsanwalt Josef Wirmer, in der Hitlerdiktatur ein aufrechter
Katholik und Widerstandskämpfer, den die Nazis umbrachten. 1928 bis 1930 vertrat Semnonia als Vorort den KV. 1934 löste Semnonia aus Mitgliedermangel die Aktivitas auf.
Nach dem Krieg zeigte sich, dass viele Alte Herren umgekommen waren, manche hatten andere Sorgen, als sich um ihre Verbindung zu kümmern, und wer in der „Ostzone“ lebte, war schwer zu erreichen. Zudem ließen die wirtschaftlichen, personellen und politischen Zustände in Berlin erst Anfang der 1950-er Jahre ein Wiederaufleben der Korporationen zu.
So bestand die Altherrenschaft der Semnonia zwar weiter, doch wurde auch keine Reaktivierung versucht. Erst 2011 taten sich ein paar Kartellbrüder zusammen, um Semnonia neues Leben einzuhauchen.
Diese bewegte Geschichte spiegelt Semnonias Chronik wider: Band I lässt die Jahre von 1911 bis 2019 Revue passieren, Band II widmet sich den Biographien der Bundesbrüder. Und dabei trifft man auch auf so wichtige Persönlichkeiten wie den Großstadtapostel Dr. Carl Sonnenschein, den Zentrumspolitiker und Reichskanzler Wilhelm Marx, den Gewerkschaftler Joseph Joos oder auf Dr. Konrad Adenauer, einen Sohn des „Alten“. Allzu bescheiden heißt es im Vorwort, dies könne keine vollständige Chronik sein - was Wunder angesichts von Zeitläufen, in denen unersetzbares Archiv- und Kulturgut reihenweise vernichtet wurde und Semnonia fast achtzig Jahre lang ruhte? Umso erstaunlicher ist, was hier alles zusammengetragen worden ist: die Biographien der Bundesbrüder, stets mit interessanten Anmerkungen und Hinweisen versehen. Vorträge, Berichte von General- und Vollversammlungen des KV, Glückwünsche und was sonst noch alles passierte: „Ihre Verlobung geben bekannt....“. Oder die
Bilder aus dem Leben der Semnonen: Gruppen, Einzel - und Familienfotos, Schnappschüsse von Feierlichkeiten und Ausflügen, Bilder aus dem Krieg: einzigartige Zeitdokumente. Und manche Ansicht aus dem alten Berlin, die in Bombennächten des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde: die St. Hedwigs-Kathedrale, deren Kuppel früher eine Laterne krönte, die es heute nicht mehr gibt, das Hotel Atlas in der Friedrichstraße, wo sich die Semnonentrafen. Und die Englische Straße in Charlottenburg, in der viele Korporationen ihre Häuser hatten. Vor einiger Zeit hat Christian Delhey in einem Büchlein an diese Straße erinnert, die sich mit Würzburger Verbindungsstraßen wie der Mergentheimer oder der Rottendorfer Straße messen konnte: Vorbei, vorbei: Am 23. November 1943 wurden alle Korporations- und die meisten Wohnhäuser der Englischen Straße zerstört. Und nach Ende des Krieges wurden die Grundstücke mitsamt der Trümmer verkauft.

Christian Delhey
Der katholische Studentenverein Semnonia-Berlin zu Osnabrück
Band I: Das Werden und Wachsen Semnoniae von 1911 bis 2019,
Band II: Biographien der Bundesbrüder
Die Festschrift ist zum Preis von 90 Euro zuzüglich 7,50 Euro Versandkosten beim Verfasser erhältlich:
Christian Delhey, Von-der-Tinnen-Str. 4,48145 Münster, Email

