Den Sonntag heiligen - eine Freude oder eine Last?

Im Buch Exodus findet sich die Charta der Freiheit, die Jahwe gewährt. In dieser Charta steht über die Feier des Sabbat:

8     Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!
9     Sechs Tage darfst du schaffen und all deine Arbeit tun.
10   Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem HERRN, deinem Gott, geweiht. An ihm darfst du keine Arbeit tun: du und dein Sohn und deine Tochter, dein Sklave und deine Sklavin und dein Vieh und dein Fremder in deinen Toren.
11    Denn in sechs Tagen hat der HERR Himmel, Erde und Meer gemacht und alles, was dazugehört; am siebten Tag ruhte er. Darum hat der HERR den Sabbat gesegnet und ihn geheiligt. (Ex 20:8-11)

Statt des Sabbats halten Christen den Sonntag heilig, allerdings nicht von Beginn an. Als nach dem Aufstand von Bar Kochba im Jahre 135 nach Christus die Ausübung der jüdischen Religion im Römischen Reich verboten wurde, verschoben die Christen die Feier ihres wöchentlichen Gottesdienstes auf den Vormittag des Folgetages und suchten somit deutlich zu machen, dass sie keine Juden sind. Der Samstag blieb weiterhin der allgemeine Ruhetag in Rom, denn Arbeit am „Tag des Saturn“ brächte nach heidnisch- römischer Überzeugung Unglück.

Kaiser Konstantin erklärte am 7. März 321 den Sonntag zum gesetzlichen Feiertag. Die Anhänger des Mithraskults in Rom, der unter den Soldaten Roms sehr beliebt war, hielten an diesem Tag ihre Versammlungen. Die Christen, die sich von den Juden distanzierten, heiligten ebenfalls den Sonntag als Ruhetag. So geriet in der Folge die Feier des Sabbat in Vergessenheit. Es gab und gibt bis heute kleinere christliche Gemeinschaften, die statt des Sonntags den Sabbat heilig halten. Historisch muss man festhalten, dass aufgrund antijüdischer, heidnischer (Sonntagsfeier des Mithraskultes) und politischer Einflüsse die Feier des Sonntags die des Sabbats verdrängte.

Im Neuen Testament findet sich keine Weisung, die die Feier des Sonntags gebietet und diese an die Stelle der Sabbatheiligung setzt. Somit hat Johannes Eck, katholischer Theologe und prominenter Gegner Martin Luthers, völlig Recht:

Hat doch die Kirch die Feier vom Sabbat umgelegt auf den Sonntag aus ihrer Gewalt, ohne Schrift Nun ist weder im Evangelio noch in Paulo noch in der ganzen Bibel, dass der Sabbat aufgehoben sei und der Sonntag eingesetzt, darum ist es geschehen von der Einsetzung der apostolischen Kirche ohne Schrift. Tu es nicht und fall von der Kirche an die bloße Schrift, so musst du den Sabbat halten mit den Juden, der von Anbeginn der Welt ist gehalten worden.1

Die Christenheit bekennt: „Fundament und Kern des Kirchenjahres ist der Sonntag. Die Apostel und die frühe Kirche bezeugen, dass Christus am Sonntag, dem ersten Tag der Woche, auferstanden ist. Daher ist der Sonntag der Ur-Feiertag, der die Gemeinde zusammenführt. Die versammelten Gläubigen hören das Wort Gottes, feiern die Eucharistie, gedenken des Leidens, des Todes und der Auferstehung Jesu und erwarten sein Kommen in Herrlichkeit.“2

Geht der Sonntag im Wochenende unter? Eine Sorge engagierter Christen - das scheint in unserer Gesellschaft bereits vollzogen. Die Zeit wird allgemein eingeteilt in Arbeitszeit und arbeitsfreie Freizeit, die in vergangenen Zeiten gepflegte Sonntagskleidung ist dem Trainingsanzug gewichen, Arbeit am Sonntag gibt es über das Notwendige hinaus, der Gang zum geöffneten Bäckerladen zum Einkauf der Sonntagsbrötchen ist selbstverständlich geworden. Der Mensch, der sich nur über seine Arbeit definiert, ist in der Gefahr, in Sinnarmut zu verfallen, wenn am Sonntag das Arbeitstempo der Arbeitswoche entfällt. Der Sozialpsychologe Viktor Frankl spricht von der „Sonntagsneurose“3.

„Am Sonntag denkt der Bundesbürger zunächst an sich selbst. Ausschlafen, ausgiebig frühstücken, und faulenzen - jeder Sonntag ist ein kleiner Urlaub. Das ist der Wunsch der Deutschen. Wenigstens nach dem Ergebnis einer repräsentativen Umfrage. Dabei wurde auch bekannt, dass zumindest für 38 Prozent der Befragten der Sonntag der schönste Tag der Woche ist. Allerdings nur für ein Viertel der Bundesbürger scheint der Sonntag auch ein Tag der Geselligkeit, des Zusammenseins mit den Familien und Freunden zu sein. Genauso wichtig ist aber uns Wohlstandsmenschen die harmonische Stimmung. Streß auch noch am Sonntag, Streit und Probleme - damit müssen wir vielfach bereits die anderen Tage verbringen, also nicht zusätzlich auch noch den Sonntag. Aber der Sonntag kann auch ein ganz anderes Gesicht zeigen. Zu einem ruhigen Tag gehören auch leere Stunden. Die Ruhe hinter Fenstern und Fassaden kann trügerisch sein. Jeder elfte Bundesbürger gesteht: Sonntag ist der langweiligste Tag der Woche. Jugendliche und Arbeislose klagen am lautesten drüber. Auch die ständig wachsende Zahl von Alleinstehenden ist auf den Sonntag nicht gut zu sprechen.“4

Als Christen mögen wir diese Entwicklung beklagen, jedoch verändert das Klagen allein nichts. Es gilt, die Lebenswirklichkeit in aller Nüchternheit zur Kenntnis zu nehmen, ohne sich ihr gedankenlos anzugleichen, und stattdessen eine andere Lebenskultur in unseren Familien, aber auch in den Aktivitates vor Ort wie in den Ortszirkeln zu praktizieren: der zuvor verabredete gemeinsame Besuch eines Gottesdienstes, Pflege der Geselligkeit usw.! Die Prinzipien unseres Verbandes, besonders Religion und Freundschaft über die Generationen, könnten an diesem Tag gelebt und erlebt werden.

Hans-Joachim Leciejewski (Urb, Cher)

Anmerkungen:
1 Dr. Eck: Enchiridion locorum communium adversos Lutheranos, pp. 78s Urschrift in der Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel
2 Gotteslob (1973) Nr. 217,1
3 Viktor Frankl: Ärztliche Seelsorge. Grundlage der Logotherapie und Existenzanalyse (Letztauflage 2005) in:
Viktor Frankl: Gesammelte Werke, Band 4 (Wien-Köln-Weimar 2011) S. 311
4 Aus „Bielefeld am Sonntag“ (11.6.1989) S. 1