Die Corona-Warn-App: Entwickelt in nur fünfzig Tagen
Je mehr Bürger mitmachen, desto wirkungsvoller funktioniert sie
Seit Mitte Juni kann man sie herunterladen: die Corona-Warn-App. Große Hoffnungen knüpfen sich an diese App, soll sie es doch möglich machen, Infektionsketten frühzeitig zu erkennen und diese schnell und genau zu durchbrechen. Und dies könnte helfen, den Alltag wieder ein Stück weit zu normalisieren - wenn möglichst viele Bürger mitmachen und die App auf ihr Smartphone laden. Wie die App funktioniert und wie dabei für Datenschutz und Sicherheit gesorgt ist, dazu befragten wir Peter Lorenz. Er ist Senior Vice President digital solutions bei der Telekom-Tochter T-Systems und Chefentwickler im Corona-Warn-App-Team seitens der Deutschen Telekom.
Von wem wurde die App entwickelt?
Das war ganz klar ein Mannschaftsspiel. Die Firma SAP und wir, die Deutsche Telekom, haben diese Aufgabe gemeinsam mit weiteren wichtigen Beteiligten gelöst. Dazu zählen u.a. das Fraunhofer Institut genauso wie das Helmholtz-Institut und natürlich das Robert-Koch-Institut. Wir haben alle an einem Strang gezogen und so die App-Entwicklung in nur fünfzigTagen gestemmt.
Was kann sie bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie leisten?
Ziel der App ist es, dass diejenigen von uns, die Kontakt mit einem Corona-Infizierten hatten, das auch so schnell wie möglich erfahren. Dadurch können sie sich sofort in Isolation begeben und Infektionsketten frühzeitig unterbrechen. Wenn jemand infiziert ist, müssen die Gesundheitsämter allen Kontakten hinterhertelefonieren. Das ist sehr zeitaufwändig. Und nicht immer kann sich jeder an alle Begegnungen erinnern oder weiß, wen er getroffen hat. In der U-Bahn z. B. weiß man in aller Regel nicht, wer da zehn Stationen lang neben einem gesessen hat. Mit der Corona-Warn-App können die Kontakte automatisch nachverfolgt und über ein Infektionsrisiko informiert werden. Das nimmt Bürgern den Stress, sich selbst an alles erinnern zu müssen.
Wie funktioniert die Corona-Warn-App?
Die App nutzt die Bluetooth-Technologie von Smartphones. Damit lässt sich der Abstand zu anderen Smartphones, die auch die App nutzen, einschätzen. Mit der App kann mein Handy alle anderen Handys erkennen, die sich mir für eine gewisse Zeit auf zwei Meter oder weniger nähern. Wenn das der Fall ist, tauschen die Handys untereinander einen verschlüsselten Code und speichern ihn. Unser Smartphone merkt sich also für uns unsere Begegnungen. Auch die, die wir nicht kennen oder an die wir uns vielleicht gar nicht mehr erinnern. Wird jemand positiv getestet, kann er das freiwillig in der App angeben. Alle Handys mit der App erhalten dann den Code des Infizierten. Das Smartphone prüft mit der App automatisch, ob der Code in den gespeicherten Begegnungen auftaucht. Durch die Verschlüsselungen kann ich nicht nachvollziehen, wer der Infizierte ist oder wo und wann ich die Person getroffen habe. Ich bekomme nur die eine, aber entscheidende Information, dass ich Kontakt zu einem infizierten Menschen hatte.
Wie exakt arbeitet die Corona-Warn-App?
Während der letzten Testreihen vor dem App-Start haben wir verschiedene Mobilfunkgeräte in den untersuchten Szenarien geprüft. Dabei sind rund achtzig Prozent der Begegnungen richtig erfasst worden. Dieser schon sehr gute Wert war für den Start mehr als ausreichend. Wir arbeiten weiter daran, die Genauigkeit der App kontinuierlich zu verbessern. Hierzu stehen SAP, Telekom, Fraunhofer und das Robert-Koch-Institut in engem Austausch untereinander und zur Anpassung der Schnittstelle auch im Austausch mit Google und Apple.
Wie steht es um den Datenschutz?
Alle wesentlichen Instanzen, die sich in Deutschland mit dem Datenschutz beschäftigen, haben sich den Code und die Details zur App sehr genau angesehen. Während der gesamten Programmierung haben wir auf Transparenz gesetzt und den Code öffentlich gemacht. Wir haben sehr viel Zustimmung für das hier umgesetzte Konzept erhalten. Unterm Strich können wir deswegen sagen: Die App ist sicher, die Bürger können ihr vertrauen.
Wie installiert man die App?
Die Corona-Warn-App funktioniert in dieser Beziehung wie Millionen anderer Apps auch. Das heißt, ich kann sie in den jeweiligen App-Stores herunterladen und genauso kann ich sie auch wieder von meinem Smartphone löschen.
Die App herunterzuladen ist zwar freiwillig - aber welchen Personen - Stichwort Risikogruppen - ist der Download besonders nahezulegen?
Sicherlich ist die App Personen aus den Risikogruppen besonders nahezulegen. Diese Entscheidung ist aber individuell zu treffen und absolut freiwillig.
Was muss jemand tun, der von der App gewarnt wurde?
Es gibt keinen vorgeschriebenen Automatismus, der dann greift. Es liegt in der Verantwortlichkeit des Einzelnen, den nächsten Schritt zu tun, wenn die App eine Begegnung mit einer infizierten Person meldet. Die Bundesregierung rät den Betroffenen, wenn möglich zu Hause zu bleiben und sich bei ihrem Hausarzt zu melden. Man kann aber auch Kontakt mit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst oder mit dem Gesundheitsamt aufnehmen, um das weitere Vorgehen abzustimmen.
Wenn jemand von der App gewarnt wurde, mit Corona-Infizierten in Kontakt gekommen zu sein - stehen ihm genug Möglichkeiten für Tests zur Verfügung?
Der Themenkomplex der Testkapazitäten ist außerhalb unseres Aufgabenbereichs.
Wie viele Menschen müssen die App mindestens verwenden, damit sie einen spürbaren Nutzen hat?
Vor dem Start der App ist oft auf eine Studie von Pandemie-Forschern der Universität Oxford verwiesen worden. Sechzig Prozent der Bevölkerung müssten demnach mitmachen, damit die Pandemie vollständig eingedämmt werden kann. Man muss die Studie allerdings genau lesen: Sechzig Prozent werden benötigt, wenn eine App im Kampf gegen Covid-19 alleine steht. Die App als Teil eines Pandemiekonzeptes inklusive Hygiene, Abstand und Maskenschutz zeigt dagegen schon bei fünfzehn Prozent einen deutlichen Effekt. Auf die 83,2 Millionen Einwohner in Deutschland bezogen, entsprechen die fünfzehn Prozent etwas über zwölf Millionen Nutzern. Diese Zahl hatte die Corona-Warn-App schon sieben Tage nach dem Start erreicht.
Wenn die App konsequent angewendet und verbreitet wird - gibt es dann Aussicht darauf, die Corona-Beschränkungen weiter zu lockern?
Diese Entscheidungen werden in der Politik getroffen.
Die Fragen stellte Kb Reinhard Nixdorf.


