Veränderungen im Genom und dann?
Wahrscheinlich ist die Unzufriedenheit des Menschen mit sich selbst so alt wie die Menschheit selbst - physisch wie charakterlich. Um Menschen „besser“ zu machen, wurden viele unterschiedliche Ansätze entwickelt und umgesetzt, etwa in der Aufklärung mit ihrer Betonung der Bildung oder in vielen Religionen in Form der Bemühungen um Mitmenschlichkeit, Friede aber auch maßvollen Lebenswandel.
Es überrascht nicht, dass in der heutigen, von Wissenschaft und Technik geprägten Zeit die technische Verbesserung des Menschen im Vordergrund steht, also die Verbesserung seiner biologischen Natur, seiner Erbanlagen. Diese Frage zu stellen impliziert die Behauptung, dass der Mensch nicht perfekt, sondern verbesserungsbedürftig sei. Gerade die Corona-Krise lässt den Menschen seine Verletzbarkeit deutlich spüren.
Aber man denke auch an die Schwächen in den emotionalen und intellektuellen Beziehungen: Wie schwer fällt es dem Menschen, Frieden herzustellen und zu bewahren, die Ichbezogenheit zu überwinden; man denke an die Begrenztheit des menschlichen Intellekts, große, komplexe Zusammenhänge zu begreifen (z.B. zyklische Prozesse in der Ökonomie und Ökologie, Probleme auf europäischer oder globaler Ebene). Es wird vermutet, dass etliche dieser Mängel und Schwächen ganz oder teilweise auf die Erbanlagen des Menschen zurückzuführen sind.
Möglicherweise ist das, was wir heute als Schwächen ansehen, Folge der evolutionären Entwicklung zum Menschen hin, da der evolutionäre Selektionsdruck allein auf das Überleben des Organismus gerichtet war. Nach seinem Auftreten vor gerade einmal ein bis zwei Millionen Jahren lebte der Mensch nicht im Paradies, sondern Hunderttausende von Jahren im Dunkeln, in Einheit mit der Natur, in einer Welt voller Gefahren mit knappen Ressourcen, Krankheiten, Gefahren durch die Umwelt, wilden Tieren und Artgenossen. Er war nicht die „Krone der Schöpfung“, sondern musste um sein Leben und Überleben kämpfen. Erst vor vierzig- bis sechzigtausend Jahren begann der moderne Mensch seine Geschichte als „Kulturwesen“, fing an, die Welt zu erobern und ihre Geheimnisse durch Wissenschaften zu enthüllen, eine Zeit, die Karl Rahner die Zeit der ersten Offenbarung nennt, andere sprechen von einer kognitiven Revolution. Dies bedenkend könnte man den Eindruck haben, dass die evolutionäre Entwicklung unseres Genoms nicht mit der historischen Entwicklung und ihren Notwendigkeiten Schritt gehalten hat. Müssen wir also den Menschen genetisch nach- und verbessern?
Neue Horizonte und ethische Fragen
Die moderne Biologie hat im letzten Jahrzehnt Methoden entwickelt, die es erlauben, beliebige Gene aus beliebigen Organismen in andere Lebewesen zu übertragen oder auch spezifische Gene zu entfernen, seien es Bakterien, Pflanzen, Tiere oder auch der Mensch. Diese Methoden werden unter dem Namen „Gene Editing“ zusammengefasst; häufig spricht man auch von „Genscheren“. Eine spezifische Methode stellt das häufig in der Presse genannte CRISPR/Cas9 Verfahren dar.
Beim Menschen wird diese Methode angewendet, allerdings nur bei Körperzellen, etwa damit Immunzellen lernen, spezifische Krebszellen zu erkennen und zu vernichten. In diesem Fall betrifft der Eingriff in das menschliche Genom lediglich bestimmte, bereits differenzierte Zellen, einzelne Individuen und ist von zeitlich begrenzter Wirkung.
Aufgrund der Risiken dieser noch nicht ausgereiften Methodik war es lange Zeit tabu, diese auf Zellen der menschlichen Keimbahn anzuwenden. Dies hätte zur Folge, dass die genetischen Veränderungen nicht nur ein Individuum beträfen, sondern in die Generationsfolge eingingen und somit zu einer dauerhaften Veränderung des menschlichen Genoms (ein UNESCO Kulturerbe) führten. Trotz dieser Bedenken wurde die Methode auf Zellen der Keimbahn angewendet: Zunächst wurde in menschlichen Embryonen das defekte Gen für den Blutfarbstoff (Hämoglobin) gegen das korrekte Gen ausgetauscht; in diesem Fall wurde der veränderte Embryo nach vierzehntägiger Entwicklung getötet. Im Herbst 2018 wurde bekannt, dass chinesische Forscher ein Gen (für den Rezeptor des HI-Virus) aus einem Embryo entfernt haben; der genetisch modifizierte Embryo wurde in die Gebärmutter einer Frau implantiert, die schließlich - nach Aussagen der Ärzte - völlig gesunde Zwillinge zur Welt brachte. Die rote Linie - das Verbot der Erzeugung eines durch Menschenhand manipulierten Embryos und Menschen - wurde überschritten.
Die meisten Wissenschaftler und auch Politiker äußerten sich empört, aber nicht aufgrund einer kategorischen Ablehnung dieses Eingriffs, sondern aus pragmatischen Gründen einer Risikoabwägung. International besteht zur Zeit keine Einigkeit in der Frage, ob derartige Eingriffe in das Genom des Menschen überhaupt erlaubt sind oder sein sollen, wenn ja, unter welchen Bedingungen und bei welchen Indikationen ein derartiger Eingriff erlaubt ist, wie die sozialen Folgen aufgefangen werden, welche Maßnahmen ergriffen und welche Regeln gesetzt werden sollen.
Ein Potential, das die Gefahr des Missbrauchs birgt
Der Autor geht davon aus, dass die Methode schnell weiter entwickelt wird und dass sie in einigen Jahren Einzug in die Therapie hält, zunächst zur Therapie von sog. monogenetischen Erbkrankheiten, dann auch für kompliziertere Erbkrankheiten. Es ist zu befürchten, dass darüber hinaus auch Versuche unternommen werden, das menschliche Genom nach unseren vermeintlichen Bedürfnissen und Vorstellungen zu „optimieren“. Aldous Huxley´s „Schöne neue Welt“ lässt grüßen. Die angedeuteten Methoden stellen also Techniken dar, die ein überaus großes Potential haben, neue Therapien zu entwickeln und Leid zu vermeiden, enthalten aber auch die Möglichkeit zu einem gefährlichen Missbrauch.
Dürfen wir also derart in das Erbgut des Menschen eingreifen? Die Antwort entscheidet sich durch Beantwortung der Frage, wie wir einen Embryo definieren: Ist er als Organismus zu betrachten, der sich erst zum Menschen hin entwickelt oder ist er ein sich entwickelnder Mensch. Im ersten Fall käme dem Embryo ein begrenzter Schutz zu, im anderen Fall der Schutz und die Würde, die jedem Menschen zustehen.
Eine Minderheit hält Eingriffe in das menschliche Genom für akzeptabel oder sogar für wünschenswert. Die Mehrheit der Wissenschaftler lehnt derartige Eingriffe aus pragmatischen Gründen jedoch ab und empfiehlt ein Moratorium, bis die Methode reif ist. Die katholische Kirche ist ein Vertreter der Gruppen, die jeden Eingriff in das menschliche Genom aus kategorischen Gründen ablehnen.
Die häufig von Theologen vorgetragenen Begründungen, die sich auf die Interpretation des „Alten Testamentes“ oder Aussagen von Kirchenvätern stützen, sind allerdings nur teilweise stichhaltig. So zieht das Judentum aus denselben Texten andere Schlüsse und den Aussagen der Kirchenväter liegen ein nicht vergleichbares Wissen und ein anderes Weltbild zugrunde.
Nötig: die interdisziplinäre Diskussion
Für den Autor ist entscheidend, dass wir die Frage nicht beantworten können, ob sich der Embryo zum Menschen hin oder als Mensch fortschreitend entwickelt. Die Embryologen sprechen von einer kontinuierlichen Entwicklung, so dass es keine Phase gibt, die eindeutig als „vor-menschlich“ bezeichnet werden kann. Wenn dem so ist, steht dem Embryo von seinem Entstehen an die Würde des Menschen und damit der entsprechende Schutz des Lebens zu.
Eine intensive Diskussion zwischen Theologen und Naturwissenschaftlern, aber auch in der Gesellschaft erscheint mir erforderlich, um in dieser Frage einen breiten gesellschaftlichen Konsens zu erreichen. Noch wichtiger wäre es allerdings, ein soziales Klima zu schaffen, das nicht von Gedanken an Effizienz und Nutzen bestimmt ist, sondern vom Respekt vor dem menschlichen Leben und von der Bereitschaft zur Hilfe.
Kb Professor Dr. Peter Rösen, geboren 1943 und aufgewachsen in Essen, habilitierte sich für Biochemie und klinische Biochemie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Er ist emeritierter Professor für Medizin und beschäftigt sich in Vorträgen mit Evolution, Gentechnik und Fragen der Bioethik. Sein Beitrag beruht auf den Gedanken des Vortrags, den er Anfang des Jahres auf den 50. KV-Tagen in Fulda gehalten hat.

