Hans Wölfel, ein einsamer Kämpfer und unbequemer Mahner
Vom Volksgerichtshof zum Tod verurteilt und hingerichtet
Als Hans Wölfel am frühen Morgen des 12. Oktobers 1943 in seiner Wohnung in Bamberg verhaftet wurde, ließen ihm die Polizeibeamten gerade noch so viel Zeit, dass die Tochter die Mutter aus der Morgenmesse in St. Gangolf abholen konnte. Ein paar Monate später, am 24. Februar 1944, stand der Rechtsanwalt als Angeklagter wegen „defaitistischer Bemerkungen gegenüber einer jungen Volksgenossin, Wehrkraftzersetzung und Feindbegünstigung“ vor dem Volksgerichtshof in Berlin. Nach Paragraph 5 der Kriegssonderstrafrechtsverordnung hätte auch eine Gefängnisstrafe verhängt werden können, viele Prozesse ähnlicher Art endeten so. Wölfel aber wurde zum Tod verurteilt, die Gründe dafür lassen sich nicht mehr feststellen. Gnadengesuche wurden abgelehnt, am 3. Juli 1944 wurde er im Zuchthaus Brandenburg enthauptet.
Johann Wilhelm Wölfel erblickte am Ostersonntag des Jahres 1902, am 30. März, in dem kleinen oberösterreichischen Kurort Bad Hall das Licht der Welt. Eine Woche später wurde er in der Pfarrkirche seines Heimatortes getauft. Der Vater Leonhard Wölfel, (1870-1946), ein gebürtiger Franke, hatte in Bad Hall eine große Gärtnerei erworben. Der Mutter Maria Wölfel, geborene Streicher (1882-1933) verdankte Wölfel seine ausgeprägte musische Begabung. Die Patenschaft übernahm der Onkel Johann Wölfel (1863-1929), ein Ehrenmitglied der Rhenania Erlangen, der als Priester der Erzdiözese Bamberg seit 1899 die Landpfarrei Langensendelbach bei Erlangen innehatte. Der kleine Hans verbrachte in seiner frühen Kindheit die Sommermonate und nach der Einschulung die Ferienzeit im Pfarrhaus seines Patenonkels.
Von 1913 bis 1915 besuchte Hans als Internatsschüler das Gymnasium der Benediktiner im Kloster Kremsmünster. Ab dem Schuljahr 1915/16 wechselte er an das Alte Gymnasium in Bamberg und wurde an das Aufseesianum, ein öffentliches Studienseminar unter geistlicher Leitung, aufgenommen. Schulisch zeichnete sich Wölfel durch gute Leistungen in den Fächern Religion, Deutsch und Geschichte aus. Bei der Enthüllung einer Ehrentafel für die im Krieg gefallenen Lehrer und Mitschüler am 21. Januar 1921 durfte er einen Kranz niederlegen und den Toten „ergreifende und erhebende Worte“ widmen. In seinem religiösen Leben erwies er sich als glühender Marienverehrer. Daher war es für ihn selbstverständlich, der im Februar 1919 neu gegründete Marianischen Kongregation beizutreten und alle Verpflichtungen eines Sodalen ernst zu nehmen.
Am 11. April 1922 erhielt Hans Wölfel das Abiturzeugnis. Bald darauf begann er ein Studium der Rechtswissenschaft, zunächst ein Semester an der Universität München, wo er bei Ottonia aktiv wur- de. In dieser Zeit stand die Weimarer Republik schon in einer ernsten Bewährungsprobe und Wölfel, der 1919 mehrere Monate in einem Freikorps gedient hatte, war im Begriff, sich unter die nationalistischen Gegner des jungen Staates einzureihen. Die Wende in seiner politischen Ausrichtung fiel zeitlich mit dem 62. Deutschen Katholikentag zusammen, der vom 27.- 30. August 1922 in München stattfand. Damals wurde Wölfel, der wie viele andere kirchentreue Katholiken zunächst die Legitimität des neuen, durch Revolution entstandenen Staatswesens angezweifelt hatte, von den Worten des Münsteraner Moraltheologen Joseph Mausbach (1861-1931) überzeugt: „Lassen sie sich nicht verbittern und in den Schmollwinkel drängen! Sie werden die große Aufgabe, die Gott ihnen stellt in dieser Zeitenwende, nur erfüllen durch Selbstüberwindung, durch tätige, opferfreudige Einordnung in das Ganze des öffentlichen Lebens.“ Diese „tätige, opferfreudige Einordnung in das Ganze des öffentlichen Lebens“ sollte die Leitlinie für den weiteren Weg Wölfels bilden.
Hans Wölfel entwickelte ein kaum glaubliches Maß an Aktivitäten im Dienst von Kirche und Gesellschaft. Zunächst wurde er rühriges Mitglied des Katholischen Studentenvereins Rheno-Franconia an der Universität Würzburg, wo er seit dem Wintersemester 1922/23 sein Studium fortsetzte. Am 9. September 1923 , also genau zwei Monate vor dem Hitler-Putsch in München, zog er in einer so genannten Vaterlandsrede eine klare Grenze zu dem unter der akademischen Jugend aufkommenden Rassismus: „Kein Angehöriger einer Katholischen Studentenverbindung kann Mitglied einer nationalistischen Partei sein, die sich anmaßt, unserer religiösen Überzeugung Schranken zu setzen, weil sie nach ihrer Anschauung dem sittlichen Empfinden der germanischen Rasse nicht entspreche“.
Gegen Rassismus und Chauvinismus
In Würzburg beteiligte er sich rege an den hochschulpolitischen Auseinandersetzungen der Weimarer Zeit. Als Gegensatz zum Hochschulring Deutscher Art, einem streng national eingestellten Zusammenschluss studentischer - auch katholischer - Verbindungen, dessen zunehmend nationalsozialistische Richtung sich bald gezeigt hatte, gründete Wölfel mit Gleichgesinnten den katholischen Akademikerbund in Würzburg, der seit Beginn des Jahres 1924 in großen Kundgebungen an die Öffentlichkeit trat und dessen zweiter Vorsitzender er wurde. Verwirklichung der katholischen Weltanschauung, Pflege einer Vaterlandsliebe ohne chauvinistische Tendenzen, sowie Zusammenschluss aller katholischen Vereine und Verbindungen waren Ziel dieser Dachorganisation auf örtlicher Basis.
Hans Wölfel, der in seiner Freizeit gerne Gedichte verfasste, neigte in jenen Jahren zu einer kämpferisch geprägten Form der Spiritualität. Als Beispiel seien folgende Verse angeführt:
„Herrgott, nimm meine Seele In Deine Vaterhand, Form sie nach Deinem Willen Und frei von allem Tand! Nimm sie und schlage wacker drein Und haue sie zu Fels und Stein, Auf den Dein Glaube ist gestellt, An dem der Lüge Meer zerschellt! Herrgott, schlage drein!“
Nach dem Abschluss von Studium und Referendariat stellte Wölfel die Weichen für seine persönliche Zukunft. Im Oktober 1929 eröffnete er in Bamberg eine nach einigen Anlaufschwierigkeiten rasch aufblühende Anwaltskanzlei. Am 19. November 1929 heiratete er in der Bamberger Martinskirche die Lehrerstochter Elisaberth Rauh (1903-1982). Aus dieser Ehe ging 1931 die Tochter Irmengard hervor. Trotz der familiären und beruflichen Verpflichtungen vergaß Wölfel nie seine gesellschaftliche Verantwortung. Ab 1930 hatte er auch Kontakt zum jungen K.St.V. Mainfranken. 1932 wurde er Vorsitzender des Ortskartells der katholischen Vereine. Angesichts des bedrohlich anwachsenden Nationalsozialismus sah er in dessen Bekämpfung seine Hauptaufgabe. Enger Freund und Weggefährte wurde ihm damals der Geistliche Georg Werthmann (1898-1980), der als Religionslehrer am Institut der Englischen Fräulein wirkte. Beide Männer nutzten zahllose Veranstaltungen der Bayerischen Volkspartei und der Jugendseelsorge, um ihre Zuhörerschaft von der Unvereinbarkeit der NS-Ideologie mit der katholischen Glaubens- und Sittenlehre zu überzeugen.
Ungebetener Besuch von der SA
Für Wölfel dürfte es ein zutiefst deprimierendes Erlebnis gewesen sein, dass all sein unermüdlicher Einsatz Hitlers Machtübernahme nicht hatte verhindern können. Die Rache der Sieger ließ nicht lange auf sich warten. Kaum war am 24. März 1933 das Ermächtigungsgesetz verabschiedet worden, das den Nationalsozialisten die gesamte Staatsgewalt übergab, da durchwühlten schon am nächsten Tag SA-Leute die Anwaltskanzlei von Wölfel und beschlagnahmten etliche Bücher und Broschüren.
Von der parteipolitischen Bühne verbannt, wandte sich Wölfel ganz seinem Beruf als Anwalt zu. Hunderten wurde er so Freund und Helfer in schwerster Bedrängnis, namentlich als die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus viele katholische Bekenner in Konflikt brachte: Seine Sonntage widmete er dem Besuch von Menschen hinter Gittern. In dieser Zeit, da viele vor den antichristlichen Kräften kapitulierten, blieb Wölfel ein Vorbild für praktiziertes Christentum, das für ihn nicht Idylle, sondern harte Realität war. Gebet, Sakramentenempfang und Gottesdienstbesuch waren für ihn ebenso wichtig wie das unerschrockene Eintreten für die Armen und Strafgefangenen. Allen kirchenfeindlichen Bestrebungen setzte er seine überzeugende Gläubigkeit und seine unver- brüchliche, auch nach außen demonstrierte Bindung an die kirchliche Hierarchie entgegen.
In der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wandte sich Wölfels Religiösität mehr der Betrachtung des leidenden Christus zu. Im stillen Gebet wurde ihm klar, dass für den gläubigen Christen aus dem Tod Leben erwächst. Als mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs der Nazi-Terror noch schrecklichere Formen annahm, ahnte Wölfel, dass ihm ein gewaltsamer Tod bevorstünde, möglicherweise der seines Namenspatrons Johannes des Täufers.
Nach dem Kriegsausbruch vermehrte sich Wölfels Arbeitsbelastung stark, da er unentgeltlich einige zur Wehrmacht einberufene Anwälte vertrat. Neben dieser beruflichen Funktion entfaltete er im Geheimen eine rege Betriebsamkeit, die ihn in Kontakt zu Widerstandskreisen führte. Unter dem Deckmantel einer regelmäßigen Gesprächsrunde im Bamberger Franziskanerkloster nahm er Verbindung mit dem Ausschuss für Ordensangelegenheiten der deutschen Bischöfe auf und versuchte, mit seinem juristischen Rat zu helfen. Im Herbst 1943 wurde dieser selbstlosen Tätigkeit ein plötzliches Ende gesetzt. Während eines Kurzurlaubs im Allgäu besuchte Wölfel eine ihm bekannte Familie und äußerte sich freimütig über die aussichtslose Kriegslage und vor allem die Person Adolf Hitlers, den er als den größten Wortverdreher aller Zeiten brandmarkte. Wölfel ließ sich in seiner Meinungsbekundung nicht durch die Anwesenheit einer ihm nicht näher bekannten jungen Frau stören. Diese 21 Jahre alte Parteigenossin brachte die Sache zur Anzeige.
Am 12. Oktober 1943 wurde Wölfel in aller Frühe in seiner Bamberger Wohnung verhaftet und nach vier Wochen rücksichtsloser Vernehmungen im Landgerichtsgefängnis Bamberg nach Berlin in die Haftanstalt Moabit verlegt. Freunde versuchten zusammen mit dem Verteidiger, auch über die Einschaltung hoher staatlicher Stellen, die Anklage zu entkräften oder wenigstens ein mildes Urteil zu erreichen, doch wurden diese Bemühungen jeweils durch neues Beweismaterial der Bamberger NS-Kreisleitung entwertet. Zu gradlinig, zu konsequent und zu glaubwürdig war Wölfels Ablehnung des Naziregimes. Als dann am 10. Mai 1944 in Potsdam die Hauptverhandlung vor dem 6. Senat des Volksgerichtshofes stattfand, endete sie mit dem Urteilsspruch: „Tod und lebenslanger Ehrverlust wegen Wehrkraftzersetzung“.
Nach Ablehnung eines Gnadengesuchs durch den Reichsjustizminister wurde Wölfel, der von schwerer Krankheit und den harten Haftbedingungen gezeichnet war, in das Zuchthaus Brandenburg überstellt. Wie während seines gesamten Lebens fand er auch in der tristen Gefängniszelle Trost und Halt in seinem christlichen Glauben. Ein deutsches Missale, eine Bibel, ein Buch von den Engeln und ein Rosenkranz begleiteten Hans Wölfel auf seinem Weg durch die Nazi-Kerker. Ein bewegendes Zeugnis seiner menschlichen Größe und der Tiefe seiner Religiosität ist der Abschiedsbrief, den er am Morgen vor seiner Hinrichtung an seine Frau und seine Tochter richtete: „Gott ruft mich zu sich in ein besseres Jenseits, damit ich dort vom Himmel aus für Euch sorge. Ich bin gefasst, kann nur nicht gut schreiben mit gefesselten Händen. Meine ganze Liebe ist bei euch und umgibt Euch weiterhin. Wir werden uns ja wiedersehen. Der liebe Gott wird Euch trösten und Euren weiteren Lebensweg behüten. Bleibt Eurem heiligen katholischen Glauben treu! (....) Ich verzeihe allen Menschen um der Liebe Christi willen.“
Für den 3. Juli 1944 standen im Zuchthaus Brandenburg vierzehn Hinrichtungen an. Alle Delinquenten wurden gleichzeitig aus ihren Zellen geholt. Jeder noch Lebende sollte die Qualen seiner Vorgänger miterleben. Der letzte Todeskandidat hieß Wölfel.Während der Scharfrichter bereits seines blutigen Amtes waltete, ist es Wölfel noch gelungen, den vor ihm stehenden Gefährten zum Empfang der Sakramente zu überreden. Um 15.56 Uhr schließlich legte auch er sein Haupt unter das Fallbeil und starb.
Kämpfer für Mitmenschlichkeit, Recht und Freiheit
Wölfel, dessen sterbliche Überreste am 3. Juli 1947 in einem Ehrengrab auf dem Friedhof der Stadt Bamberg beigesetzt wurden, war ein lebensfroher und umgänglicher Mensch. Er wusste sich fest in der Mitte des kirchlichen und politischen Spektrums verankert. Seine Hilfsbereitschaft und Grundsatztreue wurden ihm unter dem verbrecherischen NS-Regime zum tödlichen Verhängnis. Als Martyrer für den christlichen Glauben, für die Menschenwürde und für ein freies Vaterland hat Wölfel der Nachwelt ein wertvolles Vermächtnis hinterlassen. Werner Zeißner
Der Text ist entnommen dem zweibändigen Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“, herausgegeben von Prälat Professor Dr. Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 7. überarbeitete und aktualisierte Auflage 2019. Wir veröffentlichen ihn, etwas ergänzt und bearbeitet, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Ferdinand Schöningh, Paderborn.
Hans Wölfel

Schon 1923, als Hitler höchstens als Radaubruder und gescheiterter Putschist für Schlagzeilen sorgte, warnte Hans Wölfel vor der braunen Ideologie. Als Student sagte er im KV: „Wir verweigern einer völkischen Bewegung jede Unterstützung, die den Völkerhass von vornherein als Pflicht macht, schon allein deswegen, weil [dies] unchristlich ist und [weil] auch alles, was auf Hass und völkischen Egoismus aufgebaut ist, auf tönernen Füßen steht und zusammenbricht“. Wölfel setzte sich für ein demokratisches Deutschland und ein friedliches Europa ein und arbeitete unermüdlich für einen demokratischen Grundkonsens. 1930 rief er die Abiturienten der Oberrealschule Bamberg zur demokratischen Mitarbeit an der Weimarer Republik auf: „Wenn man Ihnen immer wieder den schönen Satz sagt, ‚Ihr seid die geborenen Führer des Volkes‘, dann ergänze ich Ihnen diesen mit dem Wort Christi: ‚Ihr seid das Salz der Erde.‘ [...] ‚Wenn das Salz aber schal wird, womit soll man ihm seine Salzkraft wiedergeben?‘ sagt Christus und dieses Wort auf uns angewendet, lautet: ‚Wenn der Führer selbst keinen sittlichen Lebenswandel führt und kein gutes Beispiel gibt, wie soll dann das Volk besser sein?‘ [...] Dort ist das wahre Heldentum, wo kraftvolle junge Männer pflichtbewusst ihre tägliche Arbeit tun, sich unter Überwindung ihres eignen Ich hindurchringen zu einer idealen Lebensauffassung und heiligen Überzeugung, zur geistigen, sittlichen und religiösen Persönlichkeit. […] Der Staat und das Vaterland verlangen mehr als Gefühle, sie verlangen positive Mitarbeit an ihrem Aufbau. Daher ist es Pflicht jedes Patrioten, auch am gegenwärtigen Staat mitzuarbeiten.“
Nach 1933 war er im geheimen „Wölfel-Kreis“ und in der Robinsohn-Strassmann-Gruppe mit Persönlichkeiten wie dem Bamberger Jugendseelsorger Jupp Schneider, dem KVer Georg Angermaier (Nm-W) und dem späteren Bundesinnenminister Thomas Dehler verbunden, die sich als moralische Gegenkräfte zum NS-Regime verstanden und sich für einen „anständigen deutschen Staat“ nach dem Ende des NS-Regimes vorbereiteten.
Als Rechtsanwalt übernahm Hans Wölfel zahlreiche Vertretungen für Kollegen, die zum Kriegsdienst eingezogene waren. Vielen, die vom NS-Regime bedrängt wurden, konnte er helfen. 1943 wurde Hans Wölfel in Biberach denunziert und nach Berlin gebracht. Seine Zugehörigkeit zum Widerstand blieb den NS-Schergen verborgen, doch verurteilte ihn der Volksgerichtshof wegen „Wehrkraftzersetzung“ zum Tode. Vor seiner Ermordung am 3. Juli 1944 im Exekutionsgefängnis Brandenburg/Havel verzieh der Katholik allen Menschen, die an ihm schuldig geworden waren. Seine letzte Ruhestätte fand er 1947 in einem Ehrengrab der Stadt Bamberg.

