Das Vierte Gebort

Ehre deinen Vater und deine Mutter, damit du lange lebst in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt! (Ex 20:12)

So steht es im Dekalog, der großen Charta der Freiheit. Die Bedeutung des vierten Gebotes wird bereits innerhalb des Dekalogs sichtbar: als erstes Gebot macht es nicht die Beziehung zu Gott zum Thema, sondern die Beziehung zum Nächsten, wie in den folgenden Geboten. Zudem verweist dieses Gebot auf das verheißene Land: ob ich teilhaben werde am gelobten Land, ist abhängig von meinem Verhalten vor allem als Erwachsener gegenüber meinen Eltern.

Im Buch Deuteronomium findet sich noch eine Steigerung: „… damit du lange lebst und es dir gut geht in dem Land, das der HERR, dein Gott, dir gibt.“ (Dtn 5:16)

„Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern im Herrn, denn das ist recht! Ehre deinen Vater und deine Mutter: Das ist ein Hauptgebot mit einer Verheißung: damit es dir wohl ergehe und du lange lebst auf der Erde.“ (Eph 6:1-3)

Als pädagogische Keule wurde das vierte Gebot in der Kindererziehung oftmals  gebraucht. Dazu taugt es jedoch nicht. Paulus schließt im Brief an die Gemeinde von Ephesus einen modern klingenden Ratschlag an:

„Und ihr Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn, sondern erzieht sie in der Zucht und Weisung des Herrn!“ (Eph 6:4)

Das vierte Gebot wie der Dekalog insgesamt richtet sich an alle Menschen im Gottesvolk, unabhängig vom Alter, Stand, …. und die Aufforderung, die Eltern zu ehren, verliert nicht ihre Bedeutung, wenn der Mensch älter wird.

Nicht nur Paulus widmet sich im Brief an die Gemeinde von Ephesus der Familie und zitiert das vierte Gebot - ebenso wie auch in seinem Brief an die Gemeinde von Kolossä (Kol 3:18 -4:1) -, sondern im Alten Bund nimmt Jesus Sirach dieses Gebot auf. Als Weisheitslehrer betont er die Verantwortung der erwachsenen Kinder gegenüber ihren Eltern: „Kind, nimm dich deines Vaters im Alter an und kränke ihn nicht, solange er lebt!“ (Sir 3:12)

Immer wieder wird im Alten Bund erinnert, die Eltern zu ehren, sie nicht zu schlagen, sie nicht zu verfluchen, nicht zu verspotten, nicht zu verachten, nicht zu bestehlen ….

??????(kabed) - dieser Imperativ steht zu Beginn des vierten Gebotes und wird mit „ehre“ übersetzt. Die Grundbedeutung des benutzten Wortes heißt „verleihe Gewicht“, „verleihe Bedeutung“.

Das heißt: Ob die alt gewordenen Eltern noch brauchbar, noch nützlich sind, ob sie vielleicht nur Kosten verursachen, …. diese Fragen sind nicht zulässig. Die Würde der altgewordenen Eltern hingegen ist uneingeschränkt, mit ihnen ist angemessen umzugehen. Sie sind gut zu versorgen und würdig zu behandeln. Das ist eine Herausforderung, der wir uns in unserer modernen Gesellschaft zu stellen haben. Und auch der Umgang mit unseren Altvorderen im Kartellverband könnte ein Zeugnis dafür sein, dass wir diesen Auftrag ernst nehmen.

??????(kabed) -der Gebrauch dieses Wortes in den Schriften des Alten Testamentes ist bezeichnend.
Bereits Philo von Alexandrien, ein jüdischer Philosoph, der im Jahr fünfzehn  oder zehn vor Christus geboren wurde und im Jahre vierzig nach Christus starb, wies in seinem Werk ‚De Decalogo‘ auf den vielfachen Gebrauch des
?????? (kabed) hin und folgert
e:

„Es heißt:
ehre deinen Vater und deine Mutter;   
und es heißt:
ehre den Herrn, deinen Gott (Ps 22:24).

Die Schrift hat somit die Ehrung von Vater und Mutter mit der Ehrung Gottes verglichen.“

Hans-Joachim Leciejewski (Urb, Cher)