Gegen Rassismus Farbe bekennen
Rasse und Rassismus - warum bedient sich der Mensch an Ressentiments?
Überall wo es gezeigt wurde, löste dieses Video Empörung aus, oft sogar gewaltsame Proteste. Der Clip zeigt einen amerikanischen Polizisten, der auf dem Hals eines Mannes kniet. Der Festgenommene liegt am Boden, stöhnt: „I can't breathe“ – „Ich kann nicht atmen“. – in der Hoffnung, der Polizist werde von ihm ablassen. Aber das tut der Cop nicht. Acht Minuten und 46 Sekunden kniet er auf dem Hals George Floyds, der zuvor festgenommen wurde, weil er in einem Laden in Minneapolis angeblich mit Falschgeld bezahlt haben soll.
Man hört das Opfer nach seiner Mutter rufen. Man hört Floyd sagen, dass er stirbt. Die Beamten rührt das offensichtlich nicht. Was man sieht, sind gefühllose, uniformierte Folterknechte: weiße Polizisten. Ihr Opfer ist schwarz, Afroamerikaner. Floyd verliert das Bewusstsein. Er stirbt an Ort und Stelle, wie die Autopsie zeigt.
Dreizehn Prozent der Bevölkerung in den Vereinigten Staaten sind schwarz, vierundzwanzig Prozent der von der Polizei getöteten Menschen sind schwarz, achtunddreißig Prozent aller Gefängnisinsassen in den USA sind schwarz. Für Rassisten belegen die Zahlen angeblich, dass „die Schwarzen“ betrügen, stehlen, vergewaltigen und töten; aber es sind nur Vorurteile, die diese Zahlen bestätigen. In Wahrheit beschreiben sie einen strukturellen Rassismus.
Ein Mensch als störendes Objekt
Die Bilder dieses Videos zeigen Rassismus in all seiner Brutalität: das Opfer wehrlos und erstickend am Boden, über ihm der Polizist, triumphierend aufgerichtet. Die Proteste überall in den Vereinigten Staaten haben gezeigt, wie sehr dieser Rassismus das ganze Land aufgewühlt hat. Demonstranten tragen Plakate oder T-Shirts mit der Aufschrift.
„I can´t breathe“. Dieser Satz steht seit 2014 für Übergriffe und Gewalt durch die Polizei. Damals wurde der asthmakranke Afroamerikaner Eric Garner in New York bei der Festnahme von Polizisten erwürgt. „I can´t breathe“ hatte er zuvor geklagt, ohne dass die Polizisten darauf reagiert hätten. Bei den Geschehnissen rund um den Tod von George Floyd fühlte sich die Mutter von Eric Garner so sehr an damals erinnert, dass sie sagte, all das sei „wie ein Echo aus dem Grab“.
Rassismus ist auch Deutschland nicht fremd - auch wenn hierzulande lange die Meinung vorherrschte, „so etwas“ dürfe es nach der Hitler-Diktatur und dem Schrecken über den Holocaust hierzulande eigentlich nicht mehr geben. Und da offensichtlich nicht sein kann, was nicht sein darf, hatten deutsche Regierungspolitiker offenbar Schwierigkeiten, über Rassismus und Diskriminierung überhaupt zu reden, als 1997 als „Europäisches Jahr gegen den Rassismus“ in ganz Europa und damit auch in Deutschland begangen wurde.
Weil nicht sein kann, was nicht sein darf
Selbst die Begriffe „Einwanderer“, „Immigranten“ und „ethnischkulturelle Minderheiten“ würden in Bezug auf die hier lebenden Nichtdeutschen vermieden, „weil diese ja offiziell als Ausländer oder gar Wanderarbeiter gelten“, kritisierte die Türkische Gemeinde Deutschland (TGD) damals und fragte: „Wo und wie soll hierbei eine sachliche Diskussion über Rassismus und Diskriminierung der in Deutschland lebenden kulturellen Minderheiten möglich sein, wenn bereits die notwendigen Begriffe dafür abgelehnt und vermieden werden?“
Denn Deutschland war damals ja beileibe keine rassismusfreie Zone: 1991 hatten Rechtsradikale in Hoyerswerda Brandsätze auf Migranten geschleudert. Hunderte jubelten ihnen zu. Im August 1992 griffen Neonazis im Rostocker Stadtteil Lichtenhagen ein Asylbewerberheim und eine Unterkunft vietnamesischer Vertragsarbeiter an. Anwohner beteiligten sich und hatten ihre Freude. In Mölln hatten im November 1992 Leute, die der Skinhead-Szene zugerechnet wurden, Brandsätze auf zwei von Türken bewohnte Häuser geworfen: Drei Menschen starben. Es folgten die tödlichen Attacken von rechtem Mob in Solingen am 29. Mai 1993, fünf Menschen kamen ums Leben. Später wurde der Terror der NSU offenbar: Jahrelang hatte die Politik die Verbrechen nicht aufklären können, hatte sie nach den Tätern doch im Umfeld der Opfer gesucht, was viele Angehörige stigmatisierte. Und 2019 und 2020 war in Kassel, Hanau und Halle zu erleben, was für furchtbare Gewalttaten rassistische Hetze auslösen kann.
Fehlt der Glaube, fehlt die Menschlichkeit
Heribert Prantl, langjähriges Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung, hat in diesem Zusammenhang in seinem Newsletter „Prantls Blick“ an Pfarrer Olivier Ndjimbi-Tshiende erinnert: 1949 im damaligen Belgisch-Kongo geboren, heute deutscher Staatsbürger, Priester und Professor für Theologie. Und von 2012 bis 2016 Pfarrer in der Gemeinde St. Martin in Zorneding. „Mir fiel ein“, so Prantl, „was diesem katholischen Priester vor vier Jahren in der Münchner Umlandgemeinde Zorneding widerfahren ist, als er sich kritisch über einen flüchtlingsfeindlichen Artikel der örtlichen CSU-Vorsitzenden geäußert hatte. Erst verwarnte der stellvertretende Ortsvorsitzende ‚unseren Neger‘. Dann kamen anonyme Briefe mit Beleidigungen und Morddrohungen. In seinem Briefkasten fand er ein weißes Pulver, von dem er nicht wusste, was es war. Dann erhielt er eine Postkarte, auf der zu lesen stand: ‚Wir schicken dich, du Arschloch, nach Auschwitz.‘ Und noch eine Postkarte: ‚Hau ab, du stinkender Neger.‘ Nach fünf Morddrohungen gab der Geistliche sein Amt als Gemeindepfarrer von Sankt Martin ab. Heute lehrt er an der katholischen Universität in Eichstätt.“
Was ihm widerfuhr hat Olivier Ndjimigi-Tshiende später in einem Buch mit dem Titel „Und wenn Gott schwarz wäre ... Mein Glaube ist bunt“ verarbeitet. Eine seiner Überlegungen: Wenn Rassisten und Ausländerfeinde an Boden gewinnen, dann liege das auch an der Erosion des Christentums und der Kirche: „Fehlt der Glaube, fehlt die Menschlichkeit“, schreibt Olivier Ndjimigi-Tshiende etwa, und: „Wo der Glaube schwindet, wächst der Hass.“
Absurde Versuche, Diskriminierung zu rechtfertigen
Wie sehen die Versuche aus, Rassismus zu begründen? Wie kann man etwa im Zweifelsfall entscheiden, ob jemand schwarz oder wer weiß ist? Das Apartheids-Regime in Südafrika ermittelte das mit abstrusen Tests, von denen der bekannteste der so genannte Bleistifttest war. Blieb bei diesem Test ein Bleistift in der lockigen Haarpracht der Testperson hängen, stand für die Prüfer fest, dass die getestete Person unmöglich weiß sein könne. Oder es gab die Fingernagelprobe, die darauf basierte, dass bei farbigen Personen der Nagel einfarbig sei und keinen helleren Fleck am Ende des Nagelbetts habe. Bei Neugeborenen wurde im Zweifel die Haut am Steißbein überprüft. Hier galt, so die „Tageszeitung“ (taz) „eine schwarzblaue dunkle Färbung (...) ebenfalls als Kriterium für die Einstufung als „Non-white“. Methoden, über die man lachen müsste, wenn sie nicht über Rechte, Chancen und Lebensschicksale entschieden hätten. Aber in ihrer Pseudo-Wissenschaftlichkeit und ihrer kaschierten Absurdität sind sie ein Vorgeschmack all jener Versuche, rassistische Vorurteile rational zu begründen.
Da gab es die theologischen Versuche, Schwarze als Nachfahren, des Sohnes Hams hinzustellen, auf denen der Fluch Noahs laste und die deshalb zu Sklaverei verdammt seien. Immanuel Kant widersprach dem zwar, wenn er schrieb „Einige bilden sich ein, Ham sei der Vater der Mohren und von Gott mit der schwarzen Farbe bestraft, die nun seinen Nachkommen angeartet. Man kann aber keinen Grund anführen, warum die schwarze Farbe in einer vorzüglicheren Weise das Zeichen des Fluches sein sollte als die weiße.“ Soweit zeigte sich Immanuel als Philosoph der Aufklärung.
Leider erklärte er aber auch in seiner „Physischen Geographie“: „Der Einwohner des gemäßigten Erdstriches, vornehmlich des mittleren Teiles desselben, ist schöner am Körper, arbeitsamer, scherzhafter, gemäßigter in seinen Leidenschaften, verständiger als irgendeine andere Gattung der Menschen in der Welt. Daher haben diese Völker zu allen Zeiten die anderen belehrt und durch die Waffen bezwungen.“
Menschen zweiter Klasse
Man könnte die Darstellungen Kants über den Vorrang des Bleichgesichts als Vorurteile eines Mannes abtun, der sein Leben lang nicht über Königsberg hinauskam, doch warteten auch andere Philosophen mit ähnlichen pseudowissenschaftlichen „Erkenntnissen“ auf, zum Beispiel Georg Wilhelm Friedrich Hegel. „Der Neger“, meinte Hegel fernab aller Dialektik, „stellt einen Naturmenschen in seiner wilden und ungezähmten Natur dar. Wenn man ihn richtig verstehen und behandeln will, muss man allen Respekt vor Menschen, sowie Moralität und Gefühle beiseitelegen […] Es ist nichts an das Menschliche anklingende in diesem Charakter zu finden.“
Rassismus, das ist klar, soll die Unterdrückung und Diskriminierung anderer Menschen als etwas natürliches, sinnvolles, ethisch Richtiges rechtfertigen. Suggeriert wird, dass es aus theologischen, philosophischen, soziologischen und biologischen Gründen richtig ist, anderen Rechte, Chancen und Möglichkeiten zu verweigern, die man selbst in Anspruch nimmt. Aber was ist, wenn es gar keine Rassen gibt? Denn heute ist klar, dass menschliches Erbgut weder weiß, noch schwarz, noch gelb ist. Alle Menschen gehören zur selben Art und haben gemeinsame Vorfahren. Die unterschiedliche Haut-Tönung ist Ergebnis der Anpassung an Umwelt und Klima. Sie beruht auf einem mehr oder weniger großen Anteil an Melaninen - Pigmenten, die in bestimmten Hautzellen aufgrund von Sonneneinstrahlungen gebildet werden. Dunkle Haut schützt besser vor Sonne. Je entfernter die Menschen vom Äquator leben, desto heller ist ihre Haut. Damit passt sie sich der geringeren Sonneneinstrahlung an. Aus der eigenen Hautfarbe eine Überlegenheit über andere abzuleiten ist absurd.
Und wenn es keine Rassen gibt - werden Unterdrückung und Diskriminierung anderer verschwinden, wenn nur kräftig mit dem Rassismus aufgeräumt wird, wo auch immer er auftritt, sei es in Gedanken, Worten oder Taten? Derzeit etwa wird bei dem Versuch, mit jeglichem Rassismus unserer Gesellschaft aufzuräumen, in vielen Schubladen das Unterste zu Oberst gekehrt und vieles aussortiert. Ein neues Polizeigesetz in Bremen verbietet anlasslose Polizeikontrollen nach Hautfarbe. Der Werbespot eines Autobauers und ein Gemälde im Frankfurter Städel landen ebenso auf dem Prüfstand wie alte Flaggen, Denkmäler und Kinderbücher. Oder auch der Wortlaut des Art 3 des Grundgesetzes, wonach „niemand (...) wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden (darf)“.
Doch Rassismus funktioniert auch ohne Rasse - so paradox das klingt. Der Historiker Christian Geulen ging in dem Blog „Geschichte der Gegenwart“ der Geschichte des Begriffs Rasse nach. An der Schwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit entstanden, sollte der Begriff Rasse, so Geulen, blutsmäßige Verwandtschaft identifizieren, die im Blut liegende kollektive Größe markieren, und als Kategorie der hierarchischen Aufteilung der Menschheit dienen, also Europäer, Afrikaner, Asiaten und sonstige Großgruppen voneinander unterscheiden. Die Aufklärung griff dann die Rassenkategorie auf, um kulturelle und zivilisatorische Ungleichheiten und Ungleichbehandlungen unter den Menschen zu erklären.
Wer will schon als Knecht enden?
Dann aber kam ab der Mitte des 19. Jahrhunderts mit Charles Darwin und der Evolutionstheorie ein neues Moment hinzu, das auch die Wissenschaft herausforderte: die Annahme, dass Menschen-rassen genau wie Tierarten eine Evolution durchliefen. Und dies vollzog sich nach Darwin im Rahmen eines Überlebenskampfes, eines Kampfes ums Dasein. Durch die Evolutionstheorie erhielt Rassismus eine ganz neue Dynamik. Denn man konnte sich ja nun nicht mehr auf die Naturgegebenheit der Rassen verlassen, sondern musste nachdenken, wie man sich politisch, gesellschaftlich und kulturell am geschicktesten verhalten könne, um die eigene Rasse so rein, so stark und so erfolgreich wie möglich zu halten, sodass man nicht zur Knechtschaft verurteilt sei, sondern zur Herrschaft.
Erst ‚Rassenmischung‘, ‚Rassenkampf‘ und ‚Rassenkrieg‘, so die neue Auffassung, würden darüber entscheiden, wer am Ende überleben und sich damit als überlegen erweisen würde. Seitdem, so Geulen, hat der moderne Rassismus eine paranoide Grundstruktur und legitimiert seinen Hass auf alles Fremde nicht mehr nur durch die Behauptung „natürlicher“ Überlegenheit, sondern vor allem durch die Imagination des Untergangs und der eigenen Abschaffung.
Rassismus ohne Rassen-Konzept
Auch der heutige Rassismus lebt im Wesentlichen von diesen Annahmen und Schlussfolgerungen. Ein Begriff aber findet sich in den heutigen Rassismen (zumal in Europa und Deutschland) kaum mehr - und das ist der Begriff Rasse. Denn „Rasse“ ist historisch diskreditiert (etwa durch den Nationalsozialismus) und wissenschaftlich unhaltbar. Aber sein Gift wabert weiter in den Formeln, die ihn ersetzen: etwa im Gerede von einer kulturellen Überfremdung, im Schüren der Angst vor dem Anderen, in der Furcht davor, dass die eigene Identität bedroht sei und Traditionen nicht mehr weiter gereicht werden könnten. Rassen mögen eine Fiktion sein, Rassismus dagegen ist sehr real und bedrohlich.
Wie kann man dem begegnen? Sicherlich mit der Einsicht, dass jeder Mensch die gleichen Rechte hat und ihm kein Recht vorenthalten werden darf, bloß weil er sich in seinem Aussehen von anderen unterscheidet. Denn er ist, wie jeder Mensch, Gottes geliebtes Kind. Gottes Geschöpfe sind vielfarbig und vielfältig. Nur gemeinsam spiegeln wir Gottes Wirklichkeit in der Welt. Das verpflichtet zur Solidarität, wenn Menschen diskriminiert werden. Es verpflichtet zum Protest, wenn Menschen drangsaliert und gequält werden - mit der Begründung, dass „solche Leute“ angeblich keine bessere Behandlung verdient haben - wie im Fall George Floyd. Und das verpflichtet zum Respekt und zur Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Eigenarten. Denn Christus weist uns geradewegs an die Seite der Benachteiligten und Gemiedenen. Da ist der Platz der Christen und der Kirche in dieser Gesellschaft - nicht in der Wagenburg und nicht bei den Priviligierten.
Reinhard Nixdorf (Nm-W)


