Einsatz für das hohe Gut der Freiheit

Zur liberalen Frühgeschichte der Korporationen

Eine der bemerkenswertesten Einsichten des frühen Liberalismus war bekanntlich, dass Redekunst uns das hohe Gut der Freiheit vor Augen stellen kann. Die Moral der Freiheit will für die Gemeinschaft politisch werden. Im Kampf für die Freiheit erscheint der Beitrag der Heiterkeit nicht unwillkommen.

Gewöhnlich hält man Heiterkeit zwar für Spiel, weil sie in bescheidener Gestalt Zerstreuung bringt, aber sie entfaltet auch revolutionäre Kräfte. Denn beim Aufstand gegen Bevormundung hält man sich zum Schutz vor Zensur und Verfolgung zunächst gern bedeckt: Suaviter in modo fortiter in re: Dolche unter Blumen, jeder Witz eine Bosheit.

„Der Mensch ist frei geboren, und überall liegt er in Ketten.“ Die Worte des Jean-Jacques Rousseaus von 1762 fanden 1776 Widerhall in der „Declaration of Independence“ der Vereinigten Staaten von Amerika.

Freiheit heißt zwar nicht, dass der Mensch tun kann, was er will, sondern dass er nicht tun muss, was er nicht will. Im freien Spiel der Ideen mag sich Vernunft durchsetzen, darin ist es allen doktrinären Konzepten weit überlegen. 

Flexibilität und Offenheit für die Vielfalt des Lebens, Skepsis gegenüber homogenen Weltbildern, Heilsversprechen und Ideologien, kennzeichnen eine liberale Einstellung, Widerspruch gegen letzte Begründungen und absolute Gewissheiten. Der Einsatz für die Freiheit ist wie ein Schiff, das unverdrossen einen Wellenkamm nach dem anderen nimmt, aber nie in einen Hafen einläuft. Karten, Kompass und Courage braucht es allerdings.

Denn Freiheitsrechte sind unbequem, sie verlangen, dass man sich zu ihnen bekennt, Verantwortung übernimmt und sich für sie einsetzt. Dazu ein historisches Beispiel.

Im Streit über die freie Meinungsäußerung stellten Gebildete um 1720 die Alleinherrschaft des Ancien Régime in Frage, indem sie vorerst auf die subversive Kraft des scharfsinnigen Witzes vertrauten. In Salons, Lesegesellschaften, Studentenbünden und Freimaurerlogen trugen Aufklärer ihre Forderungen unter der Maske des Lustspiels vor. Die Moral der Freiheit findet auch heute noch kein kräftigeres Antidot gegen Alleinherrschaft als das Lachen: Nichts fürchten Autokraten mehr als Humor.

Allerdings begibt sich der liberale Kämpfer in Gefahr, so wurde zum Beispiel August von Kotzebue (1761-1819) nicht nur von Napoleon, sondern auch von gegnerischen Konservativen verfolgt. Sie hatten Angst vor gesellschaftlicher Veränderung und vertrauten lieber den alten Autoritäten.
Infame Unterstellungen, bösartige Übertreibungen, Herabsetzung, Diffamierung, gesuchte Missverständnisse, Verschwörungs- und Spionagevorwürfe, vorgetragen unter dem heuchlerischen Schein der Unparteilichkeit, rückten den beliebten Lustspieldichter in das Blickfeld eines Studenten der Theologie.

„Wahrheit ist eine widerliche Arznei; man bleibt lieber krank, ehe man sich entschließt, sie einzunehmen“ August von Kotzebue, Lohn der Wahrheit. Nur schwach erleuchtet durch die
Vorstellung von einer idealen Gesellschaft der Freien und Reinen, in der es Zyniker und ironische Volksverderber vom Schlage Kotzebues nicht mehr geben würde, ermordete Carl Ludwig Sand 1819 „das eigentliche Theatertalent der Deutschen“ (F. Nietzsche). Auf allen Bühnen Europas war August von Kotzebue der „Schöpfer eines glücklichen Jahrhunderts“ (Ludwig Börne) gewesen, doch den Moralisten focht es nicht an, er verschmähte alle Überlegungen über die Folgen seiner Gewissenstat.

In Weimar hatte Goethe für den neidverhassten Intimfeind, der auf allen Bühnen Europas so viel erfolgreicher war als er, lediglich Krokodilstränen übrig. Eine Verwandlung der Verhältnisse zu einer Harmonie von Tradition und Liberalität hätte er vorgezogen, sich über die konkrete Bewerkstelligung aber ausgeschwiegen. Etwas Besseres als die ruchlose Tat eines Burschenschafters hätte den Anhängern des monarchistischen Ständestaates gar nicht passieren können.

Die Entwicklung des Liberalismus war den Anhängern der Reaktion schon lange ein Dorn im Auge. Der österreichische Kanzler Metternich ergriff daher die Chance, ein Ereignis von drittrangiger Bedeutung zu einem Fundamentalkonflikt zu stilisieren. Das Attentat lieferte 1819 den Vorwand für die Beschlüsse von Karlsbad, um die freiheitliche Bewegung zu unterdrücken, missliebige Professoren zu verjagen und Burschenschaften zu verbieten. Nach dem Verlust ihrer liberalen Zweige haftete an den Korporationen generell der Geruch des Reaktionären.

Deren Vertrauen in die ständische Ordnung gesellschaftlichen Lebens bleibt jedoch nur die halbe Wahrheit. In der alltäglichen Praxis, auf die es ja ankommt, pflegen sie echt liberale Tugenden wie Respekt und Toleranz, demokratische Regeln des Entscheidens, Weltoffenheit und Humor.

Paul Ridder, PD DDr.phil.habil.em. (Mk)