Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung: Straße nicht mehr nach Papst Pius XII. benennen

Dr. phil. Michael F. Feldkamp (Arm, Gst, E d Ask, Smn)

Kampagne gegen Pius XII., ein Ehrenmitglied des KV

Eigentlich schon seit Beginn seiner Amtszeit steht der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung Felix Klein im Kreuzfeuer der Kritik. Erst im vergangenen August haben ihn deutsche Wissenschaftler offen zum Rücktritt aufgefordert. Ob die Rücktrittsforderungen gerechtfertigt sind, soll hier nicht zur Debatte stehen. Aber kürzlich ließ Klein erneut von sich hören. Auf die Expertise der Historiker Julien Reitzenstein und Ralf Balke zurückgreifend, forderte der Antisemitismusbeauftragte die Umbenennung der Berliner Pacelli-Allee.

Neben Berlin gibt es in Deutschland sechzehn Städte, in der Häuser, Straßen oder Plätze nach Eugenio Pacelli benannt sind. Pacelli war der bürgerliche Name von Papst Pius XII., der von 1939 bis 1958 amtierte. Als Vatikanischer Diplomat wirkte er von 1917 bis 1925 als Apostolischer Nuntius in München. Von 1920 bis 1929 war er Apostolischer Nuntius für das Deutsche Reich, 1925 bezog er die erste Apostolische Nuntiatur in Berlin. Als Nuntius ging es Pacelli um die Klärung des Verhältnisses zwischen Staat und katholischer Kirche in Deutschland.

Nach seiner Einschätzung bot die Weimarer Republik der katholischen Kirche mehr Entfaltungsmöglichkeiten als das protestantische Kaiserreich der Hohenzollern, das im Kulturkampf nach 1870 Katholiken zu Staatsbürgern zweiter Klasse gemacht hatte. So konnte 1924 ein Konkordat mit Bayern, 1929 mit Preußen abgeschlossen werden. Zäh verliefen die 1924 begonnenen Verhandlungen mit den Reichsregierungen. Adolf Hitler griff das Projekt kurz nach seiner Machtergreifung wieder auf: Das am 20. Juli 1933 unterzeichnete Reichskonkordat verzeichneten die Nazis als starken Prestigegewinn. In der deutschen Hauptstadt war der hochgewachsene, asketisch wirkende Nuntius populär. Die Berliner Askanen machten ihn zum Ehrenmitglied. Als er Ende 1929 nach Rom zurückging, wurde ihm zu Ehren ein Fackelzug veranstaltet.

Seit langem wird über die Rolle von Papst Pius XII. im Zweiten Weltkrieg und seine Haltung zum Hitler-Regime diskutiert. Den Vorwürfen, Pius XII. habe nicht energisch genug gegen den nationalsozialistischen Völkermord an Europas Juden Stellung bezogen, stehen Hilfs- und Schutzmaßnahmen des Papstes zu Gunsten vieler Juden gegenüber.

Vorschläge, die Pacelli-Allee in Berlin umzubenennen sind nicht neu und deswegen auch nicht originell. Sie kamen bisher stets aus der politisch linken Ecke. Es sind jene Kreise, die die Erinnerungskultur in Deutschland nachhaltig verändern wollen. Mithin handelt es sich also auch bei dem Vorschlag zur Umbenennung der Pacelli-Allee um eine zunächst symbolpolitische Aktion. Sie hat den faden Beigeschmack, dass Klein möglicherweise seine Kritiker, insbesondere aus jüdischen Kreisen, nun gewogen machen möchte, um von seinen bisherigen Fehlleistungen in der Funktion als Antisemitismusbeauftragter abzulenken. Die Rechnung ist aufgegangen.

Kommunistische und nationalsozialistische Propaganda

Doch eigentlich ist es Kleins Aufgabe, präventiv gegen Antisemitismus in Deutschland vorzugehen und entsprechende Strategien zu entwickeln; seine Aufgabe ist es nicht, in die geschichtspolitische Mottenkiste zu greifen, um dann auch noch antikatholische Ressentiments zu schüren und billige Klischees zu bedienen. Aber es war zu erwarten, dass ein Großteil der deutschsprachigen Presse auch außerhalb Berlins über den Vorschlag unkritisch und gar wohlwollend berichten würde.

Erstaunlich an dieser Debatte ist, dass die Gewährsleute von Felix Klein als Begründung für die Umbenennung der Pacelli-Allee Argumente anführen, die zum größten Teil entweder nationalsozialistischer Propaganda von 1933/34 entspringen oder auf sowjetkommunistische Kriegspropaganda von 1943 bis 1945 zurückzuführen sind und darüber hinaus auch damals kirchenfeindlich konnotiert waren.

Historische Dokumente falsch übersetzt Joseph Goebbels selbst hatte 1933 behauptet, mit dem Reichskonkordat vom Juli 1933 habe der Heilige Stuhl die Billigung und Anerkennung der nationalsozialistischen Weltanschauung betrieben. Der Heilige Stuhl hatte diesen Behauptungen umgehend und vehement widersprochen. Und die Entstehungsgeschichte des Reichskonkordates belehrt uns hier eines Besseren.

Von sowjetischer Seite wurde seit den letzten Kriegsjahren die Legende verbreitet, der Vatikan habe sich im Kampf gegen den Bolschewismus mit Hitler verbündet, und als Preis die systematische Ermordung der Juden durch Hitler geduldet. Übrigens endete auf sowjetischer Seite diese Propaganda erst, als Rolf Hochhuth 1963 sein Theaterstück „Der Stellvertreter“ auf die Bühnenbretter der Welt brachte. Die Saat war aufgegangen. Nun betrieben die Deutschen selbst das Geschäft der Verleumdung des Papstes in erwartbarer Gründlichkeit. In zahlreichen Ländern der Bundesrepublik Deutschland wurde das Theaterstück im Deutschunterricht der Oberstufe zur Pflichtlektüre.

Aber es stimmt nicht, dass der Papst geschwiegen habe. Pius XII. hat allein dreimal in öffentlichen Ansprachen, nämlich am 1. August 1941, am 24. Dezember 1942 und am 2. Juni 1943 die Verfolgung von Menschen wegen ihrer Rasse oder ihres Glaubens durch die Nazis angeprangert. Damit waren die Juden gemeint, aber auch die Sinti und Roma. Dass diese Reden in Deutschland nicht vernommen wurden, mag angesichts der gleichgeschalteten Medien in der Diktatur nicht überraschen.

Gleichzeitig aber hat der Papst auf diplomatischem Wege immer wieder gegen die Verfolgung von Juden interveniert, sobald er darüber – und sei es gerüchteweise – Nachrichten erhielt. Durch seine Unterstützung konnten in ganz Europa circa 600 000 bis 800 000 Menschen, zum größten Teil Juden, zur Ausreise und zur Flucht verholfen werden. Als die Nazis im September 1943 Rom besetzten, war es der Pacelli-Papst, der den Deutschen Botschafter einbestellte und schließlich circa zwanzigtausend Verfolgte, darunter auch fünftausend Juden, im Vatikan, in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo sowie in etwa zweihundert stadtrömischen Klöstern und kirchlichen Einrichtungen verstecken ließ.

Außer bei einigen Historikern in Deutschland und den Vereinigten Staaten wird diese – auch logistisch – großartige Leistung von Pius XII. anerkennend gewürdigt. Es gehört schon eine Menge Chuzpe dazu, ausgerechnet diesen Papst mit Antisemitismusvorwürfen zu diskreditieren.

Ignoranz schadet der Versachlichung

Zu den Autoren, die nicht einmal davor zurückschreckten, historische Dokumente falsch aus dem Italienischen zu übersetzen, um mit Verleumdungen gegen den Papst zu polemisieren, gehören John Cornwell und Daniel J. Goldhagen. Ihre Bücher blieben schon 1999 beziehungsweise 2003 nicht unwidersprochen. So gesehen ist es erschreckend, mit welcher Ignoranz die Ergebnisse jahrzehntelanger internationaler Geschichtsforschung insbesondere aus Italien übergangen werden.

Ehrlich gesagt: Diese Ignoranz schadet der Versachlichung der Debatte erheblich und nervt allmählich. Die zentralen Aktenstücke aus deutschen Archiven wurden schon in den 1950er Jahren publiziert. Ein Historiker des italienischen Auswärtigen Amtes hat sogar amerikanische Geheimdienstakten systematisch durchsehen können und nichts gefunden, was Pius XII. hätte belasten können. Die britischen Geheimdienstakten bleiben weiterhin verschlossen.

Dafür aber hat der Vatikan zentrale Aktenstücke schon seit den 1960er Jahren publiziert und hält schließlich seit März 2020 alle Archivalien aus dem Pontifikat Pius´ XII. der Öffentlichkeit zur Auswertung bereit. Aus wissenschaftlichen Erwägungen heraus greift der Antisemitismusbeauftragte mit seinem Vorschlag den noch zu erwartenden Forschungserträgen voraus. Er hätte ab- warten können; wobei zu erwarten ist, dass Weiteres zur Entlastung von Pius XII. gefunden werden wird. So gesehen ist es reiner Populismus, was Felix Klein hier betreibt – und das auf Kosten der katholischen Kirche.

Dass es sich bei dem Vorschlag von Klein um einen unausgegorenen Schnellschuss handelt, mag auch daran zu erkennen sein, welche alternative Persönlichkeit er für die Namensgebung der bisherigen Pacelliallee vorsieht: die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir! Doch ausgerechnet Golda Meir hat 1958 als Außenministerin Israels über Pius XII. geurteilt: „In einer von Kriegen und Uneinigkeit bedrückten Welt vertrat er [Pius XII.] die höchsten Ideale des Friedens und Mitleids. Als in dem Jahrzehnt des nationalsozialistischen Terrors unser Volk ein schreckliches Martyrium überkam, hat sich die Stimme des Papstes für die Opfer erhoben. Das Leid unserer Zeit wurde von einer Stimme bereichert, die über den Lärm der täglichen Streitigkeiten hinweg deutlich die großen sittlichen Wahrheiten aussprach. Wir betrauern einen großen Diener des Friedens.“ Deswegen verlautete schließlich am 15. September 2020 aus der Apostolischen Nuntiatur in Berlin: „Es ist daher recht und billig, wenn gerade in Berlin eine Straße den Namen von Eugenio Pacelli trägt.“

Dr. phil. Michael F. Feldkamp (Arm, Gst, E d Ask, Smn)

Michael F. Feldkamp ist Vorsitzender des Ortszirkels-Berlin-Brandenburg und Mitglied der Arminia, Guestphalia und Semonia sowie Ehrenphilister des Askania-Burgundia.
Zum Thema veröffentlichte er 2018 das Buch „Pius XII.: Ein Papst für Deutschland, Europa und die Welt.“ (Patrimonium-Verlag, Aachen 2018)