Josef Kleinsorge (1875 - 1945)

Dr. Andreas Grau (Arm)

Armine, Lehrer und Opfer des NS-Regimes

Auseinandersetzungen unter Schülern, die 1943 nach der Nachricht der Kapitulation Italiens HJ-Abzeichen weggeworfen hatten, bildeten den Vorwand, dass Kb Dr. Josef Kleinsorge am 16. September 1943 aus dem Unterricht an der katholischen Höheren Landwirtschaftsschule in Lüdinghausen verhaftet wurde. Mit ihm wurden der Priester Kb Dr. Bernhard Hürfeld (Rh-I), Internatspräfekt Frater Johannes, der Geschichtslehrer Dr. Wilhelm Brockhoff und der Religionslehrer Kaplan Anton Bornefeld inhaftiert.

Am 6. Februar 1944 wurde Kleinsorge ins KZ Dachau gebracht. Mangelhafte Ernährung, häufige Appelle unter freiem Himmel in dünner Kleidung ruinierten seine Gesundheit. Am 12. Januar 1945 starb er – einer von 43 Toten, die an diesem Morgen im Leichenhof des Krankenreviers des KZ Dachau lagen.

Josef Kleinsorge wurde am 4. Dezember 1878 in Sundern im Sauerland geboren. Seine Eltern be- trieben einen Bauernhof. Zunächst besuchte er die örtliche Volksschule und wechselte anschließend auf das Gymnasium in Coesfeld und später in Arnsberg. Dort legte er zu Ostern 1898 das Abitur ab. Kleinsorge begann nun ein Landwirtschaftsstudium an der Landwirtschaftlichen Akademie in Bonn-Poppelsdorf. Obwohl er Student der Landwirtschaft war, trat er im Mai 1898 dem KStV Arminia und nicht dem KStV Rheno-Borussia bei. Wie aus einem Mitgliedsbuch im Arminenarchiv hervorgeht, wechselte er im Sommersemester 1899 nach Halle, kehrte aber nach einem Semester wieder nach Bonn zurück.

Offenkundig änderte er seinen Berufswunsch, denn 1901 legte er in Bonn die Prüfung als Landwirtschaftslehrer ab. Zum weiteren Studium wechselte Kleinsorge anschließend an die Universität Jena, wo er 1902 zum Dr. phil. promoviert wurde. Außerdem belegte er pädagogische Kurse in Weilburg und erhielt 1903 die Befähigung zur Anstellung an landwirtschaftlichen Lehranstalten. Weil ihm dies offenbar nicht ausreichte, studierte er noch von 1904 bis 1908 Naturwissenschaften und Philosophie in Breslau. 1908 hatte er dann sein Ziel erreicht und ihm wurde die Befähigung für das höhere Lehramt erteilt.

Seinen Berufsweg begann er offenbar schon 1905 als Lehrer an der Landwirtschaftsschule in Liegnitz/Schlesien. Schon bald kehrte er aber nach Westfalen zurück und unterrichtete am Realgymnasium in Wanne. Im Oktober 1910 wurde er als Direktor an die Höhere Landwirtschaftsschule auf Burg Lüdinghausen im Münsterland berufen.

Die Landwirtschaftsschule in Lüdinghausen

Die Landwirtschaftsschule auf der Burg Lüdinghausen war bereits 1869 gegründet worden und hatte um 1900 etwa zweihundert Schüler. Da zahlreiche Schüler aus Westfalen, dem Rheinland und Oldenburg kamen, wurde 1925 ein Internat eingerichtet. Gründer und Leiter des Internats war der Priester Kb Dr. Bernhard Hürfeld. Bis zu seiner Verhaftung 1943 blieb Dr. Kleinsorge, der seit 1918 mit Josefa Kayser verheiratet war, Direktor der Landwirtschaftsschule. Politisch trat er in dieser Zeit nicht hervor. Allerdings machte er aus seiner Ablehnung des Nationalsozialismus keinen Hehl. So verweigerte er den Beitritt zur NSDAP und nahm weiterhin an den Schulmessen und den kirchlichen Prozessionen teil.

Auch wenn der Lehrbetrieb in Lüdinghausen nach 1933 weiterging, so nahm der Druck auf die unabhängige Schule doch ständig zu: 1936 wurde Dr. Hürfeld die Lehrerlaubnis an der Schule entzogen und 1942 musste er auch die Leitung des Internats abgeben. 1939 erfolgte die Umwandlung der Landwirtschaftsschule in eine Oberschule für Jungen und im November 1941 erging die Anordnung, die Schule bis Ostern 1944 zu schließen.

Der genaue Grund für die Verhaftungen und die Schließung der Landwirtschaftsschule 1943 lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren. Den Anlass bil-deten wohl Verunglimpfungen von NS-Symbolen durch Schüler im Juli 1943 nach der Kapitulation Italiens sowie eine Prügelei auf dem Schulhof, bei der ein Schüler in HJ-Uniform verletzt wurde. Außerdem hatten Schüler den Geschichtslehrer Dr. Wilhelm Brockhoff und den Kaplan des Internats, Anton Bornefeld, als Gegner des NS-Regimes denunziert.

16. September 1943: Mitten aus dem Unterricht heraus verhaftet

Am 16. September 1943 erschienen Gestapobeamte in Begleitung des Kreisleiters der NSDAP, des Landrates und des örtlichen HJ-Führers auf der Burg Lüdinghausen. Aus dem Unterricht heraus verhafteten sie Dr. Hürfeld, Dr. Kleinsorge, Dr. Brockhoff, den Kaplan Bornefeld und den Präfekten des Internats, Johannes Goebel und brachten sie in das Gestapo-Gefängnis nach Recklinghausen. Ihnen wurde vorgeworfen, den „staatsfeindlichen Umtrieben der Schüler Vorschub geleistet und Erregung in die Öffentlichkeit getragen“ zu haben. Auch die Schüler wurden bestraft und einen Tag später in das HJ-Schulungslager nach Haldem gebracht, zur „staatspolizeilichen Erziehung“. Die Oberschule Lüdinghausen wurde daraufhin geschlossen und die Schüler mussten ihre Schullaufbahn an anderen Schulen fortsetzen.

Die verhafteten Lehrer blieben hingegen in Recklinghausen inhaftiert und wurden intensiv verhört. Trotz aller Bemühungen gelang es offenbar nicht, ihnen etwas Strafbares nachzuweisen. Aus der Haft schrieb nämlich Josef Kleinsorge an seine Familie, er fühle sich „schuldlos“ und habe ja auch „nichts Ehrloses“ getan. Daher hoffe er bestimmt, „zu Euch zurückkehren“ zu können. Dieser Wunsch erfüllte sich allerdings nicht, denn am 6. Februar 1944 wurden die Inhaftierten ohne Gerichtsurteil ins KZ Dachau überstellt. Selbst die Bemühungen des Gauleiters für Westfalen, die Freilassung von Kleinsorge und Brockhoff zu erreichen, wurden durch das Reichssicherheitshauptamt in Berlin verhindert.

Die mangelhafte Ernährung in Dachau, die häufigen Appelle und die schlechte medizinische Versorgung ruinierten schon bald die Gesundheit der Gruppe aus Lüdinghausen. Bereits am 17. März 1944 starb Präfekt Goebels an einer Stirnhöhlenvereiterung. Auch Josef Kleinsorge überlebte das Lager nicht. Er starb am 12. Januar 1945 an Furunkulose.

Seiner Frau wurde aus Dachau wahrheitswidrig mitgeteilt, er wäre im Krankenhaus an Herz- und Kreislaufversagen gestorben. Dr. Hürfeld gelang es zumindest, die Asche von Kleinsorge aus Dachau hinaus zu schmuggeln und nach Lüdinghausen zu bringen, wo  sie am 17. September 1945 beigesetzt wurde. Dabei würdigte ihn Hürfeld als „Ehrenmann von der Fußsohle bis zum Scheitel“. Und Schüler sagten über ihn, er sei als Lehrer ein weithin leuchtendes Vorbild gewesen.

Bernhard Hürfeld war schon im Mai 1945 nach Lüdinghausen zurückgekehrt und Wilhelm Brockhoff und Kaplan Anton Bornefeld folgten ihm im Juni 1945.

Die Vorgänge, die sich in Lüdinghausen im September 1943 abspielten, die Verhaftungen und die Schließung der Landwirtschaftsschule, bleiben im gesamten Bistum Münster ohne Beispiel.

Literatur:
Christian Frieling: Priester aus dem Bistum Münster im KZ, 2. Aufl., Münster 1993.
Hubert Kleinsorge/Chrysostomus Ripplinger: Dr. Josef Kleinsorge, in: Helmut Moll (Hg.): Zeugen für Christus. Das Deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts, Paderborn u.a., 7. Aufl. 2019, S. 558-560.
Gedenkbuch Opfer und Stätten der Herrschaft, der Verfolgung und des Widerstandes in Recklinghausen 1933-1945, in: www.recklinghausen.de/gedenkbuch (abgerufen am 27.5.2020)
Hans-Jürgen Witt: Die nationalsozialistischen Schläge gegen die christlich geprägte Schullandschaft in Lüdinghausen (1939-1945), 2020. www.burgfreunde-lh.de (abgerufen am 28.5.2020)

Josef Kleinsorge

Aus seiner Schutzhaft in Recklinghausen schrieb Kb Dr. Josef Kleinsorge am 19. Januar 1944 an seine Frau: „Nun hat es Gott doch noch gefügt, dass ich ins Konzentrationslager geschickt werde. Es ist dies der zweite Leidensweg, der mir vorgezeichnet wird. Wie nun der Zweite Leidensweg, den wir zu gehen haben, sein wird, ist mir unbekannt, aber da der Herrgott das neue Kreuz geschickt hat, wird er mir und Euch auch die Kraft geben, es zu tragen (...).“ Zum Schluss erinnerte er an das Wegkreuz in der Umgebung von Lüdinghausen mit der Inschrift:„Im Kreuz ist Heil. Wer im Glück zum Kreuze sieht. Im Unglück vor dem Kreuz kniet. O, der kann betend sagen: Im Kreuz ist Heil!“

Der Priester Dr. Hürfeld brachte die Asche des Verstorbenen mit in die Heimat, wo die sterblichen Überreste am 17. September 1945 beigesetzt wurden. Bei diesen Beisetzungsfeierlichkeiten sagte Dr. Hürfeld: „Wir alle haben ihn gekannt in seiner Biederkeit und Rechtlichkeit, in seiner Ehrlichkeit und Uneigennützigkeit, in seiner Güte und Vornehmheit, als ein Ehrenmann von der Fußsohle bis zum Scheitel. Ich brauche nur hinzuzufügen, dass er auch im Lager dieselbe edle Haltung zeigte, und dass er durch seine Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit seine Kameradschaft und Hilfsbereitschaft im Fluge die Herzen der Mithäftlinge gewann.“

Georg Heitkamp, sein einstiger Schüler, sagte bei der Urnenbeisetzung am 17. September 1945 in Lüdinghausen über seinen Lehrer: „In Wahrheit war er ein weithin leuchtendes Bild seltener Pflichttreue. Als Lehrer und Beamter ein vollendetes Vorbild! (...) Um der Gerechtigkeit willen bist du verfolgt worden, hast Du gelitten, bist du gestorben, darum wird Dein Lohn groß sein im Himmel.“

(Quelle: Zeugen für Christus. Das deutsche Marty-rologium des 20. Jahrhunderts. Herausgegeben von Prälat Prof. Dr. Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, Bd 1, S. 558 f.