Eine Schau auf der Berliner Museumsinsel präsentiert den Wissensstand der Archäologie über die hartnäckigsten Gegner des Römischen Reichs

Zufall, Fügung? Just im Herbst, als zwei Mitglieder des KStV Germania Münster den Vorsitz des Vororts im KV übernommen haben, wurde auf der Berliner Museumsinsel eine Ausstellung eröffnet, in deren Focus auch Germanen stehen: der Verband von Volksstämmen, der im Altertum zwischen Rhein, Donau und Weichsel siedelte, sich selbst wahrscheinlich gar nicht als Einheit verstand, aber von den Römern als ein Volk angesehen wurde. „Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme“ lautet der Titel der Ausstellung in der James-Simon-Galerie. Parallel zur Schau ist im Vaterländischen Saal des Neuen Museums eine Ausstellung unter dem Titel „Zweihundert Jahre Mythos, Ideologie und Wissenschaft“ zu sehen. Für die Römer waren die Ger-manen barbarische Gegner, für die Nazis heroische Krieger. Mit diesen Mythen räumt die archäologische Übersichtsschau gründlich auf.

Mit festem Blick wacht Hermann der Cherusker über die Wipfel des Teutoburger Waldes. Siegreich streckt er sein Schwert empor, obwohl es fast 550 Kilo wiegt. Bis zum Bau der Freiheitsstatue in New York war der 54 Meter hohe Koloss die höchste Statue der Welt. Ohne Sockel misst die Figur 26 Meter und besteht aus Kupferplatten - daher der grünliche Ton. Es gibt das Gerücht, dass aus der Nase des Recken einmal ein Kleinkind gestürzt sei. Wirklich kann man im Innern des Hermannsdenkmals bis zu sechzehn Metern klettern. Aber ganz oben angekommen, stellt man fest: Die Nasenlöcher sind nur ein paar Zentimeter offen - zu eng, selbst für ein Kleinkind.

Das Denkmal soll an den Cheruskerfürsten Arminius erinnern. Zusammen mit seinen germanischen Truppen fügte er dem Römischen Reich im Jahre neun nach Christus die wohl peinlichste Niederlage seiner Geschichte zu, in einer Schlacht, die je nach gusto Varus- oder Hermannsschlacht genannt wird.

Der Bildhauer Ernst von Bandel schuf die Figur im neunzehnten Jahrhundert als eine Art Bilderbuchgermanen.  Zweifelhaft, ob Arminius so wie Asterix der Gallier einen geflügelten Helm getragen hat oder ob er seinen Taten irgendeine weitere Bedeutung für die Nachwelt zugebilligt hat, wie die Inschrift „Deutsche Einigkeit meine Stärke. Meine Stärke Deutschlands Macht“ nahelegt, die in das schwere Schwert eingraviert ist.

Befreier vom römischen Joch

Jahrhundertelang wurde an Arminius herum gesponnen. Lange vergessen, wurde der aufrührerische Cherusker wieder bekannt, seit die „Germania“ des Tacitus im Kloster Hersfeld Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts wiederentdeckt worden war. Darin beschrieb ihn Tacitus als Befreier Germaniens, der „den Mut gehabt habe, das „in höchster Blüte stehende Römische Reich herauszufordern“, wobei er „in einzelnen Schlachten nicht immer erfolgreich, im Kriege aber unbesiegt“ war.

Im sechzehnten Jahrhundert fand Arminius – wohl von Martin Luther mit dem Namen „Hermann“ bedacht – Eingang in die Literatur und wurde zur Folie, auf der sich scheinbar vergleichbare aktuelle Bezüge abbilden ließen. Unter dem Eindruck der Reformation beschrieb Ulrich von Hutten den Germanen als „ersten unter den Vaterlandsbefreiern“, der „das römische Joch“ abgeworfen habe. Johann Gottfried Herder (1744-1803) berief sich in seinen „Ideen zur Philosophie der Menschheit“ auf die Germanen des Tacitus. Friedrich Klopstock formte Arminius zum deutschen Helden, Heinrich von Kleist (1777-1811) rief in seiner „Hermannsschlacht“ unmissverständlich zur Erhebung gegen Napoleon auf und Christian Dietrich Grabbe, in Detmold, nicht weit vom Standort des Hermannsdenkmals, ansässig, versuchte mit seiner „Hermannsschlacht“ ein Nationaldrama zu schaffen: Die Gleichsetzung germanisch=deutsch verfestigte sich. Sogar eine Oper mit dem Titel „Armin“ gibt es. Die Musik schrieb der Komponist Heinrich Hofmann, das Libretto stammt von Felix Dahn, bekannt durch seinen „Kampf um Rom“.

Die Fülle an archäologischem Material hat sich potenziert

Die Ausstellung in der James-Simon-Galerie auf der Berliner Museumsinsel versucht, diesen historischen Nebel zu lichten. Sie setzt dabei nicht auf historische Texte, sondern auf das, was der Boden birgt - auf den archäologischen Befund. Denn „die Fülle an archäologischem Material hat sich einfach potenziert in den letzten Jahren“, sagte Berlins Landesarchäologe und Museumsleiter Matthias Wemhoff gegenüber dem Kulturfernsehen 3sat. „Die Zahl der Siedlungen, die wir kennen, hat sich einfach verdoppelt von zweihundert auf vierhundert, die ausgegraben worden sind allein in den letzten zwanzig Jahren.“ Insofern sei es dringend Zeit, wieder ein Fazit zu ziehen.

Über Jahrhunderte hinweg wurden die allgemeinen Vorstellungen über die Germanen vom Bericht eines Mannes geprägt, der sie selbst wohl nur aus Büchern kannte und wahrscheinlich auch nie das Gebiet betreten hat, das die Germanen bewohnten. Der römische Historiker Tacitus verfasste seine Schrift „Germania“ im Jahr 98 nach Christus, eine Abschrift davon wurde 1455 im Kloster Hersfeld wiederentdeckt, wo sie vom späteren Papst Pius II., Enea Silvio Piccolomini, eingehend studiert wurde. „Vor allem müssen wir zeigen“, schrieb Piccolomini, „was Deutschland denn einst war und was es heute ist.“

„Die Annahme einer möglichen Vergleichbarkeit nach mehr als tausend verstrichenen Jahren war damit in die Welt gebracht“, schrieb Felix Müller in der Berliner Morgenpost, „und auch in späterer Zeit verfolgte die Rezeption das Ziel, Kontinuitäten zu erweisen, Traditionslinien herzustellen, schließlich sogar die Idee eines nationalen Erbes zu begründen – mit allen propagandistischen Verzerrungen, die im zwanzigsten Jahrhundert daraus folgten.“

Hermann und Germania

Das Urteil der modernen Geschichtswissenschaft fällt da nüchterner und deutlich vorsichtiger aus. „Ein Volk, das sich Germanen nannte, hat es vielleicht nie gegeben“, schrieb der Wiener Historiker Walter Pohl bereits im Jahr 2004. Auch Professor Wemhoff ergänzte gegenüber 3sat: „Die Germanen sind nie eine Einheit gewesen, sie haben sich immer untereinander befehdet. Daraus ein Volk zu definieren, ist wahnsinnig schwierig“.

Die Schwierigkeiten beginnen also bereits mit dem Namen. Größere Verwendung fand der Begriff „Germane“ erstmals bei Iulius Caesar, der in seinem „Gallischen Krieg“ (De bello Gallico) alle Volksstämme rechts des Rheins als Germanen bezeichnete. Und so wird seit Jahrzehnten in der archäologischen und historischen Forschung heftig darüber diskutiert, ob man den Begriff „Germanen“ überhaupt noch anwenden darf. Die Ausstellungsmacher haben sich entschieden, ihn zu verwenden, weil sich, wie der Historiker Michael Schmauder im Ausstellungskatalog schreibt, „bestimmte Begriffe nicht aus der Forschung, vor allem aber nicht aus dem allgemeinen Sprachgebrauch und Bewusstsein wegdenken lassen“. Das bedeutet: Auf der Berliner Museumsinsel, in der James-Simon-Galerie und im Neuen Museum, wird beides präsentiert: der Mythos und der archäologische Befund.

Die Runen der Germanen dienten höchstens der Alltagskommunikation, nicht aber, um Kultur und Sitten der Germanen zu dokumentieren. Deshalb haben römische Autoren nachhaltig das Germanenbild geprägt, allen voran Tacitus, der sich aber, wie gesagt, höchstwahrscheinlich nie in Germanien aufgehalten hat.

Fake news der alten Römer?

Denn das, was Tacitus von den Nachbarn und Gegnern rechts des Rheins behauptete, wird vielfach vom archäologischen Befund widerlegt. Eine dieser Legenden wird direkt zu Beginn der Berliner Ausstellung abgeräumt. Durch eine riesige Illustration glaubt der Besucher plötzlich mitten in einer offenen Agrarlandschaft mit Getreideanbau und etlichen Gehöften zu sein. Dieses neue Bild steht im Gegensatz zu den Behauptungen des Tacitus, Germanien mache einen „schaurigen“ und „widerwärtigen Eindruck“ und bestehe komplett aus Urwäldern und Sümpfen. Doch die Dörfer der Germanen, beschreibt der Historiker Heiko Steuer im Ausstellungskatalog den archäologischen Befund, „lagen nicht versteckt und ver- streut in einem Urwald, sondern in Blickverbindung zu einander in nur wenigen Kilometern Abstand.“

Für einen Menschen aus der antiken Mittelmeerregion, in der es wegen des großen Holzverbrauchs kaum noch Wälder gab, mag Germanien tatsächlich finster gewesen sein, zumal der Anteil mächtiger Laubbäume damals vergleichsweise groß war. In Wahrheit deuten archäobotanische Erkenntnisse aber darauf hin, dass Germanien nicht stärker bewaldet war als das heutige Deutschland. Es war eine offene Siedlungslandschaft, mit Wegenetzen, über die man die nächste Siedlung gut erreichen konnte. Der archäologische Befund zeigt, so Professor Wemhoff gegenüber 3sat. „Wir sind hier nicht im Urwald und es gibt hier nicht nur kleine Hexenhäuschen irgendwo im dunklen Busch.“

Denn auch die germanischen Behausungen darf man sich nicht zu schlicht vorstellen. Der archäologische Befund zeigt: Die Germanen bewohnten wohl keine primitiven Rundhütten, wie dies römische Fake News Glauben machen wollen, sondern in der Regel bis zu dreißig Meter lange Häuser mit mächtigem Dachboden. Dazu Heiko Steuer: „Die Gebäude (die so genannten Wohnstallhäuser mit Wohn- und Stallteil unter einem Dach) waren zwar nur aus Holz und Lehm errichtet, aber sie waren deshalb - mit Blick aus dem Römischen Reich mit seinen Steingebäuden - trotzdem nicht primitiv, sondern einfach anders, dem Lebensstil, dem Klima und der Wirtschaftsweise in den nördlichen Landschaften angepasst. Denn derartige Wohnstallhäuser wurden in Niedersachsen bis in die Gegenwart benutzt.“ Frühe Häuser in Germanien, so Heiko Steuer, seien mit heutigen Bauernhäusern durchaus gleichzusetzen.

Nicht nur Römer bauten Straßen

Zugegeben: Mit den Römerstraßen konnte das germanische Wegenetz schwerlich mithalten. Aber auch die Germanen hatten ein Straßensystem. Selbst die großen Moorflächen, von denen Caesar und Tacitus berichteten, bildeten für die Bewohner ringsum kein Hindernis. Es wurden kilometerlange Bohlenwege durchs Moor nachgewiesen, die darauf hindeuteten, dass hier größere Gruppen zusammenwirkten. Einzelne Bauernfamilien hätten sicherlich nicht allein so viele Tausend Baumstämme heranschaffen und die Wege unterhalten können.

Germanien zu erobern lohne sich nicht, wegen der Primitivität der Wirtschaft, der dürftigen Besiedlung und der ärmlichen Lebensweise. Rohstoffe würden fehlen, Eisen sei knapp. So wurden in römischen Schriften die militärischen Niederlagen des Imperiums gegen Arminius und andere germanische Heerführer immer wieder banalisiert. Heute weiß die Forschung: Germanien kannte sicher keinen römischen Wohlstand, aber unterentwickelt war es deshalb noch lange nicht. In manchen Landstrichen wurde so viel Eisen produziert, dass es sogar exportiert werden konnte. Germanische Handwerker fertigten nicht nur einfache Gebrauchsgegenstände, sondern auch Schmuck und prunkvolle Waffen, von denen einige in der Berliner Ausstellung erstmals zu sehen sind. Zu nennen ist dabei ein so genannter Schildbuckel, Grabbeilage aus einem germanischen Fürstengrab in Gommern in Sachsen-Anhalt. Solche wertvollen Stücke sprechen für die Existenz einer germanische Elite, die, wie Arminius, in der Lager war, eine Armee zusammenzustellen, womöglich aus Söldnern.

Vieles von dem, was in den römischen Quellen steht, bricht in sich zusammen“, meinte Professor Wemhoff gegenüber dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Allerdings waren auch deutsche Histo-riker nicht näher an der Wahrheit. Sie erzählten nur eine andere Geschichte. Nicht nur das Hermannsdenkmal zeigt, wie überzogen und an den historischen Fakten vorbei die Germanen gerade im preußisch-deutschen Kaiserreich gesehen wurden: Arminius und seine Männer, die sich den Eindringlingen todesmutig entgegenwarfen - ein idealer Mythos für eine verspätet geeinte Nation wie die Deutschen.

Nordischer Götterhimmel

Der Vaterländische Saal im Neuen Museum mit seinen im Bombenkrieg stark beschädigten, von Wilhelm von Kaulbach entworfenen Fresken illustriert dies mit Darstellungen aus der nordischen Mythologie. Doch die Götter gleichen antiken oder biblischen Gestalten, etwa wenn der „Allvater“ in Jahwe-Manier zwei Tafeln in den Händen hält, auf denen aber nicht die Zehn Gebote, sondern „Friede“ und „Heil“ in Runenschrift zu lesen ist. Hier wird informiert über die politische Indienstnahme der Germanen, an denen sich die Archäologie noch heute abarbeitet.

Bei solchen gesellschaftlich gepflegten Legenden wundert es nicht, wenn sich im Kaiserreich auch katholische Korporationen germanische Namen gaben. In der „Academia“, der Verbandszeitschrift des CV, meinte der Würzburger Historiker Prof. Matthias Stickler dazu: „Man muss solche germanischen Bezüge wohl im Zusammenhang mit der Tatsache sehen, dass Katholiken im Kulturkampf so beweisen wollen, dass sie ?gute Deutsche` sind. So lässt sich erklären, dass man bei Namensgebungen im Rahmen der eigenen Tradition auf Vorbilder aus einem anderen Kontext zurückgreift.“ Wenn Verbindungen heute gegründet würden, seien germanische Namen eher selten. „Wir haben aber gesehen: Es gibt Konjunkturen, was die Namensgebungen betrifft. Als „Norm“ enden die germanischen Namen mit dem Ende des Ersten Weltkriegs“. Man solle den historischen Hintergrund kennen und das Ganze nicht so bierernst nehmen.

Also nüchtern bleiben und sich nicht ideologisch blenden lassen. Denn, warnte der „Spiegel“: „Gefährlich wird dieser Heldenmythos aber vor allem dann, wenn wie in Nazideutschland die Mär hinzukommt, die Germanen seien eine Art "unvermischte" Übermenschenrasse gewesen, die in direkter Linie zu den Deutschen führe. Nach dieser Logik hätten "Hermann" und seine Mannen also die Reinheit des deutschen Blutes gerettet, als sie gegen die Legionäre des Varus triumphierten.“ Hermann der Cherusker als Patron der Rassisten und Fremdenfeinde? Mit historischen Fakten lässt sich manches gegen die Vereinnahmung der Germanen durch Rechtsradikale und gegen deren falsche Interpretationen ausrichten.

Die Besinnung auf den archäologischen Bestand zeigt: Die Germanen waren keine Superrasse und die wenigsten von ihnen haben sich als Germanen empfunden. Ein germanisches Zusammengehörigkeitsgefühl ist nicht belegt, das war eine römische Projektion. Aber genauso wenig waren die Germanen kulturlose Barbaren, sondern Menschen, die mit einfachen Mitteln große Kunstfertigkeit entfalten konnten. Eines ist klar: An den Vorfahren, die man hat, kann man nichts ändern, wohl aber an den Stereotypen, die über diese Vorfahren zirkulieren.

Bis zum 21. März 2021 läuft die Schau im Museum für Vor- und Frühgeschichte und in der James-Simon-Galerie auf der Museumsinsel in Berlin anschließend wird sie vom 6. Mai 2021 bis zum 24.10.2021im LVR-Landesmuseum Bonn gezeigt.

Reinhard Nixdorf (Nm-W)

„Als im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. die großen Verbände der Alemannen, Franken und dann auch Goten vor den Grenzen des Römischen Reiches in Er-scheinung traten, verlor sich der Germanenname hinter der Bezeichnung dieser neuen Großverbände. Vereinzelt wurde er noch parallel gebraucht, dann aber nur noch in Form eines vergangenheitsbezogenen Bildungsbegriffs bzw. als Bezugnahme oder Rückgriff auf die ferne Vergangenheit.“
Reinhard Wolters, Germanenname und Germanenbegriff in der Antike, in: Uelsberg, G., Wemhoff, M., Germanen.
Eine archäologische Bestandsaufnahme, Berlin 2020, 461