KV-Zeugen (Serie)

Früh erkannte der katholische Gewerkschaftsführer Bernhard Letterhaus das wahre Gesicht des NS-Regimes. Er entschloss sich zum Widerstand und ging seinen Weg mit letzter Konsequenz

Bernhard Letterhaus: Kämpfer gegen falsche Propheten

Er war eine führende Persönlichkeit des deutschen Verbandskatholizismus und ein politischer Hoffnungsträger der Zentrumspartei. In den Jahren der Hitlerdiktatur musste sich Bernhard Letterhaus auf die Tätigkeit in den Arbeitervereinen beschränken, die er als einen Träger der zukünftig erneuerten Demokratie zu erhalten suchte. Dem KV ist der Nichtakademiker durch seine 1929 erfolgte Ehrenmitgliedschaft beim KStV Langemarck, dem späteren KStV Görres, verbunden. „In der Konsequenz seines Handelns“, schrieb Jürgen Aretz in einem biographischen Aufsatz, „lag die aktive Mitarbeit in der Widerstandsbewegung, die ihm nach dem gescheiterten Attentat von 1944 das Leben kostete. Den Tod von Bernhard Letterhaus bezeichnete sein Vorbild Heinrich Brüning als einen unersetzbaren Verlust für das vom Nationalsozialismus befreite Deutschland.“

Ruhige Überlegung, verbunden mit schneller Entschlußkraft, wenn nötig, klare, scharfe Urteilskraft, über Menschen, verbunden mit großer Herzensgüte, einen seltenen politischen Instinkt, die Fähigkeit, warten zu können, ohne Bedürfnis zu einer Geschäftigkeit, die zu nichts führt, zu haben: Mut in Gefahr und volle Selbstbeherrschung in jedem Augenblick, trotz des in ihm lodernden Feuers der Leidenschaft für Gerechtigkeit, Sauberkeit und Ordnung in seinem geliebten Vaterlande, abhold allen Intrigen, unfähig, sie selbst zu begehen, erkannte er sie schnell, bevor sie sich auswirken konnten und wusste sie ruhig und sicher in der ersten Ausführung zu bekämpfen. (...) Ich habe unter seinem Verlust mehr gelitten als wie dem irgend eines anderen Freunde“, so beschrieb Heinrich Brüning, Reichskanzler a. D. 1946 Bernhard Letterhaus in einem Brief an dessen Witwe Grete Letterhaus (1902 bis 1975). Das „in ihm lodernde Feuer“ als Ausdruck seines Temperaments und ungewöhnlichen Tatendrangs hat seine Freunde, Msgr. Dr. Otto Müller, Joseph Joos, Nikolaus Groß, Dr. Hermann Joseph Schmitt, veranlasst, ihn die „Stichflamme“ zu nennen.

Gespür für die soziale Frage

Am 10. Juli 1894 wurde Bernhard Letterhaus als Sohn des selbstständigen Schuhmachermeisters Bernhard Letterhaus und seiner Ehefrau Regina Emilie in der damals noch selbstständigen Stadt Barmen geboren, die heute Teil der Großstadt Wuppertal ist. Seine Mutter führte dort ein Lebensmittelgeschäft. Zusammen mit seinen beiden Brüdern August und Emil wurde Bernhard gläubig und streng katholisch erzogen. Nach Abschluss der Volksschule absolvierte Letterhaus eine Lehre als Bandwirker und besuchte danach die Preußische Höhere Fachschule für Textilindustrie in Barmen. Schon früh wurde er mit Problemen, Sorgen und Nöten der Arbeiterschaft konfrontiert und hatte ein Gespür für das, was zu seiner Zeit als die Lösung der „sozialen Frage“ bezeichnet und von engagierten und sozial gesinnten Frauen und Männern im katholischen Lager, in der katholischen Verbandsarbeit, von den sogenannten roten Kaplänen und von den Gewerkschaften mutig angegangen wurde, entwickelt.

Früh trat er dem Zentralverband Christlicher Textilarbeiter bei und bildete sich in Kursen der christlichen Gewerkschaften und des Volksvereins für das katholische Deutschland in Mönchengladbach weiter. Nach dem Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg fasste er den Entschluss, sich hauptamtlich für die Arbeiterschaft einzusetzen. 1919 war Letterhaus Sekretär der Zentrumspartei in Barmen, 1920 Verbandssekretär im Zentralverband Christlicher Textilarbeiter in Düsseldorf und 1927 Verbandssekretär des Westdeutschen Verbands Katholischer Arbeiter-Vereine in Mönchengladbach, ab 1928 war er im Kettelerhaus in Köln tätig, er wurde ständiger Mitarbeiter der „Westdeutschen Arbeiter-Zeitung“, wie das Verbandsorgan der KAB, die spätere „Ketteler-Wacht“, damals hieß. Auf dem Weg dorthin gab es immer wieder Anstrengungen, sein Wissen zu vertiefen in Betriebs- und Volkswirtschaftslehre, in lohn- und gesellschaftspolitischen Fragen. Er las theologische Bücher, um sein Glaubenswissen zu vertiefen, erlernte Französisch und Englisch, um die Zusammenarbeit der katholischen Arbeiterbewegung in Deutschland und den christlichen Arbeiterbewegungen anderer Länder zu intensivieren, so mit Belgien, den Niederlanden und Luxemburg, der Schweiz und Österreich - Länder, die die spätere katholische Arbeiter-Internationale bildeten.

„Der Verdienstgedanke überschattet den Dienstgedanken“

Auf dem Gründungskongress der katholischen Arbeiter-Internationale (KAI) 1928 in Köln hielten der belgische Dominikaner P. Prof. Perguy aus dem Generalsekretariat der Katholisch-Sozialen Werke Belgiens und Bernhard Letterhaus, Verbandssekretär der Westdeutschen KAB, Köln, je ein Referat mit dem Thema „Wertung des Lohnarbeiters in der heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung im Lichte katholischer Weltanschauung“ gehalten, um grundsätzliche Aussagen zu den Zielen der katholischen Arbeiterbewegung zu machen. Der damalige Reichstagsabgeordnete und Verbandsvorsitzende der KAB Westdeutschlands, Josef Joos, hat darüber geschrieben: In beiden Referaten war wohl das beste zusammengefasst, was bis 1928 von der katholischen Arbeiterbewegung vertreten wurde. Namentlich die Ausführungen von Letterhaus waren überaus eindrucksvoll.

Unter anderem sagte Letterhaus: „Wir, die wir selbst als Christen Stellung nehmen zur Wirtschaft überhaupt, sehen, dass diese heute weitgehend ihren Sinn verloren hat. Der Verdienstgedanke überschattet den Dienstgedanken. Eine katholische Arbeiterbewegung, die die Freiheit und Gleichberechtigung der Lohnarbeiterschaft will, deren Ziel es ist, die Standwerdung der Arbeiterschaft zu erreichen, muss danach streben, der ganzen Wirtschaft wieder einen Sinn zu geben, in ihr die Dienstidee am Menschen durchzusetzen. Der Weg dahin führt über ein Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsrecht im Betrieb und in der Wirtschaft. Voraussetzung für dieses Mitbestimmungsrecht ist die Durchleuchtung der Wirtschaft. Heute stehen die Lohnarbeiter trotz ihrer körperlichen Anwesenheit im Betrieb noch außerhalb des Werkes.“

1928 zog er für das Zentrum als Abgeordneter in den Preußischen Landtag ein und in den Rheinischen Provinziallandtag. Im Vordergrund seiner Arbeit stand die Auseinandersetzung mit SPD und KPD, denen er ein kompromissloser Gegner war.

Falsche Propheten im Land unterwegs

1929 heiratete Bernhard Letterhaus Grete Thiel, 1934 wurde Tochter Ursula geboren. Wie viele seiner Zeitgenossen spürte Letterhaus die heraufziehende Gefahr des Nationalsozialismus. Auf dem 69. Deutschen Katholikentag in Münster 1930, dessen Vizepräsident Letterhaus war, nahm er Stellung gegen den Nationalsozialismus und den Bolschewismus. Als andere noch schwiegen, wies er auf „das falsche Kreuz“ hin.

Christliche Werte gegen Totalitäre NS-Ansprüche

„Falsche Propheten mit einem Kreuz auf der Fahne, das aber nicht das Kreuz des Welterlösers ist, ziehen durch Städte und Dörfer“, sagte Letterhaus. „Sie verwüsten die Herzen des leidenden Volkes.“ Doch - wie viele seiner Zeitgenossen - war er der trügerischen Meinung, nach der Machtübernahme Hitlers würde „dieser Spuk“ bald zu Ende sein. Sie alle wurden anders belehrt.

Während der nationalsozialistischen Herrschaft, so das KV-Lexikon, „opponierte Letterhaus im Verborgenen gegen das Regime. Bei hohen Geistlichen warnte er vor dem Konkordat zwischen Reich und Vatikan, das dennoch am 20. Juli / 10. September 1933 abgeschlossen wurde bzw. in Kraft trat. Nach häufigen Besuchen bei Brüning in Holland, den er in seiner Parlamentarierzeit kennengelernt hatte, wurde Letterhaus regelmäßig von der Geheimen Staatspolizei verhört, konnte aber seine Arbeit im Verband der katholischen Arbeiter- und Knappenvereine fortsetzen.“

Das Verbot der Doppelmitgliedschaft in der Deutschen Arbeitsfront und in konfessionellen Standesvereinen 1934 traf die katholischen Arbeiter-Vereine bis ins Mark. Die Kettelerwacht, neuer Titel der früheren Westdeutschen Arbeiterzeitung ab Januar 1935, wurde im März 1938 endgültig verboten.

Gespräche über die politische Neuordnung

In dieser Phase der aufgezwungenen Auflösung der katholischen Arbeitervereine versuchten Nikolaus Groß und Bernhard Letterhaus, das Häuflein der Getreuen zusammenzuhalten. Bei Kriegsausbruch wurde Letterhaus einberufen. Zunächst an der Westfront, später an der Ostfront tätig, so das KVLexikon, ermöglichten einflussreiche Freunde aus dem Widerstand, dass Letterhaus - inzwischen Hauptmann - 1942 als Referent der Presse- und Informationsgruppe im Oberkommando der Wehrmacht ins Amt Ausland/Abwehr unter dem später hingerichteten Admiral Wilhelm Canaris versetzt wurde.

In den Jahren 1943/44 trafen sich die Freunde um Letterhaus häufiger zu Gesprächen über die politische Neuordnung Deutschlands, und zwar in den Wohnungen von Msgr. Otto Müller in Köln, im Kreis des Leipziger Oberbürgermeisters Carl Friedrich Goerdeler, in Berliner Wohnungen und in der Letterhaus´ eigenen Wohnung. Hier kam Pater Alfred Delp dazu als Verbindungsmann zum Kreisauer Kreis. „Bei den Diskussionen über die Zu­kunft Deutschlands nach Hitler war die Staatsform der Demokratie für Letterhaus selbstverständlicher Ausgangspunkt.“, schrieb in einem Aufsatz über Letterhaus. „Eine neue deutsche Demokratie musste allerdings die nochmalige Machtübernahme des politischen Extremismus von Anfang an ausschließen. Der christliche Gewerkschafter und De­mo­krat trat in den Planungen für eine überkonfessionelle und parteipolitisch neutrale Einheitsgewerkschaft ein und befürwortete eine konfessionsübergreifende christliche Volkspartei. Dabei war ihm bewusst, dass der Ausweg aus der NS-Diktatur – wenn Deutschland noch vor der totalen Niederlage be­wahrt wer­den sollte – nur über den Tyrannenmord gelingen konnte. Die Notwendigkeit des Attentats auf Hitler billigend, war er in groben Zügen über die Umsturzpläne des militärischen Widerstandes unterrichtet.“

Im Widerstandskreis um Carl Goerdeler, so das KV-Lexikon, nahm Letterhaus die Funktion des Verbindungsmannes zwischen den militärischen und den zivilen Widerstandskreisen wahr. An den Ausarbeitungen der neuen Verfassung, die nach einem geglückten Anschlag auf Hitler hätte in Kraft treten können, war Letterhaus maßgeblich beteiligt. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurden die von Goerdeler angefertigten Listen der Mitverschworenen gefunden.

Hingerichtet in Plötzensee

Im Zusammenhang mit dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 wurde Bernhard Letterhaus am 25. Juli 1944 verhaftet. Er kam nach Berlin-Tegel ins Gefängnis. Seine Briefe aus dem Gefängnis erreichten seine Frau Grete und seine Tochter Ursula erst nach seinem Tod. Die Bemühungen von Erzbischof Joseph Frings um Hafterleichterung, Freilassung oder Begnadigung der nach dem 20. Juli 1944 verhafteten Kölner Diözesanen blieben ohne Erfolg.

Am 12. Oktober starb Verbandspräses Msgr. Otto Müller an den Fol-gen seines Gefängnisaufenthaltes. Dem Präsidenten des Volksgerichtshof, Roland Freisler, war es, so das KV-Lexikon, ´ein persönliches Vergnügen`, hatte Letterhaus doch Freisler vor 1933 in Artikeln der christlichen Gewerkschaftspresse scharf angegriffen. Am 13. November 1944 fand der Volksgerichtshof-Prozess gegen Letterhaus statt, einen Tag später wurde er in Plötzensee hingerichtet.

Dort wurde am 23. Januar 1945 ebenfalls Nikolaus Groß hingerichtet - wenige Monate vor dem endgültigen Zusammenbruch. Pater Delp schrieb in einem seiner letzten Briefe vor der Hinrichtung: „Es ist eine Zeit der Aussaat, nicht der Ernte.“

Bernhard Letterhaus erwuchsen Kräfte aus seinem Glauben an die Würde des Menschen, aus seiner christlichen Haltung, Freiheit und Recht zu verwirklichen, aus seiner ungebrochenen Treue und Standfestigkeit zur Wahrheit und aus seiner Liebe zur Arbeiterschaft. Nach

1933, vor allem nach dem Ende seiner politischen Tätigkeit 1934, galt sein Bemühen den katholischen Arbeiter-Vereinen mit dem Ziel, sie als Kern- und Keimzellen eines erneuerten demokratischen Deutschlands nach dem Sturz Hitlers zu erhalten.            

Während seines zweiten Pastoralbesuchs in Deutschland ehrte Papst Johannes Paul II. Bernhard Letterhaus am 2. Mai 1988 in Gelsenkirchen, indem er ihn in die Reihe der „Männer aus der Welt der Arbeit“ stellte, die „ihr Leben und ihre Kirche hingegeben“ haben. Seit wenigen Jahren ziert den Turm des Historischen Rathauses in Köln eine Letterhaus-Figur. Das Portal der Versöhnung an der Kevelaerer Wallfahrtskirche, von Bildhauer Bert Gerresheim 1997 gefertigt, stellte Porträtbüsten von Personen dar, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden; der Martyrer Bernhard Letterhaus befindet sich auch unter ihnen.

Germar Pawelletz (+) - Helmut Moll

Der Text ist entnommen dem zweibändigen Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“, herausgegeben von Prälat Professor Dr. Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 7. überarbeitete und aktualisierte Auflage 2019. Wir veröffentlichen ihn, etwas ergänzt und bearbeitet, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Ferdinand Schöningh, Paderborn