Versuch einer Analyse von Meinungsbildung innerhalb unserer Gesellschaft

Dr. Christoph Goppel (Erw), im August 2020

Was wird in einigen Monaten in Jahresrückblicken, in Reportagen, in Berichten und Berichterstattungen über das Jahr 2020 zu lesen sein? Seit Jahren wissen wir sehr wohl von Krisen, die uns in den letzten Jahren erschüttert haben, zu berichten. Die Erzählungen sind dann zumeist die Basis, die jeweils subjektive Zusammenfassung und Beurteilung. Dies kann, muss aber nicht länger und ausgiebiger sein, als die jeweilige Krise an sich. Im Vordergrund jedweder Erzählung steht dann ein Anlass, mitunter ein Schuldiger, ja eine Ursache hierfür. So gilt zum Beispiel die Wirtschaftskrise von 2008 als Geschichte, die vor allem ausschließlich von der Gier bestimmter Banker handelt, die bewusst mit schlechten Krediten den Finanzmarkt überhitzten.

Wie aber werden die Erzählungen von Corona Ende dieses Jahres ausfallen, ja aussehen? Jetzt sind wir noch mittendrin. Werden die bisher bekannten drei r´s „restaurieren, renovieren und reparieren“ ausreichen, um diese Krise bewältigen zu können?

Einige Szenarien der Beurteilung dieser Krise sind bereits heute schon erkennbar:

1. Szenarium: Corona ist nur eine gewisse Delle


Diese These ist verknüpft mit der Hoffnung, dass alles schnell wieder so werden wird, wie es einmal war. Die Meinung wird vertreten, dass alles gut gemeistert werde und dass es sich hierbei höchstens um eine gewisse zeitlich beschränkte „Delle“ im Wirtschaftssystem handeln könne. Negiert werden die Maßnahmen gegen die Pandemie, geschwärmt wird von früheren Verhältnissen. Ja, man demonstriert sogar gegen die Auflagen, die vor der Pandemie schützen sollen und bringt so sich und seine Mitmenschen in Gefahr.

2. Szenarium: Corona gibt Anlass zu totaler Kontrolle


Was soll kontrolliert werden: der Virus oder die Bewegungsfreiheit der Menschen? Viele Leute fühlen sich von den Maßnahmen gegen Corona bedroht. Sie befürchten, dass statt des Corona-Virus sie es sind, die im Zentrum der Überwachung stehen. Sie befürchten sogenannte spezielle Apps, die jegliche Bewegung kontrollieren, egal wo sie sich befinden.

Also: Individualismus ade? Aber: Das Ansinnen des Staates war und ist es, den Herd einer Ausbreitung frühzeitig zu erkennen und eine Ausbreitung möglichst zu verhindern. Daher kam es auch zu Schließungen von Kirchen, Schulen, Kindergärten, Theatern und Restaurants sowie zu Einschränkungen beim Besuch von Seniorenheimen. Die bisher schon vollzogenen Lockerungen werden zeigen, ob sich das auszahlt.

3. Szenarium: Corona erfordert Stärke des Gemeinsinns, der Solidarität


Wenn der Gemeinsinn, die Solidarität untereinander wiederum wächst, dann sind wir, bei allen Verlusten, die zu verzeichnen sind, die Gewinner. Gewonnen haben dann die Menschlichkeit, die Wärme und das gegenseitige Verstehen und Verständnis füreinander, die Sorge und das Wohl für all die, die uns nahestehen und unserer Hilfe und Unterstützung bedürfen. All das muss allerdings erst noch aufkeimen und gelernt werden, denn wir haben dies verkümmern lassen. Ade: Horten von Lebensmitteln, ade: Ellbogengesellschaft, ade: Missgunst und Neid.

So überwinden wir die Krise: Wir sind freiwillig und ehrenamtlich tätig. Wir helfen, wo Hilfe gefragt ist. Wir sitzen alle im selben Boot und wir rudern alle. Es geht um unsere Zukunft und um die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder.

4. Szenarium: Corona-Einbruch an vielen Fronten


Ja - wir erleben tagtäglich auch Bilder des Entsetzens und des Leidens. Menschen, darunter auch unmittelbare Angehörige, sterben ohne Schuld, müssen ohne ärztliche Versorgung und Sterbebegleitung sterben.

Konzerne und Firmen schließen. Viele müssen in Kurzarbeit, oder verlieren ihren Job. Hinzu kommen Einschränkungen bei den Schulen und Kindertagesstätten.

Die Nerven sitzen blank. Manche Familie bekommt auch Platzangst in der vielleicht zu kleinen, aber gerade noch zu finanzierenden Wohnung.

Wann können wir wieder sorglos zum Einkaufen gehen? Wann sind Theater und Kinos wieder unbekümmert zu besuchen?

Wann kann man sich wieder ohne Bedenken in Cafés oder Restaurants treffen?

Das Narrativ macht sich bemerkbar in den Medien, in Facebook und Twitter sowie Skype. Vereinsamung statt Solidarität. Und wo bleibt unsere Antwort?

5. Corona-Konsequenzen zehn Jahre später (2030)


Mancher stellt sich schon heute die Frage, welche Auswirkungen diese Pandemie u.a. in zehn Jahren zeigen wird. Die Abiturienten von heute werden dann voraussichtlich berufstätig sein und die Kinder, die in Kindertagesstätten waren, werden in die Schule gehen.

Entscheidende Fragen werden dann allerdings sein, in welchen Berufssparten und Betrieben werden sie tätig sein und welche Auswirkungen wird die Pandemie auf das Bildungswesen haben?

Welche Firmen werden Bestand haben und somit überleben? Welche Arbeitsangebote wird es insgesamt geben? Wie wird sich die bayerische, nationale und internationale Wirtschaft aufstellen?

Und weitere Fragestellungen werden sich einstellen:

Werden wir bis dahin die Pandemie weltweit einigermaßen im Griff haben?

Wie schaut es mit möglichen Folgewirkungen der Pandemie im Gesundheitswesen aus?

Werden wir das Alles schultern können und zu welchen Konditionen?

Ja - die Folgeschäden werden uns noch lange Zeit beschäftigen und es bedarf jetzt schon gewisser struktureller Überlegungen, Ideen und Impulse.

Auch bezüglich des Klimawandels und der sich daraus ergebenden Konsequenzen werden Fragen und Herausforderungen auftreten. Werden wir den zu be- fürchtenden Strömen an sogenannten
Klimaflüchtlingen eine neue Heimat, ein neues Zuhause, bieten können?

Auch die Beziehungen der Staaten Europas zueinander und die Beziehungen Europas zu den USA und zu China sind dann wohl neu zu klären.

Ein „Weiter so“ wird und kann in all diesen Angelegenheiten nicht die Lösung sein. Wir benötigen hier vielmehr neue Arbeitsmodelle und entsprechende Vereinbarungen. Wir benötigen insgesamt neue, tragfähige und auch zukunftsorientierte Strukturen. Wir sind aufgerufen, uns jetzt schon Gedanken zu machen und jetzt schon gewisse Weichenstellungen vorzugeben.

6. Corona - Renaissance einer menschlich geprägten, weltoffenen Kooperation


Was wir dringend benötigen, ist eine von drei Säulen getragene, weltweit geltende Solidargemeinschaft. Was sind die drei Säulen? Nachhaltigkeit - Digitalisierung - Klimawandel.

Wissenschaft, Bildung und Erziehung müssen diese Aspekte beinhalten, um zukunftsfähig zu sein.

Aufbruch ist angesagt, nicht Depression. Dabei brauchen wir Mut, Zuversicht, Visionen und Vertrauen. Vertrauen ist vor allem eine soziale Beziehung, die Gemeinsames ermöglicht. Vertrauen ist geprägt vom Wir und nicht von einer individuellen Einstellung, geprägt vom Gegenüber und seiner jeweiligen Einstellung. Die Wahrnehmung von Problemen und deren Lösungen hängen vor allem auch davon ab, wie wir das eigene Handeln mit dem der Anderen in Einklang bringen, ja verknüpft sehen. Daher kommt der gegenseitigen Unterrichtung, der Kommunikation, in Zukunft mehr Bedeutung zu. Bei der Bewältigung der jeweiligen Herausforderungen darf und sollte es jedoch keinerlei Tabus geben. Alles sollte gemeinschaftlich angesprochen und miteinander einer Lösung zugeführt werden. Alles Wesentliche sollte auf den gemeinschaftlichen Prüfstand kommen, insbesondere das in Zeiten der Corona- Pandemie so geforderte Sozialwesen mit all den Ärzten und flegekräften. Wo erforderlich, ist dringend auch die Frage der Finanzierung nachzujustieren und die jeweilige Ausbildung zu optimieren.

Renaissance bedeutet Aufbruch, ist gleichsam auch eine Auffrischung, Wiederbelebung. Sie erfordert mitunter auch neue Strukturen. Hier wiederum gilt es zu vertrauen. Zu vertrauen all denen, die wir gewählt haben und denen wir am Wahltag auch unser Vertrauen ausgesprochen haben.

„Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird, aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll“.
Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799)