Mit der archivarischen Findigkeit des Historikers

Die sog. Patchwork-Familie ist in den letzten Jahrzehnten auch in Deutschland soziale Realität geworden: Teile von zerbrochenen Familien schließen sich zu neuen familiären Konstellationen zusammen; die nun häufig angenommenen Doppelnamen verweisen oft auf die ursprünglichen Familien.

Nach solchem Muster gibt es offenkundig auch im KV Patchwork-Korporationen. Eine von ihnen – Grotenburg-Lusatia zu Aachen – kann in diesem Jahr das hundertjährige Jubiläum ihrer Gründung feiern. Aus diesem Anlass hat sich die Verbindung selbst mit einer sehr respektablen Festschrift beschenkt. Der beziehungsreiche Titel „Zeitfenster“ eröffnet ganz allgemein den Blick auf hundert Jahre Zeitgeschehen, auf Entwicklungen des deutschen Korporationswesens, weckt Erinnerungen an prägende Persönlichkeiten und schicksalhafte Ereignisse und gemeinsame, verbindende Erlebnisse. Dass an diesem Unternehmen zahlreiche Kartellbrüder engagiert mitgearbeitet haben, gewährleistet die Breite der Perspektive; die Tatsache, dass die Schriftleitung bei Siegfried Koß lag, dem vielfach ausgewiesenen Haus-Historiker des KV, garantiert die hohe sachliche Qualität.

Als sozusagen programmatische Arbeitsgrundlage hat Koß dem Band grundsätzliche Reflexionen zur Aufgabe und zeitgebundenen Entwicklung solcher Festschriften vorangestellt. Aus seiner profunden Kenntnis dieser Publikationen, speziell aus dem studentischen Umfeld, entwirft er so etwas wie eine charakterisierende Typologie und vermittelt damit einsichtige Kriterien zu ihrer Beurteilung - alle, die mit der Aufgabe betraut sind, solche Schriften zu erstellen, erhalten hier sehr hilfreiche Anregungen.

Über das Anliegen einer konkreten Festchronik hinaus greift auch der kleine Essay von Pater Robert Jauch zum Katholizitätsprinzip des KV. Wenngleich „Religio“ bei unseren katholischen Korporationen gemeinhin an erster Stelle geführt wird, nimmt das Prinzip im verbindungsstudentischen Alltag gelegentlich eine etwas periphere Stellung ein – dem Anspruch nach sollte es aber darum gehen, den Glauben gemeinsam zu erfahren und darin zu wachsen. In der Idee der „Bundesbrüderlichkeit“, so der Verfasser, schwingt ja letztlich die umfassende Dimension der christlichen Nächstenliebe mit. In einem kritischen Exkurs wendet sich Jauch ganz nachdrücklich gegen in manchen Vereinen feststellbare Tendenzen, das katholische Bekenntnisprinzip zu verwässern oder gar aufzugeben.

Es sei hier empfohlen, diese beiden Beiträge wegen ihrer grundsätzlichen und allgemeinen Bedeutung bei Gelegenheit in den Akademischen Monatsblättern zu veröffentlichen!

Um die für den Uneingeweihten doch etwas komplizierten Zusammenhänge der Patchwork-Korporation Grotenburg-Lusatia verständiger zu machen, ist eine „Zeittafel“ sehr hilfreich: Zu Beginn der 1920er Jahre wurde an der Technischen Hochschule Hannover der Akademische Verein Grotenburg, an der TH Dresden ein gleicher Verein mit dem Namen Saxo-Lusatia gegründet; nach Auflösung und Verbot durch die Nationalsozialisten wurden diese Verbindungen 1951 bzw. 1954 in Aachen an der Rheinisch-Westfälischen Tech-nischen Hochschule reaktiviert; in schwieriger Zeit und Situation schlossen sich beide dann 1979 zu einer einzigen Korporation zusammen.

Außer nur wenigen, eher nebensäch-lichen Daten und Fakten ist kaum etwas über die erste Zeit der beiden Verbindungen überliefert: bei der Gründung wurde versäumt, Archive anzulegen; private Aufzeichnungen haben sich nicht erhalten; Zeitzeugen sind nicht mehr vorhanden. Es ist das besondere Verdienst von Siegfried Koß, in aufwendiger Recherche mit der archivarischen Findigkeit des Historikers ergiebige Sekundärquellen aufgespürt zu haben. Mit solchen Informationen konnte er schließlich die Geschichte von Grotenburg und Saxo-Lusatia in großen Zügen und mit einigen charakterisierenden Schlaglichtern rekonstruieren (ähnliches Verdienst kommt Wolfgang Löhr für die Lusatia zu).

 Die besonderen Zeitumstände haben die Frühphasen beider Verbindungen in gleichem Maße geprägt. Nach dem Ersten Weltkrieg hatten Massen entlassener Soldaten durch ihren Zustrom die deutschen Universitäten und Hochschulen überlastet. Die bestehenden Korporationen waren damit in ihren räumlichen und gesellschaftlichen Kapazitäten völlig überfordert. So spalteten sich in Dresden Mitglieder von der KV-Verbindung Gothia ab und gründeten mit anderen Kartellbrüdern den Verein „Grotenburg“. (Im allgemeinen nationalen Überschwang der damaligen Zeit war dieser Name im Blick auf das auf dem Berg Grotenburg  bei Detmold errichtete monumentale      Hermanns-Denkmal gewählt worden – der Ort wurde fortan zur „Wallfahrtsstätte“ der Grotenburger!).

Die Neugründung der Saxo-Lusatia in Dresden ging wohl von katholischen Studenten aus der sächsischen Lausitz aus.   

Als schwere Belastung für beide

Korporationen erwies sich ihre Diaspora-Situation – noch zu Zeiten der Weimarer Republik wurden Katholiken in den nördlichen Regionen Deutschlands nicht nur bevölkerungsstatistisch als Minderheit angesehen.  Es zeugt andererseits von wenig Selbstbewusstsein, wenn beide Verbindungen lediglich als „Akademische Vereine“ firmierten, ohne den Zusatz „katholisch“ – sehr zum Missfallen des KV übrigens. Auch im Kreise der anderen Korporationen wurden die katholischen nicht sonderlich ästimiert, teilweise sogar isoliert.      

Dennoch erlebte Grotenburg in Hannover personell wie inhaltlich eine bemerkenswerte Blütezeit. In Berlin ansässige Mitglieder konnten dort einen eigenen Ortsverein etablieren, der sich durch besonderen gesellschaftlichen Zusammenhalt auszeichnete und bis zum Verbot 1938 Bestand hatte. Im Gegensatz dazu führte die Dresdner Saxo-Lusatia über den ganzen Zeitraum hinweg eine eher prekäre Existenz. Bei der personellen Fluktuation der Mitglieder mangelte es hier besonders an einer stabilisierenden, tatkräftigen Altherrenschaft. Die eindringlichen Aufrufe in den Publikationen des Verbandes, in Dresden aktiv zu werden, fanden wenig Resonanz. Auf der VV von 1924 musste die Verbindung als „notleidender Verein“ eingestuft werden und bedurfte wiederholt der finanziellen Unterstützung durch den KV. Umso bemerkenswerter ist es dennoch, dass die Semesterprogramme durchaus sehr anspruchsvolle Veranstaltungen und Diskussionen zu weltanschaulichen, religiösen und kulturellen Themenkreisen ausweisen.

Im Sommersemester 1934 schließlich musste Saxo-Lusatia bei geringem Mitgliederbestand suspendiert werden - noch vor dem offiziellen Verbot durch die Nationalsozialisten.

Aus oben genannten Gründen sind kaum aussagekräftige Informationen über die Endphase der beiden Verbindungen nach 1933 überliefert. Ersatzweise wird hier ein Beitrag des renommierten Studentenhistorikers Friedhelm Golücke (CV) abgedruckt, der versucht, das „Schwarze Loch in der Geschichte der Korporationen“ etwas auszuleuchten: In allgemeiner Form werden dabei die verschiedenen Abschnitte des Gleichschaltungs- und Auflösungsprozesses des deutschen Korporationswesens nachgezeichnet.

Die schwierigen politischen Verhältnisse in der ersten Nachkriegszeit sind wohl dafür verantwortlich, dass sich die Reaktivierung der beiden Vereine in Westdeutschland mit einer gewissen Verzögerung vollzog. Im November 1951 gründeten ehemalige Mitglieder der Saxo-Lusatia in Aachen einen Altherrenverein. In diesem Rahmen konnte dann an der dortigen Technischen Hochschule eine Aktivitas entstehen, die wegen ihrer Lebendigkeit und Attraktivität großen Zuspruch unter den Studenten fand und bald eine sehr beachtliche Stärke erreichte, so dass ein eigenes Verbindungshaus angemietet werden konnte. Drei Jahre später wurde ebenfalls in Aachen, wohl auf die Initiative hier ansässiger Alter Herren, in einem eindrucksvollen Festakt auch die KStV Grotenburg wieder reaktiviert. Aus der Festschrift wird jedoch nicht ersichtlich, weshalb offenbar kein Versuch unternommen wurde, die Verbindung an ihrem alten Standort Hannover wiederzubeleben.

Das Aufblühen des Verbindungswesens in den ersten Jahren der jungen Bundesrepublik spiegelt sich sehr überzeugend in den Berichten zu den beiden Korporationen wider: die Zahlen der Aktiven wuchsen stetig, die jungen Bundesbrüder zeigten erfreuliches Engagement. In den 60er und 70er Jahren hinterließen dann jedoch allgemeine politische und gesellschaftliche Umbrüche nachhaltige Spuren auch in den studentischen Vereinen. In seinen Kommentaren ruft Siegfried Koß das Szenario dieser wilden und oft chaotischen Jahre lebhaft und anschaulich in Erinnerung. Damit verbunden war ein massiver Niedergang des Verbindungslebens, wie etwa am Beispiel der Saxo-Lusatia deutlich wird: Alte Herren beklagen den Verlust von Formen und Prinzipien, sie ziehen sich zurück – die Aktivitas löst sich per Beschluss selbst auf!

In dieser verfahrenen Lage bietet sich das Zusammengehen von Saxo-Lusatia und Grotenburg als ein letzter Ausweg an – für beide, modisch gesprochen, eine Win-Win-Situation: Saxo-Lusatia kann ein Verbindungshaus einbringen, Grotenburg eine funktionsfähige Aktivitas. Die Fusion wurde schließlich 1979 vollzogen. (Dabei darf allerdings nicht übersehen werden, dass sich mehr als die Hälfte der Alten Herren von Saxo-Lusatia diesem Schritt verweigerte und aus der Verbindung austrat!)

Die folgenden Jahre gelten als „Blütezeit“ der neuen Verbindung. Grotenburg-Lusatia gelang es dabei, ein eigenständiges Profil zu entwickeln, wie die aufschlussreichen Schilderungen in der Chronik überzeugend belegen (interessanterweise wird hier eine ganze Dekade der Verbindungsgeschichte ausschließlich durch den Abdruck von Schwarz-Weiß-Fotografien „erzählt“): Jährlich wiederkehrende Exerzitien-Wochenenden in einem Kloster bieten Möglichkeiten zur Vertiefung des Glaubens und zur Klärung persönlicher Probleme; regelmäßige gemeinsame Fahrten laden zur Auseinandersetzung mit kulturell bedeutsamen Orten ein und fördern dabei zugleich generationenübergreifend die bundesbrüderliche Gemeinschaft; durch die Übernahme des Vorortspräsidiums 1997/98 hat Kb Niclas Meier mit seinen Aachener Conchargen den Kartellverband 1997/98 eindrucksvoll nach innen und außen vertreten und somit auch für die ganze Korporation Verdienste um den KV erworben.

Zum Abschluss des Bandes führt ein Beitrag von Klaus Essel in die aktuelle hochschulpolitische Diskussion um die sogenannte Bologna-Reform. Im Zuge dieses Reformprojekts, das eine Harmonisierung aller Studiengänge auf europäischer Ebene anstrebt, ist zwar der von Technischen Hochschulen verliehene Titel eines „Dipl.-Ings“ weggefallen – lange Zeit weltweit Markenzeichen deutscher Ingenieurs-Kompetenz. Dennoch kommt der Verfasser aus der Sicht des Industriepraktikers zu dem dezidierten Urteil, dass diese Studienreform nach ihren Zielen und Inhalten den Anforderungen an eine moderne Techniker-Ausbildung in vollem Umfang gerecht wird.

Dass Grotenburg-Lusatia im 100. Jahr ihres Bestehens im besten Sinn in der Gegenwart angekommen ist, dokumentiert die Festschrift auf eindrucksvolle Weise. Dazu und zum großen Jubiläum sei der Verbindung sehr herzlich gratuliert: Grotenburg-Lusatia ad multos annos!                                                                                                             

Winfried Stadtmüller (E d Nm-W)