Advent und Weihnachten werden 2020 wohl stiller verlaufen als gewohnt. Dafür wird Corona sorgen. Viele Weihnachtsmärkte sind schon abgesagt. Ungewiss ist, ob die Weihnachtsfeiern in den Betrieben, Ämtern und Schulen wie sonst üblich stattfinden können. Überall gilt: Maske tragen, Abstand halten, damit das Virus niemanden infizieren kann. Auch die Weihnachtseinkäufe werden wohl gebremster und dezenter vor sich gehen. Vielleicht macht diese unfreiwillige Stille aufmerksam auf Zwischentöne, Hintergründe und Unbeachtetes im Weihnachtlichen. Dazu gehören die Geschichten, die sich um die Entstehung der Weihnachtslieder ranken, die Motive, aus denen heraus sie geschrieben wurden. Auskunft dazu gibt das kürzlich erschienene „Große Liederbuch zur Weihnachtszeit“, das Kb Prof. Theo Mang (GLC-Sa) zusammen mit seiner Frau verfasst hat.

„Leinen los!“ Wenn ein Schiff ablegt, ist das ein besonderer Augenblick:
Wie es sich von der Hafenmauer löst, sachte Fahrt aufnimmt, und dann für Stunden, Tage oder Wochen unterwegs ist, um schließlich in einem anderen Hafen anzulegen, wo schon Menschen am Kai seine Ankunft erwarten.

Dem mittelalterlichen Mystiker Johannes Tauler muss dieser Wechsel von Aufbruch und Ankunft vertraut gewesen sein, war er doch selbst oft mit dem Schiff auf dem Rhein zwischen Köln und Basel unterwegs. Damals war eine Schiffsreise ein Sinnbild für die Lebensreise des Menschen, der schließlich in Gottes Ewigkeit Anker werfen kann. Tauler hat dieses Motiv in seinem Gedicht aufgegriffen, doch kehrt er es um. Nicht der Mensch ist unter Mühen und Gefahren auf dem Weg zu Gott, sondern Gott selbst macht sich auf, um bei uns Menschen anzukommen:

Es kommt ein Schiff, geladen
bis an sein´ höchsten Bord,
trägt Gottes Sohn voll Gnaden,
des Vaters ewigs Wort.

Das Schiff geht still im Triebe,
es trägt ein teure Last;
das Segel ist die Liebe,
der Heilig Geist der Mast.

Strophe für Strophe entfaltet Tauler dieses Bild. Die Fracht, die Last, die das Schiff bringt, ist Gottes Sohn. Er ist unterwegs zum Menschen. Darum geht es im Advent. Das Schiff, das Gottes Sohn trägt, steht als Symbol für die schwangere Maria. Sie hat Ja dazu gesagt, den Sohn Gottes zu empfangen und zur Welt zu bringen. Durch sie kommt Gottes Liebe in unsere Welt - ein Prozess, zu dem man Segel und Mast braucht – Bilder für die Kraft und Wirkmacht des Heiligen Geistes.

Johannes Tauler war neben Heinrich Seuse und Meister Eckhardt einer der großen Mystiker des Mittelalters. Eine Fülle von Predigten in deutscher Sprache hat er hinterlassen. Sie alle kreisen um das Herzstück der Mystik: Dass der Mensch einen göttlichen Kern hat, den er bereits in dieser Wirklichkeit erfahren kann. Doch dieses „Seelenfünklein“ erschließt sich nicht sofort und unmittelbar, sondern muss entdeckt werden: in Stille, Einkehr und geistlicher Übung.

So steht in diesem Lied die Geburt des Kindes in Bethlehem auch für die Geburt des inneren Menschen - des Menschen, dem klar wird, dass Gott nicht außerhalb von ihm, sondern in ihm selbst wohnt. Wer dies erkannt hat, der kommt seinem eigenen Wesen auf die Spur. Dies kann ein mühseliger Prozess sein, ein Lösen von vielen Dingen, Anschauungen und Gewohnheiten, an die man sein Herz gehängt hat, aber, sagt die mystische Tradition: Es ist die einzige Möglichkeit, um innerlich frei zu werden.

Lange vergessen, hat Pfarrer Daniel Sudermann dieses Lied im Kloster St. Nikolaus in Strassburg wiederentdeckt. Für den evangelischen Geistlichen, der in der dunklen Zeit des Dreißigjährigen Krieges lebte, war es ein Schatz, um die vom Krieg traumatisierten Menschen zu trösten. Sudermann verknüpfte den Text mit der Melodie eines Volksliedes und ergänzte um drei weitere weihnachtliche Strophen. In seinem wiegenden Sechs-Achtel- Takt meint man fast das Schwanken der Planken, das Schaukeln des Wassers zu spüren. So hat es die Gemeinde von Pastor Sudermannvor rund vierhundert Jahren gesungen. So singen wir es bis heute.

Dies ist nur ein Beispiel für die Motive und die Entstehungsgeschichte eines Liedes zur Advents- und Weihnachtszeit. Kb Prof Dr. Theo Mang, der in Clausthal-Zellerfeld Ingenieurwissenschaften und Chemie studierte und in seinem Berufsleben im Vorstand einer Aktiengesellschaft und an der Fakultät für Maschinenwesen an der RWTH Aachen tätig war, beschäftigt sich im Ruhestand mit Volkslied und geistlichem Lied, zumal mit ihren Quellen. Schon in der von ihm herausgegebenen Volksliedersammlung „Der Liederquell“ hat er eine Fülle von Informationen zur Lied- und Rezeptionsgeschichte von über 750 Volksliedern zusammengestellt. In hier vorliegendem Buch wendet er sich den Liedern zur Advents- und Weihnachtszeit zu. Zwei Kapitel mit 93 bekannten und unbekannteren deutschen Advents- und Weihnachtsliedern bilden den Hauptteil des Buches. In weiteren Kapiteln werden Lieder zum Neuen Jahr und neun englische und sieben französische Weihnachtslieder mit ihren Entstehungsgeschichten erläutert. Und da hat der Verfasser manches zusammengetragen: Wer weiß etwa, dass „O Tannenbaum“ ursprünglich gar kein Weihnachts-, sondern ein Studentenlied war - oder dass „Süßer die Glocken nie klingen“ zunächst ein weltliches Volkslied war, in dem das Läuten des Abendglöckleins nach getaner Arbeit besungen wurde? Erst durch die Bearbeitung von Friedrich Wilhelm Kitzinger wandelten sich die Abendglocken zu Weihnachtsglocken.

Das Buch will ein Liederbuch sein.
Deshalb sind alle Strophen der Lieder nachzulesen. Stefan Mang, Musiklehrer, Hornist und Sohn der beiden Verfasser, hat zu jedem Lied die Notengrafik zur Liedbegleitung auf der Gitarre hinzugefügt. Mönch, Maler und Sozialarbeiter ist Bruder Lukas Ruegenberg aus der Abtei Maria Laach. Zusammen mit Sunhilt Mang hat er das Buch illustriert. Gerade aus seinen Bildern springt einem die Fröhlichkeit und das bunte Leben aus dem „Klettergarten“ entgegen, der Jugendarbeit, die er in Köln initiiert hat. Etwas verhaltener, aber sehr intensiv in der Farbgebung wirken demgegenüber die Bilder von Sunhilt Mang. Die Kunst des Liedes wird so durch die Kunst des Bildes
ergänzt. So sind die 33 Abbildungen, die sich über die dreihundert Seiten des Buches verteilen, wie die Lieder zum Fest, Impulse, innezuhalten und sich innerlich vorzubereiten auf das Fest der Ankunft des Erlösers, das Fest der Begegnung von göttlicher und menschlicher Wirklichkeit. 
 

„Das große Liederbuch zur Weihnachtszeit“ Theo und Sunhilt Mang, Florian Noetzel Verlag Wilhelmshaven, 2. Auflage ISBN: 978-3-7959-1030-3