KV-Zeugen (Serie)
Der Priester und Lehrer Kb Bernhard Hürfeld (Rh-I) stellte sich gegen den Nationalsozialismus
In der Oktobernummer der AM 2020 hat Kb Andreas Grau (Arm) über das Schicksal unseres Kartellbruders Josef Kleinsorge (Arm) berichtet, der Opfer des NS-Terrors geworden ist und im Konzentrationslager Dachau sein Leben ließ.
Das blieb bisher im KV unbekannt. Mit ihm zusammen waren am 16. September 1943 weitere vier Lehrer der Höheren Landwirtschaftsschule und des Internats Canisianum in Lüdinghausen im heutigen Kreis Coesfeld verhaftet worden, darunter ein zweiter KVer: Bernhard Hürfeld (1891-1966).
Hürfeld stammte aus Münster, wo er am 5. April 1891 als Sohn eines Tischlermeisters zur Welt gekommen war. Nach seinem Abitur studierte er in Münster und München Theologie und wurde im Münsteraner Dom 1915 mit 24 Jahren zum Priester geweiht. Danach nahm er eine Stelle als Erzieher der beiden Söhne des Herzogs von Arenberg an, dessen Familie über reiche Besitzungen in Frankreich, Belgien, Westfalen und im Emsland verfügte. Geistliche für die Erziehung des Nachwuchses einzustellen, galt im katholischen Adel als üblich. Nach dieser Episode erhielt Kb Hürfeld zunächst eine Stelle als Religionslehrer an der Höheren Landwirtschaftsschule in Lüdinghausen, die in der dortigen Burg untergebracht war und auf eine Initiative des „Bauernkönigs“ Burghard von Schorlemer-Alst (1825-1895) zurückging. Als Student hatte er im Übrigen den KV-Korporationen Winfridia in Göttingen und Askania in Berlin angehört.
Dissertationsstudium in Innsbruck und Seelsorger in Berlin
Kb Hürfeld blieb nicht lange in Lüdinghausen, sondern begann bald mit einem Dissertationsstudium der Theologie in Innsbruck. Dazu bezog er das von den Jesuiten geführte Studieninstitut Canisianum. In Innsbruck fand er Anschluss an den KStV Rhenania. Seine Innsbrucker Zeit endete mit der Promotion zum Dr. theol. im Jahr 1921. Statt daraufhin in sein Heimatbistum Münster zurückzukehren, wirkte er ab dem 10. Februar 1921 als Seelsorger in Berlin, wo er eine Stelle als Kaplan an der Pfarre St. Sebastian im Arbeiterviertel Wedding-Gesundbrunnen annahm. Die dortige, 1890/92 entstandene Kirche mit ihrem mächtigen Westturm war mit 1.000 Sitz- und 3.000 Stehplätzen konzipiert worden und sollte die Gegenwart des katholischen Glaubens in einer entchrist-lichten Weltstadt sichtbar machen. Kb Hürfeld erlebte hier die Jahre der Inflation mit ihren schrecklichen Folgen und den Währungszusammenbruch 1923. In diesen Zeiten der Not gründete er ein Kinder- und Jugendhilfswerk. Das sollte nicht seine einzige Gründung und einzige soziale Tat bleiben.
Lehrer an der Höheren Landwirtschaftsschule in Lüdinghausen
1924 kehrte Kb Hürfeld nach Lüdinghausen an die Landwirtschaftsschule als Lehrer für Religion und Deutsch zurück. Schon ein Jahr danach trat er als Gründer eines Vereins hervor, der mit Hilfe eines günstigen Kredits ein Haus für ein privates Internat erwarb, das den Schülern, die vor allem aus Westfalen und Oldenburg kamen, eine günstige Bleibe bot. Es erhielt den Namen Canisianum nach dem Jesuiten Petrus Canisius (1521-1597). Damit erinnerte es nicht nur an eine ähnliche vom Jesuitenorden geführte Einrichtung in Innsbruck, die Kb Hürfeld ja aus seinem Studium kannte, sondern vor allem an den Verfasser des richtungsweisenden Katechismus der katholischen Reform und an die prägende Persönlichkeit des Kollegiums St. Michael, eine Internatsschule in Fribourg in der Schweiz. 1932 ergänzte Kb Hürfeld noch das Lüdinghäuser Canisianum durch die Errichtung des Paedagogicums, eine Nachhilfeeinrichtung zur Vorbereitung auf das Abitur. Das war ein weiteres Zeugnis seines sozialen Engagements.
Abwehr der Nationalsozialisten
Als die Nationalsozialisten immer stärkeren Zulauf erhielten, nahm Kb Hürfeld die Abwehr gegen sie auf. Aufsehen erregte er, als er 1932 auf Veranstaltungen der christlich-demokratischen Zentrumspartei Adolf Hitler unüberhörbar „Schaumschläger“ und „Volksbetrüger“ nannte. So etwas vergaßen die Nationalsozialisten nicht. Nach ihrer sogenannten Machtergreifung 1933 durfte Kb Hürfeld deshalb an der in „Jungen-Oberschule“ umbenannten Anstalt, einem Zusammenschluss der Höheren Landwirtschaftsschule und der ebenfalls auf der Burg untergebrachten Rektoratsschule, nur noch einige Stunden Religionsunterricht geben. 1936 wurde ihm auch dies untersagt und er aus dem Staatsdienst entlassen. Ab 1938 begann der Abbau des Paedagogicums, der Ostern 1941 abgeschlossen war. Das von Kb Hürfeld weiterhin geleitete Internat wurde ab 1939 nach und nach aufgelöst und sein Gebäude im Juni 1943 für Wehrmachtszwecke beschlagnahmt. Das blieb allerdings nicht das Ende der Vergeltung der Nationalsozialisten.
Verhaftung 1943
Am 16. September 1943 geschah in Lüdinghausen dann etwas höchst Spektakuläres: An diesem Tag wurden der Leiter der Oberschule Kb Dr. Peter Kleinsorge (1878-1945), der Geschichtslehrer und ehemalige Vorsitzende der Zentrumspartei in Lüdinghausen Dr. Wilhelm Brockhoff (1878-1958) und der Kaplan und Religionslehrer Anton Bornefeld (1898-1980) während des Unterrichts von Angehörigen der Gestapo in Begleitung des Kreisleiters der NSDAP, dem Bannführer der Hitler-Jugend, Mitgliedern der SA und anderer verhaftet. Kb Hürfeld und der von ihm als Präfekt des Internats nach Lüdinghausen geholte Maristenbruder Johannes Xaverius Göbels (1896-1944) wurden am gleichen Tag in Haft genommen und mit den drei anderen Lehrern ins Gefängnis der Gestapo in Recklinghausen wegen „Aktivitäten gegen den Führer“ gebracht, wo sie intensiv verhört wurden. Man hatte sie offensichtlich denunziert. Von Recklinghausen aus wurden alle fünf Anfang Februar 1944 in das Konzentrationslager Dachau bei München verbracht. Wie der infolge der menschenverachtenden Haftbedingungen dort im KZ zu Tode gekommene Marist Göbels in seinem letzten Brief schrieb, warf ihnen die Gestapo vor, dem „staatsfeindlichen Treiben der Schüler Vorschub“ geleistet „und zur Beunruhigung der Bevölkerung“ beigetragen zu haben. Gemeint waren Vorfälle an der Schule, über die es etwas unterschiedliche Berichte gibt. In einem heißt es, nach der Kapitulation Italiens Anfang September 1943 hätten einige Schüler ihren Mitschülern die HJ-Abzeichen abgerissen. In einem anderen ist vom Wegwerfen der HJ-Abzeichen die Rede. Außerdem sei es zu handfesten Auseinandersetzungen gekommen, bei der ein Hitlerbild von der Wand gefallen und beschädigt worden sei. In der Häftlingsakte Wilhelm Brockhoffs steht, ein Hitlerbild sei bekritzelt worden. Nach Ende der NS-Diktatur wurden bei der Rekonstruktion der Vorfälle die Wortgefechte zwischen den Schülern über den Kriegsverlauf, über die Verhaftung Mussolinis Ende Juli 1943 und über die zeitliche Kollision der HJ-Versammlungen mit der Messfeier als weitere Gründe erwähnt. Ferner soll bei einer Schlägerei ein Hitlerjunge einen Zahn verloren haben, und von mit verstellter Schrift geschriebenen Drohbriefen u. a. an den Schulrat wird berichtet. Die Schüler wurden zur Strafe ab dem 17. September 1943, also einen Tag nach der Verhaftung ihrer Lehrer, für drei Wochen in ein Schulungslager der Hitlerjugend nach Haldem bei Steinwede/ heute Kreis Minden-Lübbecke zur Umerziehung geschickt.
Häftling im KZ Dachau
Kb Hürfeld saß als Häftling Nr. 63.178 im Dachauer Priesterblock ein. Sein Bischof Clemens August von Galen (1878-1946), der ihn vielleicht schon aus seiner in Berlin zugebrachten Zeit kannte, konnte für ihn und seinen Münsteraner Mitbruder Anton Bornefeld nichts tun. Er erfuhr nur, dass das Reichssicherheitshauptamt ihre Entlassung kategorisch ausschloss. Von Kb Hürfelds Leidenszeit im Konzentrationslager ist wenig bekannt. Wir wissen aber, dass er nach dem Tod des Mithäftlings Johannes Xaverius Göbels für ihn in der KZ-Kapelle in Block 26 das Seelenamt las. Ende April 1945 wurde Kb Hürfeld gezwungen, an einem der grauenvollen Todesmärsche gegen Süden in Richtung der Alpen teilzunehmen, bei dem er von amerikanischen Soldaten befreit wurde.
Rückkehr nach Lüdinghausen und Gründung des Gymnasiums Canisianum
Er kehrte abgezehrt und von der Haft gezeichnet im Mai 1945 nach Lüdinghausen zurück. Sein Elan war jedoch ungebrochen, und er gründete das heute noch bestehende Gymnasium Canisianum, das bereits im November 1945 mit dem Unterricht begann. Es soll die erste Höhere Schule im acht Monate später entstandenen Land Nordrhein-Westfalen gewesen sein, die den Schulbetrieb wieder aufgenommen hat. 1951 richtete der von Kb Hürfeld ins Leben gerufene Internatsverein im Schloss Crassenstein in Wadersloh-Diestedde/Kreis Warendorf das Realschulinternat St. Marien ein. Außerdem sorgte er sich um Kurse für Flüchtlinge und Spätheimkehrer.
Scharfe Kritik am von Kb Hürfeld geleitenden Internat in Lüdinghausen
Das von Kb Hürfeld wiedereröffnete Internat in Lüdinghausen besuchte auch der bekannte Literaturverfilmer und Meister des Doku-Dramas Heinrich Breloer (*1942), dessen Eltern in Marl das renommierte Hotel und Restaurant Loemühle betrieben. Er hat diese Zeit im von den Bewohnern „Kasten“ genannten Internat als „Hölle“ empfunden. In einem Interview Anfang des Jahres 2020 im 3. Programm des WDR sprach er von dem dort herrschenden „Religionsterror“ und machte die „Rekatholisierung“ der Gesellschaft als oberstes Ziel des Internatsdirektors aus. Heinrich Breloer hat über dieses „miese Internat“, in das seiner Meinung nach manche Eltern ihre Söhne einfach abschoben, 1987 auch einen zweiteiligen Film mit dem Titel „Eine geschlossene Gesellschaft“ gedreht, in dem Bernhard Hürfeld, verkörpert durch den Schauspieler Ernst Jacobi (*1933), auftritt. Wieviel Realität oder Fiktion dabei vorherrscht, sei dahingestellt. Der Film wurde mit dem Adolf-Grimme-Preis bedacht!
Tod in Lüdinghausen
Kb Hürfeld starb am 19. Oktober 1966 in Lüdinghausen. Dort blieb er unvergessen: Es gibt eine Bernhard-Hürfeld-Stiege, und am Gymnasium Canisianum wird seit 2011 der Bernhard-Hürfeld-Literaturpreis an Schüler verliehen.
Wolfgang Löhr
Bernhard Hürfeld
Als Kb Dr. Bernhard Hürfeld am 15. September 1943 zusammen mit vier weiteren Lehrkräften der Höheren Landwirtschaftsschule und des Internats Canisianum Lüdinghausen ver-haftet wurde, war das der Gipfel langjähriger Auseinandersetzungen mit der NSDAP und staatlichen Stellen. Da viele Schüler aus der Region die Landwirtschaftsschule in Lüdinghausen besuchten, hatte Dr. Hürfeld ab 1925 das Canisianum als Internat für die Schüler aufgebaut, das er ab 1932 mit dem Paedagogicum Canisianum als Vorbereitungsanstalt erweiterte.
Die offensichtlichen pädagogischen Erfolge der katholischen Einrichtung lösten seit 1933 staatliche Maßnahmen zu ihrer Einschränkung oder Abschaffung aus. Zudem hatte sich Dr. Hürfeld zu Ende der Weimarer Republik gegen die NSDAP gewandt und Hitler 1932 bei Zentrumsversammlungen einen „Schaumschläger“ und „Volksbetrüger“ genannt. Nach der „Machtergreifung“ wurden dem Pädagogen erst die Unterrichtserlaubnis in Deutsch und Geschichte entzogen, dann die Stunden als Religionslehrer eingeschränkt, 1936 musste er die Schule ganz verlassen. Ab 1938 begann der Abbau des Paedagogicums, Ostern 1941 wurde es eingestellt. Ab 1942 erfolgten Eingriffe in die innere Gestaltung des verbliebenen Internats, im Juni 1943 wurde die Beschlagnahme „für Wehrmachtszwecke“ angekündigt.
Auseinandersetzungen unter Schülern, lieferten den Vorwand, Dr. Hürfeld und weitere Lehrkräfte im September 1943 zu verhaften. Am 5. Februar 1944 folgte von Recklinghausen aus der Sammeltransport in das KZ Dachau. Dr. Hürfeld wurde als Häftling Nr. 63.178 in den sogenannten „Priesterblock“ im KZ Dachau eingeliefert. Befreit wurde er 1945 auf dem sogenannten Evakuierungsmarsch der Lagerinsassen nach Süden durch US-Truppen. Bei seiner Heimkehr brachte Dr. Hürfeld die Asche der KZ-Opfer Dr. Josef Kleinsorge und August Wessing mit, die mit ihm verhaftet worden waren: Heimlich hatte er die Asche aus dem Lager schaffen lassen.
Nach Lüdinghausen zurückgekehrt, engagierte er sich erneut für die Bildungs- und Jugendarbeit. Er wurde Leiter des neuen Gymnasium Canisianum, richtete in der Nachkriegszeit Kurse für Flüchtlinge und Spätheimkehrer ein und baute ein Internat und eine Realschule in Diestedde auf. Am 12. Oktober 1966 starb er in Lüdinghausen.



