Der Antisemitismus ist omnipräsent und weiß sich der Corona-Pandemie zu bedienen
Dieses kleine Buch aus der Feder des langjährigen Chefredakteurs des Bayerischen Rundfunks Sigmund Gottlieb (69) versteht sich als „Aufschrei“, der nach Absicht des Autors „nicht zu überhören“ sei und „Wirkung“ zeigen soll. Er fordert auf, „Nulltoleranz gegenüber den Intoleranten“ erkennen zu lassen und den „Menschen jüdischen Glaubens das Gefühl“ zu vermitteln, sich sicher in Deutschland, dem „Land der NS-Mörder“, fühlen zu können (S. 89).
Als der Verfasser begann, sein Büchlein zu schreiben, konnte er noch nicht wissen, dass nach dem Ausbruch der Corona-Pandemie wieder Töne erklingen würden wie im Spätmittelalter, als während der Pestjahre behauptet wurde, die Juden hätten die Brunnen vergiftet. Das führte u.a. zum Judenpogrom von 1349, wodurch die meisten jüdischen Gemeinden in Deutschland auf Jahrhunderte ausgelöscht wurden. Heute nutzen, darauf weist Gottlieb hin und ist damit höchst aktuell, antisemitische Verschwörungstheoretiker die Gunst der Stunde, um die Juden in irgendeinen Zusammenhang mit der gefährlichen Covid-19 Erkrankung zu bringen. Nach den USA und Frankreich nimmt Deutschland im Netz die dritte Stelle derjenigen Staaten ein, deren Bevölkerung von einer solchen Absurdität überzeugt ist. „Ich frage mich“, so Gottlieb, „wie es um ein Land bestellt sein muss, dessen Mehrheit angesichts eines solchen >> blamablen Rankings noch immer schweigt“ (S. 87). Als Beispiele für diese Hirngespinste nennt er Behauptungen wie: Juden käme die Pandemie ganz zurecht, um Gewinne aus der Herstellung eines Impfstoffes zu ziehen, Juden versuchten mit der oft tödlich verlaufenden Krankheit, die Weltbevölkerung zu verringern oder sie machten sie sich zunutze, um die Herrschaft über die Weltwirtschaft zu übernehmen. Hinzufügen kann man noch den abstrusen Vorwurf, Zionisten hätten das Virus in israelischen Laboren hergestellt.
Mit Recht wehrt sich Gottlieb gegen die Stimmen, die auffordern, Schluss zu machen mit der Debatte um den Antisemitismus in Deutschland.
Er blüht längst nicht mehr im Verborgenen. Das muss seit Hanau und Halle jedem deutlich geworden sein. Die Antisemiten haben dazu gelernt und wissen sich vortrefflich der digitalen Mittel zu bedienen. Dadurch kann sich ihre Ideologie in einer bisher nie dagewesenen Weise verbreiten. Und ein Weiteres hat sich gegenüber der NS-Zeit, in welcher der Antisemitismus Staatsideologie war, geändert: Heute ist er breit aufgestellt. Inzwischen kommen die Feinde der Juden „von unten, von der Mitte, von rechts außen und links außen. Sie sind Teil des öffentlichen Diskurses geworden“ (S. 87). Antisemiten trifft man überall. Nach einer repräsentativen Umfrage des Jüdischen Weltkongresses hegen 27 Prozent der Deutschen „antisemitische Gedanken und 41 Prozent sind sogar der Meinung, Juden redeten zu viel über den Holocaust“ (S. 43). Außerdem findet es Gottlieb schockierend, dass 28 Prozent der „Hochschulabsolventen mit einem Jahreseinkommen von mindestens hunderttausend Euro“ glauben, „Juden übten zu viel Macht in der Wirtschaft aus“ (S. 43).
Der Verfasser geht auch auf das „Israel-Bashing“ ein. Bei aller berechtigter Kritik „etwa an der Siedlungs-politik, an seinen Politikern, an der Verhältnismäßigkeit des Einsatzes militärischer Mittel“ (S. 82) Israels darf nicht vergessen werden, dass es „seine Ministerpräsidenten vor Gericht stellt und verurteilt, wenn es notwendig ist“ (S. 17).
Gottlieb empfiehlt die Lektüre der Arbeiten der Kognitionswissenschaftlerin und Professorin an der TU Berlin Monika Schwarz-Friesel, die sich mit dem gebildeten Antisemitismus auseinandersetzt und zu dem Ergebnis gekommen ist, „dass israelbezogener Antisemitismus nichts mit legitimer Kritik an der Politik Israels zu tun habe“ (S. 16). Ferner ruft der Verfasser ins Gedächtnis, „dass kaum ein Tag vergangen ist, an dem Israel nicht im Ausnahmezustand lebt, an dem es sich nicht gegen seine feindlich gesonnenen Nachbarn zur Wehr setzen musste (S. 17f.). Gottlieb ist sich bewusst: „Nicht jeder, der Kritik an Israel übt, ist ein Antisemit. Doch viele, die Israel kritisieren, sind Antisemiten“ (S. 18). Interessant ist in diesem Zusammenhang zudem ein Ausspruch von Papst Franziskus von 2015: „Juden anzugreifen, ist Antisemitismus, aber ein offener Angriff auf den Staat Israel ist auch Antisemitismus“ (S. 83).
Gottlieb unterschlägt ferner nicht und manche mögen es nicht gern hören, „dass der Anstieg des Antisemitismus auch mit der Aufnahme von jungen Leuten aus arabisch-islamischen Ländern zu tun hat, die in ihren Herkunftsländern nichts anderes gelernt haben, als die Juden als ihre Feinde zu betrachten“ (S. 35). Er zitiert hier Monika Schwarz-Friesel. Im Internet sei jeder zweite Text des islamischen Antisemitismus geprägt von den „Stereotypen der klassischen Judenfeindlichkeit und nicht primär von politischer Empörung gegenüber der Nahostpolitik“ (S. 37).
Antisemitismus gefährlicher denn je für das friedliche Zusammenleben in unserem Land geworden ist. Darüber zur Tagesordnung überzugehen, wäre fatal.
W.L.


