Anmerkungen zur Enzyklika

Von Heinrich Pompeÿ (Wh, Bsg) und Maximilian Heuring (Bsg)

Es ist sinnvoll, bei der Reflexion einer Sozialenzyklika die drei Aspekte der Christlichen Sozialwissenschaft „Sehen - Urteilen - Handeln“ zu Grunde zu legen.

1. Aspekte des Sehens der Probleme

Den von Papst Franziskus angemahnten Defiziten derzeitiger ökonomischer, zwischenmenschlicher und sozialpolitischer Lebensrealitäten sowie verbreiteter unsozialer Denkmuster vieler Menschen lässt sich grundsätzlich zustimmen. Franziskus reiht sich in die Klage vieler einzelner Menschen und Gruppen verschiedener Couleur ein. Das ist in sich sinnvoll und notwendig angesichts der Macht der weltwirtschaftlichen Vernetzungen, der Konzerne, zahlreicher politischer Systeme und der brutalen Inhumanität der Lebens- und Arbeitsbedingungen unzähliger Menschen etc. Franziskus lenkt damit u. E. berechtigt, richtig und notwendig unsere Blicke auf Zustände, die nach einer Verbesserung verlangen.

Auffällig sind dabei jedoch die hohe Zahl inhaltlicher Wiederholungsschleifen seiner Klage, statt einer präzisen und knappen Beschreibung und Analyse möglicher Faktoren und Ursachen. Auch sind viele seiner Aussagen bereits aus anderen Stellungnahmen bekannt und keineswegs neu. Durch die weit ausladende, sich wiederholende Darstellung besitzt die Enzyklika eher den Charakter einer Exhortatio für Menschen guten Willens.

Da die konkreten Ursachen von Flucht, von Armut, von Korruption, von Krieg und Rechtlosigkeit nicht vorrangig mentaler, sondern realer Art sind, müssten ihre strukturellen, faktischen Ursachen u. E. klarer verdeutlicht werden, will man sie verändern.

 

2. Aspekte des Beurteilens der Probleme

Bei seiner Beurteilung der Inhumanität von Wirtschaft, Politik und internationalen Institutionen greift Papst Franziskus auf das Beispiel des Barmherzigen Samariters als Maß zurück. Seine Text-Exegese ist dabei eher eine Eisegese, d.h. eine Deutung, die von ihm und nicht vom Text ausgeht.

Beispielsweise ließe sich so im Sinne der Eisegese des Papstes aus dem Text problemlos ableiten, dass gelingende Barmherzigkeit keine eigenen kirchlichen bzw. christlichen Herbergen und Wirte für Arme und Kranke benötigt bzw. besitzen muss, sondern auf allgemeine Klinikdienstleister und Firmen einer Gesellschaft zurückgreifen kann. Doch die deutsche Kirche beschäftigt allein über 200.000 Personen in caritativen Krankenhäusern und Kliniken. Dieser gigantische Personal-Einsatz ist also nach dem Gleichnis des Barmherzigen Samariters kein relevanter Faktor für die Barmherzigkeitsdiakonie der Amtskirche. Wohl aber ist die Qualitätskontrolle und finanzielle Substituierung solcher externer grundlegender Dienste dem Samariter nach seiner Rückkehr ein wichtiger sozialer Faktor seiner Barmherzigkeitsdiakonie.(1)

Franziskus bedient sich bei der Beurteilung der vielen Inhumanitäten vor allem der primär individual-ethischen Botschaft des NT. Mit ihrer an Individuen gerichteten Zielrichtung beurteilt er sozial-ethisch die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen.

Lassen sich Individualethik und Sozialethik so miteinander ethisch verweben? Hat doch die Individualethik das individuelle Böse im Blick, während die Sozialethik das strukturelle Böse kritisiert bzw. analysiert. Zudem besitzt das Individuum ein ansprechbares Gewissen im Sinne einer sozial-moralischen Selbststeuerungsinstanz, was den bedrückenden und ungerechten Strukturen als Regulativ selbstverständlich fehlt. Etwas provokant sei biblisch-kritisch angemerkt: beim Endgericht werden Individuen bezüglich ihres sozialen oder unsozialen Handelns hinterfragt aber keine Strukturen des Bösen. Lassen sich also Strukturen des Bösen ethisch praktisch einfach individualisieren? (2)

Das strukturelle Böse kann nur durch staatliche bzw. internationale gesetzlich abgesicherte Regelungen und durch internationale Gerichtshöfe gesichert und gebannt werden, flankiert durch freie und ehrliche politische Absprachen. Verfassungsrecht, Arbeitsrecht, etc. wie auch die Unabhängigkeit von Legislative, Regierung und Justiz sichern am besten den Schutz der Bürger vor Ausbeutung, Meinungsunterdrückung, freier Lebensentfaltung etc. in einem Land. Mit Appellen an Brüderlichkeit und Geschwisterlichkeit der Menschen ist dies kaum in den sozial unterentwickelten Ländern zu bewirken.

Die Enzyklika stellt keine spezifisch theologische, sozial- oder wirtschaftswissenschaftliche Analyse der benannten Probleme dar, sondern ist stark geprägt durch eine Verbindung von biblischer Ethik mit eher linken, befreiungstheologischen Optionen. (3) Entgegen der optierten politischen Kritik könnte man – ausgehend von der Botschaft des NT – sogar kritisch fragen: Warum verurteilt Jesus nicht die zu seiner Zeit gegebenen bösen Strukturen der römischen Besatzungsmacht, die die Freiheit der Selbstbestimmung der Juden einschränken, die Steuern für römischen Luxus und Kriege erzwingen, die auf einer rechtlosen Okkupation Israels beruhen, und der Selbstherrlichkeit Roms bzw. den Machtansprüchen der römischen Kaiser dienen etc.? Nein, Jesus sagt sogar: „Gebt dem Kaiser was des Kaisers ist“ (Lk 20,25). Er geht von einer individualethischen Geisteshaltung im Sinne der Verwirklichung der Glaubenstugenden aus. Er handelt nicht politisch.

Ein moral-theologisch begründeter Brückenschlag des höchsten Lehramtes von Individualethik und Sozialethik, vom individuellen zum strukturellen Bösen wäre an dieser Stelle sehr wichtig gewesen. Daran anschließend ist es dann auch in redlicher wissenschaftlicher Weise möglich, die Strukturen transzendierende und sie gleichsam sprengende Macht der Reich-Gottes-Botschaft Jesu für die heutige Zeit mit ihren Herausforderungen fruchtbar zu machen.

Dass die Akteure des Wirtschaftssystems in Zukunft nicht agieren können ohne die Fragen ökologischer sowie sozialer Verantwortung und Nachhaltigkeit im wirtschaftlichen Handeln zu berücksichtigen, weil sonst ein Wirtschaften in Zukunft nicht mehr möglich sein wird, scheint auf der Hand zu liegen. Leider weist Franziskus nicht darauf hin, dass auch im System des wirtschaftlichen Marktes Lösungen gefunden werden könnten und sicherlich gefunden werden. Ökonomische Ungerechtigkeiten können nur politisch gelöst werden z. B. durch die in Deutschland praktizierte paritätische Mitbestimmung von Arbeitnehmern und Kapitalgebern in Betrieben. Bei sozialen Defiziten und Problemen müssen Absicherungsmaßnahmen etabliert werden wie Arbeitslosenversicherungen, Krankenversicherungen, etc. Juristische Defizite und daraus resultierende Ungerechtigkeiten sind durch den demokratischen Gesetzgeber zu korrigieren, wie dies von den europäischen Parlamenten praktiziert wird.

Warum wägt Franziskus nicht deutlich ab und analysiert unterschiedliche politische Systeme, wie das chinesische, das nordamerikanische oder die muslimischen im Blick auf soziale Förderung und Lebenssicherung der Menschen?

Nationaler und internationaler Fortschritt setzt Vernunfteinsicht voraus und basiert damit auf optimaler Bildung, so wie sie in den europäischen Ländern – bis Anfang des 19. Jahrhundert subsidiär von der Kirche geleistet – im Allgemeinen praktiziert und seit Jahrhunderten von den christlichen Orden in den Entwicklungsländern vermittelt wird. Daher ist es verständlich, wenn die Enzyklika wegen der fehlenden Praxisrelevanz als sozialromantisch eingeschätzt wird. (4) Das Entscheidende ist jedoch, dass alle Systeme immer hinter der von Franziskus geforderten Brüderlichkeit zurückbleiben werden, weil diese gar nicht auf der Ebene des Systems gefordert werden kann sondern nur von den Individuen selbst.

Konkret wäre also beispielsweise die Frage zu stellen, wie sich eine Gruppe von Aktionären gewinnen lässt, die an einer Balance von sozialer und ökologischer Verantwortung zu Ungunsten einer gewissen Gewinnmaximierung bereit ist und entsprechend in der Aktionärsversammlung agiert. Hier geht es eher um Selbstbeschränkung zugunsten einer brüderlicheren Welt. Nützen diesbezüglich ethische Apelle oder müssen klare gesetzliche Regelungen her?

Wie sind das hinduistische Kastenwesen, der imperialistische, diktatorische, kommunistische Kapitalismus und seine Ausbeutungs- und Unterdrük-kungsstrukturen in China, das muslimische Verständnis von Menschenrechten, die an die unliberale Scharia gebunden sind (vgl. die Kairoer Erklärung der muslimischen Nationen), die Clankulturen in Asien und Afrika, etc. praktisch zu beurteilen und zu verändern? Kann aus der europäisch-christlichen Kultur, die einen gewaltigen  >>  sozialen Fortschritt in Europa hervorgebracht hat, hierfür gelernt werden?

 

3. Durch konstruktives Handeln und konkrete Handlungsvorschläge Ungerechtigkeiten beseitigen

Kann man mit dem noblen Handlungsprinzip der Brüderlichkeit wirklich politisch etwas verändern, fragen viele Kritiker der Enzyklika. Sie bietet für eine kritisch-konstruktive Abwägung und Diskussion keine praktischen Handlungsvorschläge. (5)

Beispielsweise fragen sich Entwicklungsexperten: Gigantische Summen über mehrere Milliarden Euro bzw. Dollar wurden seit 1960 nach Afrika als Entwicklungshilfe transferiert (6), die jedoch fast nichts für die arme und ausgebeutete Bevölkerung Afrikas bewirkten. (7) Wohin ist das Geld verschwunden? Warum ist Afrika ein Fass ohne Boden? Ist dies allein auf die rücksichtslose Ausbeutung durch multilaterale Konzerne zurückzuführen oder könnte auch die in diesen Ländern vorherrschende und praktizierte politische Moral eine korrelierende Rolle spielen? Was muss in den afrikanischen Ländern sich grundlegend konkret ändern, dass befriedigende Lebensbedingungen für die Menschen entstehen? (8)

Ferner wären z. B. Handlungsvorschläge interessant: Wie kann man national und international konkret gegen die Korruption in den Entwicklungsländern vorgehen? Appelle der Brüderlichkeit werden die korrupten Strukturen nicht verändern und auch die Akteure nicht erweichen. Was ist überdies gegen eine mafiose Verseuchung ganzer Landstriche konkret zu tun oder gegen die überall zunehmenden Betrügereien selbst von ehemals seriösen Banken und Firmen? Wie lassen sich politisch konkret Ursachen von Flucht, von Armut, von Korruption, von Krieg, von Rechtlosigkeit beseitigen? Wo liegen die strukturellen Ursachen und wie setzt man diese außer Kraft? Wohl kaum durch Appelle, schon eher durch konstruktive Verhandlungen.

Kontinentale und Welt-Gerichtshöfe analog dem EuGH, dem Haager Kriegsverbrechertribunal sowie politische Regulatoren wie UNO, WHO, Europäische Union, Europäisches Parlament oder internationale z. B. ökologische Zielvereinbarungen etc. mit ihren möglichen Chancen und Problemen werden nicht ausreichend kritisch gewürdigt. Doch gerade die Auseinandersetzung mit ihnen hätte konkrete Handlungsaspekte verdeutlichen können. Leider bleibt auch der Blick auf die neuen elektronischen Medien, die die weltweite Zusammengehörigkeit optimieren könnten, unterbelichtet.

Legt man der Beurteilung der Handlungsaspekte darüber hinaus das Jesus Wort vom „Splitter und Balken“ zugrunde, lässt sich nach den Defiziten bzw. Handlungsoptionen der Kirche als Gemeinschaft von über 2 Milliarden Menschen und ihren großen eigenen Institutionen fragen, wie vorbildlich Veränderungen herbeigeführt werden könnten: Was bedeutet z. B die Klage der Enzyklika des Papstes für die reiche katholische Kirche in Deutschland und ihre Beziehung zur außereuropäischen Welt (die deutsche Katholische Kirche verfügt über die beste finanzielle Absicherung und den größten Organisationsgrad mit ca. 8oo.ooo Mitarbeitern in Pastoral, Bildung, Caritas und Verwaltung) – reichen ihre Hilfswerke aus? Welche Konsequenzen ergeben sich ebenso bezüglich der anscheinend vorhandenen großen Geldmengen des Vatikans – wie sie in der Presse derzeit öffentlich werden (9) – , etc. Ist es ausreichend bzw. vorbildlich, was also die deutsche Kirche leistet bzw. wie die römische Kirchenleitung agiert?

Im Blick auf die Prägung, Durchsetzung und Optimierung einer menschenfreundlichen Lebenskultur und Lebenswirklichkeit sind in Deutschland die im 19. Jahrhundert entwickelten kirchlichen Vereine bezüglich ihrer politischen und sozialen Relevanz gegenüber anderen  deutschen zivilgesellschaftlichen Bewegungen und Gruppierungen fast total verblasst bzw. wirkungslos und politisch und in der allgemeinen Presse resonanzlos geworden, seien es die Kolpingbewegung, die Vinzenzvereine, KKV, SKF, BKU, DJK, Pfadfinder, ND und auch die katholischen Verbindungen. Manche dieser Laiengruppierungen stellen im Zentralkomitee der Katholiken nur noch innerkirchliche Einfluss- und Störgrößen dar. Die Lebenskultur der Länder und des Staates wird in Deutschland durch sie nicht mehr mitbestimmt und nachhaltig geprägt.

Was bedeutet dieser konkrete Einfluss-Verlust der Kirche auf die soziale Gestaltung unserer Gesellschaft?

Inwiefern ist hier das einzelne Individuum gefragt, zu handeln?

Das medial angekündigte Ziel, mithilfe der Enzyklika an einem besseren Leben für alle Gesellschaften nach der Corona Pandemie arbeiten zu können, ist sicherlich nicht erreicht. Dafür sind die in ihr enthaltenen Aussagen, die zum größten Teil auf bereits getätigten Ansprachen, Predigten u. ä. von Franziskus beruhen, weder stichhaltig genug noch in einer systematischen Form dargestellt.

Der vom barmherzigen Samaritaner vollzogene Dreischritt des Sehen-Urteilen-Handelns, der sicherlich als personale spontane Gewissensregung verstanden und durchaus im Sinne des Hl. J. H. Newman als Gotteserfahrung gedeutet werden kann, und von der eine wahrhaft freie, barmherzige und alle Systeme (vor allem die damalige Gesellschaftsordnung) sprengende Kraft ausgeht, bleibt mit Jesu Worten Aufforderung an jeden einzelnen von uns: „Geh und handle du genauso!“ (Lk 10,37).

Welche Indikationen sich daraus für unser Leben in den verschiedenen Systemen (Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, etc.) ergeben, darüber wird weiter nachzudenken sein.  <<

Die Rezension ist Ergebnis eines interkorporativen Treffens mit Farbenbrüdern des UV und CV beim KStV Brisgovia zu Freiburg, an dem hauptsächlich Theologen und Theologiestudenten beteiligt waren. Vom KStV Brisgovia nahmen teil: Prof. em. Dr. Heinrich Pompeÿ und Maximilian Heuring.

Anmerkungen:

(1) Vgl. Heinrich Pompeÿ, Zur Krankenhaus-Diakonie der Kirche heute. In: Die Neue Ordnung 73.(2019) 257-264.

(2) Eine solche Verknüpfung und Gleichsetzung individueller und struktureller Faktoren der Leidenswelten der Menschen findet sich analog auch in den Handlungsoptionen der Befreiungstheologie. Dieser Gleichsetzung entspricht auch eine verhängnisvolle Entscheidung des Papstes, die Individuum-zentrierten Caritasdienste (seitens Cor unum, Rat für die Pastoral im Krankendienst, Caritas internationalis, Rat für Flüchtlinge und Menschen unterwegs etc.) mit den sozial und politisch agierenden Institutionen des Vatikans (Rat für Gerechtigkeit und Frieden) zu verbinden und diesem Rat die Leitungsfunktion zu übertragen. Die Folge ist, dass die früheren Initiativen versandet sind, vgl. H. Pompey, Caritastheologische Resonanzen. Zur Tagung „Theologie der Caritas. Grundlagen und Perspektiven für eine Theologie, die dem Menschen dient“. In: K. Baumann (Hrsg.) Grundlagen und Perspektiven für eine Theologie, die dem Menschen dient. Würzburg 2017, 257- 265, S. 262ff.

(3) Rudolf Mitlöhner, Ist der Papst zu links? In: Die Tagespost v. 22.10.2020 S. 28.

(4) Vgl. z.B. Christian Geyer, Im selben Boot. In: FAZ Nr. 231 v. 5.10.2020 S. 11.

(5) Ebd.

(6) Etwas, das die Enzyklika nicht einmal lobenswert erwähnt.

(7) So hat Afrika seit 1960 zwischen 450 und 600 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe erhalten, je nach Art der Berechnung. Doch die Wirtschaftskraft der Länder hat sich so gut wie gar nicht verbessert. Andere Länder, vor allem in Asien, haben dagegen den Aufstieg geschafft. 20.05.2007 www.welt.de;
Das Handelsblatt (16.10.2018 - Hilfen für Afrika Afrikaexperten) streicht sogar heraus: Seit 1960 wurden Schätzungen zufolge bis zu 4.000 Milliarden Dollar Entwicklungshilfe an Afrika transferiert. Aus Sicht der Studie „Fertility, growth and the future of aid in sub-Saharan Africa“ sind rund 1,6 Billionen US-Dollar Entwicklungshilfe von 1960 bis 2015 nach Afrika geflossen - mehr als in jeden anderen Erdteil.
Das hat jedoch wenig geholfen: Mehr als 40 Prozent der Bevölkerung sind noch immer arm, das Durchschnittseinkommen lag 2015 pro Kopf gerade mal 200 US-Dollar höher als 1974. „Der Abstand zwischen Afrika und dem Rest der Welt wird größer“, warnt Studienautor Jakkie Cilliers.
Vgl. https://www.dw.com/de/studieentwicklungshilfe-hält-nicht-mit-bevölkerungswachstum-schritt/a-42862817.

(8) In diesem Zusammenhang ließe sich bzgl. der Kirche im Blick auf Afrika z. B. konkret fragen, wie sie realistisch die von ihr ethisch favorisierte, gigantische Bevölkerungsentwicklung in Afrika parallel zur wirtschaftlichen Entwicklung dieser Länder sieht und wie diese Ambivalenz (gigantisches Bevölkerungswachstum zum wirtschaftlichen Wachstum) positiv zu balancieren und zu regulieren ist. Oder sieht die Kirche allein in der Auswanderung aus dem übervölkerten Afrika nach Europa für die Zurück-Bleibenden eine Verbesserungschance der sozialen und politischen Lebensbedingungen?

(9) Vgl. z. B. Hans-Lothar Merten, Scheinheilig - Das Billionen-Vermögen der Katholischen Kirche. In: https://www.m-vg.de/mediafiles/Leseprobe/9783959720892.pdf.

„Fratelli tutti“ - kurz gefasst

Papst Franziskus macht sich um diese Welt Sorgen. Für ihn ist die Corona-Pandemie ein Weckruf, „unsere Lebensstile, unsere Beziehungen, die Organisation unserer Gesellschaft und vor allem den Sinn unserer Existenz zu überdenken.“ Denn der harte, unerwartete Schlag dieser außer Kontrolle geratenen Pandemie zwingt die Menschheit, an alle zu denken, statt an den Nutzen einiger weniger. Vielen sei wieder bewusst geworden, dass man als weltweite Gemeinschaft in einem Boot unterwegs sei, macht der Papst in seiner dritten Enzyklika deutlich. Doch ebenso hat das Virus die Unfähigkeit vieler offengelegt, gemeinsam, solidarisch und mitfühlend zu handeln: „Wir haben gesehen, was mit den älteren Menschen an einigen Orten der Welt aufgrund des Corona-Virus geschehen ist: Sie sollten nicht auf diese Weise sterben.“ schreibt der Papst.

Für Kritik sorgte der Titel der Enzyklika. Mit „Fratelli Tutti“ gebraucht der Papst ein Zitat seines Namenspatrons, des Heiligen Franz von Assisi, der „alle Brüder“ ansprach. Und: Die Enzyklika hat nicht die Genderdebatte zum Thema, sondern widmet sich den aktuellsten gesellschaftlichen Entwicklungen, die global gesehen, durch die Covid-Pandemie verstärkt, in ihrer negativen Dynamik in die Kritik genommen werden. Der Text schließt dann die Schwestern mit ein. Aber viele Frauen hätten sich einen Titel gewünscht, der sie nicht nur mit meint, sondern auch mit nennt: „Es hätte genug Möglichkeiten gegeben, in Anspielung auf dieses Zitat, aber doch nicht als Zitat die Schwestern mit einzubeziehen“, sagte die Freiburger Sozialethikern Prof. Ursula Nothelle-Wildfeuer gegenüber dem Saarländischen Rundfunk.

Der Papst hebt die Geschwisterlichkeit hervor als Gegenentwurf zu einer Welt, in der Franziskus nicht nur übertriebene und aggressive Nationalismen aufleben sieht, sondern auch neue Formen des Egoismus.

Ohne Politiker wie Trump, Putin oder Erdogan explizit zu nennen, kritisiert der Papst populistische Tendenzen: „Was bis vor wenigen Jahren von niemandem gesagt werden konnte ohne den Respekt der gesamten Welt ihm gegenüber aufs Spiel zu setzen, das kann heute in aller Grobheit auch von Politikern geäußert werden, ohne dafür belangt zu werden.“ Die Kirche müsse sich immer ein kritisches Gespür gegenüber engstirnigen und gewalttätigen Nationalismen bewahren. Die Politiker fordert der Papst auf, sich an Werten und nicht an Eigeninteressen zu orientieren, der Fang von Wählerstimmen dürfe nicht den Ausschlag geben; die Führung der Wirtschaft wäre wichtig, um ihr nicht ausgeliefert zu sein.

Franziskus propagiert in „Fratelli Tutti“ eine offene Welt. Aber „Offen sein zur Welt“, so die Enzyklika, „ist ein Ausdruck, den sich die Wirtschaft und die Finanzwelt zu eigen gemacht haben. Er meint die Öffnung gegenüber ausländischen Interessen oder die Freiheit der Wirtschaftsmächte, ohne Hindernisse in allen Ländern zu investieren. Eine solche Kultur eint die Welt, trennt aber Menschen und Nationen. Die globalisierte Gesellschaft macht uns zu Nachbarn, aber nicht zu Geschwistern.“ Und: „Der Reichtum wächst, aber auf ungleiche Weise, und so entstehen neue Formen der Armut.“ Deshalb appelliert der Papst an die Solidarität aller: Jeder solle sich für die Schwäche anderer verantwortlich fühlen - so wie der Barmherzige Samariter aus dem Gleichnis Jesu, das  Franziskus in die Mitte seiner Enzyklika stellt.

Sehr konkret wird der Text der Enzyklika, wo es um  Aufnahme und Schutz von Migranten geht. Dort nennt Franziskus nicht nur Menschen, die vor Krieg, Verfolgung oder Naturkatastrophen fliehen, vielmehr seien auch andere mit vollem Recht auf der Suche nach Chancen für sich und ihre  Familien. In schweren humanitären Krisen müssten mehr Visa ausgestellt und die Verfahren für Asyl-Anträge vereinfacht werden. Franziskus fordert „humanitäre Korridore“ für die am stärksten gefährdeten Flüchtlinge.

Mehrfach zitiert Franziskus aus der Erklärung von Abu Dhabi, die er im Februar 2019 gemeinsam mit dem Großimam der Al-Aqsa Universität von Kairo, Scheich Ahmad Al-Tayyeb, verfasst hat. Dass eine muslimische Persönlichkeit auf diese Weise zum Gewährsmann eines päpstlichen Lehrschreibens wird, hat es noch nie gegeben. Dies zeigt, was für einen hohen Wert Franziskus der Verständigung unter den Religionen beimisst: „Gottes Liebe ist für jeden Menschen gleich, unabhängig von seiner Religion“ - hier zitiert sich Franziskus in der Enzyklika selbst. Denn dieser Satz stammt aus dem Dokumentarfilm, den der Regisseur Wim Wenders über den Papst gedreht hat.

Im interreligiösen Dialog beruft sich der Papst allerdings auch auf seinen Namenspatron Franz von Assisi. Es berühre ihn, schreibt der Papst, wie der Heilige Franziskus vor achthundert Jahren dazu einlud, jede Form von Aggression und Streit zu vermeiden und auch eine demütige, geschwisterliche Unterwerfung zu üben, sogar denen gegenüber, die seinen Glauben nicht teilten.