Das Gebot für das Herz (Ex 20,17; Dtn 5,21)

Die Zehn Gebote in Ex 20 und Dtn 5 listen Handlungen auf, die geboten oder verboten sind. „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig!“ (Ex 20,8); „Du sollst nicht morden, du sollst nicht die Ehe brechen“ (Dtn 5,17). Aber beide schließen mit einem Verbot, das sich nicht auf Handlungen, sondern auf die Gesinnung bezieht. „Du sollst nicht nach der Frau deines Nächsten verlangen“ (Ex 20,17; Dtn 5,21), und du sollst nicht etwas begehren, „was deinem Nächsten gehört“ (Dtn 5,21). Das deutsche ‚verlangen‘ oder ‚begehren‘ ist die Übersetzung des griechischen epithymein, das die Septuaginta gebraucht. Das Wort bezeichnet ein ausschließlich durch die Sinneswahrnehmung bestimmtes Streben; auch die Tiere haben epithymia; sie erstreben das für die Sinne Angenehme. Der Mensch muss die Begierde der Vernunft unterwerfen; er muss prüfen, ob das, was den Sinnen angenehm ist, der Vernunft entspricht. Aber die Forderung von Ex 20,17 und Dtn 5,21 geht weiter. Es genügt nicht, dass der Mensch dem Gebot Gottes gehorcht; vielmehr soll Gottes Gebot seinen Charakter bis in die elementarsten Strebungen hinein prägen; sein sinnliches Begehren soll sich nicht auf etwas richten, das dem Gebot Gottes widerspricht.   

Ex 20 und Dtn 5 formulieren ein Verbot; sie sagen uns, was wir nicht begehren dürfen. Dtn 6,4f. formuliert das positive Gebot: „Höre, Israel! Jahwe unser Gott ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Jesus greift beides auf. „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen“ (Mt 5,27f.). Dem, der ihn fragt, welches Gebot im Gesetz das wichtigste sei, antwortet Jesus mit dem Buch Deuteronomium: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken“ (Mt 22,37; Dt 6,5). 

Friedo Ricken SJ (Al, Gst, Stf, Ale)

Das erste und zweite Gebot (Ex20, 1-7)

Die Zehn Gebote sind die Urkunde des Bundes, den Gott mit dem Volk Israel geschlossen hat. „Der Herr offenbarte euch seinen Bund, er verpflichtet euch, ihn zu halten: die Zehn Worte. Er schrieb sie auf zwei Steintafeln“ (Dtn 4,13). Sie sind uns im Buch Exodus überliefert.

Das erste Gebot lautet: „Du sollst neben mir keine anderen Götter haben. Du sollst dir kein Gottesbild machen […]. Du sollst dich nicht vor anderen Göttern niederwerfen und dich nicht verpflichten, ihnen zu dienen“ (Ex 20,3-5). An späterer Stelle wird dieses Gebot erläutert. Israel wird in ein Land kommen, dessen Bewohner andere Götter verehren. Es soll sich hüten, mit ihnen einen Bund zu schließen; „sie könnten dir sonst, wenn sie in deiner Mitte leben, zu einer Falle werden. Ihre Altäre sollt ihr vielmehr niederreißen, ihre Steinmalezerschlagen, ihre Kultpfähle umhauen […]. Hüte dich, einen Bund mit den Bewohnern des Landes zu schließen. Sonst werden sie dich einladen, wenn sie mit ihren Göttern Unzucht treiben und ihren Göttern Schlachtopfer darbringen, und du wirst von ihren Schlachtopfern essen“ (Ex 34,12-15).  

Jesus wird von einem Schriftgelehrten gefragt: „Welches Gebot ist das erste von allen?“ Er antwortet nicht mit dem Buch Exodus, sondern mit dem Buch Deuteronomium: „Das erste ist: Höre, Israel, der Herr unser Gott ist der einzige Herr. Darum sollst du den Herrn deinen Gott lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit allen deinen Gedanken und mit all deiner Kraft.“ Der Schriftgelehrte sagt: „Sehr gut, Meister!“ und er wiederholt Jesu Antwort (Mk 12,28-32; vgl. Dtn 6,4f.).

Das zweite Gebot lautet: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht miss-brauchen“ (Ex 20,7). Der Name Gottes ist im Alten Testament Gott-für-uns im Unterschied zu Gott-an-sich. Wir sprechen den Namen Gottes über einem Menschen aus, um ihn zu segnen; wir rufen den Namen Gottes an, wenn wir Gott um Hilfe bitten. „Wir segnen euch im Namen des Herrn“ (Ps 129,8). „Der Herr erhöre dich am Tage der Not, der Name von Jakobs Gott möge dich schützen“ (Ps 20,2). „Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat“ (Ps 124,8). Wir missbrauchen den Namen des Herrn, wenn wir ihn gedankenlos oder im Zorn aussprechen.

Friedo Ricken SJ (Al, Gst, Stf, Ale)