Unser 2006 verstorbener Kartellbruder Wilhelm Schreckenberg sprach oft davon, dass die von ihm redaktionell betreuten „Akademischen Monatsblätter“ es mit der ebenfalls monatlich erscheinenden „Herder-Korrespondenz“ nicht aufnehmen könnten, obgleich auch sie Kirche und Religion, Gesellschaft und Wissenschaft im Blickpunkt hätten.

Als Gründe für die Differenz zwischen beiden Blättern nannte er unter anderem die nicht ehrenamtlich, sondern hauptamtlich wahrgenommene redaktionelle Betreuung, ihre große Unabhängigkeit, die unangefochtene Existenzberechtigung und die starke Leserbindung. Dabei verkannte er selbstredend nicht die etwas andere Aufgabe einer Verbandszeitschrift. Ein wenig Wehmut klang freilich dennoch an. Nun ist dieses heimliche Vorbild unseres Verbandsorgans 75 Jahre alt geworden. Dies ist zwar nur die Hälfte der Zeit, die Deutschlands älteste Kulturzeitschrift besteht, die von den Jesuiten herausgegebenen „Stimmen der Zeit“, bleibt aber trotzdem beträchtlich.  

Gründung 1946

Die katholischen Laien um den Chefredakteur Karlheinz Schmidhüs (1905-1972), der aus der Jugendbewegung kam und bis zu ihrem Verbot 1941 die Zeitschrift „Die Schildgenossen“, das Organ des „Quickborns“, betreut hatte, gingen mit der Gründung der „Herder-Korrespondenz“ nicht einmal anderthalb Jahre nach Kriegsende ein beträchtliches Wagnis ein. Deutschland lag in Schutt und Asche, wurde von den Alliierten regiert, und seine Zukunft lag im Dunkeln. Umso wichtiger schien es den Gründern, am geistigen Wiederaufbau des Landes mitzuwirken trotz des mit der Herausgabe verbundenen Risikos. Das Interesse an dem nach dem Verlag Herder in Freiburg im Breisgau benannten Blatts blieb erfreulicherweise nicht aus. Die Bezeichnung „Korrespondenz“ ließ sofort die Zielsetzung erkennen: Man wollte mit der Leserschaft in einen Gedankenaustausch treten. Wenn auch die Auflagenhöhe nie beträchtlich war – heute liegt sie bei 8.000 Exemplaren – so wurde sie dennoch zu einer „Institution des deutschen Katholizismus“, wie es ihr früherer Chefredakteur Ulrich Ruh nicht ohne verdienten Stolz einmal vor drei Jahren formuliert hat. Wer sich zeitnah und zuverlässig über päpstliche Verlautbarungen, über Bischofsworte oder Stellungnahmen des Zentralkomitees der deutschen Katholiken und vieles „Katholische“ mehr informieren wollte, griff nach der „Herder-Korrespondenz“. So ist es bis heute geblieben. Große Bedeutung bekam sie auch während des Zweiten Vatikanischen Konzils, das sie „journalistisch begleitete.“ In Folge wurde sie zu einem Vorreiter der Ökumene, um noch einmal auf Ulrich Ruh zurückzugreifen.

Ein Ort der Diskussion

Wie der jetzige Chefredakteur Volker Resing in der jüngsten Ausgabe der „Herder-Korrespondenz“ unter der Überschrift „Cool bleiben, ohne kalt zu sein“, mitteilt, will die Zeitschrift weiterhin „ein Diskussionsort für Kirche und Gesellschaft, gegen jene Sehnsüchte, es sich einfach zu machen und das Feld der Debatte einzugrenzen“, bleiben. Er sieht die „Herder-Korrespondenz“ „in einer liberal-
katholischen und christlich-aufklärerischen Traditionslinie, die um die große Erkenntniskraft (auch in Glaubensfragen!) weiß, die aus Sachkenntnis, intensiver Recherche und kontroverser Debatte entsteht.“

Zum Schluss zitiert Volker Resing aus einem Interview, das der unvergessene Moderator der „Tagesthemen“ Hanns Joachim Friedrichs kurz vor seinem Tod 1995 gegeben hat: „Das habe ich in den fünf Jahren bei der BBC in London gelernt: Distanz halten …, nicht in öffentlicher Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein.“ Ein Motto, das sich auch mancher Journalist in den heutigen Coronazeiten zu eigen machen sollte.

Ein hoher Anspruch

Wie die Herder-Korrespondenz diesem hohen Anspruch versucht gerecht zu werden, erkennt jeder in dem ersten Heft des Jahres 2021: Es handelt, um einige Titel ohne Rangfolge herauszugreifen, von der Verfilmung des Dramas „Gott“ von Ferdinand von Schirach, setzt sich mit den Grenzen der „Seuchenmoral“ auseinander, diskutiert über die Priesterweihe für Frauen, berichtet über die Sozialenzyklika von Papst Franziskus aus muslimischer Sicht und über den verstorbenen Schauspieler und Schriftsteller Peter Radtke, der übrigens auch einmal bei einer Tagung der KV-Akademie gesprochen hat. Auf besonderes Echo wird vermutlich das Interview mit dem neuen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, dem Bischof von Limburg Georg Bätzing, stoßen. Darin äußert er den Willen, dass die Kirche sich verändert. Nicht nur diese unmissverständliche programmatische Fest-legung bietet Anlass, sich mit diesem Beitrag in der „Herder-Korrespondenz“ zu befassen.

Wolfgang Löhr