Sein „Verbrechen“ war, katholischer Lehrer und gläubig er Christ zu sein

„Fröhlichen Herzens“ war er, „immer gütig, liebenswürdig und hilfsbereit. Lauterkeit, Güte, [...] Wahrheitsliebe und Treue“ kennzeichneten seine Persönlichkeit. So beschrieben die Nassoven ihren Bundesbruder Emil Darapsky in einem Nachruf. „Seine Biographie ist weitgehend erfasst“, schrieb Johannes Chwalek in einem bio-graphischen Aufsatz über ihn, „aber die faszinierende Frage bleibt, wie ein zurückhaltender, eher unsicher wirkender, musisch veranlagter Mann die innere Kraft aufbringen konnte, der rücksichtslosen Vereinnahmung des NS-Staates zu widerstehen.“

Emil Darapsky entstammte einer angesehenen katholischen Mainzer Familie. Sein Vater Anton, 1869 in Mainz geboren, war Branddirektor. Er starb bereits am 30. März 1918 in Mainz. Die Mutter, geb. Müller (geb. 1877) starb kurz vor der Verhaftung ihrer Kinder am 24. September 1943 in Mainz. Emil Darapsky besuchte die Volksschule und das Gymnasium in Mainz. Nach dem Tod des Vaters setzte er die Ausbildung in Bensheim fort, 1925 legte er dort das Abitur ab. Nach zwei Semestern Studium der Rechtswissenschaften in Köln wechselte er zur deutschen und romanischen Philologie. Über die Universitäten Köln, Frankfurt und Paris gelangte er nach Gießen. Dort konnte er am 24. Februar 1933 seine wissenschaftliche Abschlussprüfung ablegen und die Lehrbefähigung für die Fächer Deutsch, Geschichte und Französisch erlangen.

Junglehrer, nicht parteikonform

Von frühester Jugend an besuchte Darapsky täglich die heilige Messe in seiner Heimatpfarrei St. Stephan oder im Mainzer Dom. Seine Schwester Elisabeth bezeichnete ihn als „frommen Bub“. Während seiner Bensheimer Zeit lebte er im Bischöflichen Konvikt, wo ebenfalls eine gediegene Spiritualität herrschte. 1926 stieß er zur katholischen Studentenverbindung KStV Winfried zu Mainz, ab 1927 war er Mitglied des KStV Nassovia in Gießen. Nach seinem Seminarjahr an der Oberrealschule Gießen und einem Probejahr am Realgymnasium Mainz durchlief er die Laufbahn eines nicht parteikonformen Junglehrers. Arbeitslosigkeit wechselte mit insgesamt neun Aushilfsstellen bis 1939. Endlich ab Ostern 1939 erhielt er eine Stelle als Studienassessor an der Oberschule Butzbach. Am 3. Dezember 1940 wurde er zum Panzerjägerersatzbataillon nach Kassel eingezogen, wegen Krankheit aber im April 1941 vom Militärdienst befreit und an die Oberschule Wöllstein versetzt. Wöllstein war ähnlich wie Butzbach Nazihochburg, die Katholiken eine Minderheit und die Gegner des herrschenden Systems ganz wenige.

Emil Darapsky gehörte zu diesen wenigen. Bei seinem Antrag für die Beamtenlaufbahn bescheinigte man ihm 1936 schriftlich, wie man ihn beurteilte: Die NS-Ortsgruppe Gautor Mainz teilte dem Schulamt mit, das Emil Darapsky keiner Parteigliederung angehört, kirchlich sehr stark gebunden und in der Weltanschauung des Nationalsozialismus in keiner Weise gefestigt sei. Ähnlich fiel die Beurteilung für seine Schwester Dr. Elisabeth Darapsky aus, als diese sich 1942 bemühte in den staatlichen Archivdienst zu gelangen. Während seiner Militärzeit war der sensible introvertierte Darapsky allerhand Drangsal ausgesetzt. Häufig beobachtete man ihn, kontrollierte selbst seine Privatpost, wie aus den Prozessakten später ersichtlich wurde.

Am 14. Oktober 1943 wurde Emil Darapsky zusammen mit dem Volksschullehrer Anton Knab und dem Wöllsteiner Ortspfarrer Josef Nikodemus verhaftet. Auch seine Schwester Elisaberth wurde festgenommen und alle vier in das Mainzer Polizeigefängnis in der Klarastraße in Untersuchungshaft verbracht. Dieses Gefängnis war wegen seiner ständigen Überfüllung und infolge seiner Verwahrlosung durch Ungeziefer, hauptsächlich Wanzen, berüchtigt.

Am 10. Januar 1944 wurden die vier aufrechten Christen nach Berlin verbracht. Am 6. September 1944 fand der Prozess vor dem Volksgerichtshof in Berlin statt. Darapsky wurde wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt. Seine Schwester erhielt fünf Jahre Zuchthaus. Pfarrer Nikodemus und Anton Knab aus Wöllstein wurden freigesprochen.

Dennoch erlangte Knab die Freiheit nicht. Obschon die beiden Freispruch erlangt hatten, wurden sie durch die unmenschliche Haft und auch durch Schläge gedemütigt. Ähnliche Qualen erlitt Darapsky, während seine Schwester ohne Folter blieb.

Hier die Gründe für das Todesurteil wegen Wehrkraftzersetzung; „Emil Darapsky hat seit 1940 in Briefen an seine Mutter und an seine Schwester den Kampf für Führer und Vaterland als aussichtslos und „als eine ganz blöde Sache“ hingestellt, den Führer, den er einen „Oberteufel“ nannte, mit der Schuld an den Terrorangriffen der Kriegsfeinde belastet und die deutschen Wehrmachtsberichte als verlogen bezeichnet (ZwAD-H, 3I. 416/44, Akte 5 J 3954 / 44,32.5 1944, Blatt 70).

Im einzelnen ging es in der Anklage um Bemerkungen in den Berichten wie z. B. „Bin gespannt, was das für eine "Sauerei und Schinderei" gibt (Brief nach Erhalt des Einberufungsbescheids). Ferner: „Brauchst keine Angst zu haben, dass "Deine Bubben" vor den Feind  kommen und für Hitler, sein Großdeutschland und seinen Judenhass abgeknallt werden“ (Brief aus dem Reservelazarett Kassel). „Vor einigen Tagen habe ich seit langem wieder etwas französisch gesprochen und zwar mit einem gefangenen Franzosen, den ich schon mehrfach hier im Lazarett gesehen hatte, einem lieben französischen Bauern“ (Brief vom 8. März 1941) . Dann: „(...) wenn man an all die furchtbaren Katastrophen denkt, die sich in den letzten Wochen im Ruhrgebiet und nun zuletzt in Köln abgespielt haben - Katastrophen, an denen Herr Hitler samt und sonders die letzte Schuld und Verantwortung trägt. Aber diesem "Oberteufel" (so nennt ihn hier Herr Lehrer Knab, einer der schärfsten Antinazi) liegt ja an Menschenleben und Kulturdenkmälern nichts“ (Brief vom 2. Juli 1943 an die Schwester, die in Köln arbeitete).

Auch das Erzählen von zwei Witzen wurde Darapsky vorgeworfen. Die religiöse Dimension in den Briefen, die in der Wohnung der Schwester beschlagnahmt wurden und die, obschon sie Elisabeth Darapsky beim Eindringen der Gestapo zerrissen hat, nicht vernichtet wurden, wurde am 11./12. Juli 1943 angesprochen: „Doch wenn du durch das zerstörte Köln gehst, ... die Gesichter der Menschen siehst, alles Grauen und Verwüstung, dann weißt Du, dass heute ein Strafgericht über die Menschheit ergeht. Die Deutschen sind wohl die direkte Ursache dieser Katastrophe.“ (ZwAD-H, L 416/44, Akte 5 J 395 /44 Blatt 1-17).

Kein echtes Gericht, sondern Instrument des Vernichtungswillens

Das unter Vorsitz des Volksgerichtsrats Dr. Greulich gefällte Urteil Nr. 3L 416/44 , SJ 395/44 wurde am 30. Oktober 1944 im Zuchthaus Brandenburg-Görden vollstreckt. Darapsky hinterließ seine Frau Else, geb. Kullmann, die er 1941 geheiratet hatte und das Töchterchen Ingeborg Elisabeth. Am 18. September 1944 konnte er im Gefängnis noch ein Testament verfassen. Nach der Regelung verschiedener Vermögensangelegenheiten hieß es darin: „Ich bitte um Beisetzung im Familiengrab auf dem Mainzer Friedhofe bei meinen verstorbenen Eltern und um eine einfache Grabinschrift (Vor - und Zuname, Geburts- und Todesdatum). Für meine arme Seele bitte ich um eine Totenmesse und um Gedenken im Gebet... Alle, denen ich im Leben irgendwie zu nahe getreten bin, bitte ich herzlichst um Verzeihung. (H. Holtmann, 75 f.). Darapski wurde im Zuchthaus Brandenburg-Görden erhängt. Am 2. April 1947 konnte die Urne mit seiner Asche im Familiengrab in Mainz beigesetzt werden.

Wenige Monate nach dem Ende der Nazizeit hielt die Stadt Mainz eine Gedenkfeier für 27 Opfer der Diktatur ab, darunter für Emil Darapsky. Im Neuen Mainzer Anzeiger wurde bereits am 19. Februar 1946 sein Leben und Sterben gewürdigt. Aus den zahlreichen Betrachtungen zu Darapski, seinen Mitangeklagten aus Wöllstein und Mainz sowie den weiteren zwölf von den Nationalsozialisten ermordeten KVern, seien die Worte seiner Tochter Ingeborg Ziegler, geborene Darapsky, die sie in Anwesenheit ihrer Tante, Dr. Elisabeth Darapsky (gestorben 1998) bei einer Gedenkfeier des KV und der Unitas in der Pfarrkirche am 19. März 1995 sprach, hervorgehoben:

„Mein Vater wird als sensibler, feinsinniger, gläubiger, gerechter Mann, als engagierter Lehrer sowie als Liebhaber von Kunst, Musik und Literatur und Kunst beschrieben. Sein Schriftbild verrät einen geradlinigen, akkuraten Menschen. Ein Konabiturient am Bischöflichen Konvikt in Bensheim schilderte ihn als tieffrommen, gescheiten, bescheidenen und vollkommen unpolitischen Menschen.

Es liegt auf der Hand, dass er sich mit der Ideologie des Nationalsozialismus und den Machenschaften des Regimes nicht identifizieren konnte und das auch frei äußerte. So wurde er bespitzelt und der Briefwechsel zwischen ihm und der Mutter und Schwester überwacht. Seine Abneigung gegen Hitler, den er einmal als "Oberteufel und Regisseur eines dämonischen Chaos" bezeichnete und gegen das Militär kamen in diesen Briefen deutlich zum Ausdruck. (...) Liest man die Prozessakten, so spürt man deutlich, das war kein echtes Gericht, das war vielmehr eine Funktion des Vernichtungswillens. Wenn man es überspitzt ausdrückt, kann man sagen, sein ?Verbrechen´ war, katholischer Lehrer und gläubiger Christ zu sein. (...) Was in dem Menschen Emil Darapsky von der Verhaftung bis zur Verurteilung und schließlich bis zur Hinrichtung vorging, ist mir kaum bekannt. Er hegte sicherlich keinen Hass gegen seine Verfolger, das wäre seinem Wesen fremd gewesen (...)“.

Darapsky wurde bereits 1945 von seiner Vaterstadt Mainz ehrend erwähnt, 1961 in das Gedenkbuch für die NS-Opfer in Wöllstein eingetragen; sein Bild und eine Kurzbiographie fanden einen Platz in der Laurenzikirche, der Märtyrergedenkstätte des Bistums Mainz, bei Gau-Algesheim, in seiner Schule in Bensheim erfuhr er eine Würdigung, an der katholischen Kirche zu Wöllstein erinnert seit dem 19. März 1995 eine Gedenktafel an ihn, das „Gedenkblatt der Märtyrer 1933-45 des Kartellverbands der katholischen deutschen Studentenvereine (KV)“ erwähnt ihn, und schließlich erfuhr er eine eingehende Würdigung in dem Buch „Die Märtyrer von Wöllstein“.

Quellen:
 
Zwischenarchiv Dahlwitz-Hoppegarten, Sig. Zc 8328 und VGH 2374, Anklageschrift Volksgerichtshof Berlin, 23. 5. 1944, 5 J 395144 und Urteilsschrift Volksgerichtshof Berlin 6. 9. 1944 3 L 416144 bzw. 5 7 395144; Hellriegel, Widerstehen, Bd. 1,1, 60, Bd. 1,2, 351-356; H. Holtmann (Hrsg.) Die Märtyrer von Wöllstein - Veröffentlichungen der Carl-Brilmayer-Gesellschaft, Bd. 39 (Gau-Algesheim 1996)

Literatur: Neuer Mainzer Anzeiger, „Chronik der Opfer des Nationalsozialismus, VIII, F.A.K.“, Friedel Janecek, 19.2.1946, Eilers, passim; Hellriegel,

Märtyrer, 16f.; H. Leiwig, Leidensstätten in Mainz 1933 bis 1945 (Mainz 1987)

(Autoren) Ludwig Hellriegel - Heinrich Holtmann

Der Text ist entnommen dem zweibändigen Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“, herausgegeben  von Prälat Professor Dr. Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 7. überarbeitete und aktualisierte Auflage 2019. Wir veröffentlichen ihn, etwas ergänzt und bearbeitet, mit freundlicher Genehmigung des Verlags Ferdinand Schöningh, Paderbor

Emil Darapsyk

Emil Heinrich Darapsky wurde als Sohn des Ingenieurs und Branddirektors Anton Darapsky geboren. In Mainz und in Bensheim/Bergstraße ging er bis zu seinem Abitur 1925 zur Schule. Zunächst studierte er zwei Semester Jura in Köln, wechselte jedoch 1926 zur deutschen und klassischen Philologie und Geschichte (Köln, später Frankfurt). Ein Studienaufenthalt in Paris ließ zunehmend auf eine wissenschaftliche Laufbahn schließen, doch Darapsky fühlte sich eher zum Pädagogen berufen. In Gießen, wo er Freunde bei Nassovia fand, erwarb er am 24. Februar 1933 die Lehrbefähigungen für die Fächer Deutsch, Geschichte und Französisch. Sein Referendariat beendete er 1935 am Realgymnasium seiner Heimatstadt mit der Zweiten Staatsprüfung für das Höhere Lehramt.

Wegen seiner ablehnenden Haltung zum Nationalsozialismus, die sich aus seiner Frömmigkeit ergab, war es für Darapsky schwer, eine Assessorenstellung zu erhalten. Nach kurzem Volontariat an der Stadtbibliothek Mainz und nach einjähriger Probezeit an einer Mainzer Volksschule war er bis Anfang 1939 an sieben verschiedenen Schulen, unter anderem in Darmstadt und Alsfeld, als Hilfslehrer angestellt, oft nur für wenige Tage. Am 18. April 1939 bekam er endlich in Butzbach die ersehnte Studienassessorenstelle. Wegen seines schlechten Gesundheitszustandes wurde Darapsky nicht zum Wehrdienst eingezogen. Trotzdem starb auch er eines gewaltsamen Todes.

Seine anti-nationalsozialistische Haltung verbarg Darapsky nicht vor seinen Berufskollegen, die ihn schließlich verrieten. Im Oktober 1943 wurden bei einer Hausdurchsuchung seine Tagebücher gefunden, in denen seine Position zum Nationalsozialismus deutlich dokumentiert war und die Anlass für seine Verhaftung boten. Von Januar 1944 bis zum 6. September 1944 zog sich vor dem Landgericht Berlin seine Verhandlung hin. Der zum Tode Verurteilte wurde am 30. Oktober 1944 in Brandenburg gehängt. Seine Urne konnte erst am 2. April 1947 im Familiengrab in Mainz beigesetzt werden.

Michael F. Feldkam