Offen gestanden trauere ich dem Jahr 2020 nicht nach und hoffe, dass 2021, auch wenn es mit einem Lockdown begonnen hat, neue Perspektiven eröffnet: dass es bald wieder möglich ist, Veranstaltungen der Verbindungen und des KV zu besuchen, oder, in weiterer Zukunft, die auf 2022 verschobenen KV-Tage.
Gehen wir davon aus, dass ab dem Sommersemester 2021 die persönlichen Besuche auf erlaubten Veranstaltungen wieder möglich sind. Dann besteht bei mir das Hindernis, als Berufstätiger nicht zu allen interessanten Kneipen, Vorträgen und Kommersen reisen zu können. Die Orte sind einfach zu weit entfernt: Infolgedessen überschreitet der Aufwand, sie zu besuchen, das zeitlich und finanziell mögliche Maß.
Dieses Virus hat mich gelehrt, umzudenken
Nur wer wohnt heute noch an dem Ort, wo er einst rezipiert wurde? Wer hat - als Philister - neben Arbeit und Familie Zeit, für die vielen interessanten Semesterprogrammpunkte zu seiner Verbindung zu reisen samt des Aufwands für die Übernachtung? Eineinhalb Tage werden sicherlich benötigt, wenn es sinnvoll sein soll. Vielleicht ist der geneigte Kartellbruder auch in mehreren KV-Vereinen Mitglied. Und, Hand auf´s Herz: Wer von den doch eher älteren und gesundheitlich eingeschränkten Kartellbrüdern kann noch problemlos reisen?
Dieses Virus hat mich gelehrt, umzudenken. Ich war und bin ein Freund des persönlichen Kontakts. Das wird sich auch nicht ändern. Doch habe ich über „digitale Veranstaltungen“ gelernt, dass das Neue zwar anders, aber nicht schlecht sein muss: wie hätte ich im Lockdown mit Kontaktbeschränkungen, Ausgangssperren und geschlossenen Hotels beispielsweise nach Osnabrück zur Semnonia fahren und BbBb treffen können? Überhaupt nicht, lautet die Antwort. Selbst bei meiner Urverbindung war bzw. ist kein persönliches Treffen vor Ort möglich.
Aber die Technik hilft: mit den entsprechenden Programmen, wie Teams, Zoom etc., haben unsere Aktiven kleine, aber feine Inseln im „Corona-Semester-Modus“ geschaffen: offizielle, inoffizielle und informelle Veranstaltungen, toll! Freilich: Aller Anfang ist schwer: Anfangs „hinkten“ manche. Man braucht Erfahrungen mit diesen Medien: sowohl diejenigen, die Veranstaltungen anbieten als auch diejenigen, die diese Veranstaltungen digital „besuchen“.
Irgendwann wird die Pandemie überwunden sein; bis dahin und auch danach müssen wir die Technik nutzen: zur Zeit, um Kontakt zu halten; das gilt erst recht für die Alten Herren: fast jeder hat ein passendes Smartphone, ein Tablet, einen Laptop oder PC. Diese lassen sich mit Programmen (Software) und Geräten (etwa Headset, Kamera, also Hardware) aufrüsten; es gibt auf Anfrage immer eine helfende Hand in der Familie oder im Freundeskreis, oder Bundes- oder Kartellbrüder! Es ist neu und es mag anders sein, aber es ist gut!
An die Aktiven appelliere ich: Erstellt geeignete Semesterprogramme und verteilt diese - am besten eine Mischung aus offiziellen Terminen und informellen Stammtischen. Die Programme sind unsere Aushängeschilder zu den Bundesbrüdern wie zu den Keilandi. Keine KV-Verbindung kann es sich erlauben, drei Semester, vielleicht auch noch mehr, nicht auf sich aufmerksam zu machen! Wenn wir nicht aufpassen, wird die KV-Landkarte noch löchriger als sie schon jetzt ist.
Eine Verbindung soll auch eine Schule für den Umgang im Berufsleben sein, wo immer wieder Projekte oder Veranstaltungen organisiert, Fachleute und Referenten hinzugeholt werden müssen, wo Themen auf den Punkt gebracht, Besucher begrüßt und der Umgang mit verschiedenen Menschentypen gelernt werden muss. Wer eine Charge inne hat, weiß das. Bisher galt das in den bekannten Rahmen und Möglichkeiten, künftig wird viel mehr medial gearbeitet werden, zumal in der Berufswelt in Form von Chats, Dateiensharing und Videokonferenzen. Kurz für eine Besprechung von München nach Hamburg zu fliegen, wird es wohl nicht mehr geben. Nutzt also Eure Semestercharge als Training.
Zusammenhalt lässt sich auch digital schaffen
Der Aufwand für Bundesbrüder, zu Veranstaltungen zu kommen, wird auch nach Corona gleich bleiben. Wichtige Veranstaltungen sollten auch künftig hybrid abgehalten werden: vor Ort für diejenigen, die kommen können, über Streaming für die anderen. Denn jeder weiß, dass es auch KVer außerhalb Deutschlands gibt.
Als „Hybrid-Veranstaltung“ eignen sich Kommerse, Kneipen oder ein Vortrag mit einem bekannten Referenten oder zu einem interessanten Thema. Auch sollte die Kamera nicht einfach starr aufs Präsidium oder den Redner gerichtet sein, ein bisschen Abwechslung darf schon sein. Es findet sich sicherlich ein Filmfuchs oder Broadcastbursch für diese Aufgabe.
Neben dem Präsidium sollte eine Leinwand oder ein Monitor stehen, auf dem (ein Teil) der über Video zugeschalteten Bundesbrüder zu sehen ist. Erst auf diese Weise wird die virtuelle Anwesenheit zur Beteiligung. Denn dann sehen auch die Anwesenden vor Ort, wer teilnimmt. Und ganz wichtig: auch über das Internet, „via zoom“, sollten Kartellbrüder Hemd, Krawatte und Sakko anziehen.
Die „gute alte Zeit“ wird nicht mehr kommen, auch wenn wir uns das sehr wünschen. Die Jungen, die die neue Situation nutzen, werden Vorteile haben: mehr Erfahrungen und Kenntnisse, persönliche und digitale Kontakte, auch zu Bundes- und Kartellbrüdern, die sonst keine Chancen zur Teilnahme hätten. Lasst uns zu denen gehören, die Verbindungen stärken. Wenn das Präsidium dann „Prost Corona!“ ruft, prosten mehr als die anwesenden Teilnehmer zurück. Und Corona hat seine Sinnlosigkeit verloren.
August Peter Gräff (Lu, Li, Smn, Erm, Urb
