Erfolgsrezept Schwarmintelligenz - seit zwanzig Jahren gibt es die online-Enzyklopädie wikipedia

Es war einmal eine Zeit, da schafften sich Leute mit Bildungsanspruch und Geld mehrbändige Lexika an: Meyers Konversationslexikon zum Beispiel. In der Urfassung hatte dieses Nachschlagewerk 52 Bände mit mehr als 65.000 Seiten zweispaltigem Text, 1200 Seiten Register und über neunzig Millionen Wörtern. Der Brockhaus, ein weiterer Wissenspool, nahm sich in seiner ersten Auflage demgegenüber mit gerade sechs Bänden nahezu schlank und rank aus, wuchs aber, in weiteren Auflagen, auf dreißig Bände an. Auch die Encyclopaedia Britannica, bedeutsam für die angelsächsische Bildungswelt, wuchs bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts kontinuierlich, wurde aber, von der elften Auflage (1910-1911) an, wieder schmaler - aber nur leicht. Voluminöse Lexika waren eben Renommierstücke in den Bücherschränken.

Die gerade genannten Daten lassen sich übrigens leicht sammeln. Nötig sind dazu nur ein Internet-Anschluss und ein paar Klicks. Denn unter der Adresse „wikipedia“ ist eine für den einzelnen unüberschaubare Menge an Daten und damit Wissen versammelt - ein Pool, der Meyers Lexikon, den Brockhaus und die Encyclopaedia Britannica abgelöst hat (auch wenn diese das gar nicht gerne hören). Mitte Januar wurde das Online-Lexikon zwanzig Jahre alt - ein Methusalem, verglichen mit der Lebenszeit anderer Webportale. Aber Wikipedia hat im Internet nicht nur überlebt, sondern wächst immer weiter.

Eine Frage, ein paar Klicks - schon ist die Antwort da. Mehr als 55 Millionen Artikel in über dreihundert Sprachen abrufbar: solch einen geballten Wissensschatz gab es noch nie. Aber revolutionär ist nicht nur der rasche Zugriff und der Umfang dieses Wissenspools revolutionär ist auch, wie dieses Wissen erarbeitet wird. Denn Wikipedia geht im Grunde davon aus, dass Wissen nicht einer kleinen Gruppe von Menschen vorbehalten ist, sondern jeder Träger dieses Wissens ist und etwas zu diesem Weltwissen beisteuern kann, ganz nach dem Motto des Wikipedia-Gründers Jimmy Wales: „Stell dir eine Welt vor, in der jeder Einzelne freien Zugang zu dem gesamten menschlichen Wissen hat.“ Wikipedia hat die Wissensbildung damit nicht nur demokratisiert, das Netzwerk kann auch, anders als Wissen in gedruckter Form, schnell auf neue Entwicklungen reagieren.

Am Anfang stand ein Flop

Jeder kann mitmachen, Beiträge kommen auf dem gemeinsamem Weg von Versuch, Irrtum, Erfolg, Ergänzung und Korrektur durch viele zustande: Eigentlich war dieses Konzept der Schwarmintelligenz als Sammelbecken gedacht, um erste Ideen für die Online-Enzyklopädie zusammenzutragen - damals, im Jahr 2000, als die beiden Gründer Jimmy Wales und Larry Sanger ein Online-Nachschlagewerk aufbauen wollten. Aber „Nupedia“, dieses erste Projekt, sollte so wie ein normales Lexikon entstehen. Chefredakteur Larry Sanger sollte Beiträge bei Experten bestellen und für ihre Veröffentlichung sorgen. Doch auf diese Weise wurden viel zu wenige Artikel veröffentlicht, im ersten Jahr nur 21.

Da fiel Larry Sanger die Wiki-Software in die Hände: Ein Wiki (hawaiisch für „schnell“) ist ein System für Webseiten, das von seinen Benutzer nicht nur gelesen, sondern gleich auch direkt im Webbrowser bearbeitet und geändert werden kann. Erst die Wiki-Software MediaWiki löste die Erfolgsgeschichte von Wikipedia aus. Denn rasch zeigte sich, dass dieses Sammelbecken das eigentlich Spannende, das Erfolgsrezept des ganzen Projektes war: Wikipedia zog Heerscharen von freiwilligen und ehrenamtlichen Mitarbeitern an, innerhalb weniger Wochen waren schon Tausende von Artikeln produziert. Zwei Jahre später hatte Wikipedia schon hunderttausend englische Artikel gesammelt, die erste Million wurde 2006 überschritten.

Heerscharen freiwilliger Mitarbeiter

Heute arbeiten über 280.000 freiwillige Wikipedianer pro Monat für die Online-Enzyklopädie. Sie schreiben Beiträge, verbessern, korrigieren und erweitern sie. Und obwohl jeder sich auf sein eigenes Interessensgebiet konzentrieren kann, arbeiten doch alle gemeinsam an einer Aufgabe: dem Aufbau und der Pflege von Wikipedia. Da die meisten von ihnen unter Pseudonymen schreiben, ernten sie wenig Reputation und Geld verdienen sie damit auch nicht. Aber bei einer Umfrage unter fünftausend angemeldeten Benutzern nach ihren Gründen für die Mitarbeit kam als eine der häufigsten Angaben: „It’s fun“, so der Schweizer „Tagesanzeiger“.

Seit 2003 wird Wikipedia von der gemeinnützigen Wikimedia Foundation betrieben. Wikipedia, spendenfinanziert und werbefrei, liegt weltweit auf Rang 12 der am meisten abgerufenen Websites. Pro Sekunde gibt es etwa 1,9 Änderungen in den Einträgen der 55 Millionen Artikel, die in 304 Sprachen verfügbar sind und monatlich von 1,5 Milliarden Anwendern abgerufen werden. Die Inhalte in der Wikipedia stehen, wenn sie nicht gemeinfrei sind, unter einer freien Lizenz. Das bedeutet, dass sie - Prämissen und Bedingungen wie Namensnennung und Link zur Lizenz - frei weiterverwendet und dabei auch verändert werden dürfen. Allein wir Deutschen greifen Tag für Tag zwanzig bis dreißig Millionen Mal auf Wikipedia zurück.

Ein Lexikon, bei dem jeder mitmachen kann, das seine Nutzer keinen Cent kostet und jederzeit aktuell ist: Das war 2001 wirklich neuartig und so nur im Internet möglich.

Aktuelles Beispiel, wie rasch Wikipedianer reagieren, war der Sturm aufs Kapitol in Washington am 6. Januar durch Anhänger des damaligen US-Präsidenten Donald Trump. Es dauerte nur wenige Stunden, da gab es auch schon einen Eintrag zu diesem Ereignis auf Wikipedia. Diese Aktualität wird nur deshalb möglich, weil überall auf der Welt Heerscharen von Freiwilligen das Online-Nachschlagewerk erweitern und bearbeiten.

Natürlich gibt es trotz aller Kontrolle durch das Kollektiv immer wieder inhaltliche Fehler. Doch Fehler und das Ringen um die Wahrheit sind auch ein wichtiger  Antrieb für die Wikipedianer: „Wenn Du eine Frage hast zu einem bestimmten Thema und du willst eine Antwort darauf bekommen, dann stelle die Frage nicht, sondern poste eine falsche Antwort“ meinte Prof. Patrick Franke, Islamwissenschaftler an der Universität Bamberg und Verfasser von mehreren hundert Beiträgen auf Wikipedia, gegenüber dem Bayerischen Rundfunk. Denn: „Wenn diese falsche Antwort erst einmal drin steht, dann entsteht Widerstand gegen diese Falschheit und das führt dazu, dass Leute, die die wirkliche Antwort wissen, sich äußern und dann die richtige Antwort geben.“

Digitale Nachbesserung, wenn die Community versagt

Oft mag das zutreffen. Aber nicht jedes Thema steht im Mittelpunkt des Interesses oder hat ausreichend Mitarbeiter, die sich intensiv genug um seine Aktualisierung kümmern. „Unzählige Artikel auf Wikipedia sind hoffnungslos veraltet“, sagte der Digitalexperte Jörg Schieb in einem Rückblick auf zwanzig Jahre Wikipedia gegenüber dem Westdeutschen Rundfunk (WDR). Sie müssten dringend auf den neuesten Stand gebracht werden. Aber niemand kümmere sich darum. Das mag wohl auch daran liegen, dass die Zahl der Mitarbeiter von Wikipedia, trotz des explosionsartigen Anstiegs der Artikel, stabil geblieben ist - beziehungsweise mit diesem Anstieg mit Schritt gehalten hat.

Mehr helfende Hände könnte das Netzwerk schon gebrauchen. Dazu von Jörg Schieb befragt, wies Katharine Maher, die Chefin des Wikipedia-Betreibers Wikimedia, auf den Einsatz von Bots und „Machine Learning“ hin: Damit ließen sich Artikel aktuell halten, indem aktuelle Zahlen und Fakten automatisch eingetragen werden. Zudem lasse sich auf diese Weise auch Vandalismus erkennen und automatisch entfernen.

Eine weitere Schwierigkeit: Da sich jeder bei Wikipedia einbringen kann, lassen sich auch leicht falsche Informationen einschleusen. Auch wenn die „Schwarmintelligenz“ von Wikipedia durch das Prinzip der ständigen Korrektur, Überarbeitung und Aktualisierung schwer zu schlagen ist, gibt es immer wieder Versuche, die Fakten auf Wikipedia zu verbiegen: Da legte, wie der Bayerische Rundfunk berichtete, ein schottischer Call-Center-Mitarbeiter einen Eintrag an, in dem er sich als Kriegsheld stilisierte. Oder Politiker oder Wirtschaftskapitäne hübschen ihre Profile auf. Firmen manipulieren ihre Einträge. Dinge, die nicht gefallen, werden gelöscht. „Ja, das ist ein echtes Problem“, bestätigte Wikimedia-Chefin Katharine Maher Anfragen von Jörg Schieb im WDR, „viele Leute wollen die Darstellung über sich auf Wikipedia schönen, das wissen wir, und deshalb unternehmen wir viele Dinge, um so etwas zu erkennen und womöglich auch rückgängig zu machen. Wikipedianer können zum Beispiel im Hintergrund viele Werkzeuge nutzen, die helfen, solche Manipulationen zu erkennen.“

Bündnis mit der Weltgesundheitsorganisation

Und natürlich wird auch bei Wikipedia immer wieder versucht, Fehlinformationen und absurde Verschwörungstheorien, etwa rund um Covid-19, unterzubringen. Doch aufgrund der Schwarmintelligenz sorgen die Wikipedianer selbst dafür, dass der Aufenthalt von Fake-news und Verschwörungstheorien bei Wikipedia nur von kurzer Dauer ist.

Nicht ohne Stolz meinte Wikipedia-Gründer Jimmy Wales daher kürzlich: „Es ist recht schwer, die Wikipedia-Gemeinschaft an der Nase herumzuführen. Seit Jahren untersuchen und diskutieren wir unsere Quellen. Es kommt auf die Gemeinschaft an. Quellen und Bestätigungen sind für uns ein zentrales Element.“

Im Fall von Covid-19 arbeitet die Weltgesundheitsorganisation WHO sogar mit Wikipedia zusammen. Dazu stellt die Weltgesundheitsorganisation eigene Materialien unter freien Lizenzen zur Verfügung, die es den Autoren erlauben, die Inhalte direkt auf Wikipedia zu veröffentlichen. Die WHO hofft, dass ihre Informationen auf diese Weise weitere Verbreitung finden. „Wenn gute Inhalte verbreitet werden, kann Desinformation vermieden werden“, erklärte nach Informationen der Nachrichten-Webside Heise-Online WHO-Manager Andrew Pattisson.

Männlich, westlich, weiß

Als Mitte Januar Jubiläum gefeiert wurde, war eine der Beanstandungen, dass es mit Wikipedias Globalität eigentlich nicht besonders weit her sei. Das Netzwerk sei westlich, männlich und weiß. Tatsächlich sind nur etwa zehn Prozent der ehrenamtlichen Mitarbeiter bei Wikipedia weiblich. Schon vor fünf Jahren stellte eine Studie der Universität Trier fest, dass Wikipedia Frauen und Männer in Artikeln unterschiedlich porträtiert – abgesehen davon, dass mehr als achtzig Prozent der Biografien auf Wikipedia sich mit Männern befassen. Aber ist dieser Männerüberhang unveränderbar? Schließlich kann doch jeder und jede mitmachen und an diesen Verhältnissen etwas ändern. „Das stimmt wohl!“ erwiderte Katharine Maher gegenüber Jörg Schieb im WDR. „Wir wollen eine offene Enzyklopädie für die ganze Welt! Aber die Mehrheit der Wikipedianer ist nach wie vor männlich. Unser Focus liegt deshalb in den nächsten Jahren darauf, mehr Vielfalt in Wikipedia zu bekommen - mit mehr Wissen und Erfahrung, aus allen Ecken der Welt.“

Heute umfasst Wikipedia 304 Sprachen, von Abchasisch bis Zulu. Älteste und mit Abstand größte Wikipedia-Sprachversion ist die englischsprachige. Wenn nur die Artikel von menschlichen Autorinnen und Autoren gezählt würden, läge die deutsche Wikipedia direkt dahinter, berichtete die österreichische Zeitung „Standard“. Denn die Versionen auf Platz zwei (Cebuano, eine auf den Philippinen gesprochene Sprache) und drei (Schwedisch) seien mit Texten von umstrittenen Software-Robotern des Schweden Lars Sverker Johansson „aufgeblasen“ worden.

Auch eine Esperanto-Version gibt es. Und die „boarische“ Mundart-Wikipedia wartet mit einer zünftigen „boarischen Fluachsammlung“ auf. Neue Projekte wie Wikidata, eine maschinenlesbare Wissensdatenbank, sollen die Anwendungsmöglichkeiten erweitern. Da Wissen sich ständig vermehrt, wird den Wikipedianern ihre Arbeit schwerlich ausgehen. Mit Hilfe von Schwarmintelligenz hat die Wikipediagemeinschaft eine der weltweit bedeutsamsten Informationssammlungen geschaffen, aus der Laien wie Wissenschaftler Nutzen ziehen. So erscheint Wikipedia fast wie eine Grundlage für die Entwicklung von Demokratie, wo ja ohne das Ringen um Wahrheit und Fakten auch nichts geht. Und Wikipedia zeigt auch, dass nicht alle Dinge zentral organisiert und von der Politik bestimmt werden müssen. Selbstorganisation, Netzwerkbildung sind wirksame Instrumente in der Zivilgesellschaft.

Reinhard Nixdorf (Nm-W)