Wenn rauhe Winde wehen, müssen alle enger zusammenrücken

Liebe Kartellbrüder,

am 22. Januar 2021 betrat der AHB des KV Neuland: Es fand der 1. Online-Stammtisch der Philistersenioren unter Einschluss der Vorsitzenden der Ortszirkel statt! Im Vorfeld waren wir unsicher, wie viele - oder wie wenige - Altherrenvereine auf unsere Einladung reagieren würden. Sicherheitshalber war die Veranstaltung auch auf normalem postalischen Weg angekündigt worden, um auch denjenigen Kartellbrüdern, die bisher noch nicht mit ihrer E-Mail im KV-Sekretariat registriert waren, eine Teilnahme nach Weiterleitung der erforderlichen Kontaktdaten zu ermöglichen.

Aber alle Sorgen waren unnötig: Schlussendlich konnte ich im Namen des AHB-Vorstands über fünfzig Teilnehmer begrüßen, wobei ein Kartellbruder es sogar ermöglichen konnte, sich trotz der frühen Lokalzeit aus den USA zu beteiligen! Mehrere Kartellbrüder nahmen im Vorfeld des Online-Stammtisches mit mir Kontakt auf, um eigene Anregungen zu formulieren, da sie wegen privater oder beruflicher Termine nicht teilnehmen konnten oder sogar durch eigene Onlineveranstaltungen an der Teilnahme gehindert waren. Für den Anfang dürfen wir Veranstalter für diese positive Resonanz dankbar sein! Und um es vorweg zu nehmen: Auch die Intensität bzw. Dauer des Stammtisches sprengte alle Erwartungen - nach dem von uns zunächst als Abschluss geplanten Zeitraum von ca. 22:00 bis 22:30 Uhr bestand noch erheblicher Bedarf zum weiteren Austausch, so dass sich zu guter Letzt erst nach über vier Stunden und weit nach Mitternacht, nämlich gegen 02:30 Uhr (!), die letzten drei Teilnehmer verabschiedeten...

An dieser Stelle sei daher allen Kartellbrüdern, die sich für diesen Abend Zeit genommen haben, die im Rahmen unseres Onlinestammtisches, aber auch in den vielfältigen Kontakten vorher und nachher Anregungen gegeben haben, gedankt. Es hat viel Freude gemacht, so viel Engagement zu spüren.

Viele werden sich fragen, warum denn „nur“ die Altherrenvereine bzw. Ortszirkel angesprochen wurden. Nun, die Kontaktpflege innerhalb der Aktiven-vereine obliegt ja nun einmal dem jewei-ligen Vorort, der ja in vielerlei Hinsicht mit den Aktivitates in Kontakt steht. Zudem sind trotz des gemeinsamen Ziels, überzeugend katholisches Korporationsleben auch in Zeiten von Kontaktbeschränkungen durch die Corona-Lockdowns fortzusetzen, die Voraussetzungen bei Aktiven und AHAH höchst unterschiedlich. Darum hatte sich der AHB-Vorstand entschieden, den Focus auf die Situation der Altherrenvereine bzw. der Ortszirkel zu legen. Das schließt natürlich nicht aus, zu einem späteren Zeitpunkt vergleichbare Treffen auf Verbandsebene gemeinsam mit Aktiven und Alten Herren durchzuführen.

Die Durchführung des Stammtisches wurde durch das KV-Sekretariat sehr professionell vorbereitet. Ein Testdurchlauf am Morgen funktionierte problemlos - nicht vorhersehbar war demgegenüber ein Windows-Update, das mein Laptop sage und schreibe dreißig Minuten vor dem geplanten Beginn blockierte... Schließlich konnten wir aber mit nur wenigen Minuten Verzögerung unser virtuelles Treffen starten. Die Durchführung orientierte sich an zahlreichen vergleichbaren Veranstaltungen, die die meisten Teilnehmer aus ihrem beruflichen Kontext, aber auch durch zurückliegende Veranstaltungen in ihren eigenen Kartellvereinen kannten. Andererseits war es erfreulich zu sehen, dass zumindest ein OZ-Vorsitzender mit durchaus fortgeschrittenem Lebensalter im Rahmen unseres Onlinestammtisches seine erste Videokonferenz erlebte!

Nach einer kurzen Begrüßung und Einführung durch den AHB-Vorsitzenden hatten die Teilnehmer zunächst die Möglichkeit, eigene Eindrücke, Vorschläge und konstruktive Kritik zu üben. Zudem bestand die Möglichkeit, aus den Erfahrungen in den jeweiligen Kartellvereinen und Ortszirkeln Konzepte zur Kontaktpflege trotz der starken Beschränkung persönlicher Treffen im Rahmen der gesundheitspolitischen Restriktionen vorzustellen. Im weiteren Verlauf wurde die gesamte Gruppe dann mehrfach nach einem Zufallsprinzip in kleinere virtuelle Räume aufgeteilt, um ein besseres persönliches Kennenlernen und einen intensiveren Austausch über die Beiträge zu ermöglichen.

Was bleibt an Erfahrungen aus dieser Pilotveranstaltung? Nach meinem Eindruck konnten wir aus diesem ersten  Onlinestammtisch vielfältige Anregungen für unsere Kartellvereine (nicht nur für die Altherrenvereine!) gewinnen:

1. Das Format stieß unter den aktuellen Rahmenbedingungen auf uneingeschränkte Zustimmung. Aber auch bei Wiedererlangung der gewohnten Freiheiten sollte die Option von Online-Veranstaltungen zum Erfahrungsaustausch in angemessener Form weitergeführt werden, denn gerade für Berufstätige und ältere Kartellbrüder vereinfachen sie die Teilnahme.

2. Für die Kontaktpflege der Alten Herren untereinander wie zur Aktivitas bzw. einzelnen Aktiven stellt die Coronavirus-Pandemie aus den zuvor genannten Gründen ein weitaus geringeres Problem dar als für die Aktivenvereine. Weitgehend übereinstimmend berichteten die Teilnehmer von deutlich besseren „Zuschaltquoten“ von Alten Herren bei Onlineveranstaltungen gegenüber der Teilnahme bei früheren Präsenzveranstaltungen.

3. Den erzwungenen Verzicht auf Präsenzveranstaltungen haben einige Kartellvereine genutzt, anstehende Renovierungen auf den Häusern oder Wohnetagen durchzuführen, um auch weiterhin auf dem Wohnungsmarkt attraktive und konkurrenzfähige Zimmer für Erstsemester und potentielle Keilandi anbieten zu können.

4. Insbesondere attraktive Vortragsveranstaltungen sollten über die eigene Korporation hinaus im gesamten Verband, also idealerweise allen Kartellvereinen und Ortszirkeln, frühzeitig zur Kenntnis gebracht werden. Dies würde etwa bei externen Referenten wegen einer vergrößerten Zuhörerschaft auch positive Aspekte für die Selbstdarstellung des veranstaltenden Kartellvereins bzw. der Aktivitas haben - eigentlich eine typische „Win-win-Situation“. Gleiches gälte mutatis mutandis auch für Veranstaltungen von Ortszirkeln.

5. Das Kennenlernen anderer Kartellvereine über Online-Veranstaltungen kann auch Hochschulwechsel vereinfachen, wenn man am angestrebten Ort über derartige Gelegenheiten schon aktive Kartellbrüder kennengelernt hat.

6. Die Teilnahme von Aktiven an virtuellen Veranstaltungen ist offenbar deutlich weniger stark ausgeprägt - möglicherweise getriggert durch ein Überangebot derartiger Veranstaltungen durch den Wegfall der universitären Präsenzveranstaltungen und ihre Verlagerung in den Onlinbereich.
 
7. Die Aufrechterhaltung der Kontakte und eines regen Lebens in den Ortszirkeln wird immer schwieriger. Die Gründe sind vielschichtig - neben der Abnahme der Zahl der KVer steht die geringere Bindung an den KV bei jüngeren Philistern insgesamt. Konkret: jüngere Kartellbrüder melden sich nicht am neuen Wohnort oder finden wegen eines zu großen Altersunterschieds keinen rechten Zugang zu älteren Kartellbrüdern. Auch die Möglichkeit, über Onlineveranstaltungen oder korporationsinterne Gruppen in sozialen Netzwerken wie Facebook, WhatsApp oder Telegram länger und enger am Leben der eigenen Korporation(en) teilzunehmen, verhindert unter Umständen engere Kontakte an den neuen Wohnorten.   

8. Erfahrungsaustausche sollten weiter das Instrument von Online-Treffen nutzen, aber bei Wiederholungen den Kreis der Angesprochenen themenbezogen eingrenzen, zum Beispiel

- Ortszirkel in Städten mit und ohne Hochschule,
- Ortszirkel in Städten mit einem oder mehreren Kartellvereinen,
- Kartellvereine mit und ohne Aktivitas,
- Kartellvereine mit eigenen Häusern bzw. eigenen Etagen,
- Kartellvereine mit gemieteten Räumlichkeiten,
- Kartellvereine mit kleinen im Bestand gefährdeten Aktivenvereinen.

9. Die Unmöglichkeit, das Korporationsleben so zu gestalten wie es bis Anfang 2020 möglich gewesen ist, zwingt nolens volens dazu, den Focus beim Keilen junger Füchse mehr als vielleicht in den letzten Jahren auf die Prinzipien Wissenschaft und Religion zu legen, wobei diese Themenbereiche erheblich schwerer zu vermitteln sind als das Prinzip Freundschaft.

Wer nun meint, dass die bisherigen Eindrücke ein zu positives Bild zeichnen, dem sei versichert, dass auch große Sorgen formuliert wurden, etwa:

1. Das anstehende Sommersemester wird das dritte in Folge ohne normales Aktivenleben sein. Selbst Kartellvereine mit eigenen Häusern können in Ermangelung klassischer kontaktfördernder Veranstaltungen, also Exkursionen, Aktivenfahrten, attraktive Festen, Kneipen oder auch Couleurbummel, nur schwer das spezifische „Verbindungsgefühl“ vermitteln. Die Häuser oder Wohnetagen unterscheiden sich gefährlich wenig von normalen Wohnheimen und Wohngemeinschaften.

2. Erfolgreiches Keilen hängt entscheidend am guten persönlichen Kontakt zum neuen Mitbewohner oder Keilgast. Das ist über Onlinediskussionen nicht zu vermitteln.

3. Nach einer Rückkehr zu „normalen“ Verhältnissen werden sich junge Aktive in Vorstandsämtern wiederfinden (und tun es zum Teil jetzt schon!), die keinerlei Erfahrung in der Durchführung eines Semesterprogramms mit Präsenzveranstaltungen haben.

4. Es droht, dass Inaktive oder Jungphilister überfordert werden, um diese Lücken zu schließen - mit allen Gefahren für die Erfordernisse des Studiums und Berufseinstiegs bzw. im Hinblick auf die Zugehörigkeit zu den jeweiligen Bünden (Austritt aus Frustration).
 
5. Korporationsspezifisches Wissen geht verloren, etwa beim Comment. Die Qualität von Fuchsenstunden leidet in Ermangelung besseren Wissens und eigenen Erlebens.

6. Das Lebensbundprinzip ist derzeit eher nur theoretisch zu vermitteln, weil z.B. die überall gepflegten und beliebten Besuche bei Alten Herren nicht stattfinden können.

Für mich bleibt als Quintessenz aus diesem Erfahrungsaustausch:

1. Kein Verein wird die Phase der „Corona-Semester“ ohne nachteilige Entwicklungen überstehen. Manche werden sogar in existentielle Schwierigkeiten geraten.

2. Um die Folgen der Coronakrise für unsere Kartellvereine so gering wie möglich zu halten, bedarf es größter Anstrengungen und der Bereitschaft zu einem Mehreinsatz auf allen Ebenen, ähnlich wie bei einem Fußballteam vor einem wichtigen Endspiel: Jeder Spieler muss bereit sein, den entscheidenden Schritt mehr zu laufen und die entscheidenden fünf Prozent Mehrleistung zu bringen - auch wenn's schwerfällt und wehtut...

3. Wir müssen bisherige Begrenzungen überdenken, etwa in Form von „Veranstaltungs-Sharing“. Mehr als es in der Vergangenheit oft zu erleben war, sollten wir bereit sein, gute Konzepte, die andernorts entwickelt und mit Erfolg eingesetzt worden sind, für die eigene Korporation zu übernehmen, wobei natürlich die jeweils sehr unterschiedlichen Rahmenbedingungen und eigenen Traditionen zu berücksichtigen sind.

4. Uns Verbandsvertretern wie auch dem KV kommt derzeit viel mehr als in früheren Jahren eine Vermittlungsfunktion zu, um etwa erfolgreiche Konzepte unter den Kartellvereinen wahrzunehmen, bei der Entwicklung von Konzepten zu helfen und gegebenenfalls zu verbreiten.

5. Derzeit weht uns leider der Wind heftig ins Gesicht. Wenn solche rauen Winde wehen, müssen wir alle enger zusammenrücken, um diese schwierigen Zeiten so gut als möglich zu überstehen, zumal wir deren Dauer leider noch nicht zuverlässig absehen können.

Entmutigen lassen sollten wir uns aber nicht: Ein Blick in unsere Geschichte lehrt, dass Phasen der Prüfung auch ungeahnte Kräfte freisetzen können, solange wir an unsere Ideale glauben und solange unsere Umgebung an uns ein ansteckendes (!) Feuer der Begeisterung spürt. Dann werden wir in der Zukunft, vielleicht schon in einigen Monaten sagen können: „We have overcome!“

Mit herzlichem kartellbrüderlichen Gruß!

Für den Vorstand des Altherrenbunds Euer
Markus Wittenberg (Mk, Li, AR, Smn, Wk), AHB x