Eine Verbindung soll das Gemeinschaftsleben der Studierenden fördern und ihnen Heimat geben. Sie ist ein Zusammenschluss, ein Bund von Personen, die sich von gleichen Interessen leiten lassen, sowohl sozial, politisch wie religiös. Zudem bietet eine Verbindung Unterstützung im Studium, trägt im Miteinander zur Persönlichkeitsentfaltung bei. Neben Gemeinschaft und Geselligkeit geht es auch darum, studentisches Brauchtum und Traditionen zu bewahren, was sich in festen Ritualen, Feiern und Zusammenkünften spiegelt.
Als ich im Sommersemester 1964 zum Theologiestudium nach Freiburg kam, war dies mein erster längerer Aufenthalt außerhalb des Elternhauses. Ein Bekannter aus meiner Heimat Duisburg führte mich zu den Stationen in der Uni und machte mich mit dem Betrieb vertraut. Wahrscheinlich machte er mich auch auf die KStV Brisgovia aufmerksam und führte mich dort ein. Bald wurde ich zum Mittagstisch und zu Ausflügen eingeladen. Einen Monat nach Studienbeginn trat ich Brisgovia bei. Ich lernte Menschen kennen, die mir freundschaftlich begegneten und denen ich viel verdanke.
Die Bedeutung von „Amicitia“
Amicitia leitet sich aus dem Lateinischen ab. „Der kleine Stowasser“, das deutsch- lateinische Wörterbuch, führt dazu aus: amicitia: Freundschaft, Freundschaftsverhältnis amicus - adj.: freundlich, freundschaftlich, wohlwollend, gewogen; günstig, geneigt, gefällig, lieb; subst.: Freund, Gönner.
„Meyers Großes Konversations-Lexikon“ bezeichnet Freundschaft als „das auf gegenseitiger Wertschätzung beruhende und von gegenseitigem Vertrauen getragene freigewählte gesellige Verhältnis zwischen Gleichstehenden.“
Das Etymologische Wörterbuch nach Pfeifer beschreibt „Freund“ als „Vertrauter, jemandem innerlich verbundener Mensch.“ (Es...) „bildete sich vom althochdeutschen friunt im 8. Jahrhundert, mittelhochdeutsch vriunt ‚Freund, Nächster, Geliebte(r), Verwandte(r)‘ als Substantivierung des Partizip Präsens von altsächsisch friohon, alt-englisch fr?ogan, altnordisch frjá, gotisch frij?n ‚lieben‘, welches zu der unter frei subsumierten Wurzel gehört. Es bezeichnet neben dem durch Sympathie und Vertrauen Verbundenen bis in die Mundarten der Gegenwart auch den Blutsverwandten. Davon abgeleitet bezeichnet Freundschaft für das ‚Vertrauensverhältnis‘, althochdeutsch friuntscaf (8. Jh.), -scaft (11. Jh.), mittelhochdeutsch vriuntschaft, auch „Blutsverwandtschaft‘.“
„Bis ins 16. und 17. Jahrhundert“, so „Grimms Deutsches Wörterbuch“, „wurde im Deutschen sprachlich nicht zwischen erworbener und angeborener Freundschaft unterschieden, sodass „Freundschaft“ und „Verwandtschaft“ synonym gebraucht werden konnten. Auch in vielen Dialekten ist die Bedeutung Freund = Verwandter bis in die Gegenwart durchaus üblich, weswegen die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Blutsfreundschaft ebenfalls Verwandtschaft bedeutet.“
„Nur auf dem Weg der Freundschaft kann man einen Menschen richtig erkennen.“
In einer Gruppe oder einer Verbindung zusammenzuleben, das erfordert ein besonderes Vertrauensverhältnis in der Gemeinschaft und unter den einzelnen Mitgliedern der Korporation. Der Heilige Augustinus, der große Kirchenlehrer und Bischof von Hippo (354-430) schrieb in seiner Regel für eine klösterliche Gemeinschaft, die auch die Grundlage des Zusammenlebens im Orden der Prämonstratenser, dem ich angehöre, bildet: „Zu allererst sollt ihr einmütig zusammenwohnen […] war das nicht der entscheidende Grund, weshalb ihr euch zum gemeinsamen Leben entschlossen habt?“ Was also für die Gemeinschaft im klösterlichen Bereich gilt, hat auch Geltung für eine Korporation, deren Mitglieder sich als „Bundes-Brüder“ verstehen.
Wenn Menschen aus verschiedenen Bereichen sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen, ist das Leben nicht ohne Meinungsverschiedenheiten und Spannungen möglich: Gegensätze auszuhalten, andere Meinungen zu akzeptieren, Fehlverhalten Einzelner nicht zu ignorieren, sondern darauf in Liebe und Güte aufmerksam zu machen, das ist, was in klösterlichen Gemeinschaften als „Correctio fraterna“ bezeichnet wird.
Augustinus schreibt dazu in seiner Regel: „Sieht man aber nach einer solchen Ermahnung oder auch sonst, dass der Bruder doch dasselbe tut, dann soll jeder, der das bemerkt, […] um Heilung bemüht sein. Es steht dann niemandem mehr frei zu schweigen.“
Denn es geht darum, den Betreffenden und die Gemeinschaft vor Schaden zu bewahren.
„Amicitia“ verweist aber auch auf die Würde der Person und meint Achtung, Anerkennung, Ehrfurcht, Ehrerbietung. In der Bibel, im ersten Schöpfungsbericht, heißt es: „Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn.“
Die rechte Haltung gegenüber dem Nächsten verweist auch immer auf unser erstes Leitwort „Religio“: dass wir im Mitmenschen immer auch Gott begegnen. Daher gibt der Glaube Kraft, Gegensätze auszuhalten und zu überwinden, aber auch für das Wohl der Mitbrüder oder Bundesbrüder Verantwortung zu übernehmen. So sagt Jesus im Gleichnis vom Gericht des Menschensohns über die Völker bei Matthäus: „Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“
(Mt 25,45)
Liebe muss das Wohl des anderen im Blick haben
„Amicitia“ bedarf auch der Pflege im Umgang miteinander. Im Kommentar zur Augustinusregel heißt es: „Liebe muss das Wohl des anderen im Blick haben. Sie darf nicht unbewusst uns selbst in ihn hineinprojizieren wollen. Das besagt zugleich, dass wir nie das Recht haben, andere für unsere eigennützigen Zielsetzungen zu missbrauchen; das wäre gleichbedeutend mit dem Auslöschen der Eigenständigkeit des anderen.“
Ein besonderes Element der Verwirklichung von „Amicitia“ ist das Feiern im kleinen Kreis oder bei hochoffiziellen Veranstaltungen. Wichtig ist auch der Austausch der Gedanken zu aktuellen Anlässen in der Corona und die Art und Weise, wie sich die Verbindung nach außen präsentieren und engagieren kann, vor allem als „katholische“ Studentenverbindung, denn sie muss schließlich auch ein eigenes Gewand haben. Hinzu kommen allgemeine Themen wie Politik, Staat und Gesellschaft, soziale Gerechtigkeit, Glaube und Kirche. Die geistige Auseinandersetzung fördert das Niveau der Gemeinschaft und hebt sie aus einer reinen Trink- und Lustgesellschaft heraus. Vom Heiligen Augustinus stammt das Wort: „Nur auf dem Weg der Freundschaft kann man einen Menschen richtig erkennen.“
Gelebte Freundschaft sichtbar und erfahrbar machen
Das Bild einer Gemeinschaft ergibt sich daraus, wie sie sich nach außen darstellt. Wenn gelebte Freundschaft sichtbar und erfahrbar wird, wird sie auch anziehend und einladend für Außenstehende.
Wenn der Nachwuchs ausbleibt, ist dies ein deutliches Zeichen dafür, dass der innere Zusammenhalt und der Geist, aus der sie lebt, zum Hinterfragen und Nachdenken anregen sollten. Augustinus von Hippo legt den Brüdern in seiner Regel vor: „Euer Gehen und Stehen, euer ganzes Verhalten darf bei niemandem Anstoß erregen, sondern muss mit eurem […] Lebensstand in Einklang sein.“
Gerade in einer sehr liberalen Gesellschaft, vor allem auch im studentischen Bereich und in der Wissenschaft ist es wichtig, „Farbe zu bekennen“ zu dem, was uns als katholische Studentenverbindung auszeichnet, trägt und hält, im Auftreten und im Engagement in Staat und Gesellschaft, aber auch im Bezug auf Glaube und Kirche. Nur so hat eine Korporation Ausstrahlungskraft. Als bekennende Christen gilt uns der Auftrag Jesu aus dem Matthäusevangelium: „Ihr seid das Salz der Erde. Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr, außer weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden. Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.“
Epilog
Freundschaft zu üben und zu leben ist eine fortwährende Herausforderung an uns. In dem Buch „Der kleine Prinz“ schreibt Antoine de Saint-Exupéry über die Begegnung des kleinen Prinzen mit dem Fuchs: „...der kleine Prinz, „ich suche Freunde. Was heißt zähmen?“ - „Das ist eine in Vergessenheit geratene Sache“, sagte der Fuchs. „Es bedeutet: sich vertraut machen‘.“ […] Du bist für mich nichts als ein kleiner Knabe, der hunderttausend kleinen Knaben gleicht. Ich brauche dich nicht, und du brauchst mich ebenso wenig. Ich bin für dich nur ein Fuchs, der hunderttausend Füchsen gleicht. Aber wenn du mich zähmst, werden wir einander brauchen. Du wirst für mich einzig sein in der Welt. Ich werde für dich einzig sein in der Welt… […] Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“
Stephan Wolfgang Weber O.Praem, Bsg


