Der Missbrauchskandal in der katholischen Kirche

Wer in Köln zurzeit aus der Kirche austreten will, muss dafür Geduld aufbringen. Termine, um beim Amtsgericht seinen Austritt zu erklären, sind auf Monate hinaus vergeben: Als Anfang März die nächsten tausendfünfhundert Termine für Kirchenaustrittserklärungen im Mai online freigeschaltet wurden, waren die Termine in kurzer Zeit ausgebucht. Massenweise wollen Leute aus der Kirche austreten. Viele von ihnen gehören keineswegs zur Gruppe, die  keinen Bezug mehr zu Kirche und Christentum haben - im Gegenteil: Viele Austrittswillige waren einmal treue Katholiken. Jetzt sind sie tief enttäuscht von der Kirche.

Die Austrittserklärungen sind ein kollektives Misstrauensvotum, ein Protest gegen den Umgang der katholischen Kirche mit Fällen von sexuellem Missbrauch durch Kleriker mit Schutzbefohlenen. Die Leute protestieren gegen ein Vorgehen, das den Anschein erweckt, als sollten diese Verbrechen verzögert, bruchstückartig oder gar nicht aufgeklärt werden - auch wenn die Bistumsspitze das Gegenteil beteuert.

2019 hatte der Erzbischof von Köln, Kardinal Woelki, den Münchner Rechtsanwalt Ulrich Wastl mit einer Studie zum Umgang kirchlicher Verantwortlicher mit Fällen sexuellen Missbrauchs durch Kleriker im Erzbistum Köln beauftragt. Im Oktober 2020 wurde bekannt gegeben, das Gutachten könne nicht veröffentlicht werden, da es Persönlichkeitsrechte missachte. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Erzdiözese schon einen zweiten Gutachter mit einer Untersuchung beauftragt. In den folgenden Wochen kamen zunehmend Zweifel auf, ob die Münchner Untersuchung wirklich so mangelhaft sei, wie die Bistumsleitung Glauben machten wollte.

Monate später, nach Vorstellung des zweiten Gutachtens, machte Kardinal Woelki angesichts der öffentlichen Empörung das als mangelhaft bezeichnete Münchner Gutachten doch noch öffentlich zugänglich - freilich unter Auflagen. Für ein Ende der Austrittswelle sorgte das nicht.

„Brüder im Nebel“

Das zweite Gutachten, das Kardinal Woelki in Auftrag gegeben hatte, entlastete ihn zwar als Erzbischof von Köln, dokumentierte im übrigen aber ein System der Vertuschung auf höchster Ebene. So hatte sich Woelkis Vorgänger, der 2017 verstorbene Joachim Kardinal Meisner, zu Lebzeiten oft überrascht über das Ausmaß der öffentlich bekannt gewordenen Missbräuche in der Kirche gegeben. Jetzt zeigte die Studie, dass Meisner durchaus im Bilde gewesen war: Er hatte nicht nur in 24 Fällen seine Pflicht vernachlässigt, sondern unter dem verharmlosenden Titel „Brüder im Nebel“ auch ein geheimes Dossier mit Unterlagen zu Vorwürfen sexuellen Missbrauchs durch Kleriker geführt.

Erhebliche Mängel stellten die Gutachter auch in der Aktenführung und -ordnung fest. Wie viel Absicht dahinter gestanden sein mag, illustriert vielleicht der Aktenvermerk über einen Priester, der im Verdacht stand, sich an seinen drei minderjährigen Nichten vergangen zu haben. Im Juni 2010 zeigte ihn eine seiner Nichten an, die Staatsanwaltschaft Köln nahm Ermittlungen auf. Im Kölner Generalvikariat erfuhr man davon. Kardinal Meisner entschied zunächst pflichtgemäß, den unter

Verdacht geratenen Priester von seiner Tätigkeit als Krankenhausseelsorger zu beurlauben. Stefan Heße, damals Personalchef der Diözese Köln, später Erzbischof von Hamburg, lud den Pfarrer zum Gespräch und überreichte ihm die Entpflichtungsurkunde.

In einer von Heße unterzeichneten, handschriftlichen Notiz seiner Sekretärin hieß es, so katholisch.de, „dass der Beschuldigte alles erzählt habe. Und weiter: Es wird von uns kein Protokoll hierüber gefertigt, da dieses beschlagnahmefähig wäre. Es bestehen lediglich eigene handschriftliche Notizen, die notfalls vernichtet werden können.“

Desaströse Aktenführung

Damit konfrontiert, konnte sich Heße nicht erinnern, sein Einverständnis zu solch einem Vorgehen gegeben zu haben. Wie seine Unterschrift unter die Notiz gelangt sei, könne er sich nicht erklären. Möglicherweise sei an jenem Tag viel zu tun gewesen.

Zu Stefan Heße stellte das Gutachten fest, er habe in insgesamt elf Fällen nicht vorschriftsmäßig gehandelt und kirchenrechtlich vorgeschriebene Verfahren unterlassen. Heße bot nach der Veröffentlichung des Gutachtens dem Papst seinen Rücktritt als Erzbischof von Hamburg an. Der Papst räumte ihm eine Auszeit ein. Auch weitere Verantwortliche im Erzbistum Köln haben ihren Rücktritt erklärt oder wurden entlassen.

Papst Franziskus weist immer wieder darauf hin, dass der Platz der Christen an der Seite der Schwachen, Verletzten und um ihrer Würde beraubten ist. Jetzt zeigt sich, dass es gerade Christen, katholische Geistliche waren, die junge Leute überhaupt erst in die Position der Schwächeren drängten, sie verletzten und klein machten.

Ausgerechnet Leute mit besonders hohem moralischen Anspruch benützten die Möglichkeiten ihres Amtes, um Schutzbefohlene zu entwürdigen und sexuell zu missbrauchen: Schüler und Messdiener, Männer und Frauen, im Pfarrhaus, im Zeltlager, in der Kirche. Die Kölner Missbrauchsstudie zeigt einmal mehr, wie lange man bestrebt war, sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche als ,,bedauerliche Einzelfälle" so zu bagatellisieren, dass diese nicht einmal einen Aktenvermerk lohnten: Ein klärendes Gespräch unter Männern - und der Beschuldigte wurde versetzt.

Damit verband sich natürlich die Erwartung, der Beschuldigte zeige Einsicht und werde sich in seinem neuen Wirkungskreis korrekt verhalten. Die Sorge aber galt den Tätern, nicht den Opfern. Es galt, den Schein, das Ansehen der Kirche zu wahren, die Opfer blieben mit dem, was ihnen angetan wurde, allein.

Opfer bleiben außen vor

2010 aber machten Betroffene Missbräuche am Berliner Canisius-Kolleg, einem Gymnasium des Jesuitenordens, publik - und lösten eine Lawine aus. In kurzer Zeit meldeten sich Betroffene aus etlichen Bistümern, katholischen Schulen und Einrichtungen wie den Regensburger Domspatzen. Der Druck war so gewaltig, dass die Deutsche Bischofskonferenz handeln musste. Sie gab ein Gutachten zum Missbrauch in der deutschen Kirche in Auftrag.  

Die sogenannte MHG-Studie - benannt nach den Kürzeln der Institutsstandorte der Konsortiumsmitglieder Mannheim, Heidelberg und Gießen - wertete 38.156 Personalakten von Klerikern aus den 27 deutschen Bistümern für die Zeit zwischen 1946 und 2014 aus - eine repräsentative Anzahl. Am 25. September 2018 wurden die Forschungsergebnisse bei der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz in Fulda vorgestellt. Aufgrund der Ergebnisse begannen zehn der 27 deutschen Bistümer damit, eigene unabhängige Studien in unterschiedlichen Formaten in Auftrag zu geben - auch die Erzdiözese Köln, die sich, wie sich gezeigt hat, mit der Veröffentlichung der Vorgänge offensichtlich schwer getan hat und nun die Folgen tragen muss.

Es lohnt sich, die Ergebnisse der MHG-Studie in Erinnerung zu bringen, denn sie sollte mehr als Fakten zur persönlichen Schuld einzelner oder Zahlen über potentielle Opfer und Täter dokumentieren. Was die Zahlen angeht, wurden in den mehr als 38.000 Personalakten aus siebzig Jahren 1.670 Priester ermittelt, gegen die Beschuldigungen gegen Missbrauch erhoben worden waren. Erfasst wurden alle Hinweise auf sexuell übergriffiges Verhalten: von „unangemessenen Körperberührungen“ bis zu Vergewaltigungen. Aber man kann wohl davon ausgehen, dass die Zahl der Übergriffe und des Missbrauchs höher sein dürfte, als in den Akten dokumentiert.

Vor allem aber sollte die Studie die gemeinsame Schuld der kirchlich Verantwortlichen, das Versagen der Kirche als Gemeinschaft und Organisation, klären.

Ein wichtiger Punkt war, dass vielen Opfern nicht geglaubt wurde. Sie wurden nicht genug ernst genommen. Man half ihnen zu wenig.

Alibi-Strafen und Versetzungen

Ein weiterer Punkt: Man ging in der Kirche mit dem Thema „Missbrauch“ nicht offen um, Transparenz fehlte. Oft verhinderten Bischöfe und Personalverantwortliche, dass die  Öffentlichkeit von Missbrauchsfällen durch Kleriker etwas mitbekam. Aus der Perspektive der Opfer war der Umgang mit den beschuldigten Priester beschämend. Selten wurden Täter strafrechtlich verfolgt oder kirchenrechtliche Verfahren gegen sie eröffnet. Allenfalls gab es Alibi-Strafen oder Versetzungen, wie gesagt in der Hoffnung, der jeweilige Täter bessere  sich im neuen Umfeld.

Ein drittes großes Thema wird, vor allem künftig, bestimmend sein: Es geht um die Frage, welche Faktoren, die mit der Kirche zu tun haben, kirchenspezifisch sind, was also dazu beigetragen hat, dass der Missbrauch in der Kirche wuchern konnte wie ein Krebsgeschwür.  Dazu liefert die Analyse der Täterpersönlichkeiten Hinweise.

Die Forscher stellten in der MHG-Studie fest: Unter den Priestern gibt es Menschen, die sich sexuell von Kindern oder Jugendlichen angezogen fühlen: so genannte Pädophile. Aber aus diesem Personenkreis stammte nur ein kleiner Teil der Beschuldigten.

Als zweite Täter-Gruppe machte die Studie Priester mit unreifer persönlicher Entwicklung aus. Bei der Auswahl der Kandidaten für das Priesteramt wurde auf ihre persönliche Reife offensichtlich zu wenig geachtet, geschweige denn ob sie sich mit ihrer Sexualität auseinandersetzten. Im sicheren Bereich des Priesterseminars und unter der Perspektive eines späteren ehelosen, zölibatären Lebens scheint mancher davon ausgegangen zu sein, dass er sich der Fragestellung seiner Sexualität nicht stellen brauche. Doch genauso wie für Menschen, die in Partnerschaft leben, ist es auch für zölibatär lebende Priester nötig, die eigene Sexualität „zuzulassen, zu entfalten, mit ihr in Berührung zu kommen und sie unabhängig davon, ob wir ehelos oder in einer Beziehung leben, für unser Leben fruchtbar zu machen“, so der ehemalige Leiter des Recollectio- Hauses der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach, Wunibald Müller, in der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“.

Es liegt auf der Hand, dass solch ein unterlassener Entwicklungsschritt später unreifen Umgang mit Kindern und Jugendlichen in der Seelsorge gefördert hat. Der Zölibat allein, so die Forscher, verursacht keinen sexuellen Missbrauch, doch kann er sich in diesem Kontext nachteilig auswirken.

Klerikaler Machtmissbrauch

Die dritte und größte Gruppe der beschuldigten Priester sind solche, die ihre Machtposition ausgenutzt haben. Sie fühlten sich scheinbar unangreifbar, da ihnen als priesterliche Autoritäten keiner Einhalt gebot.

Besonders an diesem Punkt haben Reformbewegungen angesetzt und einen Synodalen Weg für die deutsche Kirche eingefordert, der nun auf dem Weg ist. Ohne Kontrolle klerikaler Macht, ohne neues Miteinander von Laien und Klerikern wird die Zukunft kaum gelingen. Natürlich kommt dem Priester hohe geistliche und organisatorische Verantwortung zu, aber das gibt ihm kein Recht, nach Gutdünken zu schalten und zu walten.

Die Verantwortung muss zunehmend gemeinschaftlich getragen werden, Machtpositionen von einem Netzwerk gegenseitiger Unterstützung und Ermächtigung abgelöst werden. Priestern würde dies in ihrem Dienst sicherlich helfen. In ihren Kollegien und Gemeinschaften würde eine Reihe von Geistlichen eine von Vertrauen getragene Atmosphäre vermissen, in der ein echtes Interesse aneinander und die Sorge füreinander selbstverständlich sind, schrieb Wunibald Müller dazu in seinem Aufsatz. Wem jedoch die Nahrung aus guten zwischenmenschlichen Beziehungen fehlt, so Müller, sei in der Gefahr, seinen Hunger anderswo zu stillen.

Noch etwas weiteres ist wichtig: Angesichts der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche sind Christen in der Verantwortung, gegen den Missbrauch insgesamt etwas zu tun.

Selbst wenn es gelingt, dass aus den Reihen der katholischen Kirche nach Möglichkeit keine weiteren Fälle hinzukommen, bleibt Missbrauch ein gesamtgesellschaftliches Problem: Er wuchert in Familien, im Arbeitsleben und in der Bildung, im Sport, im Gesundheitssektor und in vielen weiteren Bereichen und er wird dort vielleicht noch viel stärker totgeschwiegen. Was an Zahlen bekannt geworden ist, hat die Kriminalstatistik 2016 zwölftausend Fälle von Kindesmissbrauch registriert, 2020 waren täglich 43 Kinder in Deutschland Opfer sexueller Gewalt. 2019 musste die Polizei 12.260 Fälle von sogenannter Kinderpornografie bearbeiten – ein Anstieg um 65 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Geht es bloß um eine weiße Weste?

Wenn Menschen sich angesichts lang praktizierter Vertuschung von der Kirche abwenden, ist das verständlich. Wenn rückhaltlos Aufklärung gefordert wird, ebenso. Aber kann Aufklärung, so unerlässlich sie ist, das letzte Ziel im Skandal um Missbrauch in der Kirche sein? Sie ist höchstens ein Zwischenziel - um wieder glaubwürdig zu sein. Christen sind nicht die besseren Menschen, wohl aber Sünder, denen das Heil der Welt am Herzen liegt. Deshalb sollten sie überall in der Gesellschaft in der Aufklärung von Missbrauchsfällen und in der Präventionsarbeit mithelfen, die Opfer aufrichten und zu ihrem Recht verhelfen. Nur auf diese Weise kann auf längere Sicht aus der Krise vielleicht noch etwas Gutes erwachsen. Und nur so werden die Zeichen des Gottesreiches auch in diesem Bereich wieder spürbar.

Reinhard Nixdorf (Nm-W)

„Wenn die Botschaft des Evangeliums und des christlichen Glaubens lautet, Leben in Fülle zu ermöglichen, aber faktisch Lebenschancen beeinträchtigt werden und persönliches Wachstum im Glauben verhindert wird, sind wir zur Umkehr gerufen.“ Thomas Sternberg und Hubert Wissing in: Herder-Thema „Gefährliche Seelenführer“, Freiburg, 20

„Menschen sind zutiefst verletzt worden, nur um die Fassade unserer Kirche zu schützen. Umgehend muss jetzt den Betroffenen geholfen werden, wo immer sie Unterstützung benötigen. Dies ist das Gebot der Stunde!“ Bundespräsidium des Kolpingwerks Deutschland