Das Todesurteil stand schon fest, ehe der Prozess gegen Josef Wirmer überhaupt eröffnet war

Am 8. September 1944 schrieb der „Reichsminister der Justiz, Sonderreferat Ministerialrat Franke“, an einen Stadtobersekretär im Krematorium Berlin-Wilmersdorf: „Unter Bezugnahme auf die fernmündliche Besprechung (...) ersuche ich, die Ihnen heute aus der Strafanstalt Plötzensee zugeführten 6 Leichen sofort formlos einzuäschern, und die Asche nicht getrennt in Behältern, die so verpackt sind, dass auf ihren Inhalt nicht geschlossen werden kann, dem Reichsjustizministerium  (...) zur Verfügung zu stellen.“

Zu den sechs Männern, die den NS-Machthabern so verhasst waren, dass es nicht genügte, ihnen das Leben zu nehmen, sondern ihnen sogar das Grab zu verweigern, gehörte der 43 Jahre alte Berliner Rechtsanwalt und Familienvater Josef Wirmer. Wegen seiner aktiven Beteiligung an den Plänen der Widerstandsgruppen um die Männer des gescheiterten Attentats auf Hitler vom 20. Juli 1944 war er am 8. September 1944 zusammen mit Carl Goerdeler, Wilhelm Leuschner, Ulrich von Hassell und Paul Lejeune-Jung vom 1. Senat des Volksgerichtshofs unter seinem Präsidenten Roland Freisler zum Tode verurteilt worden. Wirmer, von Hassell und Lejeune-Jung wurden unmittelbar nach der Urteilsverkündung nach Plötzensee gebracht und dort zusammen mit drei bereits zuvor Verurteilten aus dem Kreis der Offiziere hingerichtet, gemäß Weisung von Justizminister Thierack „durch Erhängen in Sträflingskleidern“.

Wirmer war am 19. März 1901, dem Fest des Heiligen Josef, als zweites von fünf Kindern des Ehepaares Anton und Maria Wirmer in Paderborn geboren worden. 1906 siedelte die Familie nach Warburg über, wo der Vater die Stelle des Direktors am Gymnasium Marianum erhalten hatte. Als Vertreter der Zentrumspartei war er außerdem viele Jahre lang Stadtverordneter und zeitweise Stadtverordnetenvorsteher in Warburg. Für Wirmer wurden in der Familie wesentlich die Haltungen grundgelegt, die seinem Leben die Richtung geben sollten. Dazu gehörten die selbstverständliche Verwurzelung im katholischen Glauben, eine humanistisch weltoffene Erziehung und die Bereitschaft, Mitverantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen. Obwohl der Vater es nicht gern sah, schloss sich der Gymnasiast Wirmer der Wandervogelbewegung an, in der junge Menschen gegen die überkommenen Vorstellungen der älteren Generationen ihren eigenen Lebensstil, ihre Jugendkultur auszuprägen suchten.

Frühe Verlusterfahrungen

Der Erste Weltkrieg brachte auch der Familie Wirmer einen entsetzlichen Verlust: Heinrich, der nur um ein Jahr ältere Bruder Josef Wirmers, fiel als Achtzehnjähriger an der Font bei Amiens. Ostern 1920 bestand Josef Wirmer mit Auszeichnung das Abitur, studierte an verschiedenen Hochschulorten Jura und suchte jedesmal Gleichgesinnte in KV-Korporationen. Im Sommersemester 1920 trat er in die Freiburger Brisgovia ein, im Wintersemester 1923/24 war er Senior der Guestphalia-Berlin. Danach wurde er Mitglied bei Flamberg-Freiburg, wo er sich auch philistrieren ließ. Bei Langemarck-Bonn war er ebenfalls Mitglied, bei Semnonia-Berlin Ehrenphilister. In den Korporationen nahm er mehrfach hohe Chargen ein. Nach der Philistrierung übernahm er im Kartellverbands-Rat bis zu dessen Auflösung 1936 unter anderem die Aufgabe der     „Berufsberatung“ (auch „Stellenvermittlung“), berichtet das KV-Lexikon.

In Berlin lernte der Jura-Student Josef Wirmer die Licht - und Schattenseiten der Viermillionenmetropole in den vermeintlich „golden twenties“ kennen: das reiche Angebot an Kultur und Kunst wie die Not der Inflationsjahre, die ihn zusammen mit seinem ebenfalls in Berlin studierenden Bruder die Suppenküche der Dominikanerinnen in Maria Viktoria in Anspruch nehmen ließ, ferner das Erwachen des „katholischen Berlin“ in der protestantischen Reichshauptstadt und die erstmals mit Gewalt ausgetragenen politischen Machtkämpfe.

Um Studium und Lebensunterhalt zu finanzieren, arbeitete Josef Wirmer als Werkstudent. Studentenseelsorger wie der Dominikaner Franziskus M. Stratmann an St. Maria Viktoria und Dr. Carl Sonnenschein waren für die katholische akademische Jugend Berlins richtungsweisend.

Im Jahr 1924 legte Josef Wirmer die erste juristische Staatsprüfung und 1927 das Assessorexamen ab; 1928 ließ er sich in Berlin als Rechtsanwalt nieder. Im selben Jahr heiratete er die aus Düsseldorf stammende Hedwig Precke. 1929 wurde ihnen die erste Tochter, Maria, geboren, 1931 die Tochter Johanna, und 1940 der Sohn Anton. Die Familie wohnte zunächst in Berlin-Zehlendorf, seit Mitte der dreißiger Jahre in Berlin-Lichterfelde-West.

Vertreter des linken Zentrumsflügels

Politisches Denken und Handeln waren Josef Wirmer seit frühester Jugend selbstverständlich. Als Mitglied der Zentrumspartei, deren sozialem „linken“ Flügel er zugerechnet wurde, und als überzeugter Anhänger von Demokratie und Republik wollte er am politischen Leben gestaltend mitwirken. 1932 kandidierte Wirmer für den Preußischen Landtag, konnte aber kein Mandat erringen. In den Reichstags-Wahlkämpfen der Jahre 1932 und 1933 trat er alsWahlredner für das Zentrum auf. Auch in der Katholischen Aktion, die im Ausgang der zwanziger Jahre das katholisch-kirchliche Leben einer breiten Öffentlichkeit in Berlin überhaupt erst bekannt machte, arbeitete er mit. Enge Kontakte bestanden zu Dr. Erich Klausener, dem Vorsitzenden der Katholischen Aktion, und dem Zeitungswissenschaftler Emil Dovifat. Beide hatten dem Engagement der katholischen Laien in Berlin bedeutende Impulse verliehen.

Josef Wirmer gehörte zu den wenigen im bürgerlichen Lager, die sich durch die Versprechungen Hitlers nach dem 30. Januar 1933 nicht täuschen ließen. Am Abend des 1. Mai 1933, den die Nazis zum „Feiertag der nationalen Arbeit“ erklärt hatten, hörte er im Freundeskreis am Radio die Rede Hitlers auf dem Tempelhofer Feld; eine Rede, diewie so häufig, mit rhetorisch überhöhten, pseudoreligiösen Phrasen schloss. Nicht wenige Christen waren beeindruckt. Wirmers Reaktion auf diese Rede, so bezeugen es Freunde: „Ich werde der Feind Hitlers sein.“

Sein Anwaltsbüro hatte Josef Wirmer in der Behrenstraße 23, in unmittelbarer Nachbarschaft zur St. HedwigsKathedrale. Nicht weit entfernt, Unter den Linden 51, ließ sich sein Bruder Otto ebenfalls als Rechtsanwalt nieder. Dieser charakterisierte rückblickend das berufliche Ethos des Bruders: „Seine Unabhängigkeit glaubte er am wenigsten als Rechtsanwalt einzubüßen. Dabei war ihm in seiner Tätigkeit das starre Regel- und Gesetzesdenken ein Greuel, das seiner menschlichen Verantwortlichkeit nicht entsprach. Eine rein situationslose und typenlose Norm hielt er für ein Unding, so aufnahmebereit sein Geist sonst für juristisch-formales Denken war. Der Versuchung des Satzes „auctoritas non veritas facit legem“ (die Macht, nicht die Wahrheit schafft das Gesetz“) ist er nach der Art begegnet wie Jesus dem Versucher in der Wüste (...) Gegen das formelle Gesetz einer Gewaltherrschaft zu verstoßen, erschien ihm deshalb auf höherer Ebene die Erfüllung des Rechts zu sein, dem er Zeit seines Lebens mit ehrfurchtsvoller Scheu diente.“

Durch Hitler sah er von Anfang an Ethos, Christentum und Kultur bedroht

Wenn auch intensive persönliche Beziehungen Josef Wirmers zu dem promovierten Juristen Konrad Graf von Preysing, der 1935 Bischof von Berlin wurde und in der Behrenstraße 66 wohnte und residierte, nicht bekannt sind, so gibt es doch keinen Zweifel an der Gemeinsamkeit ihrer Rechtsauffassung.

Von Freunden und Mitstreitern Wirmers wurden als Hauptmotiv für seinen Widerstand gegen das NS-Regime übereinstimmend bezeugt: die Empörung über die Pervertierung von Recht und Justiz durch das als das „Böse schlechthin“ aufgefasste NS-System, besonders über die Verbrechen an den Juden, und der Wille zur Wiederherstellung des Rechts und zur Bestrafung der Schuldigen.

Josef Wirmer war als Anwalt in Zivil- und Strafprozessen tätig, mit einer gewissen Spezialisierung für Wirtschaftsrecht. Zu seinen Klienten gehörten auch NS-Gegner, wegen Verstoßes gegen das „Heimtückegesetz“ verfolgte Priester und Juden. Vom Regime als „politisch unzuverlässig“ qualifiziert, verweigerte man ihm die Zulassung als Notar. Er trug derartige Nachteile gelassen. Spätestens seit 1936 beteiligte er sich aktiv am Aufbau der kleinen Widerstandsgruppe um die Gewerkschafter Jakob Kaiser, Wilhelm Leuschner und Max Habermann, die sich in der Berliner Wohnung Kaisers traf. An den Namen und den damit verbundenen unterschiedlichen politischen Orientierungen - Kaiser: Zentrum, Leuschner: SPD, Habermann: DNVP - wird deutlich, worum es Wirmer auch später in dem Kreis um Goerdeler ging: eine Koalition aller demokratischen politischen Kräfte, ungeachtet konfessioneller oder parteipolitischer Bindungen, gegen die Nationalsozialisten zu mobilisieren.

Sie verteidigten die Menschlichkeit in unmenschlicher Zeit

Die Liste der Personen, mit denen Wirmer in ständigem oder gelegentlichem Austausch stand, ist lang. Darunter waren neben den mit ihm Angeklagten die Namen vieler anderer, die den Widerstand gegen die Unrechtsherrschaft ebenfalls mit dem Leben bezahlten: Die katholischen Arbeiterführer Bernhard Letterhaus und Nikolaus Groß, Eugen Bolz, Klaus und Dietrich Bonhoeffer, Julius Leber, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, Hans von Dohnany u. a. Andere Namen sollten später für den demokratischen Neuanfang stehen, wie z. B. Andreas Hermes, Jakob Kaiser, Heinrich Krone, Emil Dovifat, Hans Peters. Über Prof. Peters, Staatsrechtler und bis zu deren Auflösung 1941 Präsident der Görres-Gesellschaft, hatte Wirmer Kenntnis von den Überlegungen des Kreisauer Kreises. Mit prominenten Katholiken wie Peters und Dovifat traf sich Wirmer auch bei Pfarrer Melchior Grossek in Berlin-Lichterfelde, zu dessen Pfarrei die Familie Wirmer gehörte.

Gegen Ende des Jahres 1941 begann die Zusammenarbeit zwischen der Gewerkschaftsgruppe um Kaiser und Leuschner, den führenden Männern der Militäropposition und dem ehemaligen Leipziger Oberbürgermeister Carl Goerdeler: Kaiser, Leuschner, Wirmer und die anderen erhielten regelmäßig Informationen über die Pläne der sich im Widerstand organisierenden Offiziere, zu denen dann auch Männer aus den eigenen Reihen gehörten, zum Beispiel Bernhard Letterhaus, der nach der Einberufung zur Wehrmacht als Abwehroffizier zum Oberkommando der Wehrmacht (OKW) abkommandiert war. Seine eigene Einberufung im Februar 1943 änderte am Einsatz Wirmers für die Ziele des Widerstands nichts. Er musste zwar seine Anwaltstätigkeit einschränken, die Dienstverpflichtung zu einer Tätigkeit bei den Leuna-Werken ermöglichte ihm aber die Aufrechterhaltung und Intensivierung seiner Gespräche. Wie die meisten anderen in den Widerstandsgruppen war Wirmer mit den Militärs um Stauffenberg von der Unumgänglichkeit des „Tyrannenmords“ überzeugt.

Der Konsequenzen seiner Widerstandstätigkeit für den Fall des Scheiterns der Umsturzpläne war sich Wirmer voll bewusst. Bereits Ende Januar 1944 verabschiedete er sich von seinem Bruder Ernst, der nach einem Heimaturlaub wieder an die Front musste, mit den Worten: „Wenn unser Vorhaben nicht glückt, bedeutet das Unglück für mich. Wir werden uns dann nicht wiedersehen. Es bedeutet auch Gefahr für dich, für meine Frau und meine Kinder.“

Er versuchte zwar, seine Familie und enge Freunde möglichst herauszuhalten, sah sich aber im Gewissen verpflichtet, den aktiven Widerstand zu wagen. Nach dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli rieten ihm Freunde zur Flucht; er lehnte ab, um seine Familie nicht der „Sippenhaft“ auszusetzen. Während er noch bemüht war, Zufluchtsorte für den auf der Flucht befindlichen Carl Goerdeler zu finden, wurde Wirmer am 2. August 1944 in seinem Haus in Berlin verhaftet. Einige Tage später brachte man ihn ins KZ Ravensbrück, wo die Vernehmungen fortgesetzt wurden.

Freisler: „Bald werden Sie in der Hölle sein....“ Wirmer: „Es wird mir ein Vergnügen sein, wenn Sie bald nachkommen, Herr Präsident“

Mit der Festsetzung des Prozesstermins stand auch das Urteil bereits fest. So heißt es in einer Notiz vom 5. September 1944 in den Gerichtsakten, Oberreichsanwalt Lautz habe am 4. September mitgeteilt, dass die Hauptverhandlung für den 7. September anberaumt worden sei. „Es stehe fest, dass diese Angeklagten im Schluss (!) an die Hauptverhandlung auch sofort hingerichtet werden könnten.“

Ein priesterlicher Beistand wurde dem Angeklagten versagt. Sein geistlicher Freund, Pfarrer Gebhard, ließ ihm durch seine Frau eine konsekrierte Hostie bringen. Diese bewahrte Wirmer zum Em-pfang am letzten Sonntag seines Lebens auf und empfing sie um 9 Uhr morgens, als er - wie er schrieb - seine Frau in der heiligen Messe vermutete.

Am 7. und 8 September fand vor dem Volksgerichtshof der Schauprozess mit Roland Freisler in der Rolle des vorsitzenden Richters statt. Die Haltung Wirmers war aufrecht und entschieden. Falls er gegen den sich überschreienden Freisler überhaupt zu Wort kam, parierte er dessen Fanatismus mit der Gelassenheit, die an den Humor eines Thomas Morus erinnert. Augenzeugen berichteten, dass Wirmer dem Vorsitzenden Freisler zugerufen habe: „Wenn ich hänge, Herr Präsident, habe nicht ich die Angst, sondern Sie!“

Wirmers KV-Zugehörigkeit, schrieb Michael Feldkamp im KV-Lexikon, „spielte für Freisler eine Rolle. Das Bekenntnis Wirmers zum KV konstatierte Freisler zufrieden, aber wie immer brüllend: „dass Sie KVer sind, na also“. Wirmer war an dem Attentat auf Hitler nicht direkt beteiligt, dem Volksgerichtshof aber „genügte schon die Tatsache, dass er an die Stelle der herrschenden Regierung eine andere hat setzen wollen“.

In seinen jeweils noch am Verhandlungstag erstellten Berichten an Bormann beklagte jedenfalls Justizminister Thierack, „der Vorsitzer“, der die Angeklagten nicht ausreden ließ, habe „einen recht schlechten Eindruck gemacht“. Und sogar Thierack konnte nicht verhehlen: „Den besten Eindruck (...) machte Wirmer, der offene und klare Antworten gab und sich rückhaltlos als Gegner des Nationalsozialismus und zu seiner Tat bekannte.“  

Den Eindruck von Josef Wirmer als einem Mann, der allen Demütigungsversuchen zum Trotz mannhaft stand und seine Würde bewahrte, behielt auch ein junger Luftwaffenoffizier in Erinnerung, der als Zuschauer zum Prozess abkommandiert war: der spätere Altbundeskanzler Helmut Schmidt.

Gerhard Lange

Josef Wirmer

(...) Über Jakob Kaiser, den späteren Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen, kam Josef Wirmer mit der sich um Carl Goerdeler versammelnden

Widerstandsbewegung in Kontakt. Er sagte dazu bei seiner Verteidigung vor dem Volksgerichtshof: „Ich bin... tief religiös und aus meiner religiösen Anschauung heraus zu dieser Verschwörerclique gekommen.“

Der Goerdeler-Kreis hatte für den Fall des geglückten Umsturzes Wirmer als Reichsjustizminister vorgesehen. Die Goerdeler-Unterlagen kamen in die Hand der Nationalsozialisten, und es wurde ein leichtes, die Beteiligten der Verschwörung vom 20. Juli 1944 ausfindig zu machen. Während Wirmer noch mit Planungen beschäftigt war, dem schon inhaftierten Goerdeler zu helfen, wurde er am 3. August 1944 selbst verhaftet.

Auch wenn nach den offiziellen Mitteilungen die Schauprozess-Verhandlung „bei den Angeklagten Wirmer und Goerdeler unbedenklich und sachlich“ gewesen sein soll, hat Wirmer dennoch mit Mut und Unerschrockenheit sich vor dem Volksgerichtshof verantwortet. Der berühmte Wortwechsel zwischen dem Volksgerichtshof-Präsidenten Roland Freisler und Wirmer (Freisler: Bald werden Sie in der Hölle sein, ...“ - Wirmer: „Es wird mir ein Vergnügen sein, wenn Sie bald nachkommen, Herr Präsident.!“) zeigt, mit welcher Heftigkeit die Verhandlungen dennoch geführt wurden. Einmal fiel Freisler Wirmer ins Wort: „Werden Sie hier nicht unverschämt, mit Ihnen werden wir schon fertig.“

Wirmers KV-Zugehörigkeit spielte für Freisler eine Rolle. Das Bekenntnis Wirmers zum KV konstatierte Freisler zufrieden, aber wie immer brüllend („...dass Sie KVer sind, na also!“) Wirmer war an dem Attentat auf Hitler nicht direkt beteiligt, dem Volksgerichtshof ,,genügte schon die Tatsache, dass er an die Stelle der herrschenden Regierung eine andere hat setzen wollen". Am 8. September wurde Wirmer zum Tode verurteilt und noch am selben Tag in Plötzensee hingerichtet.

Michael Feldkamp, Josef Wirmer, in: Biographisches Lexikon des KV, 3. Teil, S. 125 f.

Ein Symbol des Neuanfangs sollte der Fahnenentwurf sein, den Josef Wirmer ersann. Die Wirmer-Fahne zeigt ein sogenanntes „Philippuskreuz“, also ein waagerecht liegendes lateinisches Kreuz, golden eingefasst auf rotem Grund, ganz ähnlich den Fahnen skandinavischer Staaten. Dabei war das schwarze Kreuz als Bekenntnis zum Christentum und als Gegenentwurf gegen die Hakenkreuzflagge gedacht, die Farben Schwarz-Rot-Gold sollten an die Befreiungskriege gegen Kaiser Napoleon und die deutsche Einheitsbewegung im neunzehnten Jahrhundert erinnern.

Nach dem Krieg plädierten die Vertreter von CDU und CSU im Parlamentarischen Rat dafür, die Wirmerfahne als neue deutsche Nationalflagge einzu-führen. Der Grundausschuss des Parlamentarischen Rates beriet über den Vorschlag der Unionsparteien am 3. November 1948. Weil man aber bewusst an die Tradition der Weimarer Republik anknüpfen wollte, kam die Wirmer-Fahne nicht als Bundesflagge in Frage.

Bis Anfang der 1960er Jahre tauchte Wirmers Entwurf in abgewandelter Form in den Organisationsemblemen von CDU und Junger Union auf. Dann geriet sie in Vergessenheit und kehrte erst ins Bewusstsein der bundesrepu-blikanischen Öffentlichkeit zurück, als rechts stehende Organisationen und Bewegungen damit auf die Straße gingen - offenbar in der Absicht, sich als Widerstandskämpfer in einem unfreien Staat zu stilisieren. Mitglieder der Familie Wirmer waren darüber entsetzt. Der Vorsitzende der „Stiftung 20. Juli 1944“, Robert von Steinau-Steinrück, sagte 2016, anlässlich des Attentats vor 72 Jahren, das Schwenken der Wirmer-Fahne auf extremistischen und fremdenfeindlichen Veranstaltungen verhöhne das, wofür Josef Wirmer gestanden habe: eine freiheitliche und tolerante Gesellschaft.