Wie unsere Mütter, Väter, Groß-,Ur- und Ururgroßmütter und Väter schrieben -  Vor achtzig Jahren verboten die Nationalsozialisten die sogenannte deutsche Schrift

Vielen ist es schon so ergangen: Sie fanden alte Liebesbriefe, Kriegsbriefe, Postkarten aus Familienbesitz, ein Familienstammbuch oder Uromas Rezeptbuch und mussten feststellen: Das kann ich nicht lesen. Das scheint wohl deutsche Schrift oder „Sütterlin“ zu sein? Die Antwort auf diese Frage ist etwas kompliziert. Eine eigene deutsche Schrift hat es nämlich nicht gegeben.

Hinter „Sütterlin“ verbirgt sich der Kunstgewerbler und Grafiker Ludwig Sütterlin (1865-1917), der aber keine neue Schrift erfunden hat, sondern die damalige in Deutschland übliche eckige Schreibschrift vereinfachte. Ab 1915 wurde sie zunächst in den preußischen Schulen gelehrt und dann 1935 noch einmal überarbeitet, um als „Deutsche Volksschrift“ schließlich in ganz Deutschland verbindlich zu werden. Vor 80 Jahren, 1941, verboten sie die Nationalsozialisten, denen man das eigentlich nicht zugetraut hätte, da sie sich doch als Hüter des „Deutschtums“ ausgaben.

Mit Karl dem Großen fing alles an

Kurz ein wenig Schriftgeschichte: Am Anfang der heute in weiten Teilen Europas, in Nord- und Südamerika sowie in Australien geschriebenen Schrift steht Kaiser Karl der Große. Vor etwa 1.300 Jahren veranlasste er eine Bildungsreform, bei der die sogenannte karolingische Minuskel entwickelt wurde. Sie darf als „Ahnfrau“ der Schriftzeichen in unseren Breiten bezeichnet werden, sieht man einmal von den griechischen oder den damit eng verwandten kyrillischen Lettern ab. Der Siegeszug dieser karolingisch-lateinischen Schrift hing mit deren Klarheit und Ausgewogenheit sowie ihrer guten Lesbarkeit zusammen. Im Spätmittelalter leitete sich aus ihr die gotische Minuskel ab. Auf ihr fußt die fälschlich so genannte deutsche Schrift, die nicht nur im deutschen Sprachgebiet, sondern etwa auch in Skandinavien, in den Niederlanden und in Tschechien geschrieben wurde. Ihre Eckigkeit und Steilheit sowie ihr Hang zur „Ausschweifung“ fällt sofort auf, so pointiert Ahasver von Brandt (1909-1977) in seinem immer wieder neu aufgelegten Buch „Werkzeug des Historikers“.

Auch beim Buchdruck wurden in einigen Teilen Europas gebrochene Lettern verwendet, deren bekannteste die Frakturschrift ist. Den Lesern der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ ist sie aus dem Zeitungstitel bekannt. Die Fraktur herrschte lange etwa in Deutschland, Österreich, der Deutschschweiz, Böhmen, Dänemark, Norwegen, Lettland und Estland vor.  Das erste Buch in dieser Type erschien bereits vor 500 Jahren in Nürnberg.

Hundert Jahre später entstand im Zeitalter der Humanisten die als Antiqua bezeichnete Druckschrift, die wiederum auf die karolingische Minuskel zurückgriff, die fälschlicherweise von den Humanisten für die Schrift der Römer gehalten wurde. Deshalb diese Bezeichnung, die sich, wie Lateiner wissen, von antiquus = alt herleitet. Aus dieser, auch humanistische Minuskel getauften Schrift entwickelte sich eine Schreibschrift, die durch ihre runden Formen auffällt und deshalb gelegentlich Rundschrift heißt im Gegensatz zur Eckenschrift, wie sie in Deutschland geläufig war. Gelegentlich wurde die Rundschrift auch Lateinschrift genannt. Das ist ebenso ein wenig irreführend wie die Eckenschrift mit dem Etikett deutsche Schrift zu versehen. Beide sind „Enkelinnen“ der karolingischen Minuskel.

Fraktur gegen Antiqua und eckig gegen rund

Im 19. Jahrhundert brach ein Streit zwischen den Befürwortern der Fraktur und Eckenschrift und denen der Antiqua und Rundschrift aus, der erbittert geführt wurde und kuriose Blüten trieb. Dafür ein bezeichnendes Beispiel: 1892 stellten die „Deutsch-sozialen Blätter“, das Presseorgan der antisemitischen „Deutschsozialen Partei“, die ein Jahr später sogar vier Sitze für den Deutschen Reichstag gewann, einen „Zusammenhang zwischen Judentum und Verkümmerung des Deutschtums“ fest, der sich auch in den satirischen Blättern manifestiere, die „von jüdischem Geist und jüdischer Gesinnung“ beeinflusst oder in „jüdischen Händen“ seien. Ihnen warf das Blatt vor, sich darüber lustig zu machen, dass der „Allgemeine deutsche Schriftverein“ forderte, die Straßenschilder in Berlin müssten „in deutscher Schrift angegeben werden.“ Die lateinische Schrift hielt das Blatt für „entsetzlich kahl, nüchtern und frostig.“ In der deutschen Schrift hingegen käme „der ganze Reichtum deutschen Gemüts“ zum Vorschein, „jene Freude an dem scheinbaren Überflüssigem, die der Alltags-Mensch nie“ begreife. „Die bunte deutsche Schrift ist wie eine Blumenwiese“, heißt es dann weiter, „die kahle Latein-Schrift wie ein Regiment im Paradeschritt.“

Eigentlich hätte das Militärische dem Verfasser des Beitrags doch gefallen müssen. Er schließt nicht ohne auf „den betrüblichen Missgriff der Gebrüder Grimm“ hinzuweisen, die „gestützt auf das Mittelalter, die später entstandene deutsche Schrift als undeutsch“ bezeichnet und damit „unberechenbaren Schaden“ angerichtet hätten. Die Gebrüder Grimm haben bekanntlich nicht nur Märchen gesammelt, sondern ein großes, vielbändiges Lexikon der deutschen Sprache herausgebracht, das in der Tat in Antiqua gedruckt wurde. Wer in den ersten Band ihres Wörterbuchs von 1854 blickt, bemerkt außerdem, dass keine Großbuchstaben verwendet werden. Jakob Grimm hatte bei der Diskussion einen vernichtenden Satz gesprochen: „Wer die sogenannte deutsche Schrift schreibt, schreibt barbarisch!“ Das schmerzte die „Deutschtümler“.

Auf den eingangs zitierten Beitrag in den „Deutsch-sozialen Blättern“ antwortete ein Sachkundiger, der sich hinter dem Pseudonym „F. R. Clericus“ verbarg. Er beteuerte, dass „in den Adern keiner“ seiner „Vorfahren je ein Tropfen undeutsches (!) Blut geflossen“ sei. Allerdings konnte er die vorgetragenen Irrtümer nicht so stehen lassen. Er wies auf die Herkunft der sogenannten deutschen Schrift aus der karolingischen Minuskel hin, die er als die „Stamm-Mutter“ der sogenannten lateinischen Druck- und Schreibschrift bezeichnete. Nicht nur die historischen Unkenntnisse fielen ihm auf. Außerdem hielt er die gegen die lateinische Schrift verbreitete Behauptung, sie trüge eher als die deutsche Schrift zur Ermüdung bei, für reine Einbildung. F. R. Clericus bedauerte schließlich, dass man bei der Reichsgründung 1871 nicht „den Zopf“ der deutschen Schrift abgeschnitten habe. „Aber da waren alte Leute,“ meinte er dazu, „mit deren Gewohnheiten zu rechnen war (besonders Bismarck).“ Damit hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Der Reichskanzler hatte seinen Beamten verboten, die lateinische Schrift zu verwenden. Ihm zugesandte Bücher, die nicht in Fraktur gedruckt waren, schickte er ungelesen zurück. Alle Reichsdrucksachen mussten in deutscher Schrift gedruckt sein, ebenso die der preußischen Staatsarchive. In jungen Jahren soll sich Bismarck noch der Rundschrift bedient haben, ehe er sich dann aus patriotischen Gründen anders entschloss. 1892 urteilte die der katholischen Zentrumspartei nahen „Kölnische Volkszeitung“ über eine solche nationale Begründung kopfschüttelnd: „Man sollte es nicht für möglich halten, dass heute noch im Ernst die Behauptung verfochten werden könne, unsere sogenannte deutsche Schrift sei etwas Nationales, was man, ohne seinen Patriotismus zu gefährden, beileibe nicht preisgeben dürfe.“

Ebenfalls höchst bemerkenswert ist in diesem Kontext die Kontroverse zwischen dem Reformpädagogen Friedrich Wilhelm Fricke (1810-1891) und dem Zoologen Carl Vogt (1817-1893), einem Vertreter des naturwissenschaftlichen Materialismus und genuinem Rassisten. Fricke war zu seiner Zeit dafür bekannt, eine rein phonetische Rechtschreibung zu propagieren, die so rigoros war, dass man die Rechtschreibreform, die wir vor einigen Jahren erdulden mussten, gegenüber Frickes stürmischen Forderungen als ein laues Lüftchen empfindet. Für sein missionarisches Vorhaben gründete Fricke 1876 einen eigenen Verein und rief später, 1885, zudem noch einen „Verein zur Verbreitung der Lateinschrift“ ins Leben, der 1891 bereits über 10.000 Mitglieder zählte. Als Ursache für die Propagierung dieser Schriftform, die er Lateinschrift nannte, führte er neben weniger stichhaltigen Gründen wie die Verbesserung der Handschrift, die Schönheit und Deutlichkeit der runden Schrift sowie die Gefahr der eckigen Schrift für die Sehkraft und als besonders überzeugend die Vereinfachung des Schulunterrichts auf. Tatsächlich mussten die Schüler damals außer dem Latein-, Französisch- und Englischunterricht auch die runde Schreib- und Druckschrift lernen. Am einleuchtenden indes erscheint uns heute Frickes Feststellung, die Deutschen nähmen eine Außenseiterrolle ein, nachdem die Briten, Franzosen, Spanier, Portugiesen und Niederländer die Rundschrift „über alle Erdteile verbreitet“ hätten. Dem fügte er anschließend nicht ohne Ironie hinzu: Die Eckenschrift sei nur insofern deutsch, weil die Deutschen „am längsten gezögert“ hätten, „zu den edlern, ältern Formen zurückzukehren.“ Danach schießt er noch einmal scharf: „Auf dieses Festhalten am Unvollkommenen dürfen wir indes ebenso wenig stolz sein, wie die Russen auf ihren veralteten (julianischen) Kalender.“

Vogt behauptete dagegen, die Ausländer zögen „das Deutsche in deutscher Schrift vor.“ Seine Empfehlung: „Die Lateiner“, womit er die Sprecher romanischer Idiome meinte, sollten weiterhin „lateinisch“ schreiben, „die Deutschen deutsch, die Russen russisch.“ Dabei unterschlug er, dass man weder die Briten, Schweden, Norweger, Dänen, Niederländer noch die Polen, Tschechen und Ungarn, die alle längst „lateinisch“ schrieben, als Lateiner bezeichnen kann. Vogt machte sich zudem lustig über Fricke und seine Unterstützer, indem er vorschlug, man solle die römischen Zahlen wieder verwenden. Allerdings zog Vogt nicht die nationale Karte. Das hätte ihm auch schlecht zu Gesicht gestanden, da er seit 1861 Schweizer Bürger war und sich außerdem als einer der Vertreter Genfs in den Nationalrat in Bern hatte wählen lassen.

Ein KVer als Vorkämpfer der „Lateinschrift“

Zu den Gefolgsleuten Frickes gehörte der KVer Mattias Linhoff (Ask, Arm, Ttg, Al), der ihm als Vorsitzender des „Vereins zur Verbreitung der Lateinschrift“ nachfolgte. Kb Linhoff stammte aus Münster in Westfalen, wo er 1857 zur Welt kam. Sein Vater war der Geheime Oberregierungsrat Joseph Linhoff (1819-1893), welcher der Katholischen Abteilung im preußischen Kultusministerium angehört hatte und zu den Freunden des Mitbegründers des Katholischen Lesevereins in Berlin Johannes Janssen (1829-1891) gehörte. Mattias Linhoff hatte Jura studiert, aber nach dem Referendariat aus gesundheitlichen Gründen die Ausbildung beendet. Er lebte in Münster und gab als Beruf „Schriftleiter“ an. Ende der 1870er Jahre erschien sein erster Aufsatz, der sich mit der deutschen Sprache befasste. Ab 1893 gab er das „KV-Jahrbuch“ heraus, das aber erst ein Jahr später so hieß. 1891 hatte er in Münster eine 18-seitige Publikation mit dem Titel „Rundschrift oder Eckenschrift“ und 1894 dort ein von ihm verfasstes „Verdeutschungsbüchlein“ drucken lassen, in dem er für eine radikale Ausmerzung der Fremdwörter eintrat und zum Beispiel Lineal durch „Geradelinienbrettchen“ und Artillerie durch „Geschützerei“ ersetzen wollte. Er stand in Verbindung mit dem damals in katholischen Kreisen viel gelesenen Dichter Friedrich Wilhelm Weber (1813-1894), dessen gereimtes Epos „Dreizehnlinden“ aus dem Jahr 1878 manche Gymnasiasten in Auszügen auswendig konnten. Seit 1892 gehörte Weber als Ehrenmitglied der Askania in Berlin an.

Die von Kb Linhoff verfasste kurze Abhandlung über die lateinische Schrift fand vor allem in katholischen Kreisen hohe Beachtung, aber nicht nur da. Hier sei die Zeitschrift der Jesuiten „Stimmen der Zeit“ aus dem Jahr 1892 zitiert, die dem Autor das Verdienst zuschrieb, die „so tief ins praktische Leben eingreifende Frage (nach der richtigen Schrift) mit großer Vollständigkeit, vollendeter Klarheit… beleuchtet zu haben, und nicht leicht“ würde „der Leser dem Gewichte seiner Gründe sich ganz zu entziehen vermögen.“ Einer der Gründe hieß auch bei Kb Linhoff wie schon bei Fricke: Mit der „Aufgabe der Eckenschrift“ würde man die Verbreitung des deutschen „Schrifttums im Auslande“ erleichtern. Gleichfalls wandte sich Kb Linhoff gegen die irrige Annahme, „die Eckenschrift sei eine deutsche Nazionaleigentümlichkeit.“ Die Schreibung „Nazional“ statt „National“ lässt ihn dabei in der Nachfolge Frickes als Rechtschreibreformer erkennen. Er selbst hätte im Übrigen hier das Wort „Richtigkeitsschreibreformer“ vorgezogen. Als Beweis dafür, wie wenig die Rundschrift das Nationalgefühl verletzte, erwähnte er die Inschrift auf der Berliner Siegessäule, die er selbst natürlich Seule nannte. Dort stand in „geschmackvollen Rundbuchstaben“: „DAS DANKBARE VATERLAND DEM SIEGREICHEN HEERE!“

Kb Linhoff ist 1930 gestorben. Dass ausgerechnet, die Nationalsozialisten der Eckenschrift ein Ende bereiteten, wird er nicht erwartet haben. Denn weder im Kaiserreich noch in der Weimarer Republik hatten sich dafür in den Parlamenten ausreichende Mehrheiten finden lassen. Die „Verdammnis der Schriftzweiheit“, wie es das „Literarische Centralblatt“ 1891 formulierte, blieb erhalten.

Die Nationalsozialisten und die „deutsche“ Schrift

Für den nationalsozialistischen Reichsinnenminister Wilhelm Frick (1877-1946) stand der „unbedingte Vorrang“ der deutschen Schrift fest. Doch Adolf Hitler, der selbst eine Mischschrift schrieb, die man nicht einordnen kann, wandte sich 1934 in Nürnberg gegen „jene Rückwärtse“ mit ihren „romantischen Vorstellungen der nationalsozialistischen Revolution“, die sie „als ver-pflichtendes Erbteil für die Zukunft mitgeben“ wollten und erwähnte ausdrücklich das Ansinnen, „Straßenbenennungen und (Schreib-)Maschinenschrift in echt gotischen Lettern – also die Eckenschrift – zu offerieren.“ 1940 wur- de im „Reichspropagandaministerium“ entschieden, alles ins Ausland zu versendende Schriftgut nur noch in Antiqua setzen zu lassen. Im Jahr darauf entschied Hitler, „dass die Antiqua-Schrift künftig als Normal-Schrift zu bezeichnen sei. Nach und nach sollen sämtliche Druckerzeugnisse auf diese Normal-Schrift umgestellt werden. Sobald dies schulbuchmäßig möglich ist, wird in den Dorfschulen und Volksschulen nur mehr die Normal-Schrift gelehrt werden.“ Die Reichskanzlei teilte den obersten Reichsbehörden die Begründung dieses „Schriftenerlasses“ mit: „Die Verwendung der fälschlicherweise als gotische Schriftzeichen“ bezeichneten Lettern schade den deutschen Interessen, „weil Ausländer, die die deutsche Sprache beherrschen, diese Schrift meist nicht lesen können.“ Anders ausgedrückt: Für Deutschlands „Weltgeltung“ und die nationalsozialistische Vorherrschaft in Europa war die hier gotisch und interessanterweise nicht deutsch genannte Schrift hinderlich. Die Antiqua als Normalschrift zu bezeichnen, zeugte dabei nicht von Kenntnis der evolutionären Entstehung der Schriften. Dass die gebrochenen Schriften im Normalschrifterlass von 1941 die Bezeichnung „Schwabacher Judenlettern“ erhielten, deutet darüber hinaus auf eine totale Verblendung hin und hätte selbst bei den Antisemiten im 19. Jahrhundert, die sie für „echt deutsch“ hielten und sie bewahren wollten, nur Kopfschütteln ausgelöst.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dachten die Besatzungsmächte nicht daran, die Eckenschrift wieder einzuführen, da sie ihnen fremd war. Hie und da wurde sie später als Zweitschrift noch gelehrt, aber auch das unterblieb schließlich in den 1960-er Jahren. Folglich müssen die meisten Zeitgenossen, „Schriftgelehrte“ suchen, wenn sie auf alte handschriftliche Zeugnisse stoßen. Schneller zu lernen sind die „gebrochenen“ Lettern in gedruckten Publikationen, wie sie bis in die 1940-er erschienen. Aber selbst die werden bei Neuauflagen ersetzt durch die Rundschrift.  

Dr. Wolfgang Löhr (Arm, Car-F, Ru-Ke, Un, Gro-Lu, Car, Urb)

„Rauf, runter rauf - Tüpferl drauf!“

Mit seinem Namen verbindet sich eine Schreibschrift, die I-Männchen in den ersten Jahrzehnten des zwanzigsten Jahrhunderts beigebracht wurde: Ludwig Sütterlin, Grafiker, Pädagoge, Gestalter von Büchern und Entwickler einer nach ihm benannten Schrift wurde am 23. Juli 1865 in Lahr im Schwarzwald geboren. Nach der Volksschule absolvierte der Sohn eines Kartonagers eine Lehre zum Lithografen. Mit 23 Jahren übersiedelte er nach Berlin, besuchte am Kunstgewerbemuseum den Unterricht des Historienmalers Max Koch und des Grafikers Emil Doepler, arbeitete als Graphiker und lehrte nach der Jahrhundertwende selbst an Fach- und Fortbildungsschulen. 1911 beauftragte ihn das Preußische Kultusministerium mit Schreiblehrgängen für Volks- und Vor- schullehrer. In diesen Seminaren entwickelte sich nach und nach die Sütterlinschrift. Ab 1915 führten preußische Schulen die Schrift ein, 1935 wurde sie Teil des offiziellen Lehrplans. Ludwig Sütterlin selbst erlebte die Verbreitung seiner Idee aber nicht mehr; er starb 1917.

Anfang 1941, mitten im 2. Weltkrieg, wurde die Sütterlinschrift verboten. Heute ist das Sütterlin-Alphabet fast vergessen. In vielen Orten gibt es aber Sütterlin-Stuben, wo Ehrenamtliche alte Dokumente in die heutige Schrift übertragen. Außerdem finden sich Sütterlin-Kurse im Internet wie an manchen Volkshochschulen und Universitäten.