Jüdische und paritätische Studentenverbindungen in Deutschland
Der Terror der Nationalsozialisten hat auch die Welt der jüdischen und paritätischen Studentenverbindungen fast völlig zerstört. Das ist wohl der Grund, dass viele Korporierte dieses Kapitel studentischer Geschichte oft nicht kennen, das zu den 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland mit dazu gehört. Es ist bemerkenswert, dass jüdische Studierende Organisationsformen, Wertvorstellungen und symbolische Praktiken des traditionellen Verbindungswesens übernahmen, obwohl das deutsche Korporationswesen seit den 1880er Jahren eine nicht unwichtige Rolle bei der Herausbildung eines akademischen Antisemitismus spielte.
Ein prominentes Beispiel hierfür ist der Begründer der zionistischen Bewegung Theodor Herzl (1860-1904), der 1881 Mitglied der Wiener Burschenschaft Albia geworden war, diese jedoch 1883 wieder verließ, als sich dort eine antisemitische Ausrichtung durchsetzte. Später wurde Herzl Ehrenmitglied (u.a. Kadimah Wien und Ivria Wien) und sogar Namenspatron (etwa des Herzl-Clubs Breslau oder des Akademischzionistischen Vereins „Theodor Herzl“ Königsberg) zahlreicher zionistischer Verbindungen.
Knowledge is power
Die sogenannte Judenemanzipation begann mit der Aufklärung und dauerte über hundert Jahre. Viele Hürden rechtlicher und gesellschaftlicher Art waren dabei zu überwinden. Bildung galt dabei als Schlüssel zum Erfolg. Nach der Reichsgründung 1871, als die Juden in allen deutschen Staaten juristisch mit den übrigen Bürgern gleichgestellt waren, gab es im Zuge der damaligen Bildungsexpansion auch immer mehr jüdische Studierende an deutschen Universitäten: 1886/87 studierten etwa 1134 Juden an preußischen Universitäten, das entsprach einem Anteil von neun Prozent und dem Siebenfachen ihres Bevölkerungsanteils. Durch die Schoah wurde diese bemerkenswerte (Erfolgs-)Geschichte, die den unbedingten Willen der deutschen Juden zur Gleichberechtigung durch Bildungsanstrengungen belegt, weitgehend zerstört.
Über eine lange Periode des 19. Jahrhunderts hinweg waren wichtige Teile der frühen burschenschaftlichen Bewegung an der Aufnahme national gesinnter jüdischer Studenten interessiert. Jüdische Burschenschafter waren etwa Heinrich Heine, Ferdinand Lassalle, oder der Staatstheoretiker Friedrich Julius Stahl. 1831 wurde auf dem Frankfurter Burschentag die Aufnahme von Juden ausdrücklich gestattet. Auch in anderen Studentenverbindungen wurden Juden selbstverständlich aufgenommen, etwa bei den Corps.
Im Zuge der langen Wirtschaftskrise seit dem Gründerkrach 1873 verschlechterten sich die Chancen für Hochschulabsolventen am Arbeitsmarkt und das begünstigte die Entstehung eines aggressiven Nationalismus: Jüdische Studenten wurden nun vielfach als unliebsame Konkurrenz empfunden. Die liberale Aufnahmepraxis änderte sich, ausgehend von Berlin, vor dem Hintergrund der Entstehung der antisemitischen Vereine deutscher Studenten, die sich 1881 zum Kyffhäuser-Verband der Vereine deutscher Studenten (KVVDSt) zusammenschlossen. In gewisser Weise begründeten die Vereine deutscher Studenten so etwas wie eine antisemitische Jugendbewegung von hoher Suggestivkraft und Mobilisierungsfähigkeit, die an den Hochschulen meinungsbildend wirkte und die traditionellen Korporationen im Hinblick auf ihre Aufnahmepraxis unter Druck setzte.
Der Rasseantisemitismus gewann an deutschen Universitäten seit den 1880er Jahren immer mehr an Boden. 1894 verbot als erster Korporationsverband der Coburger Landsmannschafter-Convent die Aufnahme jüdischer Mitglieder.
Der Allgemeine Deputierten Convent (ADC) der Burschenschaften folgte 1896, wobei hier der Beschluss weniger eindeutig ausfiel, wahrscheinlich wegen des Widerstands vieler Altherrenschaften, denen Juden angehörten.
Es ist bemerkenswert, dass diese Frage in allen Korporationsverbänden ein Generationenkonflikt war, bei dem die Jungen die Radikalen waren. Deshalb fassten die meisten anderen Korporationsverbände vor dem Ersten Weltkrieg wohl auch keine bindenden Beschlüsse zur Aufnahme von Juden, sondern überließen die Regelung dieser Frage den einzelnen Bünden.
Rassismus an Hochschulen
Erst nach dem Ersten Weltkrieg erfolgte, wiederum ausgehend von den Aktiven, im Zuge eines weiteren Radikalisierungsschubs als Folge der militärischen Niederlage und der als ungerecht empfundenen Behandlung der Verlierer auf der Pariser Friedenskonferenz, eine neue Welle von Beschlüssen, die die Aufnahme von Juden verboten, den Status der Alten Herren aber weiterhin nicht antasteten. Solche Beschlüsse stützten sich auch auf das ursprünglich vor allem in Österreich unter deutschvölkischen Studentenverbindungen verbreitete sogenannte „Waidhofener Prinzip“ von 1896, wonach Juden wegen ihrer angeblichen Ehrlosigkeit die Satisfaktion verweigert wurde. Die meisten Korporationsverbände beschlossen sogenannte „Arierparagraphen“.
Eine Ausnahme waren die katholischen Korporationsverbände CV, KV und UV, die sich diesem Trend entzogen, so dass dort die Aufnahme katholisch getaufter Juden weiter möglich war, und natürlich die jüdischen Korporationsverbände selbst.
Seit den 1880er Jahren waren vermehrt paritätische und jüdische Verbindungen entstanden. Die erste jüdische Verbindung war die am 23. Oktober 1886 an der Universität Breslau gestiftete Viadrina, die die Farben schwarz-gold-rot trug und schlagend war.
Zwar gelang es jüdischen Verbindungen nie, die Mehrheit der jüdischen Studenten zu organisieren, weshalb man die Korporierten unter diesen als „Minderheit in der Minderheit“ bezeichnen kann, doch waren die Führungseliten in den jüdischen Verbänden der Weimarer Zeit, sowohl beim „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ (C.V.) als auch in den zionistischen Organisationen mehrheitlich in jüdischen Verbindungen sozialisiert worden.
Jüdische Korporierte waren etwa der Philosoph Martin Buber (1878-1965, VJSt Leipzig), der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (1868-1935, Badenia Heidelberg im KC), der spätere erste Präsident des Staates Israel Chaim Weizmann (1874-1952, Russisch-jüdischer wissenschaftlicher Verein Berlin und VJSt Berlin), der Begründer der Psychoanalyse Siegmund Freud (1856-1939, Kadimah [= nach Osten, vorwärts] Wien) und der Gründer und langjährige Präsident des Jüdischen Weltkongresses (WJC) Nahum Goldmann (1895-1982, VJSt Ivria Heidelberg im KJV).
Antisemitismus mit studentischem Comment bekämpfen
Die Potsdamer Historikerin und Direktorin des dortigen Moses Mendelssohn Zentrums für europäisch-jüdische Studien, Miriam Rürup hat in ihrer 2008 erschienenen Studie „Ehrensache. Jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten 1886-1937“ die Entstehung des jüdischen Verbindungswesens nicht einfach als Reaktion auf den wachsenden akademischen Antisemitismus und die damit verbundenen Tendenzen vieler Korporationsverbände, Juden die Mitgliedschaft zu verwehren, interpretiert. Sie sieht darin vielmehr den Versuch, sich „Anerkennung und Respekt von ihren Gegnern durch Stärke demonstrierendes, der ‚Ehre’ angemessenes Auftreten erlangen zu können“ (S. 430).
So entstand seit 1886 ein buntes Spektrum weltanschaulich bzw. religiös unterschiedlich ausgerichteter und zueinander nicht selten in Gegensatz stehender jüdischer Verbindungen bzw. Verbände, was letztlich als deutliches Bekenntnis der Zugehörigkeit zur deutschen Universitas litterarum gewertet werden muss: Selbstbewusst inszenierten sich die jüdischen Korporationen als akademische Elite nach dem Vorbild der Corps, zumeist fochten sie, die Mehrzahl trug Farben. Selbst die zionistischen Verbindungen, deren Ziel die Schaffung eines jüdischen Staates außerhalb des deutschsprachigen Raums war, huldigten auf ihren Kommersen dem Kaiser und dem jeweiligen Bundesfürsten, sangen das „Heil Dir im Siegerkranz!“, oft auch das Deutschlandlied – weil dies Ausdruck der akademischen Kultur Deutschlands war, deren Pflege Ausdruck von gelebter Inklusion war. Die verbindungsstudentische Kultur des Kaiserreichs wurde hierbei jedoch nicht bloß adaptiert, sondern vielfach mit neuen Inhalten gefüllt; dies förderte und verfestigte die Ausbildung einer spezifischen Gruppenidentität.
Man kann vier Typen jüdischer Korporationsverbände unterscheiden:
Erstens die bisher wenig erforschten sogenannten paritätischen Verbindungen, die eine Sonderung nach jüdischen und nichtjüdischen Mitgliedern prinzipiell ablehnte, insofern einen dezidiert inklusiven Anspruch hatten, sich aber überwiegend zu faktisch jüdischen Verbindungen entwickelten, obgleich es bei ihnen immer auch nicht-jüdische Mitglieder gab. So zum Beispiel der FDP-Bundesjustizminister Thomas Dehler (1897-1967), der dem Burschenbund Südmark-München angehörte und nach 1945 zusätzlich Mitglied der Würzburger Landsmannschaft Alemannia Makaria im CC wurde. Paritätische Verbindungen waren überwiegend national und staatstragend, nach 1918 dezidiert republiktreu. Ein Dachverband war der 1908 gegründete Bund Freier Wissenschaftlicher Vereinigungen, der nichtfarbentragend war, aber unbedingte Satisfaktion gab, also schlagend war. Dieser Verband, der zuletzt aus neun Mitgliedsbünden bestand, wurde 1933 durch die National-sozialisten zerschlagen. Ein weiterer paritätischer Dachverband war der 1919 gegründete Burschenbunds-Convent (B.C.), der farbentragend und schlagend (Satisfaktion und Bestimmungsmensur) war und zuletzt 22 Mitgliedsbünde hatte. 1933 durch die Nationalsozialisten zerschlagen, wurde der B.C. als einziger jüdischer Korporationsverband 1958 mit jeweils einer Verbindung in Marburg und München wiederbegründet, musste sich aber 1973 erneut und auf Dauer vertagen. Mitglied dieses Verbandes war etwa der Schriftsteller und Journalist Egon Erwin Kisch (1885–1948, Burschenschaft Saxonia Prag). Der B.C. existiert noch heute, es leben noch etwa 40 bis 50 Alte Herren aus zwei Verbindungen.
Zweitens gab es „deutsch-vaterländisch“ gesinnte dezidiert jüdische Kor-porationen: Im 1896 gegründeten Kartellconvent der Verbindungen jüdischen Glaubens (KC) zusammengeschlossen, farbentragend und schlagend (Satisfaktion, freigestellte Mensur), verstanden sich die Mitglieder des KC als deutsche Patrioten jüdischen Glaubens, deren tiefe Loyalität zum Deutschen Kaiserreich außer Frage stand. Die Pflege couleur- und waffenstudentischer Traditionen war in diesem Verband deshalb von besonderer Bedeutung. Der KC war neutral bei innerjüdischen religiösen Lagerbildungen, legte Wert auf einen bildungsbürgerlichen Hintergrund seiner Mitglieder und verband damit den Anspruch, eine deutschbewusste jüdische Elite zu repräsentieren. Aus diesem Geist heraus grenzte sich der KC auch von anderen jüdischen, insbesondere den zionistischen Korporationsverbänden, ab. Der KC war der bedeutendste jüdische Korporationsverband. Er umfasste zum Zeitpunkt seiner Zerschlagung durch die Nationalsozialisten 1933/34 2100 Mitglieder in 14 Verbindungen.
Zionistisch und kaisertreu
Drittens existierten zionistische Korporationen. Grundsätzlich loyal gegenüber dem Deutschen Reich, sahen sie aber dennoch die Zukunft des Judentums in einem jüdischen Staat in Palästina. Charakteristisch für die zionistischen Verbindungen war, dass sie das traditionelle korporative Brauchtum im jüdisch-nationalen Sinne weiterentwickelten. So wurden zionistisch interpretierbare Varianten zu den deutschen Nationalfarben schwarz-rot-gold bzw. schwarz-weiß-rot gesucht und gefunden, nämlich die Farben blau-weiß-gelb, die die meisten zionistischen Verbindungen führten. Blau-weiß galten hierbei als spezifisch jüdische Farben, die möglicherweise zurückgehen auf den jüdischen Gebetsschal Thallith, das Gelb wurde assoziiert mit dem diskriminierenden Gelb mittelalterlicher und frühneuzeitlicher „Judenzeichen“, die zum Ehrenzeichen umgedeutet wurden. Als jüdisch galt auch die Farbe violett, die retrospektiv als Sinnbild jüdischer Traurigkeit gedeutet wurde. Ein wichtiges Symbol zionistischer Verbindungen war ferner das goldene sogenannte Davidschild, landläufig als Davidstern bezeichnet.
Außerdem entwickelten die zionistischen Verbindungen Alternativen zu deutschen Verbindungsnamen, indem sie auf hebräische Wörter, Persönlichkeiten oder Ereignisse der jüdischen Geschichte zurückgriffen. Ähnlich wie bei der deutschen Nationalbewegung ging es hierbei um Umdeutung einer idealisierten Vergangenheit im nationaljüdischen Sinn. Zu nennen wären etwa Namen wie „Maccabaea“, „Hasmonaea“ und „Bar Kochba“, die rekurrierten auf jüdische Aufstände in der Antike gegen Fremdherrschaft, konkret auf die Makkabäer bzw. Hasmonäer und auf den Feldherrn Simon Bar Kochba (analog zu „Cheruscia“, „Stauffia“, „Arminia“ „Nibelungia“ oder „Burgundia“). Weniger martialisch waren hebräische Namen wie Kadimah („vorwärts“, „ostwärts“ im Sinne des zionistischen Siedlungsprogramms in Palästina), Zephira („Morgendämmerung“), Hatikwah („Hoffnung“), Ivria („die Hebräische“ analog etwa zu „Germania“), Jordania (der Fluss Jordan als jüdisches Nationalsymbol analog zum „deutschen Rhein“ respektive „Rhenania“).
Außerdem wurden dem deutschnationalen Liedgut oft neue, zionistische Texte unterlegt und eine dezidiert zionistische Festkultur entwickelt, etwa in Gestalt der sogenannten Makkabäerkommerse. Allerdings nahmen die zionistischen Korporationen, wie erwähnt, an den traditionellen Kaiserkommersen und ähnlichen Veranstaltungen teil, ebenso wurde bei zionistischen Festkommersen das Deutschlandlied, „Heil Dir im Siegerkranz“ oder „Ich bin ein Preuße“ gesungen, weil dies der studen-tischen Tradition entsprach. An zionistischen Korporationsverbänden gab es den 1901 gegründeten Bund jüdischer Korporationen (BJC), der nichtfarbentragend und fakultativ satisfaktionsgebend war. Er verschmolz mit 700 Mitgliedern in neun Bünden 1914 mit dem 1911 gegründeten Kartell Zionistischer Verbindungen (KZV) mit zuletzt zweihundert Mitgliedern in fünf Mitgliedsbünden. Das KZV war nicht farbentragend und gab unbedingte Satisfaktion. Der neue zionistische Gesamtverband nannte sich Kartell jüdischer Verbindungen (KJV) und bestand zur
Zeit der zwangsweisen Auflösung seiner aktiven Verbindungen 1933 aus 1930 Mitgliedern in zwanzig Mitgliedsbünden. Der deutsche Altherrenverband existierte noch bis etwa 1937. In Palästina und später in Israel wurde der KJV als Altherrenverband fortgeführt, die ursprünglich geplante Wiedergründung aktiver Verbindungen dort gelang allerdings nicht.
Ein besonderer Typus des jüdischen Verbindungswesens war viertens der 1906 gegründete Bund jüdischer Akademiker (BJA), der nichtfarbentragend und nichtschlagend und religiös-orthodox ausgerichtet war. Dieser Verband hatte bei seiner zwangsweisen Auflösung 1933 zehn Mitgliedsbünde.
Bisher kaum erforscht sind jüdische Frauenverbindungen. Es gab zu nahezu jeder Richtung im jüdischen Verbindungswesen zeitweise weibliche Pendantorganisationen.
Wie die paritätischen waren auch alle jüdischen Korporationsverbände nach 1918 dezidiert republiktreu - zumal sie sich von der Demokratisierung von Staat und Gesellschaft die Überwindung des Antisemitismus versprachen.
Die Bemühungen der jüdischen Verbindungen um Anerkennung blieben letztlich, trotz ihrer Loyalität zum deutschen Staat und trotz des hohen Blutzolls, den gerade ihre Mitglieder im Ersten Weltkrieg als deutsche Soldaten gezahlt hatten, überwiegend erfolglos. Vor diesem Hintergrund erfolgte in den 1920er Jahren eine Verfestigung und weitere Expansion des jüdischen Verbindungswesens, dieses profitierte ebenso von der stärkeren Bildungsbeteiligung wie von den steigenden Mitgliederzahlen des Verbindungswesens insgesamt.
Aus heutiger Sicht lässt sich konstatieren, dass die Annahme der jüdischen Korporierten, es genüge, den Antisemitismus überwiegend mit den Mitteln des studentischen Comments zu bekämpfen, eine Fehleinschätzung war. Die Nationalsozialisten gingen gleich nach ihrer sogenannten Machtergreifung daran, die jüdischen Korporationen zu zerschlagen; viele ihrer Mitglieder wurden verfolgt und, sofern es ihnen nicht gelang zu emigrieren, ermordet.
Prägungen wirken weiter
Trotz der nationalsozialistischen Verfolgungen ging das jüdische Verbindungswesen 1933 aber nicht einfach unter. Miriam Rürup hat zu Recht darauf hingewiesen, dass der verbindungsstudentische Habitus mit der Zerstörung des jüdischen Verbindungswesens in Deutschland nicht einfach verschwand, sondern die empfangenen Prägungen in der Emigration weiterwirkten und dazu beitrugen, dass an neuen Orten neues jüdisches Leben entstehen und sich behaupten konnte.
Insofern gehört, obgleich die Reaktivierung jüdischer Verbindungen nach 1945 nicht gelang, deren Geschichte zur Vorgeschichte des Staates Israel, aber auch zur Geschichte der USA und anderer Staaten, die jüdische Emigranten nach 1933 aufgenommen und ihnen eine neue Heimat gegeben haben. Dass in Deutschland und Österreich eine Wiederbelebung des jüdischen Verbindungslebens nicht gelang, verwundert vor dem Hintergrund der weitgehenden Vernichtung bzw. Vertreibung der das jüdische Verbindungswesen tragenden Eliten durch die Nationalsozialisten nicht.
Versuche, den Burschenbunds-Convent wiederzubeleben, waren, wie erwähnt, nicht von Dauer. Dieser Verband war vergleichsweise jung und klein, es war weniger Mitgliederpotential vorhanden als bei den großen nicht jüdischen Verbänden; die Verluste aufgrund der NS-Vernichtungspolitik taten ein Übriges.
Hinzu kommt, dass der Bruch von 1933/45 und der Wandel des Zeitgeists nach 1945, vor allem seit den 1960er Jahren, eine Wiederanknüpfung an die Vorkriegstraditionen letztlich unmöglich machte. Mit dem Untergang der jüdischen Verbindungen ist ein wichtiges Segment des akademischen Deutschlands vermutlich dauerhaft verschwunden. Man erkennt auch hier, dass der Rasseantisemitismus und die Vertreibungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten Deutschland Wunden geschlagen haben, deren Narben bis heute sichtbar sind. Deutschland bzw. das deutsche Universitätssystem ist dadurch zweifellos ärmer geworden.





Prof. Dr. Matthias Stickler
Prof. Dr. Matthias Stickler, geb. 1967 in Aschaffenburg, ist apl. Professor am Lehrstuhl für Neueste Geschichte an der Julius-Maximilian-Universität Würzburg und wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Hochschulkunde an der Universität Würzburg. Er ist Mitglied der Katholischen Deutschen Studentenverbindung Gothia-Würzburg im CV.

Kampf dem Antisemitismus
„Also gibt es gegen den Antisemitismus nur eine Waffe, das Judentum selbst. [...] Die wahre Achtung für unsere Gemeinschaft werden wir uns allerdings erst dann erringen können, wenn wir wiederum zu eigener Leistung gelangen. [...] Das Zusammenfassen aller jüdischen Kräfte zur großen Tat des neuen jüdischen Lebens in Palästina, [...] das bedeutet die Ueberwindung der furchtbaren Verachtung der Jahrtausende.“
Kurt Blumenfeld, Antisemitismus, in: Jüdischer Student Jg. 14, 1917/18, Nr. 3, Sommersemester 1917 S. 18-24
Kurt Blumenfeld (1884-1963), studierte Rechte in Berlin, Freiburg und Königsberg. Von Beginn seines Studiums Mitglied im Verein Jüdischer Studenten wurde Blumenfeld 1909 Parteisekretär der Zionistischen Vereinigung für Deutschland (ZVfD) deren Präsident er von 1924 (nach anderen Quellen: seit 1923) bis 1933 war.

Was wäre diesen Land ohne den Beitrag der deutschen Juden?

„Gute Patrioten waren die Juden seit ihrer Emanzipation in allen westlichen Ländern geworden. Aber nirgends hatte dieser jüdische Patriotismus so glühende, tief emotionale Züge angenommen wie gerade in Deutschland. Man kann von einer jüdischen Liebesaffäre mit Deutschland sprechen, die sich in dem Halbjahrhundert vor Hitler abgespielt hat. (...) Und gewiss ist, dass dabei die Juden der liebende Teil waren, die Deutschen ließen sie allenfalls, geschmeichelt und ein bisschen entfremdet, gefallen, von ihren jüdischen Landsleuten angeschwärmt zu werden (...) Immerhin hat diese jüdisch-deutsche Liebesbeziehung auf kulturellem Gebiet einige wunderbare Blüten hervorgetrieben; man denke an Samuel Fischer und seine Autoren oder an Max Reinhardt und seine Schauspieler. Und immerhin waren deutsche Juden ganz hervorragend daran beteiligt, dass Deutschland im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts auf intellektuellem und kulturellem Gebiet ebenso wie in Wissenschaft und Wirtschaft zum ersten Mal England und Frankreich deutlich den Rang ablief.“
Sebastian Haffner, Anmerkungen zu Hitler, Sonderausgabe 1998, 128 f.
„Deutschland ist nichts, aber jeder einzelne Deutsche ist viel, und doch bilden sich letztere gerade das Umgekehrte ein. Verpflanzt und zerstreut wie die Juden in alle Welt müssen die Deutschen werden, um die Masse des Guten ganz und zum Heile aller Nationen zu entwickeln, das in ihnen liegt.“
Johann Wolfgang Goethe Gespräch mit Kanzler von Müller vom 14. Dezember 1808
Zur Nation euch zu bilden, ihr hoffet es, Deutsche, vergebens; Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus.
Friedrich von Schiller
Halt und Hoffnung jüdischer Studenten

Die Geschichte jüdischer Studentenverbindungen ist keine Frage von Deutschtum oder Judentum, von Inklusion oder Exklusion, von Antisemitismus oder Zionismus, von Abwehr des Antisemitismus oder Über-Assimilation an das deutsche Nationalkollektiv – obgleich sie dies alles auch ist. Sie ist vielmehr eine Frage der Darstellung und Inszenierung von Zugehörigkeiten zu der Ehrgemeinschaft des Standes der Verbindungsstudenten, der Akademiker, des Bildungsbürgertums und damit den von vielen deutschen Juden als bedeutsam angesehenen hegemonialen Segmenten der deutschen Gesellschaft.
Das Streben nach Respekt fand ein abruptes Ende durch die „Machtübernahme“ der Nationalsozialisten, der die Auflösung der aktiven Studentenverbindungen unmittelbar folgte. Im Jahr 1938 gab auch das Präsidium des KJV als letzte Verbindungsinstanz die endgültige Aufgabe des jüdischen Verbindungsstudententums in Deutschland bekannt. Während jüdische Studenten sich in ihren Anfangsjahren als „deutsche Studenten“ gegen den Antisemitismus zu wehren suchten, waren sie nun darauf zurückgeworfen, sich als Juden einen neuen Platz zu erkämpfen. Von nun an galt auch für sie das in anderem Zusammenhang formulierte Diktum von Hannah Arendt: „´Wenn man als Jude angegriffen ist, muss man sich als Jude verteidigen´. Nicht als Deutscher oder als Bürger der Welt oder der Menschenrechte oder so“.
Auch wenn wir berücksichtigen, dass die Geschichte des deutschen Judentums in den Jahren nach 1933 ein gewaltsames vorläufiges Ende fand, so wurden hier doch jüdische Studenten in den Mittelpunkt gestellt, die trotz der antisemitischen Bedrohung als junge Männer agierten, denen ihre jüdische und deutsche Zugehörigkeit gleichermaßen bewusst war. Sie suchten sich ihren Platz in der deutschen, akademischen, noch weitgehend männlich bestimmten Gemeinschaft buchstäblich zu erkämpfen und fanden dabei zu dem, was sie als „selbstbewusstes Judentum“ verstanden. Die Übernahme der deutsch-studentischen Formen des Verbindungsstudententums – dessen aktiver Beitrag zum Aufstieg des Nationalsozialismus vielfach untersucht worden ist – trug somit gerade zu einer Bewusstwerdung dessen bei, was ihre spezifisch jüdische Zugehörigkeit ausmachte. Als deutsche Studenten fochten, tranken und sangen sie – und füllten gleichwohl diese Formen mit jüdischen Themen und teilweise national-jüdischer Agitation – als jüdische Männer bauten sie nach dem Zusammenbruch des Verbindungslebens in Deutschland an neuen Orten neues jüdisches Leben auf – und behielten vielfach, dem verbindungsstudentischen Lebensbundprinzip gemäß, bis ins hohe Alter den commentmäßigen Habitus bei.
Miriam Rürup, Ehrensache
Jüdische Studentenverbindungen an deutschen Universitäten 1886-1937, Göttingen 2008, 433 f.
Die ersten Christen waren Juden

Der Satz „Die ersten Christen waren Juden“ gilt wohl für alle Autor*innen des Neuen Testamentes. Was heißt das für die Beziehungen von Juden und Christen, von judenfeindlichen Äußerungen im Neuen Testament? Zunächst einmal so viel: Es sind zumeist feindliche Äußerungen einer jüdischen Gruppe gegenüber einer anderen mit jeweiligen Ausschlussforderungen und Ausgrenzungsargumenten.
Diese innerjüdischen Argumente werden in der Hand der dann spätestens seit dem 4. Jahrhundert sich als nichtjüdische Christen verstehenden Kirche, die zur Staatsreligion wird, zu Waffen gegen das Judentum, das sich dem christlichen Glauben nicht anschließt. An diesen drei Beispielen lässt sich sehen, dass Judenfeindschaft auf einem Selbstbild aufbaut. Dieses kirchliche Selbstbild kann schwer seine eigene Bedingtheit im Judentum und seine Angewiesenheit auf das Judentum akzeptieren. Der schwer zu akzeptierende Umstand, sich nicht einstellen wollender spürbarer und sichtbarer „Erlösung“ wird dem Unglauben der Juden zugeschrieben. Sie werden zu den prototypischen Ungläubigen, die gerade dadurch den Glauben der Christen bestätigen. Nicht mehr der Glaube wird bewiesen, sondern der Unglaube der anderen.
Diese Figur der Projektion verweist einmal mehr darauf, dass es im Antisemitismus nicht um irgendeine reale Eigenschaft oder historische Beschreibung von Juden, sondern um die Sicherung und Entwicklung eines christlichen oder dann in Folge bzw. parallel nationalen, kulturellen Selbstbildes geht. Im Kern ist also die Judenfeindschaft getragen von einem Selbstbild, das alles Ambivalente und/oder Negative bis hin zu dem eigenen permanent drohenden Fall in den Unglauben, weil eben im biblisch radikalen Sinne so wenig zu sehen ist von einer positiven Veränderung der elt, anderen zuweist und es an ihnen auch bekämpft oder im wahrsten Sinne des Wortes exekutiert.
Christian Staffa, Antisemitismuskritik in Kirche und Theologie heute, S. 4 (überarbeitete Fassung eines Artikel, der erschien in: Fragiler Konsens, M.Mendel, A.Messerschmidt Frft.a.M. 2017, S.171-186.)
Hoffnung auf das Heil der Welt

Christen und Juden sollen und können gemeinsam eintreten für das, was in der hebräischen Sprache „schalom“ heißt. Dies ist ein umfassender Begriff, der Frieden, Freude, Freiheit, Versöhnung, Gemeinschaft, Harmonie, Gerechtigkeit, Wahrheit, Kommunikation, Menschlichkeit bedeutet. „Schalom“ ist dann in der Welt Wirklichkeit, wenn alle Beziehungen untereinander endlich in Ordnung sind, die Beziehungen zwischen Gott und Mensch und von Mensch zu Mensch. Es darf kein völkisch beschränktes Friedensideal mehr geben. Gott will keine „eisernen Vorhänge“! Was in der Heiligen Schrift Israels in der Lehre von der Gottebenbildlichkeit eines jeden Menschen angelegt ist, will durch das Evangelium Wirklichkeit in der ganzen Welt werden: dass alle Menschen sich als Brüder erkennen. Deshalb können sich Religionen nicht mehr mit bestimmten politischen Systemen identifizieren. Judentum und Christentum sollen gemeinsam und unentwegt am uneingeschränkten Frieden in aller Welt intensiv mitarbeiten.
Der Mensch ist von sich aus nicht in der Lage, die Welt ins endgültige Heil zu führen. Das vermag Gott allein; so ist es die Überzeugung der gläubigen Juden und Christen. Die Erfahrung der Geschichte steht ihnen dabei zur Seite. Die Welt kommt weder durch Evolution noch durch Revolution ins endgültige Heil. Die Evolution schafft „Natur“, aber nicht „Heil“. Nur Gott führt die Welt ins endgültige Heil. Er schafft und schenkt den „neuen Himmel und die neue Erde“, auf die Juden und Christen gemeinsam warten (Jes 65,17; 66,22; Offb 21,1).
Der Apostel Paulus hat das letzte Ziel aller Geschichte und Heilsgeschichte in 1 Kor 15,28 in klassischer Kürze auf die Formel gebracht: „Gott alles in allem“. Dieser Formel können Juden und Christen zustimmen. „Gott alles in allem“: Das besagt: Am Ende kommen Gott und das Gott-Sein Gottes und die Universalität des Heils allenthalben voll zur Geltung. „Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod“ (1 Kor 15,26). Darin wird sich jener Gott offenbaren, den Israel, Jesus und die Kirche verkünden: Er wird die Toten erwecken und so seine unüberwindliche Macht zeigen. „Wir erwarten die Auferstehung der Toten und das Leben der kommenden Welt.“ Das in der Öffentlichkeit aller Welt zu bezeugen, ist gemeinsame Aufgabe von Christen und Juden.
Aus der Erklärung der deutschen Bischöfe, Über das Verhältnis der Kirche zum Judentum, 1980