Vergessene Kulturzeugnisse
Auf Judenwegen waren jüdische Viehhändler und Hausierer einst unterwegs, trugen Juden ihre Verstorbenen zu den jüdischen Friedhöfen, um sie dort zu begraben. Auf einen dieser vergessenen Wege, bei Altenkunstadt in Oberfranken, hat Kb Christan Porzelt (Ma, Urb) kürzlich ein Kamerateam des Bayerischen Rundfunk begleitet. Der Bericht war am 2. Mai in der Frankenschau des BR zu sehen (www.ardmediathek.de/video/frankenschau/der-judenweg-bei-altenkunstadt). Es war nicht nur eine Begegnung mit einem jüdischen Friedhof und einer ehemaligen Synagoge, sondern auch mit früheren jüdischen Wohnsitzen und Spuren eigener Vorfahren.
Christian Porzelt stammt aus Kronach. In seinem Studium hat er sich unter anderem mit jüdischer Geschichte beschäftigt. Seine Urgroßmutter hat als Kind in den 1920er Jahren noch die jüdischen Kaufleute und Viehhändler in der Region rund um Kronach und Burgkunstadt gekannt. Ihre Erzählungen haben sein Interesse an jüdischem Leben in Oberfranken geweckt.
Denn rund um Burgkunstadt in Oberfranken ist viel jüdische Geschichte zu erkunden: Burgkunstadt war Rabbinatssitz, damit wichtig für die jüdische Bevölkerung in der Region und hatte selbst einen hohen jüdischen Bevölkerungsanteil.
Besondere Bedeutung hatte auch der bei Burgkunstadt gelegene Verbandsfriedhof, mit mehr als 2000 erhaltenen Grabsteinen einer der größten Frankens Dass dieser außerhalb einer Ortschaft liegt, ist typisch: nichts anderes erlauben die jüdischen Religionsgesetze, zudem habe man für Grabstätten, „oft auch Grundstücke zugewiesen bekommen, die eben sehr schlecht waren, Hanglage hatten und landwirtschaftlich auch nicht nutzbar waren.“
Die Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof erzählen Geschichten aus der Region am Obermain - etwa von der Familie Pretzfelder, die um 1900 eine Schuhfabrik eröffnete, die als Wohnhaus erhalten ist. Denn jüdische Bürger waren maßgeblich beteiligt an der Industrialisierung in der Region. Bei seiner Erforschung jüdischer Regionalgeschichte stieß Historiker Christian Porzelt auch auf Spuren eigener Vorfahren: Der Wohnsitz der jüdischen Familie Mack etwa wurde „vor 200 Jahren von meinem „Vierfach“-Urgroßvater gebaut.“ berichtete er. „Der war Baumeister. Einer seiner ersten Bauaufträge war dieses imposante Haus.“ Neben wohlhabenden gab es unter den jüdischen Bürgern auch Mittelstand und ärmere Leute, bis hin zu Bewohnern eines Armenhauses - gerade wie im christlichen Bevölkerungsteil.
Die ehemalige Synagoge in Altenkunststadt ist von einer Interessengemeinschaft renoviert worden, und dient heute als Veranstaltungsort. Eine Ausstellung gibt Einblicke in die jüdische Geschichte und Kultur.
Judenwege umgingen Zollstationen oder Orte, die Juden nicht betreten durften. So war der Judenweg, der Altenkunstadt und Burgkunstadt mit Bamberg verband, „ein Weg, der dem Volksmund nach an fünfzig Ortschaften vorbeiging, aber durch keine durch.“ Sicher muss es dort nicht immer zugegangen sein: 1670 etwa wurden auf dieser Strecke zwei Juden auf dem Heimweg von der Bamberger Messe erschlagen, berichtete Kb Christian Porzelt. Insgesamt aber waren Judenwege schnelle Verbindungen zwischen Stadt und Land und eine kreative Reaktion einer Minderheit auf die Hürden, die ihr wirtschaftlich, gesellschaftlich aber auch ihrer Religionsausübung entgegengesetzt wurden. Heute gilt es, diese Zeugnisse einer Kultur, deren Träger vertrieben und umgebracht wurden, wieder zu entdecken.
R.N.

