Im Kölner Klingelpütz wurde Leo Trouet zu Tode gefoltert
Als sich im Herbst 1944 alliierte Truppen der Stadt Eupen näherten, schlug die Gestapo brutal um sich: In einer Nacht- und Nebelaktion am 11. September nahmen ihre Schergen eine Reihe von Personen fest, die als Gegner der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft bekannt waren. Einer der Inhaftierten war der Rechtsanwalt Kb Leo Trouet. Er wurde ins Kölner Stadtgefängnis Klingelpütz verschleppt, dort erlag er in der Nacht vom 2. auf den 3. November 1944 den Folgen der Misshandlungen durch die Gestapo. Trouet wurde 57 Jahre alt.
Als Leo Maria Trouet am 6. April 1887 als Sohn eines Lederfabrikanten das Licht der Welt erblickte, war sein Geburtsort Malmedy nur wenige tausend Einwohner groß, jedoch von einer reichen Geschichte geprägt. Malmedy, in den Jahren 648/650 gegründet, besaß viele Jahrhunderte eine reichsunmittelbare Benediktinerabtei, die zusammen mit Stablo ein Doppelkloster bildete und für ihre reiche Kultur weit über die Grenzen des Hohen Venn bekannt war. Die dortige Kirche, zwischen 1775 und 1784 erbaut, diente seit 1819 als Pfarrkirche und wurde in der Zeit von 1921 bis 1925 sogar zur Kathedralkirche des kurzzeitigen Bistums Eupen-Malmedy erhoben.
Zu Leos Kindheit gehörte Malmedy noch zum Erzbistum Köln, wo seit 1885 Erzbischof Krementz Oberhirte war. Zur Kindheit Leos ist wenig bekannt. Erste Spuren führen an das Städtische Gymnasium der Stadt Euskirchen, also an das frühere Augusta-Victoria-Gymnasium, das später in Emil-Fischer-Gymnasium umbenannt wurde: Dort war Leo Trouet ab 1904 als Oberschüler registriert.
Lediglich drei Jahre war Leo Trouet Schüler dieses Gymnasiums, in einer Zeit, als sein Vater schon verstorben war. Am 17. Dezember 1906 bewarb er sich mit acht weiteren Schülern zum Abitur. Das „Zeugnis der Reife“, am 25. Februar 1907 ausgestellt, weist zumeist die Noten „befriedigend“ und „genügend“ aus. Was die katholische Religionslehre betrifft, so heißt es: „Seine Kenntnisse in der Kirchengeschichte, Glaubens- und Sittengeschichte sind genügend“. In der Rubrik „Charakteristik des Abiturienten“ heißt es: „Sittliche Haltung befriedigend, Leistungen genügend. Reife: zweifellos“. „Betragen und Fleiß waren befriedigend“. Aufschlussreich erscheint sodann der Hinweis, welchen Berufsweg Leo Trouet einzuschlagen gedachte: „Bankfach“. Doch es sollte anders kommen.
Die engere Heimat wechselt den Staat
Zunächst begann Trouet an der Univer-sität München mit dem Studium der Jurisprudenz. Seine Verbundenheit mit dem katholischen Glauben zeigte sich unter anderem in seiner Mitgliedschaft bei Rheno-Bavaria in München und in Berlin, wo er 1908/09 aktiv bei Guest-phalia war. In Bonn trat er im Sommersemester 1909 der Arminia bei, in der er sich 1910 philistrieren ließ. Nach dem Abschluss seines Studiums wurde Trouet 1912 Referendar in Köln, zwei Jahre später in Aachen. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs unterbrach er seine Referendartätigkeit, weil er als Soldat mit in den Krieg zog. Spätestens im März 1917 war er jedoch wieder im Assessorenamt, zunächst in seinem Geburtsort Malmedy. Im Juni 1920 war er Gerichtsassessor in Aachen. Wenig später kehrte er allerdings in seine engere Heimat zurück, die seit dem 10. Januar 1920 belgisches Staatsgebiet war. Der Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 hatte die Landkreise Eupen und Malmedy vom Deutschen Reich gelöst und vorbehaltlich des positiven Resultates einer Volksbefragung an Belgien angeschlossen.
Am 20. Januar 1920 wurde Erzbischof Sebastiano Nicotra, Apostolischer Nuntius in Brüssel, für die Dauer von sechs Monaten Apostolischer Administrator für Eupen-Malmedy, ohne die beiden Landkreise aus dem Kölner Diözesanverband zu lösen. Am 30. Juli 1921 wurden diese mit der Errichtungsbulle „Ecclesiae universae“ ein eigenes Bistum, allerdings mit der Person des Bischofs von Lüttich vereint. Nach knapp vierjährigem Bestehen wurde das Kleinbistum durch die Bulle „Litteris Apostolicis“ vom 15. April 1925 wieder aufgehoben und sein Territorium ausschließlich an Lüttich angeschlossen.
Am 03. September 1920 heiratete Trouet die aus dem Großherzogtum Luxemburg stammende Maria Christina Laure Lamby (03. Juli 1891 bis 05. Dezember 1976). Aus dieser Ehe gingen zwei Söhne und eine Tochter hervor.
Zweifel an Trouets „belgischer Einstellung“
Im Jahre 1922 wurde Trouet Gerichts-assessor in Eupen, wo er zugleich als Rechtsanwalt und Notar tätig war. Darüber hinaus gehörte er bald ebenfalls dem Stadtrat von Eupen an, war zeitweise Erster Schöffe und wurde 1927 von der Katholischen Partei zum Bürgermeister vorgeschlagen. Eupen, am Nordrand des Hohen Venns gelegen, war eine ostbelgische Kleinstadt. Dass die belgische Regierung den Katholiken Trouet nicht akzeptierte, weil angeblich Zweifel an seiner „belgischen Einstellung“ bestanden, die Stadtratsmehrheit jedoch keinen anderen Kandidaten benennen wollte, führte zu einem politischen Skandal. Trouet musste schließlich zurücktreten, obwohl die Mehrheit des Eupener Stadtrats auf seiner Seite stand.
Nach der Annexion von Eupen-Malmedy durch das Deutsche Reich am 18. Mai 1940 verhielt sich Trouet politisch eher zurückhaltend. Gleichwohl ist davon auszugehen, dass sein Name offenbar auf einer Liste von Bürgern stand, die den Machenschaften des Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden. Trouet, für den es keine Koexistenz mit dieser Ideologie geben konnte, wusste, wie sehr diese darauf aus war, den Menschen in seiner Gänze zu beanspruchen. Genau diese Sinnspitze hatte einst Roland Freisler, der Präsident des Volksgerichtshofes in Berlin, dem Angeklagten Helmuth James Graf von Moltke, thematisiert, als er ihm entgegenschleuderte: „Herr Graf, eines haben das Christentum und wir Nationalsozialisten gemeinsam, und nur dies eine: wir verlangen den ganzen Menschen!“
In Eupen existierte ein Kreis von praktizierenden Katholiken, der schon seit der Besetzung Belgiens in aller Offenheit gegen die Machenschaften der Nazis agierte. Als die Alliierten am 9. September 1944 vor dem Einmarsch der Stadt Eupen standen, kam es zu einer stärkeren Aktivität der Katholiken um Trouet. Diese Aktivität, die mit der steigenden Nervosität bei den Nazis und insbesondere bei der Gestapo gepaart war, erklärte die Nacht- und Nebelaktion am 11. September 1944, bei der Trouet mit vielen weiteren Eupener Frauen und Männern von Angehörigen der Partei und der Polizei verhaftet wurde. Diese Aktion diente der Säuberung des Frontgebietes von Widerstandsleistenden, Andersdenkenden und unangenehmen Zeitgenossen.
Inhaftiert im Kölner Klingelpütz
Die Geheime Staatspolizei brachte Trouet nach Köln, wo er in das Gefängnis Klingelpütz verschleppt wurde. Der Klingelpütz war vor allem eine zentrale Hinrichtungsstätte für die Sondergerichte. Allein im Jahr 1944 betrug die Zahl der Gefangenen mehr als zehntausend Personen. Dort wurde Trouet grausam misshandelt. In der Folge dieser Torturen verstarb er in der Nacht vom 2. auf den 3. November 1944. Ebenda wurde 1979 ein Gedenkstein enthüllt, mit folgender Aufschrift: „Hier wurden von 1933 bis 1945 über tausend von der nationalsozialistischen Willkürherrschaft unschuldig zum Tod Verurteilte hingerichtet“.
Mit weiteren Opfern wurde Trouet auf den Kölner Westfriedhof überführt. Nach Angaben des Begräbnisbuches des Westfriedhofs Köln-Bocklemünd starb er am 7. November 1944. Seine sterb-lichen Überreste wurden zusammen mit einer Gruppe weiterer Opfer der Geheimen Staatspolizei beigesetzt. In dem von einer Mauer eingefriedeten Eingangsbereich zu dem Gestapofeld, das als zentrale Gedenkstätte für die Opfer der NS-Herrschaft hergerichtet wurde, ist zu lesen: „Zum ehrenden Gedächtnis der hier bestatteten Opfer der Gewaltherrschaft und des Krieges 1939 bis 1945.“ Auf dem Gräberfeld lautet die Inschrift einer Gedenkplatte: „Hier ruhen als Opfer der Gestapo 780 Angehörige verschiedener Nationen“.
In der Region rund um Euskirchen gehört Leo Trouet zu einer ganzen Reihe mutiger Menschen, die für ihre Über-zeugung und im Kampf gegen die NaziGewaltherrschaft ihr Leben ließen, Menschen wie Willi Graf, Joseph Roth oder der Kuchenheimer Schriftsteller Heinrich Rusten, der ebenfalls im Kölner Klingelpütz saß.
Der katholische Glaube prägte Leo Trouet tief
Der KV zählt Trouet zu seinen Blutzeugen; mehr noch: Kb Dr. Wolfgang Löhr schrieb dazu: „Der Kartellverband katholischer deutscher Studentenvereine betrachtet es seit seiner Wiederbegründung nach dem Zweiten Weltkrieg als eine Ehrenpflicht, seine Kartellbrüder, die aus ihrer christlichen Überzeugung heraus während des NS-Regimes Opfer des Terrors geworden sind, nicht zu vergessen.“ An anderer Stelle ergänzt er: „Die Herausgeber des vorliegenden 3. Teils des ´Biographischen Lexikons des KV` waren (...) besonders bemüht, den Anteil katholischer Widerständler gegen den Nationalsozialismus zu dokumentieren. Wenn in diesem Band von 85 Personen fast dreißig Prozent KVer enthalten sind, die in Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus durch ihn verdrängt, verfolgt oder vernichtet wurden, mag dies zumindest annähernd verdeutlichen, welchen (Blut)Zoll deutsche Akademiker zwischen 1933 und 1956 entrichtet haben“.
Georg Kiesel, ein Zeitzeuge, legte bei einer Befragung 1998 auf die Feststellung Wert, dass Trouet in seinem Leben eine „tiefreligiöse Einstellung gehabt habe“. Die Tochter Trouets bestätigte das vor-stehende Lebensbild und bezeichnete es als „authentisch“.
Helmut Moll


Hinweis:
Der Text ist entnommen dem zweibändigen Werk „Zeugen für Christus. Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts“, herausgegeben von Prälat Prof. Dr Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 7. überarbeitete und aktualisierte Auflage 2019. Wir veröffentlichen ihn leicht bearbeitet mit freundlicher Genehmigung des Verlags Ferdinand Schöningh, Paderborn
Leo Trouet
Nach dem Abitur am Gymnasium in Euskirchen studierte Leo Trouet Jura in München, wo er 1907/08 Mitglied der Rheno-Bavara war und in Berlin, wo er 1908/09 aktiv bei Guestphalia war.
In Bonn trat er im Sommersemester 1909 der Arminia bei, in der er sich 1910 philistrieren ließ.
Nach dem Studium war er 1912 Referendar in Köln, 1914 in Aachen. Auch nahm Trouet am Ersten Weltkrieg teil, war aber spätestens im März 1917 wieder im Assessorenamt, und zwar in Malmedy. Im Juni 1920 war er Gerichtsassessor in Aachen, kehrte aber bemerkenswerterweise in seine engere Heimat - Eupen-Malmedy - zurück, obwohl dies am 10. Januar 1920 belgisch geworden war. 1922 war der Gerichtsassessor Trouet in Eupen-Klinkeshöfchen auch als Rechtsanwalt und Notar tätig. Trouet war verheiratet mit der aus Luxemburg stammenden Maria Christina Lamby, mit der er drei Kinder hatte.
In Eupen hatte Trouet kommissarisch zunächst das Amt des Bürgermeisters inne, doch wurde er von der aufsichtsführenden Behörde in Brüssel wegen „zu deutscher Gesinnung“ im Amt nicht bestätigt. Trouet musste zurücktreten, obwohl die Mehrheit des Eu-pener Stadtrats auf seiner Seite stand.
Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, kurz bevor amerikanische Truppen im September 1944 nach Eupen kamen, wurde Trouet am 11. September von der Geheimen Staatspolizei nach Köln in das Gefängnis „Klingelpütz“ verschleppt. Dort starb er infolge von Misshandlungen in der Nacht vom 2. auf den 3. November. Im Begräbnisbuch des Westfriedhofs Köln Bockelemünd ist Trouet unter dem 7. Dezember 1944 aufgeführt. Seine sterblichen Überreste liegen dort in einer Gruppe von Gräbern weiterer Opfer der Geheimen Staatspolizei.
Michael F. Feldkamp / Siegfried Koß in: Biographisches Lexikon des KV, Bd. 3. Eintrag über Leo Trouet, S. 115 f.