Anmerkungen zur Debatte um die Entschädigungsforderungen der Hohenzollern und um Demokratie und Nationalsozialismus

Mit den Entschädigungsforderungen der Hohenzollern steht sie wieder im Raum: die Frage, wer den Nazis mit zur Macht verhalf. Vielleicht auch das alte Herrscherhaus der Hohenzollern? Zusätzlich zu dem Streit um die Entschädigungsforderungen der Hohenzollern und um die Frage, ob diese „erheblichen Vorschub“ für die Errichtung der NS-Diktatur geleistet hätten, haben die neuen Demokratiebücher der Historikerin Hedwig Richter (Universität der Bundeswehr Neubiberg) auch eine Kontroverse über die Hintergründe der sogenannten „Machtergreifung“ Hitlers - der Historiker Heinrich August Winkler spricht von „Machtübertragung“ durch Hindenburg statt „Machtergreifung“ durch Hitler - bzw. das Verhältnis von Demokratie und Nationalsozialismus ausgelöst.

Auch wenn Historiker wie Andreas Wirsching, der Direktor des renommierten Münchner Instituts für Zeitgeschichte, und Heinrich August Winkler, Emeritus der Berliner Humboldt Universität, dies wohl nicht wahrhaben wollen: Selbstverständlich haben die Nationalsozialisten von der Berufung auf den demokratischen Volkswillen profitiert: Hitler bezeichnete sich in Reden als „Euer Sprecher“ und behauptete die Identität von Volk und „Führer“, Goebbels spielte die „germanische Demokratie“ gegen den ihm verhassten Liberalismus aus. Doch der „Volkswille“, von dem da die Rede war, sah weder Gewaltenteilung noch die Beachtung von Menschenrechten vor.

Dies erklärt, warum die genannten Historiker die Wahlerfolge der NSDAP am Ende der Weimarer Republik vernachlässigen: Seit 1932 war die NSDAP die stärkste Partei im Reichstag, am 5. März 1933 hatte Hitler zwar nicht allein, wohl aber seine Koalitionsregierung die absolute Mehrheit (NSDAP 44 Prozent, DNVP acht Prozent). Winkler und Wirsching lasten vorrangig den antidemokratischen Deutschnationalen die Verantwortung für Hitlers Ernennung zum Reichskanzler an. Doch hätte der widerstrebende Hindenburg Hitler nie zum Reichskanzler ernannt, wenn die NSDAP bei den zwei Prozent vor den Septemberwahlen 1930 (mit nun knapp 18 Prozent) verharrt hätte. Zum Sturz des letzten demokratisch gewählten Reichskanzlers Hermann Müller (SPD) kam es übrigens, weil dessen eigene Fraktion einen von Müller gebilligten Kompromiss zur Arbeitslosenversicherung ablehnte.

Auch war eine demokratische Alternative zu Hitler am Ende der Weimarer Republik unrealistisch geworden. Reichskanzler Schleichers Plan, Hitler zu verhindern durch Spaltung der NSDAP mithilfe der Strasser-Brüder, hätte auch nur zu einer autoritären, wenn auch nicht totalitären Regierung geführt.

Fazit: Nicht die politisch bedeutungslosen, von den Nationalsozialisten nicht ernst genommenen Hohenzollern haben Hitlers Diktatur „erheblichen Vorschub“ geleistet, sondern - leider! - die deutschen Wähler.

Dr. Wolfram Ender (Bsg)