Wenn Pater Tobias Breer morgens aufsteht, nimmt er entweder den hellen Habit des Prämonstratenserordens aus dem Schrank, oder eine Jeans und ein dunkles Hemd, berichtete neulich der WDR. Man könne aber davon ausgehen, dass er seine Laufschuhe dabei hat, denn seit fünfzehn Jahren ist er der Marathon-Pater aus dem Westen. Pater Tobias hat fast alle großen Marathons mitgemacht: Boston und New York, Chicago, Berlin und Hamburg. Sogar die Wüste hat er durchquert: Sechs Tage war er unterwegs beim  172 Kilometer langen Oman-Desert Marathon.

Leben ist ein Langstreckenlauf

Bis er Horst Preisler erreicht hat, der beim Berlin-Marathon 2000 als erster Mensch glorreich seinen tausendsten Marathon absolvierte, muss der Pater aus dem Ruhrgebiet wohl noch ein paar Mal an den Start treten. Immerhin hat er bis Ende März 111 Marathons geschafft und Mitglied im 100-Marathon-Club ist er auch.     

Viel wichtiger ist jedoch, dass seine Mitmenschen Nutzen von der Lauf-Passion des Prämonstratenser-Paters haben. Denn pro gelaufenem Kilometer sammelt Pater Tobias Spenden für sein 2007 gegründetes  Projekt „Lebenswert“. Es ist eine Beratungsstelle mit Sozialcafé, syrisch-deutschem Restaurant und Kinderhilfswerk mit insgesamt neunzehn Mitarbeitern.

Über diese Arbeit, über sich, über das Laufen und wie das alles zusammenhängt, hat Pater Tobias zusammen mit der Autorin Jutta Hajek das Buch „Der Marathonpater“ verfasst. Im April ist es erschienen.

Pater Tobias lebt im Prämonstratenserkloster von Duisburg-Hamborn und arbeitet als Priester in einem sozialen Brennpunkt: im Duisburger Stadtteil Neumühl. Dort ist die Arbeitslosigkeit doppelt so hoch wie im übrigen Deutschland.

Von Armut bedrohte Alleinerziehende leben hier, ebenso Familien mit vielen Kindern und wenig Geld. Hinzu kommen Langzeitarbeitslose ohne Chance auf Rückkehr auf den Arbeitsmarkt, Hartz-4-Aufstocker, die auf keinen grünen Zweig kommen, Menschen mit Migrationshintergrund, Alte, deren Rente kaum zum Leben reicht, oft allein und isoliert. Fast jedes zweite Kind ist von Armut bedroht. Das bedeutet: wenig Geld für gesundes Essen, für Bildung, Sport und Musikunterricht, für Ausflüge und Freizeiten.

Dieser Not setzt der Pater mit seinem Hilfswerk etwas entgegen: Es gibt ein Café für Menschen, die allein und einsam sind. Es gibt Hilfsangebote für Kinder, deren Familien sich Kleidung oder Behandlungskosten kaum leisten können. Regelmäßig wird zu einem gesunden Schulfrühstück für Grundschulkinder eingeladen. Denn in vielen Familien gibt es kein gemeinsames Frühstück mehr und die Kinder kriegen Geld, um sich etwas zu essen zu kaufen. Selten ist das, was sie sich kaufen, gesund. Auch werden Kochkurse angeboten. Schwimmkurse werden möglich gemacht, denn immer weniger Kinder können heute schwimmen.

Und es gibt Beratung für Bedürftige, die sich im Labyrinth von Hartz-4-Bestimmungen, Wohngeld und Jugendamt nicht zurechtfinden - und das „verschwiegen und auf Augenhöhe”, wie es in einem Prospekt heißt. Im syrisch-deutschen Restaurant kochen und servieren einstige Flüchtlinge, einige laufen sogar gemeinsam mit dem Pater Marathon - nicht selbstverständlich „in einem Stadtviertel, in dem die Stimmung kippt und die AfD bei der letzten Bundestagswahl mit fast dreißig Prozent stärkste Partei war“, wie die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ) neulich schrieb.

Das alles muss finanziert werden.
Eine Finanz-Säule bilden die Läufe von Pater Tobias, denn dabei lässt er sich sponsorn. Begonnen hat das, als er zum zweiten Mal beim Berlin-Marathon starten wollte. Damals trieb den Pater die Frage nach der Finanzierung seiner Hilfsangebote um: Das sei ein echtes Dilemma gewesen, schreibt er in seinem Buch. Einerseits sah er, wie die Arbeit Frucht brachte und Menschen Hoffnung und Perspektiven gewannen. Andererseits wurde es immer schwieriger, die Kosten dafür aufzubringen, und er fragte sich: „Muss ich die Arbeit am Ende wieder einstellen? Nur wegen so etwas banalem wie Geld?“

Wer etwas bewegen will, muss sich bewegen

„Was würde Jesus tun?“ fragte sich der Pater. Die Antwort: Jesus würde sich auf seine Möglichkeiten besinnen und handeln. (Dass dies mehr sein kann, als man vorher erwartet, hat die Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung gezeigt.) Wegrennen, aufgeben, würde Jesus aber bestimmt nicht. So besann sich auch Pater Tobias auf seine Möglichkeiten. Da war der Laufsport, den er seit einiger Zeit betrieb, um fit zu bleiben. Warum sollte er dieses Hobby nicht einsetzen, um  Menschen in Not zu helfen?

Ein Läufer erzählte ihm, dass er nicht nur aus Lust am Laufen unterwegs sei, sondern die Leute auffordere, für jeden Kilometer, den er beim nächsten Marathon laufe, zu spenden. Das erlaufene Geld komme einem guten Zweck zugute. Keine schlechte Idee, fand Pater Tobias. Ohnehin hatte die Tatsache, dass ein Ordensmann Marathon lief, für Aufsehen gesorgt. Pater Tobias machte sich den Trubel um seine Person zu nutze, entwickelte für den Berlin-Marathon eine Spendenaktion „Jeder Kilometer zählt“ und schickte an Medien eine Pressemitteilung: „Pater Tobias läuft. Ihr spendet.“                          

Die Idee kam an. Zeitungen berichteten über den „Lauf-Pater“ und sein Projekt. Interessierte Leser sollten angeben, welche Summe sie spenden wollten. Außerdem schrieb der Pater Unternehmen in der Region an und druckte auf dem Flyer für seine Spendenaktion die Namen der Firmen ab, die seiner Bitte schon gefolgt waren. Der Effekt: Weitere Firmen schlossen sich an.     

Auf diese Weise hatte der Pater bei seinem Start zum Berlin-Marathon Spenden-Zusagen für 8000 Euro zusammen. Es muss ihn beflügelt haben: „Schon nach wenigen Kilometern merke ich: Das wird ein guter Lauf. Und ich schaffe es souverän. (...) Eine schönere Art, Geld für arme Menschen in Duisburg zu sammeln kann es gar nicht geben.“, heißt es in seinem Buch.

Auf dem Cover des Buches „Der Marathonpater“ strahlt einem Pater Tobias in Prämonstratenser-Habit und Sportschuhen fröhlich entgegen. Man erfährt von dem Jungen, der auf dem Bauernhof seiner Eltern im Münsterland kräftig mit anpackte, 1979 eine Ausbildung zum Groß- und Einzelhandelskaufmann begann, in einem Autohaus arbeitete, sich schließlich entschloss, Priester zu werden und bei den Prämonstratensern im Kloster von Duisburg-Hamborn eintrat.

Ohne Brüche lief dieser Weg nicht ab. Seine Mutter verstarb mit 56 Jahren, da war er gerade fünfzehn Jahre alt. Sechs Jahre habe er nicht mehr an Gott glauben können, berichtet der Pater. Die Wende kam, als sich sein Heimatpfarrer zusammen mit ihm bemühte, zu verstehen, was geschehen war. Und da kam er auch auf die Idee, Priester zu werden. Auch beim Abfassen des Buches flossen Tränen, berichtete Pater Tobias später im ZDF. Verdrängte Erinnerungen meldeten sich zurück.

All diese Erinnerungen ranken sich in dem Buch um das bisher größte Abenteuer des Paters: den 172-Kilometer langen Lauf durch die Wüste des Oman, vorbei an riesigen Sanddünen, durch ein Gelände, in dem Skorpione und Giftschlangen lauern und mit einer langen Nacht-Etappe durch die Dunkelheit. Einerseits brachte dieser Wüstenlauf, weil er so extrem war, besonders viele Spendengelder ein: 26.000 Euro. Andererseits war dieser Lauf am Rand der völligen Erschöpfung auch eine tiefe Grenzerfahrung - und ein spirituelles Erlebnis und das in mehrerer Hinsicht.

Denn beim Laufen zeigt sich rasch, wie wenig der Mensch unserer Tage auf sich achtet und auf das, was ihm gut tut - im Gegenteil: Das Lebensgefühl von heute trägt vielfach unmenschliche, selbstbetäubende Züge: Man hat Angst vor Krebs und raucht dennoch weiter. Man fürchtet sich vor dem Versagen und putscht sich auf. Man „hat es geschafft“ und das Leben wächst einem über den Kopf. Man beschwichtigt seine Angst, ertränkt sie in Alkohol und erstickt sie im großen Fressen, verjagt sie durch noch größere Arbeitswut - und weiß doch, dass dies die Angst höchstens steigert.

Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft

In dieser verstrickten Situation scheint uns „unser besseres Ich“ zu sagen: „Lauf dich gesund, lauf dem Herzinfarkt, dem Übergewicht, der Angst und den Depressionen davon!“ Der amerikanische Sport-Journalist James Fixx hat Laufen deshalb auch als Begegnung mit den eigenen Wurzeln beschrieben: „Wir spüren, was wir erlebt hätten, wenn wir vor zehntausend Jahren gelebt, Früchte, Nüsse und Gemüse gegessen und unsere Herzen, Lungen und Muskeln durch dauernde Bewegung trainiert hätten. Beim Laufen stellen wir fest, was der moderne Mensch vergessen hat: unsere Verwandtschaft mit den wilden Tieren und dem Urmenschen.“

Der legendäre tschechische Läufer Emil Zatopek hat diese Erfahrung in dem Satz zusammengefasst: „Vogel fliegt, Fisch schwimmt, Mensch läuft.“ So gesehen steckt im Laufen ein spiritueller Impuls: „Sei wieder so, wie du gemeint warst: ein von Gott geliebter Mensch - und handle menschlich gegenüber Dir selbst und Deinen Mitmenschen!“

Etwas zweites kommt hinzu: Der amerikanische Franziskaner Richard Rohr hat gesagt, dass sich das Ostermysterium, die Auferstehung Christi, verstehen lasse, wenn jemand selbst Ähnliches erlebt hat, selbst einmal den Boden unter den Füßen ver-loren hat und erfährt, dass Gott den Menschen auffängt, so dass er am Ende lebendiger ist als zuvor.

Diese Erfahrung begegnet Marathonläufern regelmäßig bei Kilometer 35: an der kritischen Marke, wo sich der Stoffwechsel von Kohlenhydrat- auf Fettverbrennung umstellen muss.

„Der Mann mit dem Hammer ist da“, nennen Läufer diesen Augenblick völliger Erschöpfung: Die Beine sind bleischwer, die Zunge klebt am Gaumen, Herztöne mischen sich mit dem Zirpen im Trommelfell, der Wille verdampft: Warum noch weiterlaufen?

Meist hat der Körper sich nach zwei, drei Kilometern daran gewöhnt – und man läuft mit neuer, letzter Kraft ins Ziel. Aber wer in diesem Augenblick völliger Schwachheit nur in sich selbst nach neuen Kräften sucht, wird schwerlich etwas finden. Jetzt kommt es auf die Hilfe von außen an, um weiter zu laufen: Man schaut in die Gesichter der Leute, die die Läufer anfeuern, nimmt den Rhythmus der Musikband auf - oder baut auf Gottes Hilfe.

Hier zeigt sich ein spiritueller Impuls: in dem Gefühl völliger Angewiesenheit bei gleichzeitiger Gewissheit, dass Hilfe nahe ist. Da wird Gott im Marathon erfahrbar.     

Das Buch „Der Marathon-Pater“ ist keine Sportlerbiographie und auch kein Ratgeber für angehende Langstreckenläufer, auch wenn Pater Tobias am Ende seines Buches noch Trainings- und Ernährungstipps ergänzt. Es macht aber Mut, sich den Problemen unserer Welt zu stellen und nach kreativen Lösungen zu suchen. Und es ermutigt, sich auf den Weg nach den eigenen Wurzeln zu machen und Gott dort zu finden, wo man ihn kaum vermutet: am Straßenrand, bei Kilometer 35.                 

Reinhard Nixdorf (Nm-W)