Domherr Prof. Dr. Bronislaus Wladislaus Switalski prägte als Hochschullehrer Generationen von Priestern im Ermland

Das Schicksal von Kb Bronislaus Wladislaus Switalski steht auch symbolisch da für viele deutsche Katholiken östlich von Oder und Weichsel, von denen viele dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstanden. Dennoch traf gerade sie der Untergang der Hitlerdiktatur besonders schwer, verloren sie doch ihre Heimat und oft, wie Professor Switalski, ihr Leben.

Switalskis Familie stammt aus der preußischen Provinz Posen. Dort, in Kankel bei Lissa, wurde er am 27. Juni 1875 als Sohn des Mathematiklehrers Martin Switalski und seiner Frau Elisabeth geb. Steslicka, geboren. Sein Vater wirkte seit 1890 am Braunsberger Gymnasium in Ostpreußen, seit 1898 zugleich als Lektor für Polnisch am Lyeum Hosianum. 1893 legte Bronislaus Switalski sein Abitur in Braunsberg ab und studierte dort bis 1897 katholische Theologie, anschließend, bis 1899, in München Philosophie, unter anderem bei Georg von Hertling. 1897 war er dem Münchener Akademischen Görres-Verein (seit 1922 Südmark) beigetreten. Am 10. September 1899 empfing er im Dom zu Frauenburg die Priesterweihe. 1900 promovierte er in München zum Doktor der Philosophie mit einer Arbeit über „Des Chalcidius Kommentar zu Platons Timaeus“.

Gründer einer der ersten katholischen Arbeitervereine im Ermland

Bis 1902 war er Kaplan in Allenstein, dort gründete Switalski einen der ersten katholischen Arbeitervereine der Diözese Ermland. 1902/03 wurde er zur Fortsetzung seiner Studien in Breslau beurlaubt. Dort wurde er Mitglied der Unitas. Ostern 1903 wurde er zum außerordentlichen, Ende 1907 zum ordentlichen Professor an die philosphische Fakultät des Braunsberger Lyceum Hosianum berufen. Von 1914 bis 1917 und nochmals 1926/27 amtierte er als Rektor der Hochschule (seit 1919 staatliche Akademie). „Ein sehr großer Teil des ermländischen Klerus hat zu seinen Füßen gesessen. Alles verstanden, was er sprach und schrieb, hat er freilich nicht; der Lehrer liebte es, tiefe Gedanken in schwieriger Sprache zu bieten“, schrieb B. Schwark 1950 in den Ermländischen Heimatbriefen.

Ein ähnliches Bild hat sich einem anderen seiner Schüler eingeprägt, dem späteren Domherren Kaminski: „Klein, rundlich, quicklebendig, oft lächelnd, dann wieder ernst schauend, betont autoritär; wie er versuchte, seine vielen und schweren Gedanken vor uns verständlich auszubreiten, was ihm oft - eben wegen seiner Gelehrsamkeit - nicht gelang“, schrieb dieser in einem Aufsatz, der ebenfalls (1974) in den Ermländischen Heimatbriefen erschien.

Durch eine Vielzahl von Veröffentlichungen erwarb sich Switalski einen Namen auch über das Ermland hinaus. Kardinal Karl Joseph Schulte beauftragte ihn 1922 mit der Einrichtung der Albertus-Magnus-Akademie in Köln. Die Veröffentlichungen dieses „Katholischen Instituts für Philosphie“ gab er bis 1927 heraus. Außerdem leitete er eine Außenstelle des Deutschen Instituts für Wissenschaftliche Pädagogik in Münster und war Mitglied der Görres- und Kantgesellschaft.

Neben seiner Tätigkeit in Wissenschaft und Lehre betätigte sich Switalski in der Zentrumspartei. Er war Stadtverordneter in Braunsberg und Mitglied - seit 1931 Vorsitzender - des

Verwaltungsrats der Ermländischen Verlagsgesellschaft. Sie gab die Ermländische Zeitung und das Allensteiner Volksblatt heraus, Zeitungen, die dem Zentrum nahestanden. Auf Zentrumsveranstaltungen trat Switalski auch als Redner auf, äußerte sich jedoch meist nicht unmittelbar parteipolitisch.

Früh warnte er davor, die Tragweite der nationalsozialistischen Bewegung zu unterschätzen, deren antichristlichen, insbesondere antikatholischen Charakter er klar herausstellte. Kurz vor der Auflösung des Zentrums im Sommer 1933 wurde wegen Verdachts auf staatsgefährliche Tätigkeit - wie bei vielen Parteimitgliedern - auch bei ihm eine Hausdurchsuchung vorgenommen.

Klare Reserve gegenüber den Nationalsozialisten

Schon im Herbst 1932 wurde Switalski zum Domherrn der Frauenburger Kathedrale ernannt. Wegen unterschiedlicher Auslegung des Preußischen Konkordats führte die Ernennung zu einem längeren Notenwechsel zwischen kirchlichen und staatlichen Behörden. Da er noch zwei Semester seine Lehr-tätigkeit an der Akademie fortführte, musste er mit ansehen, dass sich einige seiner Professorenkollegen offen zum Nationalsozialismus bekannten.

Bei ihm dagegen kam „seine Reserve gegen das nationalsozialistische Reich und die diesem eingeordnete Hochschule in Inhalt und Gestaltung seiner Lehrvorträge zum Ausdruck“, hieß es 1981 in einem erinnernden Artikel im Ermlandbuch. Als den Theologiestudenten der Besuch der Vorlesungen der im August 1934 vom Apostolischen Stuhl wegen abweichender Lehrauffassungen suspendierten Professoren Kb Karl Eschweiler (Süd) und Hans Barion verboten war, beauftragte Kb Bischof Maximilian Kaller (EM d Erm, Nm) Switalski, statt ihrer Kurse abzuhalten. „Er blieb auch in Frauenburg der Gelehrte (...) für sie. Auch fern der Wissenschaften bewahrte er sich die Verbindung mit den modernen Strömungen seines Fachs und imponierte auf wissenschaftlichen Priesterkonferenzen immer wieder durch seine Sachkunde“, schrieb B. Schwark über ihn.

In der Bistumsverwaltung hatte er das Dezernat für religiöses Unterrichtswesen inne. Außerdem war er Visitator des Religionsunterrichts an höheren Schulen und der weiblichen Ordensniederlassungen.

Er wollte seinen Gläubigen treu bleiben

Für Switalski war es ganz selbstverständlich, in Frauenburg zu bleiben. Über die letzten Stunden und den Tod des Domherrn liegt ein Augenzeugenbericht von Franz Birkhahn vor. Nachdem die Stadt beschossen worden war und viele Gebäude brannten, rückten am 8. Februar 1945 die Panzer der Roten Armee ein.

Von plündernden Soldaten aus seiner Kurie vertrieben, wurde der Domherr, an seiner Kleidung eindeutig als Priester erkennbar, zusammen mit anderen in einen Kartoffelkeller gesperrt und am folgenden Tag nach Verhören entlassen. Der Versuch, wieder in seine Kurie zu gelangen, scheiterte. Zusammen mit Birkhahn ging er zum Bischöflichen Palais auf den Domberg. Hier drohte man sie zu erschießen und zwang sie zur Umkehr.

Auf dem Rückweg versperrte ihnen ein Soldat den Weg und verständigte sich mit einem zweiten ganz jungen, der ihnen nun folgte. Plötzlich hörten sie den Befehl, stehen zu bleiben und sich an die Wand zu stellen. „Jetzt wussten wir (...), was uns bevorstand. Domherr Switalski nahm die Mütze ab, zog den Rosenkranz aus der Tasche und fing leise an zu beten (...). Sofort nach dem Schuss brach Domherr Switalski zusammen, ohne irgendeinen Laut von sich zu geben.“ Birkhahn kam mit dem Leben davon, weil das Gewehr versagte. Domherr Krause ließ den Leichnam in seinem Garten begraben. Im Jahre 1954 wurden die sterblichen Überreste von Switalski auf den Domherrenfriedhof.

Dorothea Triller

Bronislaus Wladislaus Switalski

Bronislaus Wladislaus Switalski Priester des Bistums Ermland geb. 27. Juni 1875 Kunkel b. Lissa (damals preuß. Provinz Posen), gest. 9. Februar 1945 Frauenburg

„Im Herbst 1932 ernannte Pius XI. Switalski zum residierenden Domkapitular in Frauenburg. Da die Ernennung bis Herbst 1933 staatskirchenrechtlich unwirksam blieb, war er verpflichtet, biszu diesem Zeitpunkt, kurz nach Errichtung der nationalsozialistischen Herrschaft, in Braunsberg Vorlesungen zu halten. Dabei zeigte er seine Reserve gegen das nationalsozialistische Reich und die diesem eingeordnete Hochschule in Inhalt und Gestalt seiner Lehrvorträge“, so Gerhard Reifferscheidt in den Ermlandbriefen. (...)

Als Ordinariatsrat war Switalski in der Bistumsverwaltung zuständig für das Unterrichtswesen und die weiblichen Ordensniederlassungen. Als Domkapitular war er Ökonom und - freilich wenig geforderter - Domprediger. Auch nach dem Wechsel vom Katheder zur Kathedra hielt Switalski Verbindung zu modernen Richtungen in der Philosophie und imponierte „redegewandt auf wissenschaftlichen Priesterkonferenzen immer wieder durch seine Sachkunde“, so B. Schwark.

Nachdem Frauenburg am 8. Februar 1945 von der Roten Armee eingenommen worden war, stellte Tags darauf ein ganz junger Soldat Switalski an die Scheunenwand seiner Domherren-Kurie und erschoss ihn. Es war der letzte Schuss aus der Waffe - als der Soldat auch Switalskis Begleiter erschießen wollte, versagten Pistole und Gewehr.“

Siegfried Koß, Biographisches Lexikon des KV, Bd. 1, S. 124, Eintrag Prof. Dr. Bronislaw Wladislaus Switalski