Religion als Prinzip der KStV Brisgovia in Freiburg

Als „Kulturkampf“ werden Auseinandersetzungen zwischen Staat und katholischer Kirche im 19. Jahrhundert in mehreren Staaten Europas und Südamerikas bezeichnet, die das Verhältnis zwischen Staat und Kirche neu ordnen wollten. Die staatliche Seite wollte eine liberale Politik und die Trennung von Staat und Kirche durchsetzen. Damals schlossen sich katholische Studenten und Akademiker in Gemeinschaften zusammen, die wissenschaftliche Forschung und Lehre mit religiöser Grundhaltung verbanden. Aus ihrer Arbeit entwickelte sich das katholische deutsche Studententum und damit der KV.

Spätestens seit den 1968er-Jahren schreitet die Liberalisierung un-serer Gesellschaft fort. Soziale Werte haben sich gewandelt. Aus dem Miteinander und Nebeneinander ist ein „Ich-Denken“ geworden, wie aktuell so manche Äußerung und Demonstration zu Covid19 zeigt. Im Mittelpunkt steht der einzelne mit seiner Freiheit, seinen Rechten, am Rand stehen die Belange und Notwendigkeiten, die eine Gemeinschaft vor Schaden bewahren. Glaube, Religion und daraus hervorgehende Überzeugungen werden aus dem Alltag verdrängt.

Viele junge Menschen leiden deshalb an Orientierungslosigkeit, am Fehlen von Werten, für die es sich lohnt, zu leben. Depressionen und Suizide nehmen zu. Hier sollten katholische Studentenverbindungen Alternativen aufzeigen, Wege zu einem erfüllten Leben zeigen und diese auch gehen.

Werte des Lebens

Die Väter des Grundgesetzes schrieben fest: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Jeder hat das Recht auf  Leben und körperliche Unversehrtheit. Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ (1)

Diese Grenzen werden immer weniger beachtet. Papst Franziskus schreibt in seiner Enzyklika „Laudato si“: „Ich möchte daran erinnern, dass die „klassischen religiösen Texte für alle Zeiten von Bedeutung sein können. […] Ist es vernünftig und intelligent, sie (die ethischen Grundsätze) in die Verborgenheit zu verbannen, nur weil sie im Kontext einer religiösen Überzeugung entstanden sind?“ (2)

Reinhard Haller analysiert die Situation in seinem Buch „Das Wunder der Wertschätzung“ folgendermaßen: „Eine seltsame Wertschätzungsblockade hat sich über unsere Gesellschaft gelegt. Emotionale Kühle, Geringschätzung, destruktive Kritik, Zynismus […] Die Sprache hat sich radikalisiert. […] da werden Randgruppen diskriminiert, Andersdenkende verlacht und Benachteiligte verachtet. Coolness ist in, Abgebrühtheit erstrebenswerter Persönlichkeitszug und Egozentrik gesellschaftliches Ideal.“ (3)

Haller bezeichnet den Zeitgeist als „narzisstisch“. Belege sind der zunehmende Drogenkonsum - auch durch Studierende - oder der wenig schätzende Umgang mit der Natur.  

Papst Franziskus hat bei seiner Wahl 2013 festgestellt: „Die Übel, die sich im Laufe der Zeit in den kirchlichen Institutionen – und auch in weltlichen Bereichen (4) - entwickeln, haben ihre Wurzeln in der Selbstbezogenheit.“

Reinhard Haller nennt als weitere Ursache für den Niedergang der Wertschätzung die Digitalisierung der Kommunikation: „Hinter den grandiosen Möglichkeiten der Vernetzung und des Informationsaustausches bleibt die emotionale Komponente auf der Strecke. […] Auch allerbeste Programme bieten keine ganzheitliche Erfassung des Menschen .“ (5)

Studentenverbindungen sollten den einzelnen aus der Anonymität unserer Gesellschaft und dem sterilen, stressigen Studienbetrieb herausholen, ihm Heimat und Geborgenheit geben und ihm zeigen, dass er wertvoll, einzigartig und angenommen ist. Das zeigt sich am Umgang miteinander und an der Kommunikation in der Gemeinschaft. Dabei kommt es auf die innere Antenne und das Gespür dafür an, wie es dem Anderen geht. Ich durfte das beim Stiftungsfest der Brisgoven 2010 in Freiburg erfahren.

Auch nach außen kann eine Verbindung Zeichen setzen, wenn sie sich für soziale Werte und Gerechtigkeit einsetzt und ein Auge für jene hat, die ihrer Situation nicht gewachsen sind - und dies können die Anforderungen des Lebens wie des Studiums sein. Denn, sagt Christus im Matthäusevangelium: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ (7)

Verantwortung für die Welt

Als Mitglieder einer katholischen Studentenverbindung sollten wir über unseren Tellerrand hinausschauen und Verantwortung übernehmen. Denn wir brauchen heute mehr Menschen, die sich im öffentlichen Leben für Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden einsetzen. Unser Bundesbruder Konrad Adenauer bemühte sich weltanschaulich um Ansichten, die von Christen beider Konfessionen unterstützt werden konnten. Michail Gorbatschow hat den „Kalten Krieg“ zwischen West und Ost beendet und mit Helmut Kohl die deutsche Wiedervereinigung ermöglicht. Barack Obama bemühte sich um eine neue Friedenspolitik, um Klimaschutz und ein besseres Gesundheitsprogramm, scheiterte aber am Kongress. Papst Franziskus ist ein Mann der Armut und des Friedens, der die Schöpfung bewahren will. Alexei Nawalny setzt sich ein für Gerechtigkeit und Freiheit und für den Kampf gegen Korruption in seiner Heimat. In Belarus, Hongkong und Myanmar gehen Menschen für Freiheit und freie Meinungsäußerung auf die Straße. Oder denken wir an diejenigen, die freiwillig als Entwicklungshelfer in der Dritten Welt arbeiten - es sind Brückenbauer in eine bessere Welt.

Heute fragt man sich oft, wo die christlichen Werte geblieben sind, die unser Land und Europa geprägt haben. Wir dürfen uns nicht zurückziehen, sondern müssen als Christen Verantwortung übernehmen. Denn, schreibt Papst Franziskus in seiner Enzyklika: „Immer ist es möglich, wieder die Fähigkeiten zu entwickeln, aus sich heraus- und auf den anderen zuzugehen. Ohne sie erkennt man die anderen Geschöpfe nicht in ihrem Eigenwert, ist nicht daran interessiert, etwas für die anderen zu tun. […] Die Grundhaltung des Sich-selbst-Überschreitens […]  ist die Wurzel aller Achtsamkeit gegenüber den anderen und der Umwelt.“ (8)  

Von Charles de Foucauld (9) stammt das Wort: „Es gehört zu deiner Berufung, das Evangelium von den Dächern zu rufen, nicht durch dein Wort, sondern durch dein Leben.“

Unser Fundament: der Glaube

In einer nur noch wenig an eine konkrete Glaubensgemeinschaft gebundenen Gesellschaft zeugt die Einladung der Brisgoven zum Besuch des Sonntagabendgottesdienstes im Freiburger  Münster oder der Gottesdienst beim Stiftungsfest vom Mut, zu dem zu stehen, was Inhalt und Zentrum unseres Glaubens und unseres Lebens ist. Denn als Glaubende brauchen wir die Gemeinschaft, die uns hält und trägt: die Gemeinschaft mit Christus selber in seinem Wort und in der Feier der Eucharistie, die Gemeinschaft und das Beispiel der Mitchristen, die uns Mut machen und Ansporn geben. Denn, sagte der Heilige Augustinus: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst“. Florian Pröll, der mittlerweile verstorbene Abt des Stifts Schlägl, drückte es folgendermaßen aus: „Wenn die Batterie leer und ausgebrannt ist, dann gibt es auch keine Zündung mehr.“

Anmerkungen:
(1) Grundgesetz der BRD (BGBl. I S. 649), Die Grundrechte, Artikel 1 - 3
(2) Papst Franziskus, Laudato si, dt. Text, Leipzig 2015, S. 199
(3) Reinhard Haller: Das Wunder der Wertschätzung – Wie wir andere stark machen und dabei selbst stärken werden, Nördlingen 20208, S. 6
(4) Ergänzung des Verfassers
(5) Haller, a. a. O., S. 30
(6) Einheitsübersetzung der Bibel 2016, Lk 4, 18
(7) a.a.O.,  Mt 25, 40
(8) Papst Franziskus, a. a. O.. S. 206
(9) 1858-1916, Priester, Mönch und Eremit in Algerien
(10) 1843-1919,1912 bayerischer Ministerpräsident, 1917-1918 Reichskanzler und preußischer Minister
(11) Einheitsübersetzung, 1 Kor 12, 12f. 26f

Epilog

Georg Freiherr von Hertling (1843–1919) sagte in einer Rede über katholische Korporationen: „Diese neuen Vereine erkannten, wie nur auf der sicheren Grundlage der Religion ein lebenskräftiger Organismus erwachse, nur durch das Band der Religion alle anderen Ideen zu einem harmonischen Ganzen vereinigt werden könnten.  Nur an der Hand eines religiös-sittlichen Prinzips glaubten sie die erste Aufgabe lösen zu können, die sich stellte: die Heranbildung „echt männlicher Charaktere“. Als zweite Aufgabe wird die Teilnahme am „religiös-wissenschaftlichen Kampf der Gegenwart” bezeichnet.  Schließlich wird Freundschaft und Geselligkeit dort blühen, wo ein gemeinsames Ziel alle vereint. (10)

Der Apostel Paulus schreibt in seinem ersten Brief an die Christen in Korinth: „Denn wie der Leib einer ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus. Durch den einen Geist wurden wir in der Taufe alle in einen einzigen Leib aufgenommen. […] Wenn darum ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle Glieder mit. Ihr aber seid der Leib Christi und jeder Einzelne ist ein Glied an ihm.“(11) Was Paulus seiner Gemeinde schreibt in Bezug auf den Glauben, das hat auch für uns und unsere Lebensgestaltung als katholische Studentenverbindung Bedeutung.

Mag. Stephan Weber (O.Praem.), Bsg